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4.7.1903 Erstes Blatt
 
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Da, der Kahn lag wieder ruhig, nur stand jetzt der Schifferknecht auf der entgegengeseßten Seite; da zuckte es an vielen Stellen der Ufer und auf dem Felsen wie­Glühwürmchen auf, und kaum eine Sekunde später war der ganze Wasserfall mit den angrenzenden Ufern in ein helles Licht getaucht.

Schaudernd schloß der alte Herr, der mit der jungen Frau den Kahn bestiegen hatte, ſeine Augen und wandte sie von den zu beiden Seiten haushoch herniederstürzen­den Wasserbergen ab.

Ihr entfuhr ein lautes ,, ah" der Bewunderung, aber als sie einen Blick auf den Schifferknecht" warf, der langsam seinen Hut aus dem Gesicht ziehend lichtüber­gossen sich ihr zuwandte, da stand sie wie versteinert auf­recht im Kahn und preßte ihre Rechte gegen das wild­klopfende Herz.

Egon!" rief sie.

Gewandt sprang der junge Mann aus dem Boot und half ihr ans Ufer.

,, Komm," ſagte er lachend und zog sie mit sich fort. ,, Nur einer nach dem anderen," rief er den beiden im Kahne zu, indem er dem Schiffer zuwinkte. Der alte Herr rührte sich nicht und ſaß noch immer ahnungslos im Nachen und wartete hübsch geduldig, bis an ihn die Reihe kam!-

Engumschlungen stiegen die beiden die kleine Treppe hinauf, jubelnd zog er sie an seine Bruſt, und Kuß um Kuß tauschten sie in ihrer Seligkeit.

,, Nicht wahr, nur durch jenen Strudel geht der Weg zu dir und deiner Hand, Marga?" fragte lachend Egon und gestand ihr, daß er jenes Gespräch von gestern hin­ter einem Gebüsch belauscht habe.

,, Alles andere sage ich dir nachher und wollen wir den alten Faun dort unten seinem Glück zuführen!"

Beim Hinabsteigen hieß Egon sein junges Weib sich in einer Nische am Ende der Treppe verstecken bis der Mte vorbei sei; dann stieg er vollends hinunter und rief dem schon ungeduldig Harrenden zu:

So, nun spazieren Sie nur hinauf, die Dame ist in Sicherheit!" Damit hob er den Kommerzienrat aus dem Kahn und stellte ihn auf festen Boden.

Kaum hatte jener den Boden mit den Füßen be­rührt, so stürmte er die Treppe hinan und wäre in seiner Hast beinahe seiner Angebeteten vor die Füße gestürzt, so eilig hatte er es, sich das Jawort zu holen.

Kichernd stand sie kaum einen Schritt von ihm ent­fernt und machte ihm mit den Händchen eine allerliebste Nase nach, als er vorbei war.

,, So, nun schnell in den Nachen," rief der Gatte, und mit einem mächtigen Fußtritt stieß er das Boot vom Ufer ab, und noch ehe sich der Schiffer vorsehen konnte, was eigentlich sein, Knecht vorhabe, da tanzte der Kahn mitten auf den Wogen und ihm blieb keine Zeit zum Fra­gen übrig, wenn sie nicht kentern und alle drei auf Nim­merwiedersehen in die brausenden Wogen versinken wollten.

Als sie glücklich gelandet waren, drückte der Knecht seinem Bootherrn ein hartes Goldstück in die Hand und sagte:

Seht Ihr, so holt man sich sein Weib zum zweiten­mal heim! Morgen früh holen wir den Freier dort oben ab." Er zeigte hinüber nach dem Felsen, auf dem man grell, von den Scheinwerfern beleuchtet, einen alten Mann händeringend der Verzweiflung nahe sah.

Dem war der ganze Fall" noch schleierhaft, nur so viel wußte er, daß er am anderen Morgen noch dro­ben auf das Jawort wartete.

Als man ihn dann am Morgen abholte, da war ihm der Fall klar, nur zu deutlich, und selbst die reichlich gespendeten Trinkgelder verwischten nicht das höhnische Lächeln von den Gesichtern des gesamten Bedientenper­sonals des Hotels.

Egon und Marga lebten neu: Flitterwochen in jenem schönen Hotel, wo er hinberufen worden war, um einige detorative Wandgemälde auszuführen.

Ja, ja, der Rheinfall, bringt manchem einen Rein­fall," sagte Egon lachend zu seiner kleinen, süßen Frau und füßte sie stürmisch.

du Wildfang!" wehrte sie lächelnd.

DER

VOLKS

ANWALT

Die Eisenbahn nnd der Reifende.

Wenn sich auch heutzutage Eisenbahnfahrten schon im Volksleben so eingebürgert haben, daß man in dem An­tritt einer Eisenbahnreise kaum noch irgend etwas Beson­deres erblickt, und wenn auch der Eisenbahnbetrieb heute ein derartig sicherer und zuverlässiger ist, daß Verlegun­gen von Personen und Beschädigungen von Gütern rela­tiv zu den seltenen Fällen gehören, so ist es doch immer­hin zu Beginn der Reisezeit von Bedeutung, daß man sich darüber klar ist, welche Ansprüche man eventuell gegen die Eisenbahn machen kann, falls Reisende oder ihr Gepäck im Betriebe der Eisenbahn einen Schaden erleiden.

Was zunächst die Verlegung von Personen auf der Eisenbahn betrifft, ſo gilt hier folgendes: Wenn im Be­triebe einer Eisenbahn durch einen Unfall ein Mensch ge= tötet oder verwundet wird, so haftet die Eisenbahnverwal­tung für den Schaden, sofern sie nicht erweist, daß der Unfall durch höhere Gewalt oder durch eigenes Verschulden des Getöteten oder Verletzten verursacht worden ist.

Ist aber eine Tötung oder eine Verlegung einer Per­son eingetreten, ohne daß die Eisenbahn in der Lage iſt, dieselbe auf höhere Gewalt oder eigenes Verschulden des Reisenden zurückzuführen, wofür sie die Beweispflicht hat, ſo haftet die Eisenbahn nach folgenden Grundſäßen: Zu­nächst hat sie die Kosten der Beerdigung zu tragen, und außerdem hat sie denjenigen Personen gegenüber, wel­chen der Getötete kraft Gesezes unterhaltspflichtig war, das heißt den Ascendenten( Eltern, Großeltern u. s. w.), ferner den Abkömmlingen und dem Ehegatten gegenüber, die Verpflichtung zur Leistung einer Geldrente, insoweit als der Getötete während der mutmaßlichen Zeit seines Lebens zur Gewährung des Unterhalts verpflichtet ge­wesen sein würde. Statt der Geldrente können die Un­terhaltungsberechtigten, falls ein wichtiger Grund vor­liegt, auch eine Abfindung in Kapital zu verlangen.

Ferner müssen im Falle der Tötung, falls der Rei­sende nicht sofort getötet war, sondern erst später infolge der Verlegung gestorben ist, die Kosten der versuchten Heilung, sowie die Vermögensnachteile ersetzt werden, die der Getötete dadurch erlitten hat, daß während der Krank­heit seine Erwerbstätigkeit aufgehoben oder vermindert worden oder eine Erhöhung seiner Bedürfnisse eingetre­

ten war.

Ist der Reisende nicht getötet, sondern nur verletzt worden, so muß ihm die Eisenbahnverwaltung durch Ent­richtung einer Geldrente oder ebenfalls aus wichtigen Gründen durch Kapitalsabfindung einen Schadenersatz da­für leisten, daß die Erwerbsfähigkeit vermindert oder eine Vermehrung seiner Bedürfnisse, z. B. durch ständige Haltung einer Pflegeperson oder durch den erforderlichen Besuch von Bädern, eingetreten ist. Natürlich muß die Eisenbahn auch die Kurkosten zahlen.

Für Reisegepäck haftet die Eisenbahn, falls es zur Be-= förderung aufgegeben ist, wenn es binnen acht Tagen nach der Ankunft des Zuges, zu dem es aufgegeben ist, an der Bestimmungsstation abgefordert wird. Unter diesen Vor­ausseßungen haftet die Eisenbahn aber schlechthin für al­len Schaden, der durch Verlust oder Beschädigung des Gutes, von der Zeit der Annahme bis zur Beförde= rung entſteht. Die Haftpflicht tritt nicht ein, wenn durch ein Verschulden des Verfügungsberechtigten, durch höhere Gewalt, durch äußerlich nicht erkennbare Mängel der Ver­packung oder durch die natürliche Beschaffenheit des Gu­tes, verursacht ist. Die Eisenbahn haftet also auch für Zufall, sofern sie nicht einen der angegebenen Entſchul­digungsbeweise antreten kann.

Für Reisegepäck, das nicht aufgegeben ist, also für das sogenannte Handgepäck, das die Reisenden mit in den Wagen nehmen, haftet die Eisenbahn bei Verlust oder Beschädigung nur dann, wenn ihr ein Verschulden zur Last fällt. In diesem Falle muß aber das Verschulden der Eisenbahn bewiesen werden.

Nr. 154.

Samstag, de 4. Juli

1903.

Oberhessische Familienzeitung.

Tägliche Unterhaltungs- Beilage

ber

Gießener Neueste Nachrichten.

Grud uut Verlag der Gießimmer Derlagsbruderet, vorm. With. Neller fche Buchbruckerei( gegr. 1788); verantwortlich: Ibis letn

( 31. Fortsetzung.)

Das Kainszeichen.

Bürgerlicher Roman von E. A. König.

Diesen Brief schob er in ein Couvert, das er offen ließ. Auf das Couvert ſchrieb er, die Handſchrift Eliſes täuschend nachahmend:

,, Herrn Rudi Funke, hier! Bitte, diese Zeilen ge= nanntem Herrn persönlich zu übergeben, damit sie sicher in seine Hände gelangen."

Er nahm nun ein zweites, etwas größeres Couvert, in das er das erste hineinschob, dann klebte er es zu, versah es mit einer Postmarke und der Adresse Reimanns und warf es auf dem Wege zum Mittagstisch in einen Briefkasten.

Achtzehntes Kapitel.

Nach der Berechnung Heſſelbeins mußte der Brief_um fünf Uhr nachmittags in den Besitz Reimanns gelan­gen. Er konnte den Augenblick kaum erwarten, in dem der Sturm losbrach, den er mit Sicherheit erwartete.

Reimann hatte seiner Enkelin nichts von seiner Un­terredung mit ihrem Vater berichtet, und da auch der letztere schwieg, so vermutete Martha, daß die Beratung noch nicht stattgefunden habe.

Sie konnte auch deshalb an ihren Vater keine Frage richten, denn er vermied es, mit ihr allein zu sein, er wollte ihren Glückstraum nicht zerstören, so lange er auf eine Sinnesänderung seines Schwiegervaters hoffen durfte.

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Nach Tisch wurden die beiden Herren von ihren Ge­schäften wieder in Anspruch genommen; die Mittagspost hatte neue Briefe gebracht, die erledigt werden mußten, die Poſt um fünf Uhr brachte in der Regel wenig; eine Stunde später ging Reimann schon ins Kasino, was dann noch zu erledigen war, überließ er seinem Schwieger-| sohne, der abends selten ausging.

,, Wir müssen die unerquickliche Angelegenheit so rasch wie möglich aus der Welt ſchaffen," ſagte Reimann kurz vor fünf Uhr, während er auf dem Teppich lautlos auf und nieder wanderte ,,, ich will sie aus dem Kopfe haben. Teile den beiden heute abend meine Entscheidung mit, Martha muß ſich fügen, überzeuge sie, daß ich nur ihr Bestes will und in eine Verbindung mit dieser Familie nicht einwilligen kann. Wenn Funke nicht erklärt, daß er sich meiner Entscheidung unterwerfen wolle, so muß der Vertrag mit ihm unverzüglich gelöst werden, dies fordert die Rücksicht auf unseren häuslichen Frieden, der nur durch diese Maßregel gewahrt werden kann."

Ich bin überzeugt, daß er für immer gestört ist, wenn ich deinem Rate folgte," erwiderte Roggendorf in ruhigem, entschlossenen Tone. ,, Deine Gründe wird Martha nicht als berechtigt anerkennen, ich mache dich noch­mals auf die Folgen aufmerksam, die ich dir heute mor= gen zeigte; die schwere Verantwortung dafür will ich nicht übernehmen. Guter Rat kommt über Nacht, beschlaf dir die Sache, morgen oder übermorgen wollen mir weiter darüber reden."

( Nachdruck verboten.)

Reimann konnte keine Antwort geben, der Lehrling, der die eingelaufenen Briefe brachte, trat eben ein. Der alte Herr nahm die Briefe in Empfang und setzte sich an seinen Schreibtisch.

,, Eine Damenhand?" sagte er nach einer Weile er­staunt. Was kann eine Dame mir zu schreiben haben?" ,, Vielleicht eine Bitte um Unterſtügung!" erwiderte Roggendorf gelassen, der sich eben eine Zigarre anzünden wollte.

Werner Reimann öffnete das Couvert und zog das zweite heraus, dessen Aufschrift er kopfschüttelnd las. Das iſt ſeltsam," ſagte er, ich soll diesen Brief Herrn Rudi Funke persönlich übergeben, und dabei iſt das Couvert offen."

,, Offen?" erwiderte Roggendorf, dessen Züge jetzt einen mißtrauischen Ausdruck annahmen. Dahinter steckt irgend eine Teufelei, eine Denunziation

Gemach! unterbrach ihn sein Schwiegervater. ,, In deiner Parteinahme für diesen jungen Herrn kannſt du auch zu weit gehen! Die Abſenderin hat vielleicht über­sehen, den Brief zu schließen"

,, So etwas übersieht man nicht," fuhr Roggendorf, sich ereifernd, fort, er ist absichtlich offen gelassen worden, damit wir ihn lesen sollen."

Reimann betrachtete noch immer mit unentschlossener Miene das Couvert und schüttelte abermals das weiße Haupt.

er.

,, und du meinst, daß wir ihn lesen sollen?" fragte ,, Natürlich," nickte Roggendorf. Das ist ja von der Verfasserin unzweifelhaft bezweckt worden, und ich sage dir noch einmal, wir werden eine Teufelei dahinter ent­decken, die

Er brach ab, der alte Herr hatte den Brief aus dem Couvert herausgeholt.

Er entfaltete ihn.

Es sind nur wenige Zeilen," sagte Reimann mit ge= dämpfter Stimme ,,, ich werde sie vorlesen: Mein lieber Herr Funke! Ich erinnere Sie an das, was wir unter vier Augen besprochen haben, an meine Drohung, deren Begründung Sie anerkennen mußten; ich erwarte nun be­stimmt, daß Sie meine Bitte erfüllen werden, deren Ab­lehnung mich ſehr unglücklich machen und mich zwingen würde, auf Ihre eigenen Zukunftspläne und Hoffnungen keine Rücksicht mehr zu nehmen! Wenn Sie meinen Wün­schen nachkommen, so aber ich verspreche nichts, einst­weilen will ich, noch auf Sie vertrauen! In Treue Ihre Elise Hammer."

,, Das muß ich selbst noch einmal lesen," versette Rog­gendorf, indem er seinem Schwiegervater den Brief aus der Hand nahm.

,, lind was sagst du nun?" fragte der alte Herr, nach­dem sein Schwiegersohn den Brief gelesen hatte. ,, Diese Elise Hammer ist jedenfalls die Volkssängerin, die mit dem jungen Funke liiert sein soll; sie scheint in seine

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