Ausgabe 
3.10.1903 Zweites Blatt
 
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Die Richard Wagner- felte. ( Von unserem Spezialberichterstatter.) dn. Berlin, 2. Oktober. Das Bankett.

Der Tag der feierlichen Enthüllung des Denkmals fand einen festlichen, einen wahrhaft festlichen Abschluß durch ein Bankett im Wintergarten. Wenn ich auch nicht zu jenen Gesellen gehöre, die sagen: Weß Gänseleber- Pastete ich esse, deß' Lied ich) singe, so muß ich doch konstatieren, daß es ein recht gelungenes Fest war. Von den allabendlichen Wintergarten- Sternen waren zwar nur die Sterne an dem Dachhimmel zu sehen; doch fanden sich unter diesem rei chen Himmel, Stern bei Stern" im Saale viele Stars der Kunst neben den hervorragenden Größen des offiziellen Berlin ein, und auch zwei Gäste, die man in solcher Ver­sammlung seltener findet, Behaglichkeit und Gemütlichkeit. Der Wintergarten ist ein ideales Festlokal und ganz beson­ders für diejenigen, denen die unvermeidlichen Reden eine unangenehme Beigabe zu Speis und Trank sind, denn dant der schlechten Akustik dieses Spezialitäten Theaters, wurde man, wenn man keinen Wert darauf legte, durch die zahl reichen Toaste nicht übermäßig gestört. So ein Zweck essen, dessen eigentlicher Zweck nicht das Essen ist, hat für den Berichterstatter zwei Eigenschaften, eine angenehme private und eine unangenehme offizielle. Die erstere be­steht aus den materiellen Genüssen und der angenehmen privaten Unterhaltung; diese behält man still für sich; die zweite sind die Reden, und über die berichtet man. Des­halb schweige auch ich von meinen privaten Empfindungen, als ich vor mir einen alten Wein und neben mir ein jun­ges Mädchen fand, und erzähle nur von den oratorischen Ereignissen des Abends. Eingeleitet wurden diese natür lich durch das Kaiserhoch, das der Prinz Friedrich Heinrich ausbrachte, worauf der jetzt Geheime Kommerzienrat Leich ner in temperamentvoller Rede, die der schlechten Akustit spottete, den Ehrenpräsidenten Prinzen Friedrich Heinrich feierte. Minister Studt begrüßte im Namen der Regie­rung die auswärtigen Gäste, und es ist bemerkenswert, daß besonders der vielverlästerte Vorsitzende des Komitees, der Macher von's Janze", wie der Berliner sagt, der jetzt Ge­heime Kommerzienrat Leichner, unter dem lebhaftesten Bei­fall der Gäste immer wieder auf das herzlichste gefeiert wurde. Toast folgte auf Toast, und den freudigsten Wider­hall fanden die ausländischen Delegierten, die Grüße aus ihrer Heimat fündeten und im Namen derselben dem deut­schen Meister ihre Huldigung darbrachten. Professor Eber­lein, der Schöpfer des Denkmals, wurde durch eine Rede bon Geheimrat Jordan, dem früheren Direktor der National­galerie, geehrt. Ein Gesangs- Konzertprogramm wurde nach einer verunglückten Probe der Akustik des Saales aufgegeben, und die Medaillen- Verteilung an die Künstler, die sich in uneigennütziger Weise für die Festkonzerte zur Verfügung gestellt hatten, störte die allgemeine fidele Stimmung auch nicht. So fam es, daß es schließlich nicht der Festsaal allein war, der sich als herrlich, illuminiert" erwies.

Kunft und Wissenschaft.

RO. Ein Wein- Museum haben die Weinhändler in Zürich zu gründen beschlossen. Es soll zugleich historisch, fünst­lerisch und wissenschaftlich sein. Es wird zunächst eine Bibliothek enthalten, in dem alle Werke gesammelt werden, die sich auf den Weinbau, die Zubereitung des Weines und auf den Wein selbst beziehen. Ob dazu auch die Werke der Dichter gerechnet werden, die den Wein poetisch verherr­licht haben, wird leider nicht berichtet. Ferner soll das Museum eine Sammlung Gravüren, Photographien und Illustrationen aller Arten, die sich auf diese Dinge beziehen, erhalten, und schließlich sollen alle Geräte, alte wie moderne, die für die Herstellung wie die Aufbewahrung des Weines dienen, ihren Platz in dem neuen Museum finden. In einem Schrank sollen auch Proben von den berühmtesten schweizerischen Weinen und von den besten Weinjahren der Nachwelt überliefert werden.

Vergebung von Bauarbeiten.

RL. Das Cancroin. In Wien hat eine Regierungs­verfügung, die die Leiter der kgl. Kliniken zur Anstellung von Versuchen mit dem Adamkiewitschschen Krebsheilmittel Cancroin verpflichten will, heftige Demonstrationen seitens der Aerztewelt hervorgerufen. Es wird behauptet, daß das Cancroin bisher keinerlei Erfolge aufzuweisen habe und daß es vom wissenschaftlichen Standpunkt aus nicht zu verant worten sei, die Krebskranken durch Anwendung dieses Mittels eventuell von der Einwilligung in eine notwendige Operation abzuhalten.

CR. Graham Bells Flugmaschine. Der berühmte Erfinder des Telephons, Graham Bell, kündigt an, daß er binnen furzem mit einer Flugmaschine an die Deffentlichkeit treten wird. Seit Jahren beschäftigt er sich mit diesem Problem und hat hunderttausende von Dollars dafür ausgegeben. Nach seinen Andeutungen gründet sich sein System der Menschenflugmaschine auf Beobachtungen des Vogelflugs.

Vermischtes

*[ Die artschwingende Temperenzlerin.] Frau Carrie Nation, die bekannte rasende amerikanische Temperenzlerin, die mit der Art das ganze alkoholische Amerika zusammen­hauen möchte, begab sich dieser Tage nach dem Bureau des Newyorker Anwalts Klein und vermachte dort in Gegen­wart einer Anzahl Vertreter der Presse ein in Kansas City befindliches Haus, sowie einen Bauplaß den Wohltätigkeits­anstalten jener Stadt, um ein Carrie Nation- Heim für die Frauen von Trunkenbolden zu gründen. Sie erklärte em­phatischen Tons, daß sie, wie Andrew Carnegie, dagegen sei, reich zu sterben. In Pittsburg hat sie eine große An­zahl Streitärte bestellt, die für 75 Cents verkauft werden sollen, und auf den Stielen sollen in deutlicher Schrift die Worte stehen: Der Verteidiger eines glücklichen Heims!"

eine Sache, die Carrie selber nicht mehr besitzt, seitdem sie von ihrem Gatten( der sich, nebenbei bemerkt, jetzt recht glücklich fühlen soll) geschieden ist. Außerdem will Carrie eine große Menge Wasserflaschen an den Mann bringen; sie sollen in goldenen Lettern die Inschrift tragen: Trinke, mas Adam trant, und stimme für die Prohibitionisten!" Die aus dem Verkauf dieses Souvenirs" erzielten Ein­nahmen sollen dem Heim in Kansas City zufallen. Wenn sie mit dem dortigen Heim fertig ist, will sie ähnliche in jeder größeren Stadt Amerikas gründen. Frau Carrie hielt den Vertretern der Presse einen langen Vortrag über das Sammeln von Reichtümern auf Erden und einen noch längeren gegen die Wirtschaften, worauf sie von ihrem Drama sprach, das Hatchetation"( etwa: Artkrieg) betitelt ist und das sie selber geschrieben zu haben behauptet, und das bekanntlich nächstens über die Bretter gehen soll, die die Welt oder, in diesem Fall, die Kneipe bedeuten. Es spielt, wie erinnerlich, in allen möglichen Giftbuden".

A[ Maschinenprügel.] In der staatlichen Zwangserzieh ungsanstalt in Redwing( Minnesota, Nordamerika) werden jezt die Zöglinge nicht mehr mit der Hand, sondern mit Hilfe einer Maschine gezüchtigt; und der Vorsteher der An­stalt berichtet, daß sich die Neuerung vorzüglich bewähre". Die Prügelmaschine liefere bessere Arbeit", als sich bei Hand. betrieb je erzielen lasse, und sei leicht und sicher zu regulieren. Zweifellos werde die Maschine viel zur Hebung der Dis. ziplin in der Anstalt beitragen. Die Jungen empfänden die Demütigung, in den Züchtigungsapparat gesteckt zu werden, noch mehr, als die Züchtigung selbst.

[ Nettes Jahrmarktsvergnügen.] Von der großen Messe in Nischni Nowgorod entwirft der Wolgar" ein liebliches Bild, indem er die Opfer aufzählt, die der Jahr­markt in diesem Jahre gefordert hat. Die Zahlen klingen starf übertrieben, aber das russische Blatt behauptet, daß sie genau den Tatsachen entsprechen. Es wurden während der Messe in Privat- und Krankenhäusern von Nishni 30 340 Stranke behandelt. 696 Personen hatten im Jahr­marktsbetriebe leichte Verletzungen davongetragen, 317 waren mit Messern und 3 mit Feuerwaffen in Berührung aekom­

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men, 1169 wiesen Verletzungen anderer Art auf, 14 Hatten sich Verrenkungen zugezogen, 78 tamen mit Bein- und Arm­brüchen davon, 422 hatten nur Brandwunden. Die Zahl der Verletzten aller Kategorien betrug also 2700. m Krimkrieg," schreibt das zitierte Blatt, hatten die Truppen des Königs von Sardinien einen Verlust von 2144 Mann. Der Krieg hat also unter den Sardiniern weniger Opfer ge­fordert, als die Messe von Nishni unter ihren Besuchern. Dazu kommt noch, daß mehr als 2500 Personen sinnlos be trunken auf den Straßen gefunden und als Leichen" nach der Polizeistation gebracht wurden."

[ Des schwarzen Peter" Brüderlein.] Prinz Arsen Karageorgiewitsch, gibt den Parisern 3. 3t. viel Stoff zum Medisieren. Böse Zungen erzählen, daß Prinz Arsen in Paris sein altes Lotterleben wieder aufgenommen habe. In einem kleinen Hinterzimmer einer Var der Rue Helder fann man Champagnerpfropfen knallen und weinselige Stim men rufen hören: Hoch Arsen! Hoch Serbien! Hoch Peter I.!" Dann, nach einem Augenblicke tiefen Schweigens, wird eine Frauenstimme mit zärtlichem Tonfall sprechen: Auf dein Wohl, mein guter Junge!" Der Prinz bildet wie früher den Mittelpunkt einer Gruppe von großstädtischen Roués und Bummlern. Es soll oft nicht gerade am feinsten hergehen. Mit einem seiner Freunde, einem Herrn Bar­berin, hatte Arsen einmal einen regelrechten Faustkampf. Deshalb waren sie aber doch am nächsten Tage wieder ein Herz und eine Seele. Arsen ist aber auch als Serbenprinz seinen alten Pariser Gewohnheiten treu geblieben. Das erste Wort, das nach der offiziellen Begrüßung durch das Gesandtschaftspersonal am Bahnhof dem Gehege seiner Zähne entfloh, lautete: Wie wäre es, wenn wir jetzt einen" nähmen?" Prinz Arsen macht im allgemeinen von seiner neuen Würde überhaupt keinen Gebrauch. Nur als ihn dieser Tage ein Freund etwas boshaft fragte: Na! Sind die Offiziere deines Bruders noch immer so undiszipliniert?" er widerte er mit Stolz: Darüber werden unsere Feinde ur. teilen!"

Das Neuefte aus den Witzblättern. Fleischtenerung in München. Jessas, dees Zeitungs­g'schroa wegen die Fleischpreis! Die rebellen ja grad a so, als ob's Bier teurer worden wär!"

Rückzug. Es hat nicht sein sollen, Geliebte; die Vor­sehung hat nicht gewollt, daß wir unserem Leben ein Ende machen; sieh', da steht: Das Baden ist verboten!"

Nicht zu verblüffen. Kommandeur: Also der Weg nach Albersloh ist nicht vorhanden! Beginnen Sie nun mit der Ausführung Ihres Auftrages, Herr Rittmeister!( Eine Viertelstunde später, als der Rittmeister dennoch den nicht vorhandenen Weg benutzt): Herr Nittmeister, hier ist die Welt mit Brettern vernagelt!- Rittmeister: Sechs Mann absigen zum Bretterwegräumen.

Aus einem Roman. Paul brachte den Brief, in welchem er seiner Braut seinen Selbstmord mitteilte, zur Post und sich dann um. ( Lachendes Jahrhundert.)"

Edinson II. Warum hast du an deinem Schlafzimmer­fenster ein großes Brennglas?"" Das ist der neueste Wecker, nach Sonnenaufgang fällt der Brennpunkt grad' auf meinen Kopf." ( Ulf.)

Bestrafte Prahlerei. Ich sage Ihnen, in meiner Bene­fizvorstellung war der Zuschauerraum gedrängt voll- fein Apfel konnte zur Erde fallen!" Aha d'rum hat man sie Ihnen wohl auf die Bühne geworfen?!"

Im Eifer. Wenn ich Ihnen meine Tochter geben soll, Herr Rittmeister, muß ich erst wissen, ob es nicht eine bloße Vernunft- Ehe ist!" Effektive Neigung, Herr Di­reftor!... Vernunft gänzlich ausjeschlossen!"

Gebildet. Erster Treiber( zum andern): Du, unser neuer Gutsherr is aber a' feiner Mann! Wie er mich ' naufg'schossen hat, hat er Pardon" g'sagt!"

Der Trinker am Meeresstrand. Ein Unsinn, dieses Wasser- Gesauf!... Aus der Welt schafft man's ja doch nicht!" ( Fl. Bl.)

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