[ Romain Danrignacs Kosename.] ,, Kroumir" nannte nach Pariser Blättern die Familie Humbert im bertrauten Kreise den Vertrauten und Haupthelfer The reses, Romain Daurignac. Die Bezeichnung paßt für den verschlagenen Schwindler wie die Faust aufs Auge. Die Kroumirs", wie die Franzosen, oder ,, ruleute", wie wir sie nennen, ist ein Negervolt an der nördlichen Westküste von Sierra Leone, und Larousses Französische Encyklopädie widmet ihnen folgende ehrende Betrachtung: Sie sind Diebe und Plünderer, und nuben ihre unleugbar guten Geistesgaben dazu aus, alle Welt zu betrügen." Man sieht, in der Humbertschen Familie liebte man sich selbst zu verspotten.
D[ Die Begimentspostfarte] ist die neueste Abart der vielbeliebten Ansichtspostkarten. Ihre Erfindung ist einem Italiener vorbehalten gewesen. Jedes italienische Regiment hat jeẞt seine eigene Spezialansichtskarte, mit den Waffen, Emblemen und Fahnen des Regiments und einer Liste sämtlicher Schlachten und Gefechte, an denen dieses teilgenommen hat. Die Karten werden an die Offiziere und Privatleute zu geringen Preisen verkauft und dienen so als eine Empfehlung der Vorzüge des Regiments, um diesem immer recht viel freiwilligen Ersaz zu schaffen. Ein französischer General will jetzt in Frankreich eine ganze Serie von Regimentern mit ähnlichen Postkarten auf eigene Kosten beschenken, um den kriegerischen Sinn in der französischen Jugend neu zu beleben.(!)
[ Der Palast des Stahlkönigs.] Karl M. Schwab, der sogenannte Stahlfönig", läßt sich in New York einen Balast bauen, der die Reproduktion der schönsten Teile der Loire- Schlösser ist. Für diesen Palast hat er bei dem französischen Bildhauer und Maler Gérôme zwei Statuen bestellt, von denen die eine die ,, Arbeit", die andere die ,, Metallurgie" darstellt. Schwab und seine Gattin waren unlängst selbst im Atelier des Künstlers, um bestimmte Angaben über die von ihnen gewünschten Kunstwerke zu machen, die mit echt amerikanischer Eile fertig gestellt werden müssen. Die Gipsmodelle sind sast vollendet. Die ,, Metallurgie" wird durch eine nach antiker Art drapierte Frau dargestellt. Sie steht und rasst mit ihren Armen die herabfallenden Falten der Draperie auf. Der Gesichtsausdruck weist den ,, amerikanischen Typus" auf: Schönheit vereint mit Energie. Es fehlen an dem Entwurf nur noch die üblichen Symbole, die hinter der Frauengestalt stehen sollen. Es werden Werkzeuge sein, die Schwab selbst für die Stahlbereitung erfunden hat und denen er sein Glück verdankt. Die andere Statue ist realistischer. Sie stellt einen ,, Metallurgisten" dar, der kräftig eine Art Hebel handhabt, der die geschmolzene Metallmasse in Bewegung seßt. In den beiden Figuren ist das ganze Schicksal Schwabs versinnbildlicht. Bei der die Arbeit darstellenden Statue ist alles, selbst die Schuhe und die Beinkleider, genau nach der Wirklichkeit dargestellt
Ein Bankdefraudant erwischt. Der Effektentassirer Gollnow, der der Berliner Bank sür Handel und Industrie bedeutende Summen unterschlagen hatte, wurde in Frankfurt a. D. verhaftet. Gollnow, der 15 Jahre bei der Bank in Stellung war, hatte sich durch ein kostspieliges Berhältnis mit einer Schauspielerin zu den Unterschla gungen verleiten lassen.
Schwerer Eisgang auf der oberen Oder hat es leider nun doch zu Wege gebracht, daß mehrere von den hunderten von schwer beladenen Kähnen, die mitten im Strome eingefroren waren und erst jest nach eingetretenem Tauwetter abgeschleppt werden konnten, stark beschädigt wurden und von ihrer Ladung ganz oder teilweise erleichtert werden mußten. Hunderttausende von Mark sind verloren gegangen und das Elend der betreffenden Schiffer ist groß. In Böhmen und Mähren hat die überraschend eingetretene Schneeschmelze zu großen Ueberschwemmungen geführt. In Großheilendorf bei Hohenstadt in Mähren wurden 50 Häuser unter Wasser gesezt und sind dem Einsturz nahe. Eine Familie vermochte lich nur auf einem schwimmenden Schlitten zu retten.
* Die Neujahrsfeier am Kaiserhofe verlief in althergebrachier seierlicher Weise. Morgens um 128 Uhr tönten von der Kuppel des Berliner Schlosses die seierlichen Klänge des Chorals Lobe den Herren" und bald daraus öffneten sich die großen Tore, um die Spielleute der 2. Garde- Infameriebrigade hinauszulassen, die die Linden unter lustigen Märschen entlangzogen. Nach der Rückkehr ins Schloß wurde auf dem großen Hof die mujikalische Einleitung der Feier durch den Choral ,, Nun Dantet alle Gott" und das große Becken" geschlossen. Bald darauf begann die Auffahrt der zur Cour geladenen verrschaften und um 10 Uhr traf die kaiserliche Familie und Bring Heinrich im Schlosse ein. In der Schloßfapelle fand vor glänzender Festversammlung ein feiericher Gottesdienst statt, den Oberhofprediger von Dryander leitete. Sodann folgte die große Gratulationscour im Weißen Saale. Unter den klängen einer sansen Musif, in der Polonaisen, Kavalleriemärsche und marschartige Melodien aus Opern abwechselten, schritten die zur Cour befohlenen Herren vorüber, auf ein Zeihen des Oberhofmarschalls Grafen zu Eulenburg und geführt von dem Zeremonienmeister Baron v. d. Knesesec. Ten Reichstanzler zeichneten beide Majestäten durch Händedruck und Ansprache aus. Um 12½ Uhr schritt der Raiser, gefolgt vom Kronprinzen, den Prinzen Gitel Friedrich und Adalbert, über die Linden hinüber zum Zeughause, wo im großen Lichthof die Parole- Ausgabe tattfand. Die Parole lautete wie immer am Neujahrsage ,, Königsberg- Berlin". Der Kaiser nahm hier die Kapporte der Leibregimenter und militärische Meldunjen entgegen..
Hus der Reichshauptstadt.
[ Nachdruck verboten.]
CB. Berlin, 2. Januar.
Eine gelinde Aschermittwochs- Stimmung liegt über Berlin, das nach den Festen wieder zur ernsten Arbeit zurückgekehrt ist, so weit es sich überhaupt davon entfernt hat. Es ist wahr, der Berliner arbeitet intensiver, als der Bewohner einer mittleren und kleinen Stadt, aber er amüsiert sich auch reichlicher. Das zeigt seine Art, Weihnachten zu feiern, und noch mehr der Sylvester- Rummel. Wir denken davei nicht an jene Glemente, die die ganze Neujahrsnacht hindurch andauernd ihr ,, Prosit Neujahr" brüllend durch die Straßen ziehen, etwaige Cylinderhüte, die sich unvorsichtigerweise hinausgewagt haben, erbarmungslos eintreiben, denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand" und überhaupt in den verschiedensten Variationen die ruhigeren Passanten anrempeln. Das sind ja zumeist Leute, die von der Arbeit nicht übermäßig eingenommen sind und die nicht nur aus Beruf, sondern auch aus Neigung zu den Arbeitslosen zählen. Aber abgesehen von diesen Radaumachern fühlen alle Kreise der Bevölkerung in dieser Nacht die heilige Pflicht, lustiger und leichtsinniger zu sein, als Der ,, Normal- Arbeitstag", eines besonders gewissenha ten Sylvester- Feiernden beginnt mit Theaterbesuch. Durch ein leichtes Lustspiel oder einen derben Schwank angeregt, geht man dann zum Souper in Familie oder in einem Hotelzimmer. In vorgeschrittener Nachtstunde macht man noch einen kleinen Abstecher in die Philharmonie oder zu einer anderen öffentlichen Feier und erwartet schließlich in einem Kaffeehause den Sonnenaufgang des neuen Jahres. Das Gegenstück zu solchem Genußmenschen bildet der Blasierte, der mit stolzem Lächeln erzählt, er sei am Sylvesterabend statt wie sonst um zwölf Uhr, schon um elf zu Bett gegangen, um die Narrheiten nicht mit anzusehen und anzuhören. Solche stille ,, Vornehmheit" verschwindet natürlich in dem Lärm der allgemeinen Festesfreude, die nach dem reichlich genossenen Mitternachtspunsch ihren Gipfelpunkt erreicht. Diese Flüssigkeit mit dem konkurrierenden Sekt ist wohl auch Schuld daran, wenn es selbst bei den vornehmeren öffentlichen Festlichkeiten nicht aanz ohne Robeiten abacht und späterhin auch
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Diejenigen, deren Irrfahrten nicht auf der Polizeiwache endigten, eine Katerſtimmung beherrscht, in der sich das neue Jahr viel unfreundlicher präsentiert, als in der vergangenen Jubelnacht.
Und gerade diesmal haben die Berliner besondere Ursachen, hoffnungsfreudiger in die Zukunft zu schauen; zum mindesten diejenigen, welche nicht nur vom neuen Jahr, sondern auch von,.neuen Männern" erwarten, daß sie das Sprichwort von den neuen Besen bewähren. Die Polizeileute begrüßten die Aera eines neuen Chess, die städtischen Behörden haben seit langem wieder einmal einen richtigen bestätigten ziveiten Bürgermeister, die Theaterfreunde erwarten von dem neuen Chef der Königlichen Schauspiele all das Gute, was dem Vorgänger zu bringen nicht vergönnt war. Tie Rücklehr Weingartners in seine Kapellmeister- Stellung, von der man spricht, scheint bereits eine Frucht des Generalin endantenwechsels zu sein. Der Wiedereintritt dieses beliebten Dirigenten in seine frühere Stellung würde ein freudiges Echo in allen musikalischen Gemütern wecken. Scit Bülow ist wohl fein Kapellmeister hier so vopulär gewesen, wie er. Seine Exaktheit und sein Temperament reißen die Hörer fort und sein elegantes Dirigieren hat ihm in den Herzen der Backfische einen Plas neben dem schneidigsten Gardeleutnant verschafft.
Damit das weibliche Geschlecht aber nicht zu furz tommt, möchten wir neben den neuen Männern auch eine Dame erwähnen, die uns das neue Jahr brachte. Im Passage Theater singt und tanzt jest Fräulein Adamovic. Freilich ist es nicht die schöne Braut des Erzherzogs Leopold Ferdinand; vielleicht ist sie nicht einmal ine richtige, sondern nur eine Theaterschwester" der fünftigen Frau Wölfling. Aber die sindige Tirettion hat wieder eine Zugkraft, die sich mit Trandchen Hundgeburth, der poetischen Kuhmagd auf dem Ueberbrettl, me sen kann, bei deren Popularität bekanntlich dieselben Tirektoren ,, Geburts" Helfer waren.
Jezt nach den Festen erscheinen auch statistische Notizen, die in recht interessanter Weise den Feiertagsver fehr beleuchten. Da liest man, wie viel Sistierungen die Polizeimannschaften in der Neujahrsnacht vorgenommen haben; daß zu den Weihnachtsfeiertagen über zwei Millionen Pakete in den hie i en Postämtern ,, umge est' wu den und was am auffallendsten ist ungefähr fünfzigtausend Tannenbäume weniger verkanst worden sind, als im vorigen Jahre. Ob für diese eigentümliche Tatsache die so viel zitierten schlechten Zeiten oder der zunehmende Materialismus als Ursache bezeichnet werden muß, ist schwer zu entscheiden. Die Mitteilungen über den Weihnachtsverkehr und über den riesigen Umfang des Neujahrsbriefverkehrs geben ein deutliches Bild der angestrengten Tätigkeit unserer Postbeamten, die ihre ganze Kraft und nicht zum wenigsten die ihrer Beine in den Dienst der Festes rende anderer stellen. Die hellste Empörung muß es daher hervorrufen, wenn grausame Portiers, wie es jüngst eine Gerichtsverhandlung an das Licht der Deffentlichkeit brachte, diesen edlen Menschenfreunden den Aufgang für Herrschaften" verlegen und sie auf die beschwerliche Hintertreppe verweisen wollen.
So leiden die armen Briefträger, one einen Sylvesterrausch gehabt zu haben, unter der aschgrauen Stimmung, der sich selbst der Himmel nicht entziehen konnte, der mit trüber Miene in das neue Jahr hineinschaut. Auch die Geschäftsleute sehen den lebhaften Verkehr der Nachfeiertage in ihren Verkaufsräumen mit mehr weinenden, als lachenden Augen an; denn sie wissen wohl, daß diese Käufer nicht immer das sind, was sie scheinen; sie wollen nicht kaufen, sondern tauschen, und besonders das zarte Geschlecht leidet am hartnäckigsten an dieser Tauschkrankheit, deren Kosten die Kaufleute zu tragen haben.
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