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3.1.1903 Zweites Blatt
 
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Nr. 2.

Zweites Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlid) 50 Pfa., in's Haus gebracht 60 Pia., durch die Voit bezogen viertel­jährlich Mt. 150.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( räglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblascu( wöchentlich). Das Platt erid cint an allen Werktagen nachmittags.

Samstag, den 3. Januar 1903.

Gießener

12. Jahrgang.

Insertionsprei 8: Die einſvaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberhessen die Kreise Weplar und Marburg 10 Pfg ionit 15 Vig; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3269.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großh. Bürgermeisterei Gießen und anderer Behörden von Oberhessen.

Jede Familie

die ein gediegenes Blatt lesen will, das auf allen Gebieten allgemeiner Bildung stets das Neueste und Interessanteste bringt, abonniere auf die

Gießener

Neueste Nachrichten.

Der politische Teil befaßt sich in unabhängigem Sinne mit den neuesten Staatsgeschäften und aktuellen Tages­fragen und behandelt in ausführlichen Leitartikeln die wichtigsten Vorgänge in der inneren und äußeren Politik.

Der lokale und provinzielle Teil bespricht alle fom­munalen Angelegenheiten und berichtet in zahlreichen Korrespondenzen die Tagesneuigkeiten aus der Umgebung. Das Feuilleton ist mit guten Romanen und originellem Unterhaltungsstoff ausgestattet.

Inserate haben durch die weite Verbreitung der Gießener Neuesten Nachrichten" gute Wirkung. So sind die ,, Gießener Neueste Nachrichten" als ein gern gelesenes Familienblatt bekannt und der mäßige Abonnementspreis

pro Monat 60 Bfa.

frei in's Haus

neue Methode des Herrn Geheimrat Prof. von Behring eingehend studiert. Neu und besonders interessant, wie überhaupt diese bedeutsamen Entdeckungen, dürften die Mitteilungen des Herrn Schmidt über jene eigenen diesbezüglichen Versuche in der Praris sein. Bei dieser wirte an jener Veranstaltung des Hessischen Landwirt­Gelegenheit bemerken wir noch, daß auch Nichtland­schaftsrates teilnehmen können.

* Der Postverkehr zum diesmaligen Jahres­wechsel war bei Weitem nicht so lebhaft wie in den früheren Jahren. Namentlich der Witkartenversand hat unter scharfer Zensur der berufenen Behörden eine folossale Abnahme erfahren und dies mit Recht. Den meisten Absatz an Postwertzeichen sollen die Zweipfennig­marken gefunden haben; somit dürften die vom Poſt­fiskus gefürchteten Mindercinnahmen durch Einführung genannter Bostwertzeichen nicht in Erfüllung gehen, da ein guter Absatz im Allgemeinen zu verzeichnen ist.

** Eine Versetzung von Beamten in größerem Umfange wird, wie u a. auch die Hamb. Nachr." mitteilen, zum ersten April d. J. von den Eisenbahndirektionen ins Auge gefaßt und zwar der= gestalt, daß Beamte der Eisenbahndirektion Posen gegen Beamte anderer Bezirke ausgetauscht werden mit der Absicht, auf diese Weise den Polonisationsbe strebungen einen geeigneten Widerstand entgegenzusetzen.

Aus Hessen und Dachbargebieten.

** In Marburg ist nun endlich ein greifbares Projekt bezüglich der Anlage von Straßenbahnen zustande gekommen.

ermöglicht es auch dem kleinen Manne, sich auf dieselben zu Darnach soll eine Pferdebahn, die eine Verbindung

abonnieren.

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Die Expedition der Gießener Neueste Nachrichten."

Giessener Cagesneuigkeiten.

** Vortragskursus für praktische Land­wirte in Mainz. Bei Gelegenheit des in nächster Woche des in Mainz stattfindenden Vortragskurs wird, wie erst neuerdings festgesezt, Herr Kreisveterinärarzt Schmidt Gießen über die Bekämpfung der Tuber­fulose des Rindvichs referieren. Herr Schmidt hat die

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Dr. Slumseys Patient.

Roman von Dr. Halifar und T. L. Meade. Autorisierte Bearbeitung von G. Wehner.

( adibrud verboten.)

Aber an dem Abend, an welchem er in Großbofen einfubr, begann der bessere Teil seines Ichs zum ersten Mal sich leise zu regen. Er war zwar damit einverstanden gewesen, daß seine Gattin unter anderen Gästen auch Frau Everett nach Großhofen einlud, aber ein sonderbarer Ausdruck in den leiderfüllten Augen der Witwe und ein forschender Blick aus Hettys Angen rüttelten seine Seele, die unter der ihm auferlegten Prüfung vielleicht am schwersten gelitten, wie aus tiefem Schlummer wach und er­füllten ihn nach und nach mit Gewissensbissen. Die Stimme feines Gewissens war erwacht und machte sich immer schärfer und dringlicher geltend.

In seiner ausgezeichneten förperlichen und geistigen Geſund­heit war sein erster Impuls, diese Stimme zu ersticken und die begangene That totzuschweigen. Sein heißer Wunsch ging dahin, seine Schuld vor der Welt zu verheimlichen und das Geheimnis seines Lebens unit ins Grab zu nehmen. Er hielt es für ein leichtes, sein Gewissen zu beschwichtigen, aber am Tage seines Ginzugs empfand er, daß eine sonderbare Umwandlung in seinem Inneren vorgegangen sei. Das Gefühl der Zufriedenheit und der Freude am Leben mit all' seinen Bergnügungen und Schönheiten, welches soviel zu seiner Genesung beigetragen, war von ihm ge wichen und an seine Stelle die quälende Erkenntnis getreten, daß er ein schlechter Mensch, ein Heuchter sei. Und langsam begann er, sich selber zu hassen. Troß alledem aber dominierte der Munich in ihm, fein Geheimnis streng zu büten Frau Everett mit gebrochenem Herzen dem Grabe entgegenwanken und ihren Sohn den Kelch der Schmach und Entehrung bis auf die Neige Iceren zu lassen.

Der Baron schlief die erste Nacht nach seiner Heimkehr fast garnicht. Am Morgen erwachte er mit dem flaren Bewußt­sein, daß er entweder das furchtbare Geheimnis bis an sein Lebensende in seine Brust verschließen oder seine That bekennen und die Strafe auf sich nehmen müsse, welche ein anderer an seiner Stelle büßte. Sein endgiltiger Entschluß an diesem Morgen war- auch fernerhin zu schweigen. Er begab sich in das Frühstückszimmer und nahm sich vor, auf seiner Hut zu sein. Seine Gattin benterfte nichts llngewöhnliches in seinem Wesen, scht Gesicht drückte Heiterfeit und Lebensfreude aus, Juteresse

zwischen Nord und Süd der Stadt( Hauptbahnhof- W(- helmsplay) herstellt, angelegt werden. Die Kosten belaufen sich auf 47 000 Mt., deren Verzinsung und Amortisation mit 7 Prozent ourch die Einnahmen als gesichert ange­nommen wird.

)( Wetzlar. In den Tagen vom 23. bis 25. März ds. Is. finden die Aufnahmeprüfungen bei dem hiesigen Stgl. Lehrerseminar statt. Nach Ostern wird ein neuer dritter Präparanden kursus eröffnet. Anmeldungen zur Aufnahme in beide Anstalten sind an Herrn Seminar- Oberlehrer Vorbrodt hierselbst zu richten.

** Braunfels. Der Kaiser hat dem Prinzen Friedrich zu Solms- Braunfels am Tage vor Weihnachten den Roien Adlerorden 3. Klasse verliehen.

für alles, was in der Welt und besonders in seiner Umgebung vorging. Nur Frau Everett, die wachsame, scharfblickende, ent­deckte einen sonderbaren Ausdruck von heimlicher Unruhe und ver­schleierter Scheu in seinen Augen, ohne eine Erklärung dafür zu finden. Andrey blieb den ganzen Tag abwesend, er hatte in Wirtschaftsangelegenheiten auf seinen Gütern zu thun, mit den Bächtern zu konferieren und vor allem manche neuen Vorkehrungen zu treffen, da er die Zügel der Oberleitung selber in die Hände nehmen wollte. Während er so von Haus zu Haus ritt, war das neue Gefühl über sich selbst sein treuer Begleiter. Ueberall empfing man ihn mit Jubel und Herzlichkeit, aber er empfand feine reine Freude über alle diese Beweise von Liebe und Treue. Er nannte sich im tiefiren Herzen einen Heuchler der schlimmsten und niedrigsten Art. Diese Erkenntnis traf sein Herz jedesmal wie ein Messerstich, wenn er sich dieselbe vorhielt. Sie folgte ihm überallhin, sie peinigte ihn grausam, weil sie allen Traditionen seines Hauses und seines Namens Hohn sprach. Seine geistige Gesundheit war jetzt eine so vollkommene, daß er seine Handlungsweise im grelliten Licht erkannte sie zeigte sich in einer häßlichen, unfagbar häßlichen Gestalt. Er verachtete sich, er haßte sich und dennoch schlug der Entschluß, die Wahrheit nicht zu bekennen, immer tiefere Wurzeln in seiner Brust. Gr wollte sein Geheimnis auf keinen Fall preisgeben. Die Möglichkeit, daß die Wahrheit eines Tages auf anderem Wege, als durch ihn selber, herauskommen könne, hatte er garnicht in Betracht ge­zogen.

Der Tag war von unvergleichlicher Schönheit; er brachte ihm auch die Erfüllung seines heißen Wunsches: die Nachricht, daß er ius Varlament gewählt sei. Diese Thatsache erfüllte ihn mit Stolz und innerem Jubel. Er sab sich schon in dem mächtigen Saale stehen und eine geistvolle, zündende Rede halten; er sah sich im Geiste eine der höchsten Stellen im Ministerium einnehmen. Und er wollte alles in Bewegung setzen, dies hohe Ziel zu erreichen; denn seine Geburt, sein Rieichtum und seine geistigen Fähigkeiten berechtigten im dazu. Generationen hindurch hatten Träger seines Namens die einflußreichsten Stellen im Lande bekleidet, die Abgeordneten für Großhofen stets aus dem Hause Audrey gestammt, in der Armee und in der Marine furz, überall hatte der Name Audrey ruhmvoll geglänzt. Und welche Siege hatten seine Vorfahren erfechten helfen! Wit welchen Ehren und Auszeichnungen waren sie jederzeit bedeckt gewesen! Jawohl, es war seine erste und heiligste Pflicht, den alten, vor­nehmen Namen zu Ruhm und Ehren zu bringen! Ihn in den Schmug zu ziehen das wäre Wahnsinn gewesen! Der größte Wahusinu, den ein Mensch nur ic begehen founte! Es war nicht

[ Neue Luftschiff- Experimente.] Prof. Alexander Graham Bell, der bekannte amerikanische Erfinder, hat sich während des Sommers und des Herbstes auf seinem Landsik mit der Lösung des Problems der Luftschiff­fahrt beschäftigt und eingehende Experimente angestellt, die, wie er hofft, die Konstruktion einer wirklich brauch baren Flugmaschine ergeben werden. Seine Idee der Luftschiffahrt gründet sich auf die beim Steigenlassen von Drachen gemachten Beobachtungen.

Das Theaterstück ohne Verfasser.] Es ist schon vor­gekommen, daß zwei Autoren sich den Titel oder den Stoff eines Stückes streitig machen und wegen der Tan­tièmen in Hige und Verrohung" geraten daß aber ein Theaterdirektor den Verfasser eines sehr erfolgreichen Stückes sucht und nicht finden kann, dürfte troß Ben Afika noch nicht dagewesen sein. In London hat sich dieser außerordentliche Fall ereignet. Herrn Kyrle Bel­lew, der ein Londoner Theater leitet, fiel es vor eini­ger Zeit ein Theaterdirektoren haben manchmal son­derbare Einfälle einen Haufen Manuskripte, die schon Jahre lang in seinem Bureau moderten, durcheinander­zuwerfen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er ein Stück, das ihm so außerordentlich gefiel, daß er es sofort auszuführen beschloß. Den Namen des Autors kannte er nicht; der Mann hatte sich entweder nicht genannt oder sein Begleitschreiben war im Laufe der Jahre ver­loren gegangen. Das Stück hatte einen Bombenerfolg und erwies sich als eine wahre Goldgrube. Als an­ständiger Mensch saßte Kyrle Bellew den rühmenswer­ten Entschluß, dem Autor Tantièmen zu zahlen. Der Autor ist aber nicht zu finden, obwohl Kyrie Bellew bereits die Hälfte der Tantièmen für Annoncen aus­gegeben hat, in welchen der verschwundene Autor drin gend ersucht wird, zurückzukehren. Ist er tot? Oder ver­schwunden? Hat er Selbstmord begangen, weil er nicht so lange warten konnte, bis Kyrie Bellew sein Stüd gesunden haben würde? Oder sucht er vielleicht irgend­wo in außereuropäischen Ländern die Humberts, ohne zu ahnen, daß man sie bereits hat?

Kurzes Allerlei. Ein 121 jähriger Greis lebt nach Petersburger Blättern in Justsens in Finland. Er ist Zigeuner und wandert noch heute von Torf zu Dorf. Das Gehör hat er vor 10 Jahren verloren, aber sehen fann er noch ziemlich gut.

Ruheſtörungen durch belgisches Militär. Schläge­reien zwischen Soldaten und Zivilisten, die sich seit einigen Tagen in der belgischen Stadt Namur in Tanzlokalen wiederholten, arteten in eine ernstliche Ruhestörung aus. Ein Hause bewaffneter Lanciers wars in einer Anzahl Straßen alle Fenster ein. Die Polizei und die Gendar­meric waren nicht im stande, die Ordnung wiederher­zustellen; zwei Polizisten und einer der Lanciers wurden schwer verletzt. Der Bürgermeister hat zur Wiederherstel. lung der Ruhe Militär requiriert.

minder seine Pflicht, au Margarete zu denken, an seine Be­sizungen, seine Bächter, deren Wohl und Wehe zum größten Teil von ihm abhing.

Everett und seine Mutter mußten eben weiter leiden. Was waren diese zwei Menschen im Vergleich zu den vielen anderen, velche namenlos leiden würden, wenn die Wahrheit herauskäme? Es ging garnicht anders, es mußte alles bleiben, wie es war. Der stolze Name Andrey mußte auch fernerhin in hellsten Lichte strahlen. Und dann mußte er schließlich auch an seine Nach­kommen denken. Sein Söhnchen Arthur hatte zwar ein mückisches Leiden hinweggerafft, aber Gott würde ihnen voraussichtlich noch andere Kinder schenken. Die 3ufunft lag so vielverheißend vor ihm! Er mußte die Last seines schrecklichen Geheimnisses weitertragen und er wollte es auch. Er wollte es sorglich in sein geheimſtes Inneres verschließen, und niemandem, weder durch ein Wort, noch durch sein Wesen, weder durch einen düsteren Blick, noch durch ein sorgenvolles Gesicht, verraten, was auf seinem Gewissen laſtete. Er wollte fröhlich, tapfer sein, Summer und Gewissensbisse von sich verbannen und ein sorgloses Leben führen, soweit es ihm nur irgend möglich war.

" Ja, ich will mein Geheimnis treulich hüten bis zu meinem Tode", murmelte er vor sich hin. Wenn nur dies Weib nicht wäre, diese Hetty! Sie weiß alles doch sie muß schweigen- ich muß sie ertaufen."

Audrey ritt in leichtem Trabe durch die herrlich blühende und duftende Landschaft nach Hause. Er erinnerte sich, daß er eine Unterredung mit Hetty vereinbart hatte. Es war eine peinliche Situation für ihn; er mußte flug sein und alles daran sezen, ihr das Versprechen unverbrüchlichen Schweigens abzu­nehmen, er mußte ihre Angst und Furcht beschwichtigen. Hetty war ein harmloses, hübsches Weib und ihm herzlich zugethan; sie hatte sich so rührend treu erwiesen, er mußte gut und freund­lich zu ihr sein, da sie seinenvegen so viel und so schwer gelitten. Am besten war es, wenn er Hetty und ihren Mann bewegen konnte, nach Amerika oder Australien auszuwandern. Vincent war arm; er würde ein reiches Geschent zweifellos mit Freuden annehmen, um damit im Lande der Dollars oder der Goldfelder sein Glück zu versuchen. awohl, so war es am besten: die Vincents mußten fort; es wäre ihm furchtbar peinlich gewefen, Hetty, der Mitwifferin seiner Schuld, immer zu begegnen.

Und Frau Everett! Sie durfte nie wieder eingeladen werden; ihre Gegenwart verwirrte ihn und flößte ihm ein Gefühl un­beschreiblichen lubehagens ein; er fonnte ihr nicht mehr in die Augen sehen, in die durchbohrenden, forschenden Augen.