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Nr. 222.
Erstes Blatt.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mt. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Mittwoch den 24. September 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
Insertionspret 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wezlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Bfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluß Nr, 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
Politische Nachrichten.
Am Sartophage Kaiser Friedrichs in der Friedenskirche zu Potsdam legte gestern zur Feter des Lages, an welchem vor nunmehr 25 Jahren der damalige Kronprinz Friedrich Wilhelm zum Chef des 6. badischen Infanterie- Regiments Kaiser Friedrich III. ernannt wurde, eine Offiziers- Deputation des zu Konstanz am Bodensee auf der Burg Hohenzollern garnisonierenden Regiments einen Kranz nieder.
Darmstadt, 23. Septbr. Aus Kiel kommt die Nachricht, daß die Familie des Prinzen Heinrich unserem Großherzog einen vierwöchentlichen Besuch abstatten wird.
Berlin, 23. September. Zu der Rede des Abgeordneten Schädler in Tuntenhausen bemerkt die National- Zeitung: Es ist zur Genüge dargelegt worden, daß die lediglich persönliche Meinungs- Aeußerung des Kaisers in dem Telegramm an den Prinz- Regenten durchaus feine Einmischung in bayrische Landes- Angelegenheiten war. Der bedauerliche Fehler bestand lediglich in der Veröffentlichung des Telegramms.
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Die Zolltariffommission des Reichstages hat heute die Beschlüsse der ersten Lesung zu den zur Spezialdiskussion gestellten Positionen mit geringen Abänderungen aufrecht erhalten, so die Kartoffel-, Hopfenund Obstzölle. Nur für Bananen wurde mit Rücksicht auf die Kolonieen Zollfreiheit beschlossen und der Termin für die Zulassung zollfreier Obsteinfuhr verschoben. Der Reichsschatsekretär Thielmann trat nachträglich den Beschlüssen entgegen, die in erster Lesung zum Thee- und Kakaozoll gefaßt worden waren und denen gegenüber er sich die weitere Stellungnahme der Regierung vorbehielt.
Zur Posener Oberbürgermeisterfrage teilt der Stadtverordneten- Vorsteher Justizrat Dr. Lewinski mit, daß er den Nachrichten auswärtiger Blätter, wonach er zum Nachfolger des Oberbürgermeisters Witting ausersehen sei, vollständig fern stehe und sich weder um dieses Amt bewerben, noch in der Lage sein werde, es anzunehmen, falls es ihm überhaupt angetragen werden sollte.
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Entlarvt.
Roman von Moriz Lilie.
( Nachdruck verboten.) Das Gewitter war vorüber und Josef meldete, daß man vom Schlosse das Ponygeschirr des gnädigen Fräuleins gesandt habe.
Erna stand auf.
" Das ist gut", sagte sie. Jekt fönnen Sie Ihre Absicht, meinen Vater zu besuchen, um so leichter ausführen, Herr von Fries. Sie fahren mit meinem Wagen, Ihr Pferd bringt Josef nach dem Falfenhof."
" Vortrefflich!" versette Fries im Tone aufrichtiger Freude. Durch Sie geführt, gnädiges Fräulein, darf ich hoffen, bei Ihrem Herrn Vater für die unpassende Besuchsstunde Verzeihung zu finden." Heller Sonnenschein leuchtete Ihnen entgegen, als sie ins Freie hinaustraten.
Bald zogen die Pferde an und eilten in flottem Laufe dahin, während der Reitfnecht mit dem Rosse des Herrn von Fries langiam folgte. Der Köhler hatte ein reiches Geldgeschenk erhalten.
Herr von Falfenhof empfing den Gast, wie gewöhnlich unter seinen Büchern vergraben. Er gab sich Mühe, freundlich zu sein, was ihm bei seinem finsteren, mürrischen Wesen nicht ganz leicht wurde. Dennoch frente er sich in seiner Weise, den cinst so munteren Knaben jetzt als stattlichen Jüngling wiederzusehen, und als er ihn bei seinem Scheiden einlud, seinen Besuch zu wiederholen, war dies nicht bloß Redensart, sondern sein ernstgemeinter Wunsch.
Bon diesem Tage an war Alfred von Fries täglicher Gast im Schlosse Faltenhof, und eines schönen Tages ließ er sich bei dem Hausherrn melden und warb in aller Form um Ernas Hand. Ernas Vater hörte den jungen Mann ruhig an ohne irgend ein Zeichen von Ueberraschung; er schien das erwartet zu haben. Dann sagte er:
" Bevor wir weiter über diese Angelegenheit sprechen, muß ich Ihnen eine Mitteilung machen. Meine Tochter besißt außer dem nicht großen Erbteil ihrer Mutter kein Vermögen; der Falkenhof ist Fideikommiß und geht mit allen seinen Einkünften auf einen entfernteren Verwandten über. Wenn Sie also auf eine hohe Mitgift rechnen, so täuschen Sie sich."
" Ich habe glücklicherweise nicht nötig, auf diese Dinge irgend welchen Wert zu legen", versezte Fries nicht ohne Bitterfeit. Sie fennen ja meine Verhältnisse, Herr von Falkenhof, Sie wissen, daß ich der einzige Erbe des großen väterlichen Grund
Der Vorstand des deutschen Fleischer- Verbandes beabsichtigt in den nächsten Tagen in vielen Millionen Exemplaren ein Flugblatt verbreiten zu lassen, in welchem die Behauptung des Bundes der Landwirte über die Viehnot widerlegt und die Angriffe auf das Fleischergewerbe zurückgewiesen werden.
- Von einem Vorfalle an der deutsch französischen Grenze berichtet die Straßburger Post" was folgt: Mehrere in der Nähe von Plaine, Kreis Molsheim, beschäftigte Holzhauer aus Württemberg hatten sich am letzten Samstag Abend über die Grenze nach Belval, Arrondissement St. Dié begeben und waren dort in einer Wirtschaft eingefehrt, wo sie zechten. Als die Gemüter erhitzt waren, sei es in der Wirtschaft zu Streitigkeiten und schließlich auch zu Thätlichkeiten gekommen. Wer den Streit begonnen habe, sei bis jetzt noch nicht festgestellt, da die Aussagen der Beteiligten sich widersprechen. Schließlich aber wurden die Deutschen von französischen Grenzaufsehern verhaftet. Einer der deutschen Holzhauer, der erst am Montag wieder freigelassen wurde, erzählte, daß sie von den französischen Wächtern und Polizeibeamten in rohester Weise mißhandelt worden seien und keine oder nur ganz ungenügende Nahrung erhalten hätten, und das„ Alles nur, weil sie Deutsche waren". Die„ Post" fnüpft an diese Schilderung den Wunsch, der Vorfall möge baldigst völlig aufgeklärt werden.
,, Vater und König“.
Das offiziöse Journal de Bruxelles" bringt einen Leitartikel unter der Ueberschrift Vater und König", darin heißt es: Die überfstürzte Abreise der Prinzessin Stephanie hat in Spa und mit schnellstem Widerhall in der Hauptstadt eine Erregung hervorgerufen, die zu leugnen findisch wäre. Die Menge, die sich der sorglosen, strahlenden, hübschen, populären, jungen Brinzessin erinnert, ist von einem Gefühl tiefen Mitleids ergriffen, für diese in Thränen ge= badete Tochter, welche der Wille des Vaters vom Leichenbegängnis der Mutter fernhält. Das Volk sieht in dieser Verbannung eine Härte und Strenge, die Erbarmen weckt und Unwillen erregt. Die öffentliche Meinung übersehe, daß in dem Vater gleichzeitig der König wach bleiben müsse, daß in der Familie auch die Dynastie lebe und daß in dieser Tochter, die ihre Mutter beweint, eine fönigliche Prinzessin lebt, die ihres Ranges und ihrer Titel verloren gegangen ist. In der väterlichen Strenge erkenne das Volk nicht die fönigliche Unerbittlichkeit. Grade in den peinvollsten schrersten
besizes bin, ich darf also bei der Wahl meiner Lebensgefährtin lediglich meinen Neigungen folgen."
Der alte Herr nickte mehrmals lebhaft mit dem Kopfe, und ein zufriedenes Lächeln glitt über sein Gesicht. " Nun also, Herr von Fries, meine Zustimmung haben Sie" sagte er nach einer kurzen Pause. Es wird jezt Ihre Sache sein, sich die Ernas zu verschaffen."
Dann erlauben Sie wohl, daß ich das gnädige Fräulein auffuche?" rief Alfred sich rasch erhebend. Er wußte ja, daß er dort offene Arme finden würde.
" Gewiß, Herr von Fries", nickte der Schloßherr. Sie finden meine Tochter wahrscheinlich im Musifzimmer."
Der junge Mann verbeugte sich leicht und eilte fort. Würde er das Mädchen auch heiraten, wenn ihm das tiefe Geheimnis, das in meiner Brust begraben liegt, bekannt wäre?" fragte sich der alte Mann, indem er stehen blieb und starr vor sich hiusah. Müßte ich es ihm nicht mitteilen, bevor er Erna zum Altare führt?"
Er überlegte.
Augenblicken habe das Königtum die Pflicht, sich am festesten zu zeigen. Der Artikel schließt wörtlich:" Es ist das traurige Los der Könige, nicht als Menschen handeln zu dürfen. Als Wächter erhabenster Traditionen unterstehen sie höheren und strengeren Gesezen als die unseren sind, auch wenn das Herz tötlich leidet." Ein bürgerliches Blatt glaubt, die bel= gische Bevölkerung rühmen zu müssen, die der Prinzessin ihre herzlichste Teilnahme zeigte, ohne nach einer anderen Seite - Nachträglich wird bekannt, daß feindlich zu manifestieren. der stellvertretende Bürgermeister Depotter gestern früh der Gräfin Lonyay persönlich die Teilnahme der Brüsseler Bevölkerung ausgedrückt hat. Ebenso wie am Brüsseler Südbahnhof wurden der Gräfin auch auf dem Bahnhof zu Tournai von der Menge die herzlichsten Ovationen bereitet; sie danke bewegt.
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Brüssel, 23. Sept. Die Gräfin Lonyay läßt durch ihren Privatsekretär folgende Erklärung über den Zwischenfall mit König Leopold veröffentlichen: Ich befand mich mit meinem Gemahl in Cromer, als ich die Nachricht vom Tode meiner Mutter erhielt. Ich ging sofort als liebende Tochter und als Patriotin, um der Königin die letzte Ehre zu er weisen. Seine Majestät ließ mir mitteilen, daß meine Anwesenheit nicht erwünscht sei. Eine Szene hat nicht stattgefunden. Wie die Gazette" meldet, wurden, als die Gräfin nach Calais abfuhr, von zwei Damen die Rufe: Nieder mit dem König" ausgestoßen. Weiter hörte man den Ruf:„ Es lebe König Albert".
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Brüssel, 23. Sept. General Botha teilte in einer gestern in Rotterdam gehaltenen Rede mit, daß er von einer reichen Amerikanerin die Summe von 500 000 Frs. für die Opfer des südafrikanischen Krieges erhalten habe.
Antwerpen, 23. Sept. Die hiesigen Damen der Aristokratie haben aus Anlaß des Todes der nigin beschlossen, freiwillig eine sechsmonatliche Trauer andegen.
San Sebastian, 23. Sept. Der Minister des Aeußeren erklärte die in der Presse verbreiteten Gerüchte über eine angeblich spanisch- französische Allianz für erfunden.
Petersburg, 23. Sept. Der PostanweisungsVerkehr zwischen Rußland und Bulgarien wird am 1. Oktober eröffnet werden. Der höchste Betrag einer Anweisung ist auf 100 Rubel, d. t. 267 Francs festgesetzt.
Petersburg, 23. Sept. Bei der Rückkehr des Zaren vom Manöver in Kursk soll ein Attentat gegen
" Weiß das Mädchen, daß es nicht Ihr Kind ist?" fragte Ancelot weiter.
" Nein", erklärte Frau Mende,„ obwohl sie wohl so etwas ahnt." In diesem Augenblick ertönte die Klingel, und die Gardine ward langjam emporgezogen.
Ein Frauenzimmer in furzen Gazeröckchen, Tricots und weit ausgeschnittenem Mieder hüpfte mit einigen Sprüngen auf die Bühne und verneigte sich tief nach allen Seiten, begrüßt von stürmischem Beifallsflatschen. Dann begann fte ein Lied zu fingen, das reich an 3weideutigkeiten war, aber vielleicht gerade deshalb rauschenden Jubel entfesselte. Zum Dant dafür warf die Sängerin nach allen Seiten Kußhändchen.
Das Antlig des Franzosen wandte sich dem Mädchen zu, jeder Nerv, jede Fiber schien aufs höchste angespannt zu sein.
Das Mädchen, welches dort auf dem Podium sang und tanzte, war in der That eine eigentümliche Schönheit. Bon großer, voller Figur, rundem Gesicht und kräftigem Gliederbau, machte sie fast den Eindruck einer Athletin. Dunkle, blizende Augen schwarzes, vermittelst des Brenneisens gelocktes Haar, rote, frische
" Nein, niemals kommt ein Wort davon über meine Lippen!" Wangen und Lippen und ein gelblicher Teint verliehen ihrer rief er laut und setzte sich wieder zu seinen Büchern.
VIII.
Die Lokalsängerin.
Die Singspielhalle, welche Ancelot mit Frau Mende aufsuchte, lag in einer schmalen und nicht besonders sauberen Vorstadtstraße
Wiens.
Es war ein großes Zimmer, an dessen hinterer Wand eine kleine Bühne stand, von welcher herab die Vorträge gehalten wurden.
Herzhaft schritt die Frau vorwärts, zwischen den dichtheseßten Tischen dahin, nach einer Fensternische, in welcher noch einige
Stühle frei waren.
Ancelot folgte ihr.
" Ist Fräulein Seraphine schon auf der Bühne gewesen?" fragte Frau Mende einen Mann am nächsten Tische.
Sie hat erst einmal gesungen, muß aber jest wiederkommen", berichtete der Angeredete, eine gewaltige Dampfwolfe aus seiner
Pfeife von sich blasend.
" Wer ist Seraphine?" fragte Ancelot mit leiser Stimme. " Nun, das ist eben die, welche Sie suchen", versetzte sie. Als Mitglied der Singspieltruppe heißt sie Seraphine; das Klingt nobler."
ganzen Erscheinung etwas Zigeunerhaftes, das aber nichts Abstoßendes hatte.
" Nun, wie gefällt Ihnen Seraphine?" flüsterte die Frau ihrem Begleiter zu.
Aber Ancelot schien sie nicht zu hören, seine ganze Aufmerksamkeit war auf die Vortragende gerichtet.
" Das also ist das Mädchen, welches bestimmt ist, meine Hoffnungen und Wünsche zu vernichten?" dachte er, und in rascher Folge schloß sich dieser Wahrnehmung eine weitere, lange Gedankenreihe an.
" So muß es gehen", beendete er seine stillen Reflexionen. Gs" bleibt mir feine andere Wahl, als das Mädchen zu heiraten. Dem alten Grafen lüge ich vor, daß ich keine Ahnung von ihrer Herkunft hatte, als ich mich sterblich in sie verliebte. Die Alte hier darf vorläufig ebensowenig wie ihre angebliche Tochter erfahren, das blaues Blut in ihren Adern fließt, und ist sie erst mein Weib, dann kann mir die Erbschaft ihres Großvaters nicht entgehen. Sie wird ihr Wesen unter meiner Zucht ein wenig abichleifen, sich feinere Manieren angewöhnen müssen, dann lasse ich sie durch den alten Advokaten Hartwig entdecken als die gesuchte Grafentochter- und das Ziel ist erreicht! Nur so kann ich die Erbschaft für mich retten."
In diesem Moment trat das Mädchen mit dem Teller in der Hand an den Tisch heran, um von Ancelot einen Beitrag au erbitten.


