Ausgabe 
22.9.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 220. Erstes Blatt.

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Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Ober hessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Montag, den 22. September 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Weglar und Marburg 10 Pfg. fonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Erbedition: Gießen Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr, 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Politische Nachrichten.

Berlin, 20. September. Das erste für den Dienst auf den großen Strömen Chinas zur Zeit im Bau be­griffene Stanonenboot soll in der ersten Hälfte des Jahres 1903 die Ausreise nach China antreten. E sollen mehrere derartige Fluß- Kanonenboote für China in Dienst gestellt werden.

-

rücksichtigung finden, ist eine namhafte Herabsetzung der Industriezölle notwendig.

Heilbronn, 20. Sept. Die hiesige Fleischer innung beschloß in ihrer heutigen außerordentlichen Versammlung, von einer Erhöhung der Wurst- und Fleischpreise vorerst Abstand zu nehmen, dagegen im Hinblick auf die hohen Viehpreise den Gemeinderat um zeitweise Aufhebung der Konsumsteuer zu ersuchen und Stellung zu nehmen.

ferner überzeugt, daß ihm noch ein Thronfolger bescheert werde. Es liege gar kein Grund vor, daran zu zweifeln. Bezüglich der Best in Odessa sagte Dr. Berthenson, daß die Seuche infolge umfassender Vorkehrungen lokalisiert und für Europa keine Gefahr bestehe.

Auf die Eingabe des Ausschusses der deut. ihn zu veranlassen, für das Oeffnen der Grenzen geschlagen wird. General Natos befindet sich auf dem Wege

schen Turnerschaft an den Reichskanzler wegen Unterstützung von Turnhallenbauten in den polnischen Gebieten des Reiches ist die Antwort ergangen, daß anheim gestellt wird, sich mit bezüglichen Anträgen an die zuständigen Oberpräsidenten zu wenden, denen die Verfügung über den zur Förderung des Deutschtums bereitgestellten Fonds übertragen ist.

Berlin, 20. Sept. Der frühere Präsident des Oberverwaltungsgerichts Dr. Persius ist gestorben.

- Die ,, Germania" kann die Meldung, daß bei der Kölner Erzbischofwahl namentlich Bischof Dr. Schneider von Paderborn, Professor Dr. Esser aus Bonn und Dom- Kapitular Hespers in Betracht kommen, auf Grund guter Information als irrig be­zeichnen.

Berlin, 21. Septbr. Die feit einiger Zeit um­laufenden Gerüchtte, daß ein Mitglied des Centrums für den Posten des Unterstaatssekretärs im Reichsamt des Innern in Aussicht genommen sei, beziehen sich, wie der Lokal- Anzeiger erfährt, auf den Reichs gerichtsrat Dr. Spahn.

In der am Samstag zu Berlin abgehaltenen nahezu vollzählig besuchten Sitzung der konservativen Fraktion gingen die Beschlüsse dahin: die konservative Partei steht nach wie vor fest auf dem Boden des aus­reichenden Schutzes der gesamten nationalen Arbeit. Daher ist 1. die Zolltarif- Vorlage der verbündeten Re­gierungen nicht annehmbar, 2. auch die Beschlüsse der ersten Lesung der Kommission berücksichtigen die be­rechtigten Wünsche der Landwirtschaft nicht genügend. An der Bindung aller Getreide- und Viehzölle ist un­bedingt festzuhalten, 3. falls die Forderungen der Landwirtschaft nicht eine wesentlich weitergehende Be­

7]

Entlarvt.

Roman von Moriz Lilie.

( Nachdruck verboten.)

Schreck. Gemütserschütterung, Nervenaufregung fein Wunder!" sagte er leise vor sich hin. Dann gab er der alten Wärterin genaue Verhaltungsmaßregeln und versprach, früh am folgenden Morgen wiederzukommen.

Brigitte begleitete ihn hinaus.

Sagen Sie mir, Herr Doktor, ist Gefahr vorhanden?" fragte sie angstvoll.

Der Arzt wiegte das Haupt hin und her.

Eine Gehirnentzündung ist wohl niemals unbedenklich", erwiderte er, und eine solche wird sich zweifellos entwickeln. Befolgen Sie meine Vorschriften aufs Genaueste und sorgen Sie für größte Ruhe in der Nähe der Kranten."

Der Arzt ging, die alte Frau aber kehrte sorgenvoll in das Krankenzimmer zurück. Bald darauf ließ sie der Schloßherr rufen und hörte ſcheiben wenig tröstlichen Bericht an, den dieſe erſtattete, meiner Tochter gewesen befahl er turz und wandte sich dann ter Foden Gie morgen, den Doktor zu mir, nachdem er bei

wieder seinen Studien zu.

Die Nacht verging sehr unruhig. Die Kranke lag in schwerem Fieber und phantasierte.

Schon frühzeitig am nächsten Morgen erschien Ernas Vater im Krankenzimmer, um nach seiner Tochter zu sehen. Ihr Zu­stand war entschieden bedenklich, was auch der Arzt bestätigte, der bald darauf eintraf.

Thun Sie alles, was Sie können, Doktor, die Kranke zu retten; wenden Sie Ihre ganze Kunst an, ihr das Leben zu erhalten, und rechnen Sie auf meine Dankbarkeit", sagte Herr von Faltenhof in einem Tone, dessen bittender Klang ganz un­gewohnt an ihm erschien.-

In den ersten Wochen kam der Arzt täglich zu früher Morgen­stunde, und eine Zeit lang schien es, als wundere er sich jedes­nial, die Kranke noch am Leben zu finden. Endlich aber zeigte sich eine Wendung zum Besseren, und als der Frühling ins Land gekommen, war jede Gefahr vorüber.

Ueber den Tod der Königin der Belgier wird noch berichtet, daß dieselbe um 5 Uhr nachmittags ein leichtes Unwohlsein verspürte. Der herbeigerufene Leibarzt erklärte, der Zustand sei sehr unbefriedigend. Die Stönigin legte jedoch eine große Charakterstärke an den Tag und verriet keinerlei Aufregung. Sie er kundigte sich vielmehr nach mehreren Tagesfragen. Plötzlich gegen halb 8 Uhr versuchte sie sich zu erheben und sagte zu der Krankenschwester, sie fühle sich sehr unwohl. Als die Schwester herbeieilen wollte, sank die stönigin bereits zusammen und war sofort eine Leiche. Umgehend wurden die Mitglieder der königlichen Familie benachrichtigt, ebenso die Minister. Wie es heißt, wünschte die Königin in der letzten Zeit auf das bestimmteste, in Spa beigesetzt zu werden. Man glaubt jedoch nicht, daß diesem Wunsche entsprochen werden wird, die Beisehung vielmehr in Brüssel in der Königs­gruft erfolgen dürfte.

Brüssel, 20. Sept. Der Gemeinderat versammelte sich gestern Abend 11 Uhr und erließ einen Aufruf an die Bevölkerung, in welchem dieser der Tod der Königin mitgeteilt wurde. Der Gemeinderat berief alsdann die Mitglieder des Burenkomitees und vereinbarte mit diesen eine Vertagung des Besuches der Burengenerale in Brüssel.

Vom Zar. Ein Mitarbeiter des Berl. Tagebl." hatte in Wien eine Unterredung mit dem Ehren- Leibarzt des Zaren Berthenson. Derselbe erklärte die Gerüchte, daß der Bar wegen angegriffener Gesundheit und Depression über das Ausbleiben eines Thronfolgers sich mit Rücktrittsgedanken trage, für unsinnig. Troß seiner kleinen zarten Figur be­sige der Bar eine außerordentliche Widerstandskraft und be­deutende Arbeits- Kapazität. Der Typhus vom Vorjahre habe feine Folge- Erscheinungen gehabt. Das Zarenpaar sei

Gesicht, ein Ausdruck von Müdigkeit und Lebensüberdruß. Schwere Seufzer hoben die Brust des Mädchens, und zwischen den Wimpern stahlen sich perlende Tropfen hervor.

" Es ist aus mein Lebensglück begraben, mag auch das Geheimnis begraben sein, daß ich verheiratet war!" flüsterte sie leise vor sich hin. Niemand soll es erfahren, keine Seele gessen wenn ich dies vermag!" soll es ahnen, und vergessen will ich, was hinter mir liegt, ver­

Wohl fannte außer dem Küster und dem Geistlichen drüben in dem bayrischen Gebirgsdorfe niemand ihr Geheimnis, und von denen hatte sie nichts zu fürchten.

VI.

Die Pflegemutter.

Während sich die geschilderten Ereignisse auf dem Falken­bemüht, die Enkelin des Grafen ausfindig zu machen. Freilich hofe zutrugen, waren die Bewohner des Schlosses Rodeck eifrigst Dem Grafen und seinem Rechtsanwalt war um das junge verfolgten die Beteiligten dabei verschiedene Pläne und Absichten. Drädchen zu thun, Cue echte monit tan est me ben jollie, ausfindig zu machen, un, mit ihr gemeinſchaftlich ſeine Bläne Ancelot, bagegen war lediglich badu beige bie rant abat,

geheueren Vermögens seines Gönners zu ſezen. Um ſeine Nach zu verfolgen, die darauf zielten, sich selbst in den Besiz des un­forschungen bequemer ausführen zu können, mietete er sich in Wien eine Wohnung, und allwöchentlich einmal fuhr er hinaus Bemühungen Bericht zu erstatten. nach Schloß Rodeck, um dem Grafen über das Resultat seiner

Sofort nach seiner Ankunft in Wien suchte Ancelot den ehe­maligen Reisegefährten des Sohnes des Grafen, Markhofer, auf, dessen Adresse er von Hartwig erfahren hatte. Der junge Mann teilte Markhofer den Zweck seines Besuches mit und fand diesen gern bereit, ihm bei dem Aufsuchen der Frau Raday zu unter­ſtützen.

" Ich würde mich unendlich freuen, die Tochter meines armen wiederzusehen", beteuerte der Mann treuherzig, und ich will Freundes Georg Reinhard, wie er sich in der Fremde nannte, Ihnen mit allem Eiser suchen helfen. Ich bin der feſten Ueber­zeugung, die Ungarin wohnt hier in Wien und wahrscheinlich auch in der Gegend, wo ich sie fürzlich gesehen habe."

Markhofer", meinte Ancelot, denn wenn die Frau merkt, daß " Wir werden sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen, Herr man sie verfolgt, verschwindet sie möglicherweise auf Nimmer­

In den ersten Tagen des Mai saß Erna, in einen weichen Bolsterstuhl gebettet, an dem weit geöffneten Fenster ihres Zimmers und schaute in den sich mit zartem Grün bedeckenden Park hinaus. Ein schwermütiger Ausdruck lag in diesem, auch in seiner trankhaften Blässe noch so lieblichen und anmutigen wiedersehen."

Zu den venezuelauischen Unruhen. Bort of Spain, 20. Sept. Präsident Castro befindet sich mit 3000 Mann auf dem Wege nach Valenzia, wo eine Schlacht nach Carracas. Die Lage wird immer ernster. Die Lebens­mit großer Mühe über die Grenze gebracht werden und mittel- Preise steigen bedeutend. Das Schlachtvieh tann nur Jedermann sammelt Vorräte, um für alle Eventualitäten ge­sichert zu sein.

Aus Algier meldet Petit bleu", daß dort der russische Großfürst Paul Alexandrowitsch, der vor kurzem mit der Frau eines Ingenieurs aus Petersburg verschwand, durch einen Revolverschuß in den Kopf einen Selbstmordversuch gemacht habe. Das Motiv hierzu ist noch nicht bekannt. Man glaubt aber, daß er den Selbstmordversuch verübte, weil die betreffende Frau erklärt habe, sie wolle wieder nach Petersburg zurück­reisen.

13. Parteitag der Deutschen Bolkspartei. Offenburg, 20. Septbr.

Der Parteitag ist zahlreich besucht. Die ,, Frankf. 3tg." berichtet darüber in folgender Weise: Zu Vor­sigenden der Verhandlungen werden gewählt: Heimburger­Karlsruhe, Payer- Stuttgart und Rößler- Frankfurt, zu Schriftführern Rieth- Aschaffenburg nud Zirndorfer­Frankfurt.

Den Parteibericht erstattet Dr. Heinrich Nößler. Er gedenkt ehrend des zu früh gestorbenen Abgeord­neten Sänger- Frankfurt, bespricht die Wahlen in Baden, die Stuttgarter Gemeindewahlen und die Frant furter Landtagswahlen. Die Volkspartet, sagt er, ist feine große Partet und krankt nicht an Größenwahn, aber sie hat doch eine wichtige Mission im Vaterlande, sie muß die Kluft zwischen der Arbeiterpartei und der bürgerlichen Linken überbrücken helfen und durch ihren Einfluß wird im Süden so mancher Fortschritt durch­gesezt, der auch für den Norden vorbildlich wird. Der Redner schließt unter allseitigem Beifall mit dem Mahn­

" Das Weib hat ein böses Gewissen, das beweist ihre Flucht vor mir", sagte der Australier nachdenklich.

" Frau Raday hatte zwei kleine Mädchen bei sich, als fie fich nach Europa einschiffte", warf Ancelot ein. Emmy war ohne 3weifel eins davon; aber wem gehörte das andere? war bies ein Kind der Frau Raday?"

" Nein, die Ungarin besaß keine Kinder."

Dann haben wir wenigstens nicht zu fürchten, daß fie ihre eigene Tochter an Stelle der wirklichen Erbin unterschieben wird", versezte der naturalisierte Franzose befriedigt.

" Die Frau weiß überhaupt nicht, von welch' vornehmer Ab­funft ihr Pflegling ift", erläuterte der ehemalige Auswanderer. " Noch weniger hat sie eine Ahnung, daß dieser Anwartschaft auf ein reiches Erbe befigt. Die Klugheit wird uns gebieten, ihr für den Fall, daß wir sie auffinden, feinerlei Mitteilung von dem wahren Sachverhalt zu machen; sie würde sonst gewiß ihre Kenntnis zu Erpressungen mißbrauchen."

" Das ist auch meine Ansicht, Herr Markhofer", fiel Ancelot rasch ein. Es ist große Vorsicht nötig. Lassen Sie uns Hand

in Hand geben, beſter Herr, Ihrer Umſicht und meinem Gifer zuzuführen." wird es gewiß gelingen, die Angelegenheit einem guten Ende

Er reichte dem Auſtralier die Hand, in welcher dieser kräftig

einſchlug.

" Es gilt", sagte der lektere, und es wird mich glücklich machen, meinem Freunde noch im Grabe einen Dienst zu erweisen. Von diesem Tage an wanderten Markhofer und Ancelot allabendlich die Straße auf und ab, wo ersterer die Ungarin gesehen zu haben glaubte, aber keine Spur von der Frau war wieder aufzufinden. Die Frau schien verschwunden zu sein.

Es war an einem unfreundlichen, regnerischen Abende, als die beiden Verbündeten wiederum ihre Wanderung antraten. Bum Schuge gegen den Regen in ihre Mäntel gehüllt, schritten fie langsam dahin.

ist

Plöglich blieb Markhofer stehen.

Mit festem Griff pacte er den Arm seines Begleiters. Eine Frau besorgte in einem Viktualienladen kleine Einkäufe. Sie ist es", flüsterte der Australier seinem Begleiter zu, cs die Raday."

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Ancelot auf das Weib. Diese Frau, das glaubte er aus dem rohen Gesichtsausdruce schließen zu müssen, war zu allem fähig.

gebärdenden Frau gegenüberstand, fuhr zusammen.

Sie

wie Du eigentlich beschaffen bist. a, sie soll erfahren, Und wenn sie es ist, mag fie ich doch kennen lernen, Um Gottes, willen, es ist Synnove Denen Tex ergriffen, stürzte sie auf Frau Salgren zu. wußte, wer fam! Synnöve! Von einer furchtbaren Angſt

daß ihre

Mutter gebetefe Schwester

ihre Synnove gen duldete. Er fragte wiederholt nach

Trine,

ehemaliger Amme.

Synnove die Aubeinahe finster angesehen. Endlich öffnete Als er einmal feinen Blick auf Freda gerichtet, hatte er te bewölkt, und bläuliche Adern stark auf derselben sichtbar. Seine Stirn war

borwurfsvoll, fa

um fich. Zuerst erfar

Sie blickte mit einem irren Ausdruck demiolben Mo­

fahren, die nach langer internacht zaghaft sich hervor­über die frischen Blüthen und keimenden Triebe dahinge­sich herzustellen. Es war abermals wie ein starker Frost machen, das zärtliche Verhältniß zwischen derselben und zu begegnen, hatte sie aufgehört, fruchtlose Versuche zu Bustand Synnove veranlaßt, ihr mit sichtlicher Abneigung

überall Einsamkeit und liebloses Wesen.

Zukunft

Nun aber die

war

thörichten ihren Bären i geworden. Gefühlen hatte Wie sie sich gestalten würde, gestalten müsse, in all den stillen Stunden, in welchen sie mit ihren bollständig abzuschließen versucht, Lars schon

klar ihr

Sie Kenntniñ

Onkel

von