Ausgabe 
17.9.1902 Erstes Blatt
 
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bleibt auch noch vieles zu wünschen, so darf doch anerkannt werden, daß politisch, sozial und wirtschaftlich manches Gute und Erfreuliche dem Ministerium Rothe seine Anregung und Entstehung verdankt.

sammentritt dieser Fraktions- Delegierten für den 18. ds. M. fraglich geworden sein. Falls die Kommission den geschäftsordnungsmäßigen Usus befolgt, würde die zweite Lesung bis zum 14. Oktober feinesfalls beendigt sein können. Es dürfte Anfang November werden, bis der Tarif vollständig dem Plenum unterbreitet werden

fann.

Die Centrums- Fraktion des Reichstages ist heute Vormittag zusammen getreten, um Stellung zu den Beschlüssen der Zolltariskommission in der ersten Lesung zu nehmen. Wie ein parlamentarischer Bericht erstatter meldet, verlautet, daß im Großen Ganzen die Neigung vorherrsche, die Kommissionsbeschlüsse erster Lesung zur Basis der weiteren Beratungen in der Zoll­tarif- Kommission zu machen. In dem agrarisch gesinnten Teile der Fraktion scheint man fest entschlossen zu sein, an den Kompromis bezüglich der Getreide- und Vieh­zölle fest zu halten und der Regierungsvorlage in diesem Punkte keine Konzessionen zu machen. Auf bayrischer Seite wird namentlich Gewicht darauf gelegt, den Gerste­zoll nach den Kommissionsbeschlüssen fest zu legen.

Leicht war die geleistete Arbeit dabei wahrlich nicht. Die Parteiverhältnisse im Landtage brachten es mit sich, daß jeder Akt der Gesetzgebung nur möglich war auf einer Mittellinie, die die widerstrebenden Interessen der einzelnen Parteien einigermaßen vereinigte, und die Vermittelungskunst des Staatsministers mußte überall das Beste thun. Immer freilich vermochte auch sie die Gegensätze nicht auszugleichen, und so mußte denn manche gute Absicht der Regierung unverwirklicht bleiben. Dahin rechnen wir in erster Linie den Versuch einer Reform des Landtagswahlrechtes. Er scheiterte an dem blinden Egoismus der ländlichen Abgeordneten, und so müssen denn die Oktoberwahlen die Entscheid­ung darüber bringen, ob in künftigen Zeiten das direkte Wahlsystem der Volksmeinung unverfälscht zum Ausdruck verhelfen darf. Für oder gegen das direkte Wahlrecht, das müßte, sollen die Wahlen unter rein politischen Erwägungen vor genommen werden, die Parole des Wahlkampfes sein, und die Scheidung der Parteien wäre dadurch von selbst gegeben. Am Schluß des letzten Landtages hatte es auch den Anschein, als ob die ehrlich reform freundlichen Barteien die Stellung zur Wahlreform für ihre Wahltaktik entscheidend sein lassen wollten, offen und rückhaltlos bekannt aber haben sich bis jetzt zu dieser Parole einzig die Sozialdemokraten. Sie werden überall dort, wo sie eigene Kandidaten nicht auf stellen, demjenigen Mandatsbewerber ohne Partei­unterschied ihre Unterstützung leihen, der sichere Ga­rantie für seine Reformfreundlichkeit bietet. Die übrigen Parteien haben sich offiziell noch nicht ge­äußert. Darf man aber nach den Aeußerungen der Presse urteilen, so sind die Anhänger der Centrums­partei zum Teil wenigstens geneigt, die Schwächung oder wenn angängig, die Vernichtung der sozialdemo­kratischen Partet mit allen Kräften anzustreben und da­hinter alle politischen und Zweckmäßigkeitserwägungen zurücktreten zu lassen.

Haag, 16. Sept. Wie üblich, fuhr die Königin im feierlichen Zuge mit Gefolge vom Schloß zum Thron­saal im Binnenhof, um die Generalstaaten zu ecöffnen. Im Gegensatz zu früher verlas die Königin die Thronrede sigend. Dieselbe enthält mit Bezug auf die auswärtige Politik nur die Versicherung, daß die Beziehungen mit den fremden Mächten unverändert die besten seien.

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Paris, 16. Sept. Ein Gruppe junger Nationalisten veranstaltete gestern Abend auf dem Boulevard eine Kund­gebung. Sie durchzogen die Straßen, indem sie die Frei­maurer verhöhnten und die Abzeichen derselben lächerlich machten. Es tam zum Zusammenstoß mit der Polizei, wobei 10 Verhaftungen vorgenommen wurden.

Paris, 16. S pt. Die Wahl des Abgeordneten Maurice Faure in den Senat macht eine Neuwahl des Bize präsidenten der Kammer notwendig. Dieser Posten wird nunmehr einem Mitgliede der sozialistischen Partei, wahr­scheinlich Millerand oder Jaurés zufallen.

-Auf dem sozialistischen Parteitag wurden gestern die von der Prüfungsfommission geprüften 205 Mandate für gültig erflät. Genosse Böhle- Straßburg spricht sich gegen die Gründung eines neuen Blattes in Mülhausen aus. Ge­nosse Leidecker wendet sich scharf gegen die Akademiker und verurteilt den Streit, der schon so lange in der Partei herrsche. Er meint, man solle den gut fituierten Partei­genossen ein bischen auf den Pelz klopfen, damit sie die Partei unterstüßen. Abgeordneter Kolb- Karlsruhe regt an, man solle dem Partei- Borstande etwas an die Hand gehen, damit er die Mitglieder zu Unterstüßungs- Beiträgen nötigen för ne. Abgeordneter Rollwagen verteidigt im Augsburger Antrag, der hauptsächlich bezwecke, daß die Abgeordneten Mitarbeiter der Partei Organe werden. Genosse Kautsky weist den Vorwurf zurück, als ob er die Mitarbeiter der " Neuen Zeit" vertreten wolle und verteidigt den jungen Liebknecht, der ein tüchtiger Mann sei. Bollmar erklärt, daß der Streit kein Ende nehmen werde und die Sache über­haupt nicht besser werde, wenn fein regeres Interesse an der Neuen Zeit" eintrete. Genosse Stadthagen wendet sich gegen die Monatsschriften. Genossin Bettin bricht eine Lanze für die Neue Zeit". Genosse Ulrich meint, man solle wegen des guten Tones nicht so empfindlich sein. Schließlich wird die Weiterberatung auf Nachmittags 3 Uhr vertagt.

Das wäre, auch vom Centrumsstandpunkt ange­sehen, für die hessischen politischen Verhältnisse ein grober Fehler. Man kann dahingestellt sein lassen, ob die persönliche Empfindlichkeit mancher Centrumsführer gegen die Sozialdemokraten begründet ist; politisch un­flug aber wäre es ganz gewiß, dieser Empfindlichkeit zu Gunsten der Partei Ausdruck zu geben, die wie keine andere, dem Centrum feindlich gegenübersteht, die bon ihren traditionellen kulturlämpferischen Neigungen heutigen Tages noch beseelt ist und den fortschrittlichen Bestrebungen, denen dem Programm nach wenigstens

auch das Centrum huldigt, int günstigsten Falle nur laue Unterstützung, bielfach aber offenen Widerstand bietet der nationalliberalen Partei. Sie hat das Scheitern der Wahlrechtsreform in erster Linie zu ver­antworten. Im letzten Landtage noch zählte die nationalliberale Fraktion 20 Mitglieder, und der eine oder andere der Wilden kann in allen wichtigeren Fragen zu ihnen gezählt werden. Ein Zuwachs von wenigen Mandaten, der im Falle einer Unterstützung durch das Centrum feineswegs ganz ausgeschlossen wäre, würde genügen, um den Nationalliberalen bei einer Gesammtzahl von 50 Kammermitgliedern die Mehrheit zu verschaffen. Die Sozialdemokraten be­saßen bisher 6 Mandate, erheblich mehr werden sie,

Paris, 16. Sept. Ein Provinzblatt versichert, Be­weise dafür zu haben, daß der frühere Justizminister Hum­bert an den Betrügereien seiner Entelin, der Frau Humbert beteiligt gewes n ist. Das Blatt wirft Waldeck- Rousseau vor, die Angelegenheit erstickt zu haben, um mehrere seiner politischen Freunde, welche dabei kompromittiert seien, zu retten und fordert den Untersuchungsrichter auf, seinen Di­reftor zu vernehmen.

Ein steinern Herz

soll die Heldin des so betitelten Original- Romans aus der Feder der beliebten Erzählerin F. Klint- Lütets­burg, der heute in unserer täglichen Unterhaltungs­beilage beginnen wird, besigen! Gewiß ein harter Vor wurf, den eine egoistische Stiefmutter, eine verzärtelte Stiefschwester und ein unwürdiger, ehemaliger Lieb­haber gegen ein junges Mädchen erheben, das fich fräftig losringt von den fie umgebenden unhaltbaren Familienverhältnissen. In Wahrheit ist es aber ein echtes, edles Frauenherz, das vor den teilnehmenden Augen des Lesers seinen vollen Reichtum entfaltet und sich zur köstlichen Blüte wahrer thätiger nächstenliebe erschließt. Sie hat

Mit den Verhältnissen im deutschen Often das Herz auf dem rechten Fleck. wird sich aller Voraussicht nach demnächst der preußische Kronrat zu befassen haben.-Im Kultusministerium fanden Ergreifende Schilderungen aus dem Arbeiterleben, treff­lichung der Kultur- Bestrebungen für die Provinz Posen statt. Charaktere und vornehme Sprache vereinen sich mit bereits gestern und heute Besprechungen über die Verwirkliche landschaftliche Bilder, feine Durcharbeitung der Es wurde mitgeteilt; daß sich der Kaiser bei seiner neulichen packender Handlung zu einem Ganzen, das, wenn auch Anwesenh it in Poſen unter Ablehnung einer eigentlichen der Schauplatz nach Schweden verlegt ist, bei der Gleich­Hochschule für die Einrichtung fester akademischer Kurse in heit der Anschauungen hier und dort mit vollem Necht Posen entschieden hat. Infolgedessen wurde ein weiteres die Bezeichnung verdient: Vorgehen in diesem Sinne beschlossen. E.n echt deutscher Familien- Roman.

selbst wenn sie hie und da neue Erfolge erzielen sollten, auch im neuen Landtage nicht haben. Gewinne würden sie ja wohl zudem in der Hauptsache auf Kosten der Nationalliberalen machen; das könnte aber dem Cen­trum, dessen parlamentarische Bedeutung dadurch steigen würde, doch nur angenehm sein. Die leidenschaftslose, rein praktische Erwägung der Verhältnisse dürfte des­halb der Leitung des hessischen Centrums eine andere Taktik diktiren, als sie von manchen gereizten Heiß­spornen gewünscht und empfohlen wird.

Ein besonderes Interesse wird die Vergebung der Mandate in den Städten beanspruchen, namentlich in Darmstadt und Worms. In beiden Städten waren bislang die Nationalliberalen Inhaber der Landtagsfiße, und wenn auch in Darmstadt bei der letzten Ersatzwahl das eine der viandate an den Wilden" Morneweg überging, so ändert das im wesentlichen bei der Sache nichts. Man wird diesmals versuchen müssen, Vertreter

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Ein zweiter neuer Roman

- Als fünftiger Oberbürgermeister von Bofer, an Stelle des Geh. Regierungsrats Witting, der in das Direktorium der Nationalbank eintritt, gilt beginnt ebenfalls mit heutiger Nummer unterm Strich. der dortige Stadtverordneten- Vorsteher Justizrat Dr. Lewinsky.

- Oberstleutnant a. D. von Witzleben sagt über die Stavallerie attacken der lezten Kaiser manöver: Wir können nur konstatieren, daß der an den beiden letzten Manövertagen geführte Beweis von der Möglichkeit der Verwendung großer Reitermassen in der Schlacht und von der schwerwiegenden Be­deutung für den Erfolg des Tages bei richtiger Wahr= nehmung des zum Einsetzen günstigen Momentes schlagend genannt werden muß. Macht die auswärtige Presse ein Schaustück daraus, so ist sie von denjenigen Berichterstattern irre geführt, die die Form für das Wesen genommen haben."

der Städte in die Kammer zu entsenden, die besser als die bisherigen für die speciellen Bedürfnisse der städt­ischen Bevölkerung einzutreten gewillt sind. Das könnten nach Lage der Dinge nur Angehörige der ent­schtedenen Linken sein, und es steht zu hoffen, daß eine Verständigung über die Kandidaten zu einem Ginver­nehmen und geschlossenen Vorgehen führen wird. An tüchtigen und erfahrenen Männern fehlt es nicht, und es wäre sehr wohl möglich, bei geeigneter Personalwahl auch die linksnationalliberalen Elemente in eine Wahl­toalition einzubeziehen, die sich eine wirtschaftlich und politisch- fortschrittlich und sozial reformfreundlich ge­richtete Vertretung der Städte zum Ziele sezte.

Politische Dachrichten.

Berlin, 16. Sept. Die Enthüllung des Denkmals Friedrichs des Großen in Washington, das vom Kaiser gestiftet wurde, wird erst im nächsten Jahre erfolgen.

Der Bayerische Landwirtschaftsrat erläßt im Hinblick auf die große Wichtigkeit der Frage der Fleischversorgung in den größeren Städten durch sein Organ einen Aufruf an alle Landwirte Bayerns, der folgende Ueberschrift hat: Landwirte! Züchtet Schweine und bringt schlachtfähige Schweine baldigst

In Reichstagskreisen wird einer parlamenta­rischen Korrespondenz zufolge jetzt behauptet, daß nicht eine Unterkommission der Zolltarifkommission in offizieller Eigenschaft zusammentreten wird, sondern daß von den einzelnen Fraktionen bestimmte Vertrauensmänner die zweite Lesung vorberaten sollen. Auch soll der Zu­

zum Markt!"

Entlarvt

von Moritz Lilie, wird uns ebenso wie die bis jetzt ver­öffentlichten Romane infolge seines sehr spannend ge­schriebenen Inhaltes neue Freunde und Leser bringen. Diejenigen, welche am 1. Oktober die Gießener Neueste Nachrichten" bestellen, erhalten schon jetzt die Zeitung gratis zugestellt.

Kaiser Franz Josef verlieh von dem Gefolge des Deutschen Kronprinzen dem Obersten von Prizel­wig sein mit eigenhändiger Unterschrift versehenes Bild in Goldrahmen; dem Oberleutnant v. Stülpnagel wurde die Eiserne Krone 3. Klasse verliehen. Der Kronprinz überreichte dem ihm zum Ehrendienste zu­geteilten Feldmarschall- Leutnant Grafen Karl v. Auers­perg den Noten Adlerorden 1. Klasse und dem Oberst seines ungarischen Regiments Wilhelm Feigl den Kronenorden 2. Klasse.

Giessener Cagesneuigkeiten.

** Der Großherzog hat am 13. d. Mts. dem Mit­inhaber der Firma J. Langenbach u Söhne zu Worms, dem Kaufmann Rudolf Langenbach daselbst, den Charakter als Kommerzienrat verliehen.

Pfarrer Dr. Grein ist vom Großherzog Herr Pfarrer ** An Stelle des nach Darmstadt versetzten Herrn starl Scheuermann, bisher in Dalheim( Rhein­hessen), nach hier berufen worden.

Budapest, 16. Sept. Der Redakteur eines in Groß- Kikinda erscheinenden deutschen Blattes, Arthur Korn, wurde heute wegen der Veröffentlichung eines Gedichtes, das die Ueberschrift: Ich agitiere" trägt, von den Geschworenen des Szegediner Gerichts der Aufreizung schuldig gesprochen und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. In Hatzfeld fam es gestern in einem öffentlichen Speisehause zwischen mehreren deutschen Ortsinsassen und ungarischen Beamten zu einem Skandal, weil letztere nicht zugeben wollten, daß die Musikkapelle die Wacht am Rhein spielte. Die Szene endete mit einer argen Schlägerei.

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** In die hiesige Klinit eingeliefert wurde heute ein Arbeiter des Krupp'schen Bergwerks in Weilburg. Demselben hatte ein herabfallender Kamin den Ober­arm zerschmettert.

Gute Freunde. getreue Nachbarn und desgleichen. Ein Ochsengespann und ein vierschrötiger Bauer waren heute Morgen auf dem Wege nach Klein- Linden zu. Oben auf der Höhe bekommt das Bäuerlein Lust zum Rauchen, holt sein Pfeifchen aus dem Rocksack, stopft es und- um es zum Qualmen" fertig zu machen- streicht am rechten Oberschenkel ein deutsches Schwefelhölzchen an. Da- o Weh die Ochsen riechen Schwefel u. fort geh's im Galopp. Was macht der Bauer in seiner Hilflosigkeit, die Zügel waren ihm entfallen, er ruft die zuerst ihm begegnenden Passanten

zwei Damen und zwei Herren in bester Garderobe ( man sagte uns es wären höhere Herrschaften ge­wesen) an: Du, Du, he Du, hält mer mei Ochse uff, hält mer mei Ochse uff. Große Erheiterung bei den Nachfolgenden.

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