Ausgabe 
17.9.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 216.

Erstes Blatt.

Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., in's Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mr. 1 50. Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen( wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Mittwoch ,, den 17. September 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Insertionsprei 8: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberheffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen Neuenweg 28. Fernſprechaunschluß Nr, 362.

Nenelle Nachrichten Neueste

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Weklar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Drud und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

Was bieten die, Giessener Neueste Nachrichten" ibren Lesern?

Die Gießener Neueste Nachrichten" wollen zur politischen Aufklärung Jedermann beitragen und die Interessen aller Stände, vornehmlich die des gesamten Bürgerstandes und der wirtschaftlich Schwachen vertreten; sie dienen keiner ausgesprochen politischen Partet, aber weniger dem Interesse eines Einzelnen. порой Die Gießener Neueste Nachrichten" besprechen in zahlreichen Original- Leitartikeln und einer sorgfältig ausgearbeiteten politischen Rundschau die politischen und wirtschaftlichen Tages- und Zeitfragen in unabhängigem Sinne und Geiste. Täglich werden der Redaktion die wichtigsten Nachrichten aus aller Welt durch eins der größten Depeschen- Bureaus auf dem sichersten und schnellsten Wege übermittelt.

Zahlreiche Korrespondenten aus dem gesamten Verbreitungsgebiete unferes Blattes teilen alles Wissenswerte in volkstümlicher und kerniger Form mit, decken vorhandene Mißstände auf und geben so ein interessantes und treues Spiegelbild des ländlichen Lebens..

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Im lokalen Teil werden die Tagesneuigkeiten zur Kenntnis gebracht, kommunale Fragen und Wünsche besprochen, die Erscheinungen des Vereins­lebens registrirt, über die Stadtverordnetenjitzungen unterrichtet. Vorzügliche Romane, Feuilletons aus allen Gebieten, praktische Mitteilungen verschiedenster Art, allgemeiner Briefkasten bieten des Unterhaltenden und Belehrenden eine Fülle. In den Beilagen: Oberhessische Familienzeitung itung( täglich) kommen vorzügliche Romane und Packende Gedichte zum Abdruck, dabei ist für unsere Kleinen eine Rätselecke mit eingefügt.

Die Giessener Seifenblasen( wöchentlich) sorgen für den nötigen Wig und Humor und in der Oberhessischen Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst­und Gartenbau( wöchentlich) finden unsere Landwirte und Gartenbesizer reiche Anleitungen und Belehrungen für die Bewirtschaftung ihrer Ländereien und für die Haltung aller nütlichen Haustiere; den schädlichen Tieren wird zur passenden Zeit ein Wort für deren Vernichtung und Bekämpfung geschrieben.

Unablässig ist die Redaktion der Gießener Neueste Nachrichten" bemüht, den Kreis des Gebotenen zu erweitern, ausgehend von dem Gedanken, daß für das Volk nur das Beste gut genug ist. Man abonnirt für 60 Pfg. pro Monat bei freier Zustellung( incl. der drei Beilagen) bei unsern Trägern, in der Expedition, Gießen, Neuen weg 28, oder bei der Post. Die Redaktion der..Giessener neueste Nachrichten".

dem Geseße in flikt gerathen konnte und hatte be­

schlossen,

Renate

person in Sicherheit

bringen.

giltigkeit, fie zeigte auch wenig Interesse für das Ereigniß, pernahm das Alles mit anscheinender Gleich­

ganz Holmes in

nerfetzt

ihn auch noch aber

etwas angekommen und wird einige Zeit dort verweilen." zögernd bei, mein Cousin ist glücklich in Amerika in der letzten Zeit; aber einer Sorge Gottlob, für den Augenblick überhoben," fügte er t" begann Renate

noch nich

fühlte sich bis ins Innerste bewegt. Von einem unwider­eidung bot ein Bild unbeschreiblicher Verlassenheit. Paul ins Leere. Die gebeugte Gestalt in tiefer Trauer­Stuhl. Shre rechte Hand hing schlaff herab, ihre Augen Regungslos, blaß wie eine Leiche saß Renate auf ihrem

itohlid

urück und kniete an

Gesicht der Scheu und Angst. Schmerz, der die Leute da quält. tritt leise auf, es wird fast nur im Flüsterton gesprochen, selbst die Be­meisten aus dem Publitum erzählen stumm von schwerem Kummer. Man burch den Raum, jeder sieht den andern von der Seite an, mit einem amten mäßigen ihre Stimmen gleichsam in instinktiver Scheu vor dem Both nicht. ,, Was liegt daran," möchte man all Denen zornig Die Thorheit verläßt den Menschen Wie ein stiller Seufzer geht es Du selbst

nbriar

missen, daß

Ueber die hessischen Landtags- Wahlen schreibt die" Frff. 8tg." in ihrer gestrigen Abendausgabe: Das Großherzogtum Hessen steht kurz vor den Land­tagswahlen, die Ende Oktober die zweite Kammer zur Hälfte erneuern sollen. Fast hatte es den Anschein, als ob den Neuwahlen eine Veränderung im Staatsministerium voraus­gehen sollte; Staatsminister Rothe, so verlautete mit großer Bestimmtheit, sehe sich aus Gesundheitsrücksichten genötigt zurückzutreten. Es mag etwas an diesem Gerücht gewesen

1]

Entlarvt.

Roman von Moris Lilie.

I.

39dedni Trad ( Nachbruck verboten.)

Der Schloßherr von Roded.

In einem mit allem Lurus, den Reichtum und Geschmack zu bieten vermögen, ausgestatteten Erferzimmer ſeines Schloſſes faß der Graf von Rodeck und schaute ernst und sinnend auf die Landschaft hinaus, die sich vor seinen Blicken ausdehnte. Sein Blick war umflort und eine düstere Wolfe lagerte auf

der edelgeformten Stirn.

Ein trüber, bleigrauer Februarhimmel lag über der Natur ausgebreitet, und öd und freudlos schien es auch im Herzen des Eigentümers dieses herrlichen Schlosses und der dasselbe um­gebenden weiten Ländereien zu sein.

Draußen im Vorzimmer lehnten zwei Diener in reicher Livree, der Befehle ihres Herrn gewärtig. Der eine von ihnen war im Dienste der Familie ergraut; fein Gefährte war weit jünger und erſt vor einigen Wochen angenommen worden. Leise flüsternd unterhielten sich die beiden.

sein, da in der That der Gesundheitszustand des Leiters der hessischen Staatsgeschäfte zeitweilig sehr zu wünschen übrig ließ. Eine längere Erholungsfrist und die Kunst der Aerzte aber haben Herrn Rothe die volle Arbeitsfähig feit wieder gegeben, und so wird er denn hoffentlich noch lange in seiner ebenso einflußreichen wie verantwortungs­vollen Stellung ersprießlich wirken können. Er hat es in den vier Jahren seiner ministeriellen Thätigkeit verstanden, sich nicht nur die Achtung, sondern auch die aufrichtigen Sympathien der politischen Welt innerhalb und auch außer­

einstige Majoratsherr der Herrschaft Rodeck, war dem Grafen sehr ähnlich eine schöne, hochgewachsene Erscheinung, edel und hochfinnig, aber stolz und unbeugiam, wo es galt, seinen Stand zur Geltung zu bringen, oder seinen Willen durchzusezen. Wenige Tage, nachdem er zum Gesandten in Madrid ernannt worden war, stürzte er mit dem Pferde und blieb auf der Stelle tot. Der zweite Sohn, Udo, war das Ebenbild seiner Mutter. Kaum fünfundzwanzig Jahre alt, heiratete er ein Mädchen aus hoch­adeligem Hause. Aber das junge Weib brachte den Keim des Todes mit in die Ehe; sie starb nach zwei Jahren an der Schwindsucht, und wenige Monate später folgte ihr der junge Mann ins Grab. Nun blieb noch der jüngste und legte übrig, der Liebling des Grafen, Georg. Als er mündig geworden war, verließ er das väterliche Schloß und ging nach Wien, wo er ein etwas lockeres Leben führte. Die Verschwendung Georgs wurde mahnungen nichts fruchteten, kam er auf den Gedanken, ihn zu dem Grafen schließlich zu arg, und als er sah, daß alle Er­verheiraten. Als der Graf seinem Sohne von seinen Absichten Mitteilung machte, stieß er auf energischen Widerstand, weil

. dieser bereits verheiratet war. Ein blutarmes Mädchen, aber aus guter Familie, war seine Frau geworden; ihre sanfte Schönheit, ihr bescheidenes, zurückhaltendes Wesen hatten das Herz des jungen Mannes gefangen genommen und ohne langes Besinnen führte er sie zum Altare. Er hatte diesen Schritt seinem Vater verheimlicht, weil er dessen Stolz kannte und wußte, daß ihn gelegentlich mit seiner Frau zuſammenzuführen und durch fie dieser niemals seine Zustimmung geben werde; dennoch hoffte er, eine Versöhnung mit dem erzürnten Vater anzubahnen. Aber der Graf war über diese Mitteilung so empört, daß er seinen Sohn enterbte und verstieß. Und seitdem ist der junge Mann ver vollen Tage nie wieder genannt."

" Wie ich Dir schon jagte, Franz, es ist vieles im Schlosse anders geworden, ſeit ich vor länger als vierzig Jahren hier meinen Dienst antrat", sagte der Greis und legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes." Das Glück ist aus den Brunfgemächern dieses Grafenfißes geflohen und ein düsteres Verhängnis hat seinen Einzug gehalten." Er ließ das Keinn bekümmert auf die Brust sinken und schaute scholen, und der Graf hat seinen Namen seit jenem verhängnis­

finnend vor sich hin.

" Wie ist das alles aber so gekommen, Tom?" fragte der junge Lafai. L

Der geschwäßige Alte schwieg einen Augenblick und lauschte: denn drinnen im Zimmer ertönten die Schritte des Grafen, der ruhelos auf und ab ging. Dann fuhr Tom fort:

" Troß aller ſtarren Unbeugsamkeit, die im Charakter unseres Sohne forschen läßt; denn der Advokat, welcher so oft den Herrn liegt, glaube ich doch, daß er im geheimen nach seinem Grafen besucht, findet hier keine andere Beschäftigung."

" Ja, wie ist das gekommen", wiederholte der Alte tonlos. Es war, als müsse sich ein Fluch erfüllen, der auf dem Hause Roded lag, so plöglich und unaufhaltiam brach das Verhängnis herein. Nicht lange bevor ich in das Schloß fam, hatte unser gnädiger Herr geheiratet, ein junges, schönes Mädchen, die reichste Grbin in der ganzen Gegend. Drei prächtige Jungen schenfte ſie im Laufe der Jahre ihrem Gatten, und feine Wolfe trübte ſollte, sann wird wohl der junge Herr Ancelot hier Erbe des

bas Glück des gräflichen Paares während des langen Zeitraumes bon dreißig Jahren. Da tam ganz unerwartet der erste Schlag:

die Gräfin starb eines plöblichen Todes und ließ ihren Gatten,

Wenn der Verschollene nicht wieder aufgefunden werden

Grafen werden?" warf Franz flüsternd ein. Der andere zuckte die Achseln.

28ohl möglich!" verseste er. Jedenfalls wünscht das der Verzweiflung nabe, aurüd. Der älteste obm, Si, er niet heblicher, als er selbit. Er hat es verstanden, sich die

halb des Großherzogtums zu erwerben, und selbst die Ver­treter der Opposition haben mit der Anerkennung nicht zu­rückgehalten, daß Staatsminister Rothe stets redlich bemüht gewesen ist, den Aufgaben seines Amtes unparteiisch und nach bestem Wissen und Vermögen gerecht zu werden. Er ist kein Staatsmann mit blendenden Gaben, aber ein tüch­tiger und ehrlicher Mann, dem Voreingenommenheit gegen Parteien und Weltanschauungen jeglicher Färbung fern liegt. Das Großherzogtum Hessen ist unter seiner Leitung langsam, aber stetig vorangegangen in seiner Entwicklung, und

Gunst des Grafen zu erwerben, dessen Vertrauen zu gewinnen, aber sicherlich trägt er fein großes Verlangen, zwischen Vater und Sohn eine Aussöhnung herbeizuführen. Mir gefällt der junge Herr nicht; in seinem Wesen liegt etwas Lauerndes, heim tückisches."

" Ganz unverkennbar", stimmte Franz zu. Ist er schon lange hier im Hause?" feine Mutter ist Er tam nach dem Tode seiner Eltern eine weitläufige Verwandte der verstorbenen Gräfin gewesen Er wird das hierher und ist seitdem im Hause geblieben. Schloß wohl auch nicht wieder verlassen, wenigstens nicht frei willig, obgleich er ein ziemlich liederliches Leben zu führen scheint.

In diesem Augenblick wurde die Thür geöffnet und ein junger Mann trat ins Zimmer. Er mochte etwa sechsundzwanzig Jahre zählen; seine Gestalt war schlank und schmächtig, schwarzes, dichtes Haar umrahmte das schmale, gelbliche Geficht, aus welchem ein Paar unſtät umherblickende Augen hervorleuchteten; ein schwarzer Schnurrbart bedeckte die Oberlippe, und fräftig entwickelte Augenbrauen zogen sich am unteren Rande der Stirn hin. Der junge Mann war eine elegante Erscheinung und sein ganzes Wesen mit dem ausgeprägt romanischen Typus feffelnd und interessant.

Ohne die beiden Lakaien eines Blides zu würdigen, schritt er durch das Vorzimmer nach dem Gemache, in welchem der Graf weilte.

" Ah, glücklich wieder zurück, Paul und hast Du Hartwig angetroffen?" fragte der alte Herr den Eintretenden

" Ja, ich habe Ihr Schreiben in feine Hände gelegt und bin beauftragt, Ihnen diesen Brief zu übergeben", erwiderte Baul Ancelot, indem er ein verſiegeltes Papier hervorzog und dem Grafen überreichte. Mein Erscheinen in seiner Stanzlei war ihm ſehr erwünscht, und er erklärte, daß er noch heute Ihnen seinen Besuch gemacht haben würde, wenn ich nicht gekommen wäre." Haftig und mit leiſe zitternden Händen erbrach der Graf das Siegel, während die dunklen Augen des Franzosen mit feineswegs besonders freundlichem Ausdruck auf ihm ruhten.

Dem Himmel sei Dant, die legte Hoffnung meines Alters scheint sich verwirklichen zu wollen", sagte der alte Herr auf atmend. Georg ist gefunden."

Der junge Mann ward freidebleich, aber sein Gönner bemerkte es nicht; wieder und immer wieder las er den Brief.

Hat Ihr stolzer Herr Sohn fich endlich soweit zu demütigen vermocht, um an Sie zu schreiben?" fragte er mit gewohnter Freundlichkeit, aber unverkennbarer Bitterkeit im Ton.