Ausgabe 
16.7.1902 Zweites Blatt
 
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als unerläßlichen Bestandteil unserer deutschen Jugender ziehung erklärte, und das Verbot der Turnvereine aufgehoben wurde. Ueberall wurden neue Turnvereine gegründet, an deren Spize hochbegeisterte und vaterländisch gesinnte Männer standen. Oligi

Doch abermals drohte denselben der Untergang, als den hochgehenden politischen Wogen von 1848-49, denen ein großer Teil nicht entrinnen n konnte, die tiefe Reaktion der 50er Jahre folgte. Doch als die Ende der 50er Jahre im ganzen deutschen Vaterland ver­anstalteten Schillerfeiern das deutsche Volk aus seiner Letargie gerissen, da erwachten naturgemäß die Turn­bereine zu neuem Leben. Allerorten wurden neue Ver­eine ins Leben gerufen, dieselben in Gaue und Kreise eingeteilt, und so die Grundlage zu gedeihlicher Arbeit geschaffen. Ihre Einbürgerung im Volfsleben und thre fich über ganz Deutschland erstreckende Organisation wurde so recht eigentlich der Vorläufer der großen nationalen Bewegung, die endlich 1871 durch das frische Eingreifen von Preußens König und durch die eiserne Thatkraft seines energischen Kanzlers Bismarck in der Gründung des deutschen Reiches, ein geeintes Vaterland und den Boden für eine kräftige Weiterentwicklung fand. euch Wenn auch die politische Lage 1866 den Ausschluß Defterreichs notwendig machte, so ist doch der 15. Kreis, Deutsch- Desterreich, dem Verband erhalten geblieben und hat so das Band, das uns mit Desterreich verknüpfte, serhalten. Das Jahr 1866 hatte der Turnsache einen großen Rückgang gebracht, indem die vielen Fest- und Maulturner verschwanden, und als nun plößlich der große Strieg 1870 die deutsche Jugend unter die Waffen rief, wurden viele Turnpläge leer. Bon 14 715 einberufenen Turnern standen 11060 im Felde und erhielten 5 und ein Drittel Prozent das eiserne Streuz, wohl ein ehrendes Zeugniß bewiesener Tüchtigkeit. Außerdem zogen 1010 Mann mit Tragbahre und Verbandszeug hinaus, die Leiden Ender Opfer des Krieges zu lindern.

aja Die großen Erfolge der deutschen Waffen, die Gründung des deutschen Reiches, knüpften die auf natio­nalem Boden erwachsene Turnsache nur fester an das Vaterland, zu dem fie, hoch über dem Kampf der Parteien stehend, zu allen Zeiten stehen wird. Die Turnsache hatte von nun an auch allüberall in den Schulen ihren siegreichen Einzug gehalten. Die deutsche Turnerschaft, gegliedert in Gaue und Kreise, an deren Spize für die Sache begeisterte Männer stehen, schreitet bon da ab ruhig und stetig in ihrer Entwickelung vor­wärts. Während 1870 dieselbe in den 15 Kreisen 1038 Vereine mit 74595 Turnern zählte, ist die Zahl der Vereine heute über 6000 mit nahezu 700 000 Mitgliedern. Dieser herrliche Aufschwung ist um so erfreulicher, als er aus eigener Kraft hervorgebracht wurde. Durch ihr treues Festhalten an dem 1868 aufgestellten Grundge­setz, durch eine mustergiltige vorzügliche Organisation hat sich die deutsche Turnerschaft zu einem geachteten Faktor der deutschen Volks- und Jugenderziehung auf­geschwungen. Erst in den legten 15 bis 20 Jahren haben auch umsichtige Fürsten und Staatsmänner die Bedeutung und Wirksamkeit der deutschen Turnsache anerkannt und unterstüßt, durch lleberlassung von Turn­hallen, vermehrte Ausbildung von Turnlehrern und durch Teilnahme an den festlichen Veranstaltungen der Turnerschaft.

Aber auch in sozialer Beziehung ist die Turnsache bon höchster Bedeutung. Ist doch der Turnplatz der Boden, auf dem sich ohne Unterschied der gesellschaft. lichen Stellung alle die Hände reichen, die idealen Ziele der Turnerei ihrer Verwirklichung immer näher zu bringen. Hier steht der Gelehrte neben dem Hand­werker, der Kaufmann neben dem Arbeiter, sie alle fühlen sich gedrungen, gemeinsam dem idealen Ziele zuzustreben. Hier lernt der gewöhnliche Arbeiter die Notwendigkeit und Berechtigung des Gelehrtenstandes fennen, während andererseits auch dieser die Tüchtig feit des Handwerkers und Arbeiter der Turnplag der Ort

Unterschiede

gedrückt werden von dem nach Glanz strebenden Sport. Doch nur furze Zeit währte dieser Wahn; der gesunde Sinn unseres Volkes ist doch wieder zur Einfachheit zurückgekehrt. Der einfache Eichenkranz des Stegers im Wettkampf hat doch wieder den Sieg über die glänzende Medaile und den prunkenden Becher davon getragen.

Möge aber auch das Fest dazu beitragen, der Turnsache neue Freunde zu erringen und die Vorurteile zu beseitigen, welche noch hie und da vorhanden sind.

Vermischtes.

* Berlin, 14. Juli. Der ehemals populärste Kapell­meister Benjamin Bilse ist gestern in seiner Vaterstadt Liegnig nach längerem Krankenlager verschieden.

*

Hannover. Oberpräsident a. D. Rudolph von Bennigsen hat wiederum einen schweren Verlust er­litten. Seine Frau, Anna v. Bennigsen, ist im Alter von 69 Jahren infolge eines Herzschlages gestorben.

* Hostenit, 14. Juli. Im hiesigen Stohlenbergwerk wurde durch herabstürzende Kohlenmaßen ein Berg­mann getödtet und mehrere verlegt.

* Köln, 13. Juli. Internationales Rad­rennen. Beim 10 Kilom.- Rennen wurde Robl­München Sieger, Linton- London blieb 22 Runden zurück. Auch beim Einstundenrennen mit Motorschritt­machern schlug Robl seinen englischen Konkurrenten. Robl erhielt den 1. Preis von 2500 Mt.: er durchfuhr in einer Stunde 58,370 Kilometer, Linton 55,900 Kilometer, welcher den 2. Preis von 1500 Mt. erhielt.

* Neustadt a. d. H., 15. Juli. Zum Ort des mittelrheinisch- badisch- pfälzischen Verbandsschießens für 1904 wurde Bingen gewählt.

* Ein strebsamer Lehrer. Der aus Neu­fahlen gebürtige Lehrer Otto Mazz, der von 1893-95 das Landesseminar in Neukloster besuchte und bis 1899 in Stavenhagen an der Privatknabenschule als Lehrer wirkte, ist von der philosophischen Fakultät der Universität Leipzig auf Grund der Arbeit über krystalli­nische Leitgeschiebe aus dem mecklenburgischen Diluvium und nach einer mit Nr. 1 bestandenen mündlichen Prüfung zum Dr. phil. promovirt worden. Matz ist gegenwärtig Studirender und will demnächst die päda­gogische Staatsprüfung zur Erlangung der Lehrbefähigung in der Mathematik und in den Naturwissenschaften ablegen.

* Ein immer nüchterner Trinker. Eine der schwierigsten und anstrengendsten Beschäftigungen ist die eines Wein­reisenden. Das Geschäftsinteresse bringt es mit sich, daß er bei seiner Kundschaft recht viel verzehre, auch wenn er nicht die geringste Lust dazu hat, oder wenn es ihm nicht einmal gut bekommt. Diesen llebelſtänden hat nun ein Wohlthäter der Menschheit abgeholfen, indem er den Saug stock für Weinreisende" erfand, der alle Flüssigkeiten auf unmerkliche Weise erfand, der alle Flüssigkeiten auf unmerkliche Weise durch eine selbstthätige Pumpvorrichtung verschwinden läßt". Zugleich ist er ein eleganter Spazierstock", der außerdem das nicht zu unterschäßende Gute hat, wenn er auch voll ist, doch niemals voll" zu sein. Er schwankt nicht, redet feinen Blödsinn und beträgt sich überhaupt stets musterhaft, oder, wie man heutzutage als gebildeter Mann sagen muß, tadellos". Dafür ist ihm auch die Eigenschaft eines deutschen Reichs- Gesetz­Musters unter 70679 zuerkannt worden. nächsten Ausstellung, welche die Alkoholgegner ver­anstalten, wird er einen Ehrenplag erhalten und einen Bettel tragen mit der Aufschrift:" Ein Säugling fein Säufling!"

Bei der

* Bei einem Wetterschießen in Steier­mart ereignete sich ein schwerer Unfall. Ein Unwetter war über den Ort Weiz( Steiermart) aufgezogen, und man versuchte, durch Schüsse aus Wetterkanonen den Niederson

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handen ist, wird mit Generaldirektionsentschließung diese Postagentur am 31. Juli I. J. aufgehoben.

* Eine äußerst drollige Geschichte vom Ererzierplas macht in Berlin die Runde. Der Herr Unteroffizier hatte einen Einjährigen wiederholt vergeblich ermahnt, seine Gehwerkzeuge vorschriftsmäßig zusammenzuschließen. Der Einjährige hatte zwar nicht eigentlich-Beine, aber entschieden Anlage dazu. So viel er sich auch Mühe gab, ferzengerade dazustehen, es blieb zwischen den Knieen immer ein kleiner leerer Zwischenranm. der dem scharfen Auge des Unteroffiziers nicht entging. Ich will Ihnen was sagen, Einjähriger, bemerkte er endlich, indem er ein Markstück aus der Tasche zog nnd es dem Einjährigen zwischen die Knie drückte, die er mit Gewalt zusammenpreßte. Ich gehe nun fort und komme in fünf Minuten wieder. Wehe Ihnen, wenn Sie dann das Geldstück nicht mehr zwischen den Knieen haben!" Der unglückselige Gin­jährige merkte bald, daß er es in dieser Stellung nicht eine Minute aushalten würde. Was thun? Er über­legte rasch), wie er dem drohenden Ungewitter entgehen könnte, und verfiel dabei auf einen ebenso originellen wie glücklichen Gedanken: Er hob das Markstück, das zu Boden gefallen war, nach Ablauf der Frist von fünf Minuten in einem unbewachten Augenblick rasch auf, steckte es ein und klemmte sich dafür ein Zwei­markstück zwischen die Kniee. Na, Einjähriger", rief der Unteroffizier bald nach seiner Rückkehr, haben Sie das Geldstück noch zwischen den Knieen? Will doch gleich' mal nachseh n!" Auf einmal verklärte sich sein Gesicht. er hatte statt des Markstücks das Zweimark­stück vorgefunden. Schmunzelnd bemerkte er mit freund­lichem Augenzwinkern: Na seh'n Sie Einjähriger, das haben Steja ganz hübsch breit gedrückt.

* Mit dem Automobil auf den Turm. Den runden Turm in Kopenhagen besteigen wohl fast alle Ver­gnügungsreisenden, die die dänische Hauptstadt besuchen, da man von dessen Plattform aus eine prächtige Aussicht über die ganze Rhede von Kopenhagen und den Sund hat. Dieser Turm hat keine Treppen, sondern es zieht sich an der Außenseite des Turmes ein in schneckenförmigen Windungen ansteigender 12 Fuß breiter Gang empor, während nur zu der obersten Plattform eine 25 Fuß hohe Treppe führt. Soweit man weiß, hat seit dem Jahre 1716, wo Bar Peter der Große mit einem von vier Pferden gezogenen Wagen hinauf fuhr, fein anderer Wagen eine solche Fahrt unter­nommen. Am vorigen Sonntag früh hatte nun aber der Wertmeister und Vertreter ciner Kraftwagenfabrik in Baden in Begleitung eines Mitarbeiters der Illustr. Tid" eine Fahrt mit dem Kraftwagen bis zur Treppe im Turm( 90 Fuß hoch) unternommen. Die Auffahrt dauerte nur eine Winute und sie sowohl, wie die Rückfahrt verliefen vollständig glücklich.

* Alles Ueberteiben ist schädlich. Aus St. Moriß- Engadin wird geschrieben: Ein trauriger Rug be­wegte sich heute Nacht durch unser stilles Dorf: die Leiche eines Münchener Herrn, der vor acht Tagen seine Vaterstadt mit zwei Freunden frohgemuth verlassen hat, um zu Fuß in - von den Kameraden das Oberengadin zu wundern, wurde

des allzu früh Verstorbenen begleitet zu Thal geschafft. Herr Kentier Einstein, der erst 40 Jahre alt war, starb 24 Stunden nach seiner Ankunft nach fünftägigen, heißen Märschen über die Berge, an Erschöpfung.

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Die Leser der Gießener Neueste Nachrichten sollten dadurch mit unsere Zeitung in engere Verbindung treten, daß sie interessante Vorfälle, Mißstände aller Art, kurz alles für einen größeren Kreis Wissenswerte der Redaktion mitteilen. Wahr­heitsgemäße Korrespondenzen über interessante Vorfälle werden honoriert, Mißstände werden durch öffentliche Besprechung zur Kenntnis der berufenen Stellen gebracht und so how

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