Ausgabe 
14.8.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 186.

Oberhessische Fammenzeitung­

Hanns Heins, Hanns Jochen, Hanns Hermann.

( Schluß.)

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Sette 2.

Nr. 187.

Erstes Blatt.

Nov.nement preis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ins Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen viertel­jährlich Mt. 1.50.

Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obst- nnd Gartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.

Donnerstag, den 14. August 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Infectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreiſe Wezlar und Marburg 10 Bfg. fonft 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 resp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Ferusprechanschluk Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vor m. Wilh. Keller'ſche Buchdruckerei,( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

Minister von Podbielski und die

Landwirtschaft.

In der konservativen Elbinger Zeitung" wird der Reise des Landwirtschaftsministers von Podbielski nach West- und Ostpreußen eine Betrachtung gewidmet, in der es heißt:

Herr von Podbielski hat nunmehr seine Infor­mationsreise, die ihn fast durch ganz West- und Ost­Wie weit und ob preußen geführt hat, beendet. überhaupt diese Reise für unsere Ostprovinzen von Vorteil sein wird, wird die Zukunft lehren. Nament­lich aus Allenstein und Nikolaiken find Klagen darüber laut geworden, daß man dem Minister das, was eigentlich verbesserungswürdig ist, nicht gezeigt habe. Trotzdem muß aber anerkannt werden, daß sich der Landwirtschaftsminister seine Aufgabe, die Verhältnisse in unserem Osten fennen zu lernen, mit Ernst hat angelegen sein lassen. Im nächsten Winter wird er reichlich Gelegenheit finden, seine Er­fahrungen im Abgeordnetenhause zu verwerten und den landwirtschaftlichen Mitgliedern Rede zu stehen. Er sah mit kritischem Blick, prüfte und musterte alles und fand auch manches zu tadeln, denn es ist be­fanntlich nicht seine Gewohnheit, ein Blatt vor den Mund zu nehmen.

Seine umfassenden landwirt­schaftlichen Fachkenntnisse erregten allenthalben das Erstaunen der Landwirte, und selbst auf Ge­bieten, die ein Spezialstudium erfordern, zeigte er sich nicht nur aufs beste informiert, sondern vermochte auch praktische Winke zu geben über Verbesserungen und Vereinfachungen der Betriebsweise, Ersparung von Arbeitskräften, Verwertung neuer Erfindungen. Insbesondere trat das bei der Besichtigung der Inster­burger Torfbrikettfabrik( bei der übrigens jetzt die Höchster Farbwerke beteiligt sind) zu Tage, die dem Minister mancherlei neue Anregung verdankt. Der Minister interessirt sich lebhaft für ein neues Verfahren, Dachpappe aus Torf zu erzeugen, und versprach, diesen zukunftsreichen Fabrikations­zweig nach Kräften zu fördern.

Da Herr von Podbielski der einzige verantwort­liche Ratgeber des Kaisers ist, der das Ohr des Monarchen hat, so wird er hoffentlich Gelegenheit nehmen die Lage der oftdeutschen Landwirtschaft den thatsächlichen Verhältnissen entsprechend zu schildern, und damit mancherlei Voreingenommenheit auf ihr richtiges Maß zurückführen können. In seiner be­

In eigener Sache Richter. Roman von L. Haidheim.

( Fortsetzung.)

( Nachdruck verboten.)

- und so kommen Sie hierher und nehmen mit harm Lofer Heiterkeit die Gastfreundschaft im vertraulichsten Familien­freise an, lassen sich von dem thörichten Kinde befehren" und

und

Frohberg, halten Sie ein! halten Sie ein!" feuchte Ebern graubleich und ganz entſtellt vor Aufregung, fiel auf einen Stuhl und drückte die zu Fäusten geballten Hände auf seine Augen..

Burkard Frohberg war mit sich unzufrieden. Adelsberg hatte ihm die Geschichte vorgestern in Prag erzählt, aber als eine teil­weise Entschuldigung Eberns hinzugefügt, daß die betreffende Dame, die Braut eines Bezirksrichters in Agram, äußerst gefall­süchtig, eine der rücksichtslosesten Stoketten von Agram gewesen. Adelsberg hatte auch gesagt:" Sie hat ihn auf alle Weise heran­gelockt; man fann nie wissen wie die Dinge sich abgespielt haben, was aber alle wir Männer mit Entrüstung sahen, das war die Art und Weise wie Ebern nach der Katastrophe herzlos und gleichgültig seiner Wege ging und der Bezirksrichter war ein Ehrenmann."

So hatten beide schweigend vor sich hingestarrt.- Burkard sah mit geheimen Schrecken Joseph Eberns Büge ein immer ver­grämteres Aussehen annehmen. Ging ihm die Geschichte wirklich so nahe? Die er doch bis jest so sehr leicht getragen?- Unmög lich! Oder war es der Gedanke an Lischa? Ach, er war weit entfernt zu ahnen, welche Qualen Vetter Ebern ausstand in dem Bewußtsein an die schlimmste Stunde seines Lebens, die, nach dem Tode des Großvaters.

Mir bleibt nichts, als die Kugel! Die gräßliche Er­innerung wacht immer wieder auf, der Fleck auf meiner Ehre brennt wie äßendes Gift immer weiter!" schrie es in seinem Herzen.

Jegt raffte er sich zusammen..

" Ich sehe ein, daß es für mich keine Hoffnung mehr glebt, Frohberg. Was ich thun werde, vermag ich jest nicht zu Sagen

" Sie gehen nach Wien, Ebern, stellen fich und werden ein tüchtiger Soldat. Und dann wenn Sie mit der Armee die Preußen gebührend heimschicken, dann begegnen wir beiden uns boffentlich und ich kann Ihnen die Hand geben und Ihnen sagen: Jest baben Sie den Flecken abgewaschen, Better!"

kannten humorvollen Art, die dem Kaiser so sehr gefällt, gelingt es Herrn v. Podbielski, der Seine Majestät auch in seiner Behausung als Gast sieht, weit leichter, seine Ideen an höchster Stelle durchzu setzen, als seinen Ministerkollegen, die oft monatelang nicht zum Vortrag befohlen werden. Die Land­wirtschaft sollte sich daher diesen ein flußreichsten Minister warm halten, auch wenn sie gelegentlich durch ein derbes Wort vor den Kopf gestoßen wird.

sich durch diese Handlung kennzeichne sowohl gegen das Haus Wittelsbach im Allgemeinen als auch gegen die erhabene Person des Prinz- Regenten, welche stets als ein Muster der Hebung und Unterstützung der Kunst ge­glänzt habe. Er, der Kaiser, bitte ihn, den Prinz­Regenten, die Summe, welche er benötige, ihm zur Verfügung stellen zu dürfen, damit er in der Lage sei, in vollstem Maße die Aufgaben auf dem Gebiete der Man hat viel davon gefabelt, daß Herrn Kunst, welche er sich gesteckt habe, zur Durchführung v. Podbielski die schwierige Aufgabe übertragen worden zu bringen. Der Prinz- Regent antwortete, es dränge ihn, sei, anläßlich seiner Informationsreise Bündler und seinen innigsten Dank für das warme Interesse an Konservative für den Regierungsstandpunkt in der seinem und seines Hauses Bestrebungen auf dem Ge­Zollvorlage und für den Kanal zu gewinnen. Ob biete der Kunst und für ein so hochherziges Anerbieten Herr v. Podbielski für den Zolltarifentwurf Stimmung gemacht hat, wissen wir nicht; das ist jedoch That: auszusprechen. Zugleich freue es ihn, dem Kaiser mit­sache, daß der Kanal mit feinem Wort erwähnt teilen zu können, daß durch den Edelfinn eines seiner worden ist. Herr v. Podbielski hat sogar einen Reichsräte, welcher die abgelehnte Summe zur Ver­wahren Horror vor allem, was mit der wasserwirt- fügung gestellt habe, seine Regierung in die Lage ver schaftlichen Vorlage zusammenhängt, und äußerte jüngst, als man fragte, warum er das ihm an­getragene Eisenbahnministerium nicht übernommen habe: ich werde mir doch nich mit dem Lausekanal born Bauch stoßen lassen." Sr. Majestät erklärte er, daß er eine komische Figur abgeben würde, wenn er als ehemaliger Soldat und späterer Landwirtschafts­minister nun auch noch die öffentlichen Arbeiten über nehmen würde. Den Lausekanal" durchzusehen, ist lediglich Aufgabe des Ministers Budde, den es an­gesichts der hierzu notwendigen Sisyphusarbeit wohl noch manchmal gereuen wird, seine schöne lebens­längliche mit 200 000 Mt. pro anno dotierte Stellung bei den Löwe'schen Gewehrfabriken gegen einen farg dotierten preußischen Ministerposten eingetauscht zu heben."

Politische Nachrichten.

Zwischen dem Kaiser und dem Prinzregenten von Bayern sind Telegramme ausgetauscht worden. Das Telegramm des Kaisers ist aus Swinemünde vom 10. August datirt. In demselben heißt es, daß der Kaiser mit tiefster Entrüstung von der Ablehnung der von dem Prinzregenten geforderten Summe für Kunst­zwecke gelesen habe. Er eile, seiner Empörung Aus druck zu verleihen über die schnöde Undankbakeit, rwelche

Der Mutter Herz 30g sich schmerzhaft zusammen. War sie neidisch? Indes aber Koloniz die geliebte Lischa der Mutter zuführte und sie ernst und fest um ihren Segen bat, war Frau von Waz law immer die feine, tattvolle Dame!- lautlos hinaus­geglitten und zu Burkard geeilt.

Sie werden doch für einen Moment noch mitkommen, Better?" fragte Burkard Frohberg.

, sicher! Gewiß! Wir Wenschen von heute wissen doch, daß die Hauptsache für uns ist, nicht aus der Rolle zu fallen. Ich entsege mich alle Tage mehr über mein Talent zu schan­spielern."

Noch ganz blaß, ia geradezu frank aussehend, trat er vor den Spiegel, bürstete sich Haar und Bart, verzog das Gesicht zu einem mastenhaften Lächeln und schaute sein eigenes Bild mit todunglücklichen Augen an.

Welch ein Feigling ist man! Wie wilde Tiere fräßen wir uns untereinander auf, zerrissen und zerfleischten einander, wenn man der Wahrheit die Ehre gäbe. Wahrheit! Wahrheit! Lüge ist das ganze Leben und wehe dem der etwa nicht mitlügen wollte."

Burkard ließ ihn reden. Er fannte diesen galligen, ver­bitterten Ton- vielleicht redete sich der arme Kerl die schwerste Last damit von der Seele. Er seinerseits wechselte schnell den Reiseanzug. Wie schwer war ihm zu Mute und wie so ganz anders hatte er sich die Freude ausgemalt, wenn Lischa sich einmal verloben würde.

Graf Joseph hatte nur zu sehr recht mit der Schauspielerei! Lächelnd famen beide Vettern herein, herzlich begrüßten sie das neuverlobte Paar und mit schier unbegreiflicher Leichtigkeit wußte fich Ebern dem Grafen Koloniz gegenüber sogar in eine Wärme hinein zu phantasieren, gegen die Burkard ernst und falt erschien. Für legteren wurde es eine Erleichterung, als Graf Joseph sich empfahl und erst dann taute er selber auf. Die Herzens freude an Lischas Glück fam erst dann voll zu ihrem Recht, als er sie so unbefangen und so echt bräutlich fand. Es machte sich ganz von selbst, daß sie dem Verlobten erzählte, wie sie ihre Dankbarkeit gegen Gott für das ihr erblüte Herzensglück nicht besser habe beweisen fönnen, als indem sie dem armen Vetter, der, wie wohl selten ein Mensch, ohne Elternliebe, ohne jede Teilnahme aufgewachsen sei, eine Schwester zu werden gesucht.

Burkard jah, noch während sie den armen verwahrloſten Joseph beklagte, wie durch Kolonis Augen und Mienen das Wissen das schlimme Besserwissen buschte. Er kannte also auch die Agramer Geschichte?

setzt sei, getreu den Traditionen seines Hauses wie seines Volkes die Pflege der Kunst als eine seiner bor­nehmsten Aufgaben unentwegt fördern zu können.

Die Frff. 3tg." schreibt dazu: Das Telegramm des Kaisers an den bayerischen Prinzregenten gehört zu jenen impulsiven Aktionen, die aus den besten und berechtigtigtsten Empfindungen hervorgegangen, doch der Sache zum Mindesten nicht förderlich sein werden. Gewiß hat der Kaiser nur den Gefühlen Ausdruck ge geben, die jeden feinfühlenden und kunstfreundlichen Mann angesichts des Verhaltens der bayerischen Gen­trumsmajorität beseelen. Wohl Jeder dem die fultureelle Entwicklung des deutschen Vaterlandes am Herzen liegt und der die vornehmste Aufgabe der einzelstaat­lichen Regierungen in der Pflege der Wissenschaften und Künste erblickt, hat es, wie der Kriser, als eine Schmach empfunden, daß eine fulturfeindliche Zufalls­majorität Bayern den Stempel des ödesten Banausen­tums aufdrücken durfte. Doch gerade vom Kaiser durfte jener elementare Ausbruch der Empörung gegen die Majorität des bayerischen Landtages nicht kommen, sollte das Centrum nicht die erwünschte Gelegenheit erhalten, die von ihm schon in Anspruch genommenen patrikularistischen Instinkte der bayerischen Bevölkerung für seine politischen Zwecke. mit Erfolg aufzustacheln. Bislang fehlte es ihm dazu an greifbarem Anlaß, und seine Aufreizungen machten deshalb bisher geringen

-

" Ich glaub's nicht;- aber sei es so! Und nun möcht' ich zu Haus, lassen Sie mir ein Pferd satteln, Frohberg; die wonneselige Schwiegermama" heute noch einmal zu ertragen Gnädiger Herr es ist ein Besuch vorgefahren, ein Herr. Ich hab' ihn zu der Gnädigen geführt- er wollte es so!" meldete ein noch sehr jugendlicher Diener.

Wer tann es sein?" fragte Burkard.

Der Bursche wußte es nicht zu sagen. Jofeph Ebern wollte eben aufbrechen, als Frau von Wazlam eilig eintrat:" Burkard, - es ist Koloniz! Er fommt als Freier um Lischa."

Sie fab grenzenlos überrascht aus, fast ein wenig mißge­ftimmt. War es denn möglich? Lischa! die kleine Lischa sollte eine Gräfin Koloniz-? Dann sah sie, wie Graf Joseph freidebleich an der Thür lehnte. Ebern? Graf Ebern--? Sie werden doch nicht so wahn­finnig sein an Lischa-?" stammelte fie.

" Nein, o nein, gnädige Tante, ich bin ja doch ein leiblich bernünftiger Mensch!" suchte dieser zu scherzen.

Bitte Tante Wazlaw, gehen Sie voran, melden Sie, Joseph und ich kommen fofort; nicht wahr, Better? Wir hätten nur noch eine kleine Geschäftsangelegenheit

-

Frau von Wazlam ging. Sie war sehr nachdenklich ge­worden. Lischa betam also einen jungen, reichen ungarischen Magnaten und ihre Maria nur einen alten Baron? fünfzig Jahr alt! Ihre ganze Freude fiel wie ein Startenhaus zu­fammen.

Als sie zu ihrer Freundin wieder eintrat, ging dieſe in tiefer Bewegung im Zimmer auf und ab und wies lächelnd auf ein Nebenzimmer, in welchem das junge Baar sich eben aussprach und die ersten Küsse tauschte.

" So hast Du dies lange gewußt?" fragte sie vorwurfsboll. " Daß er fie liebte, ja schon damals in Graz. Aber er wollte sein fünfundzwanzigstes Jahr vollendet haben, damit niemand ihm darein reden durfte, so vertraute er mir und Lischa hat er es auch gesagt."

" Und fie liebt ihn?"

" Aber würde sie denn sonst so selig-?"

Ja, ja! Frau von Wazlaw hatte Beugin sein dürfen mie Koloniz ganz unerwartet eintrat und ohne ein Wort zu Lischa trat, der trötenden Hand ergriff und ihr ernst und fest in die Augen, die schönen goldigen Augen sah. Und da hatte ein so feliges Lächeln Lischas reizendes Gesicht überflutet! Ob Maria wohl je so lächeln würde?

Fortsetzung im zweiten Blatt.)