Ausgabe 
9.8.1902 Erstes Blatt
 
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Nr. 183.

Erstes Blatt.

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Zu beziehen durch jede Buchhandl Med.- Rat Dr. Müller über das

87. Aufl. erschienene Schrift des

gestörte Nerven und Sexual System

lzusendung für 1 Mk. in Briefmark

] Curt Röber, Braunschweig

Samstag, den 9. August 1902.

Gießener

11. Jahrgang.

Jusectionsvreis: Die einspaltige Petitzeile für Gießen wie ganz Oberbeffen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Pfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg.

Postzeitungsliste No. 3032.

Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Fernsprechanschluk Nr. 362.

Neuelle Nachrichten

( Gießener Tageblatt)

Anabhängige Tageszeitung

( Gießener Zeitung)

für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung.

Druck und Verlag der Gießener Verlagsdruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei,( gegr. 1783); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen

Politische Nachrichten.

8ur Kaiserbegegnung.

Petersburg, 8. Aug. Von Teilnehmern an der Revaler Monarchen Zusammenkunft wird berichtet, daß Kaiser Nikolaus sowohl auf der Hohenzollern" wie an Bord des ,, Standard" mehrfach eingehende Besprechungen mit dem Reichskanzler Grafen Bülow geführt hat. Kaiser Wilhelm zeichnete wieder holt den Grafen Lambsdorff durch Unterredungen aus.

Reval, 8. Aug. Für den Besuch der Stadt Reval durch den Kaiser sind die Hauptvorbereitungen getroffen worden. Das gestrige Diner an Bord des" Standard" dauerte zwei Stunden. Nach seiner Beendigung schritt Kaiser Wilhelm die Front der von ihm dekorirten russischen Würdenträger und Offiziere ab, an deren Spitzen Graf Lambsdorff und Baron Fredericks die Insignien des Schwarzen Adlerorden trugen. Mit dem Nitterschaftshauptmann von Dellingshausen hatte Kaiser Wilhelm ein längeres Gespräch, in welchem sein großes Interesse an der Geschichte Revals hervortrat. In der Ansprache des deutschen Kaisers an die russischen Offiziere war jede politische Anspielung vermieden. Die Jllumination der Schiffe war von wunderbarer Wirkung. Die heute früh abgehaltenen Schluß- Manöver find programmmäßig verlaufen.

-

Zur Heimreise des Kaisers wird aus Reval gemeldet: Die Abreise der Hohenzollern erfolgte bei leicht bewölkten Himmel. Zahlreiche beflaggte und geschmückte Dampfer und Boote begleiteten unter leb­haften Ovationen der Insassen die Kaiseryacht bei der Ausfahrt. Die Verabschiebung der beiden Kaiser war eine äußerst herzliche. Kaiser Wilhelm äußerte sich über den Verlauf des Besuches sehr befriedigt. Kurz vor der Abfahrt empfing der Kaiser eine Deputation des deutschen Wohlthätigkeitvereins, der er für die Album­bilder von Reval dankte. Zum großen Leidwesen der Bevölkerung war der Stadtbesuch des Kaifers aufge­geben worden.

Berlin, 8. Auguft. Sämtliche Abendblätter be­sprechen das Ableben von Bennigsen's. Die Nord­deutsche Allgemeine Zeitung" fchreibt: Mit dem Ver­storbenen ist ein Mann aus dem Leben geschieden, der an der Gestaltung unserer vaterländischen Geschicke in bedeutsamer Zeit einen hervorragenden Anteil gehabt, der allezeit mit patriotischer Hingabe das große Ziel im Auge behalten habe, Deutschland einig und stack zu Angelegenheit nimmt neuerlich für die Aktionäre eine ernsthafte Wendung, als die Gesellschaft Kredit auf genommen hat und im wahrscheinlichen Falle

In eigener Sache Richter.

Roman von L. Haidheim. ( Nachdruck verboten.)

( Fortsetzung.)

Im Hotel mußte er sich zusammennehmen. Ihm war, als sei dieser notwendige Zwang das, was der Bügel für ein auf­geregtes Pferd ist.

Zur legten Minute kam er noch zum Buge zurecht, sprang in das nächste Rauch coupee und warf sich in die Wagenecke, froh des herandämmernden Abends, der ihm gestattete, vor sich hin zu grübeln.

Lange dauerte dies Vergnügen" nicht; iemand, der mit ihm in demselben Abteil saß sie beide waren die einzigen Fahrgäste erster Klasse sprang empor und ließ die dunkle Hülle von der inzwischen angezündeten Lampe zurückschnellen.

Eine Dame? Und sie rauchte ihre Cigarre mit sichtlichem Vergnügen.

Obwohl in Desterreich sehr daran gewöhnt, verabscheute Burkard von Frohberg das Rauchen der Damen und warf seiner Begleiterin einen feindseligen Blick hinüber; dann drückte er den Hut noch tiefer in die Stirn und wandte das Gesicht dem Fenster zu. Draußen war es völlig dunkel, man fuhr im freien Felde, zu sehen gab es dort nichts, aber in den Scheiben spiegelte sich das Innere des Wagens und so sah er, nicht ohne momentane Erheiterung, daß die Dame mit den Manieren eines Gaffenjungen ganz vertraut schien, denn sie machte ihm mit graziösem Uebermut hinter seinem Riiden eine Grimasse, bei welcher ihre beiden kleinen weit ausgespreizten Hände und ihr verschleiertes Näschen die Haupthandlung besorgten.

Dann drehte sie ihm ebenso den Rücken zu. Lange hielt fie es aber nicht aus; sie gähnte recht ungeniert, dann erhob sie sich, nahm, die Cigarre vorsichtig hinlegend, ihren Hut ab, rauchte ein paar Züge, fämmite sich die Frisur zurecht, that wieder einen Zug, nahm Puder und Puderauast aus dem hübschen Ledertäschchen und machte sich in größter Gemütsruhe an ihrer Toilette zu schaffen, immer zwischendurch rauchend, gähnend, oder auch vor sich hin­murmelnd, wovon er nur Variationen des Wortes langweilig" verstand.

Er sah sich nicht um; der Gedanke, mit dem degagierten Fräulein reden zu sollen, war ihm widerwärtig, aber ihr Spiegel­bild, so unflar und verzerrt es auch war, erinnerte ihn an etwas Hübsches, Bekanntes- es wurde ihm nicht klar, woran?

sehen und inmitten des Parteigetriebes niemals den Blick verloren für den zur Sicherung des Errungenen notwendigen Zusammenschluß aller national gesinnten Elemente. Das deutsche Vaterland beklagt bei seinem Heimgange den Verlust eines seiner besten Söhne.

"

Die Deutsche Tageszeitung" schreibt am Schlusse ihrer Auslassungen: Der nationalliberalen Partei hat sein Ausscheiden aus dem Parlament eine unausfüllbare Lücke beigebracht. Sein Tod ist vielleicht geeignet, die von ihm stets hochgehaltenen Traditionen wieder auf leben zu lassen. Wir zollen dem Heimgegangenen für sein nationales Wirken volle Anerkennung und stehen trauernd an seinem Grabe.

Die" Post" bemerkt: Herr von Bennigsen sei Zeit seines Lebens eine innerlich gefestigte, zielbewußte Per­sönlichkeit gewesen, die selbst dann imponiert habe, wenn fie irrte. Bennigsen sei eine Glanzerscheinnng gewesen und seine Führerschaft die Glanzzeit des National liberalismus. Die Epigonenzeit habe keinen Mann hervorgebracht, der ihm vergleichbar wäre.

Die Berliner Neuesten Nachrichten" meinen, mit Bennigsen gehe der letzten einer, welche an dem Werden und dem Aufbau des neuen deutschen Reiches in bedeut­samer Arbeit beteiligt gewesen seien. Mit der Reichs­gründung werde sein Name im dankbaren Gedächtnis der Nation verknüpft bleiben.

Die Germania" bezeichnet den Verstorbenen als einen der hervorragendsten Parlamentarier und den be­deutendsten Führer der Nationalliberalen.

Die Deutsche Tageszeitung" führt aus, daß die nationalliberale Partei in ihm ihr geistiges Haupt, das deutsche Volf einen treuen deutschen Mann verloren habe.

Die Staatsbürger- Zeitung" bringt die Meldung von dem Ableben Bennigsen's mit dem Zusatz: Wiederum hat der Tod einen Parlamentarier- Veteran, einen Vorfämpfer des deutschen Einheitsgedankens dahin­gerafft.

Das Berliner Tageblatt" schreibt: Mit der großen Entwickelung unserer vaterländischen Dinge in Preußen sowohl wie im Reiche sei der Name Rudolf von Bennigsen für alle Zeit unauflöslich verknüpft.

einer starken Magenverstimmung litt. von Bennigsen hatte sich an einer Wärmflasche eine Wunde am Bein zugezogen, welche anfangs nicht beachtet wurde. In den letzten Tagen verschlimmerte sich jedoch die Wunde und dehnte sich immer weiter aus. Vermutlich dürfte Blutvergiftung hinzugetreten sein.

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Die Bolltariffommission des Reichstages hielt gestern ihre 100. Sitzung ab. Am Blaze des Bor­sigenden Rettich prangt ein großer Blumenstrauß mit hundert Rosen und einer vom Abg. Dr. Beumer verfaßten Widmung. Vorsitzender Rettich dankt für den Rosenstrauß und das Ge­dicht. Ein Teil der Ehrung falle auf den früheren Vor­sigenden v. Kardorff zurück, der die Beratung des Zollge setzes geleitet habe. Mit der hundertsten Sizung habe die Kommission einen parlamentarischen Reford erzielt, denn die Kommission für das Bürgerliche Gesetzbuch habe es nur auf 70-80 Sigungen gebracht, während die Roll­tarifvorlage jetzt in der 100. Sißzung noch nicht erledigt sei. ( 3wischenruf des Abg Dr. Müller- Sagan: Also weiter wursteln, damit sie einen noch höheren Rekord erzielt! Heiterkeit.) Das vom Abgeordneten Dr. Beumer verfaßte Gedicht hat folgenden Wortlaut:

" Zum hundertsten Male die Kommission Tritt heute zur Sizung zusammen.

Hier schlugen zum gütigen Himmel hinauf Der Rede zündende Flammen.

Du hast uns geleitet mit freundlichem Sinn, Zum Dant nimm die Gabe, die duftende, hin; Auch ferner benimm hier so nett dich

Als Tarif- Präside, Freund Rettich!" Berlin, 9. Aug. Aus Tokio wird telegraphiert: Der Hauptheld des japanisch- chinesischen Krieges Ad-­miral Marquis Saigo ist gestorben.

Gegen das Fortbestehen der Kamerun- Hinterland- Gesellschaft in ihrer jezigen Form spricht sich die Koloniale Zeitschrift, welche seit dem Jult von dem bekannten Kolonial­politifer G. Meinecke herausgegeben wird, auf das energischste aus. Es wird dort ausgeführt, daß die Gesellschaft schon 1893 als Attiengesellschaft gegründet werden sollte, über ein Syndikat aber nicht hinausfam und von der Kolonialabteilung wegen mangelnder Grundlagen niemals die Rechte einer Deutschen Stolonial­Gesellschaft erhalten konnte. Die Gesellschaft richtete sich aber vollkommen als deutsche Kolonial- Gesellschaft Zum Ableben des früheren Oberprästein, mit Aufsichtsrat und Vorstand, ja sie suchte sogar denten von Bennigsen erfahren wir noch, daß denten von Bennigsen erfahren wir noch, daß Vorzugsanteile auszugeben, nachdem sie bereits 80,000 derselbe bereits seit Samstag bettlägerig war und an Mark in das afrikanische Geschäft gesteckt hatte. Die

Wie aus Hannover gemeldet wird, erfolgt die Bei­setzung des verstorbenen Oberpräsidenten von Bennigsen im Garten des Gutes Bennigsen neben den Gräbern seiner Frau und seiner Söhne.

Aber mehr und mehr amüsierten ihn die leichten, eleganten Bewegungen seiner Reisegefährtin.

Auf einmal schrie sie auf:- ein ganzer Haufen von ihren Toiletterequisiten war auf den Boden gerutscht, der Rest drohte bon dem Sie auch noch herabzugleiten. Gleichzeitig riß der Schaffner die Wagenthür auf, die Fahrkarten nachzusehen;- es entstand eine momentane Konfusion, sie fand ihre Starte nicht sofort. Der Schaffner beruhigte, zu Burkard gewendet, er werde später nochmal anfragen, wenn Frau Gemahlin fertig sei mit dem Busammenpacken.

Fehlte just noch! Frau Gemahlin!" murmelte lauter, als ste selbst wissen mochte, die Dame, während sie ihre Sachen auf­hob und Burkard, als höflicher Mann, ihr dabei schweigend half Dann richteten sie sich zu gleicher Zeit empor und nun fiel das Licht hell auf beide Gesichter.

Regungslos starrten sie sich an, mit großen erschrockenen Augen. Beide die Farben wechselnd.

Auf einmal flog über der Dame Antlig ein äußerst liebens­würdiges sonnenhelles Lächeln und mit dem Ton fröhlichsten Erkennens hatte sie schon gerufen:" Und ob mein Schuppatron nit a Brachtmand'l is! Der Burkard! Den Burkard beschert er mir!" ehe dieser über sein grenzenloses und nicht ebenso an­genehmes Erstaunen Herr wurde. Sie bemerkte sein Mißbehagen durchaus nicht. Beide Hände hielt sie ihm mit ihren kleinen elegant behandschuhten Pfötchen fest, tief in die Augen blickte sie ihm und jubelte und lachte: Der Burkard Frohberg! Meine erste Liab'! Meine erste und beste Herzensliab'!"

Lenette! Lenettli! Wo kommst denn Du her? In diesen Bug?" stammelte er verlegen und linkisch.

Sie lachte amüsiert laut auf. So a feiner Kavalier und so ganz a großer Herr ist er worden und noch just so brummig schaut er aus und so steif ist er, wie dazumal- als- wir busseln thäten! Gelt? War' ne schöne selige Zeit? Herr Gott, was hab ich den Brummbär lieb gehabt! Na, vorüber is! Mir sein beide ein ganz Teil vernünftiger und gesezter worden! Gelt?"

Ihm war schwindlig von all der Ueberraschung, dem Schrecken und dem- Entzücken an der einstigen Geliebten", seiner Schülerliebe. Wie ein Zauber war's, den sie mit ihren herzigen Augen anrichtete, mit ihrer zärtlichen Stimme, daß alle jene völlig vergessenen Tage der erſten Liebe mit all ihren Wonnen plöglich wach und lebendig vor ihm standen, wie eine große un­gehoffte Freude. Gott! wie sie sich geliebt hatten, er und des

Kammerdiener Melchers Lenette. Kein Mensch wußte darum, ganz still und heimlich war das wonnige Glück gewesen.

Und seit Jahren hatte er nie, nie mehr an Lenette Welchers gedacht!

Dennoch regte ihn diese Erinnerung auf, durchschauerte ihn wie damals. Er war ehen durch und durch aufgeregt. Jm Be­trachten der reizenden jungen Frau, die Lenette inzwischen ge­worden, vergaß er sich ganz und sie fühlte, daß er trog der finsteren Miene sich freute, daß er sie noch heute entzückend fand, reizender als selbst damals. O, sie war das auch! Sie wußte selbst nur zu gut, daß sie bezaubern, hinreißen fonnte, wenn sie wollte. Und mit aller ihrer weiblichen Tücke dachte sie sofort daran, ihre Macht über ihn zu erproben, nur zum Zeitvertreib. während der langweiligen Fahrt.

Das alles ging in beiden schnell wie ein Blig vor, wäh­rend er ganz verwirrt fragte:" So sag' doch Lenette, woher? wohin? bist Du verheiratet?"

Na, gewiß bin ich das und mein Mann, das gute Duferl, der verwahrts Haus. Aber komm, alter Schas, laß uns ver­nünftig sein und plauschen wie zwei gute Freund'! Lieber Him­mel, lang, lang ist's her, und jünger find mer fre li nit worden, aber Du, Du bist ja grad' zum Verlieben für irgend ein Komtessel oder so was feines. Ganz wie der Hans Heiling" schaut er aus! Gott, wenn der Liehnel den singt. Erinnerst Dich noch an den Liehnel mein Schas" von ehedem?"

Wie sie lachte! Er sah sofort sie hatte noch die Grübchen in den Wangen, wie damals! Und wie sie sich herausgemaufert hatte, die kleine Lenette! Weiß der Himmel, ganz wie eine vor. nehme Dame und alles an ihr so chic und so fleidiam!

Sag' mir noch erst, Lenette, bist Du zum Theater gegangen? Damals war es Dein heißestes Verlangen? Und wer ist der Liehnel? Bist Du am Theater?"

Aber sicher! Und Du hast doch gewiß schon von der Mertoni gehört oder gelesen? In Dresden am Hoftheater bin ich- Koloratur. Na, na, ich will Dir nichts vorlügen, freilich bin ich in Dresden gewesen, aber nur so zum Anfang, für die fleinen Singſtücke, weißt, zu Opern reichen meine Stiinste nit, aber die Preciosa, die sing' ich Dir, daß alle weinen, und Singvögelchen und so was und jest nächstens geh' ich nach Wien. Aber gut geht mir's; mein Mann hat ein hübsches Geld und ein flottes Geschäftchen, zu thun hat er Gott sei Dank auch so viel, daß er mich gehn laßt, wie i mag und weißt, ich hab' noch immer' ne Schwärmerei für' nen ehrenhaften Namen! Und siehst, ich hab' mich allezeit danach gehalten und darfst Dich mit mir überall feb'n lassen."

( Fortseßung folgt.)