Ausgabe 
4.12.1902 Zweites Blatt
 
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Die Errichtung einer Heffischen Landes­Hypothekenbank

behandelte vor einigen Tagen Herr Stadtverordneter G- Darmstadt- in einem, trotz des großen Intereſſes für weitere Streise, leider schwach besuchten Vortrage, den die hiesigen vereinigten Bezirksvereine im Weißen Saale der Stadt Pfungstadt" für ihre diesjährige erste Winterzusammenkunft angesetzt hatten.

erleichtert. Die Sparkassen, deren wohlthätige Wirkung die Regierung absolut anerkennt, sollen in erster Linie als Aktionäre der Bank gewonnen werden und in jeder Beziehung Vorzugsrechte genießen. Die Gesamtspar­einlagen im Deutschen Reich betragen zur Zeit über 5 Milliarden Mark, und Redner wies nachdrücklich auf die Gefahren einer Krisis hin, unter der die Hypothekenbank weit weniger zu leiden hätte. Auf die innere Einrichtung der Bank übergehend, ist anzuführen, daß diese als Aktiengesellschaft gedacht ist, die auf das Großherzogtum Hessen beschränkt bleibt. Aftionäre sollen sein: der Staat, öffentliche Sparkassen, Gemeinden- und Kommunalverbände. Die Einrichtung der Anteilscheine und die Bestimmungen bezüglich Staatsaufsicht( Finanzministerium), Aufsichtsrat und Stellung der Beamten der Bank wurden vom Vor­tragenden flargelegt. Der Staat beteiligt sich an dem Unternehmen mit 4 Millionen Mark Grundkapital, wovon zunächst 2 Millionen zur Auszahlung gelangen sollen. Die Spartassen sollen 5 Proz. ihres Reserve­fonds einlegen, die Gemeinden sich nach Belieben be­teiligen. Die Betriebsmittel werden durch Ausgabe von Pfandbriefen der Aktiengesellschaft aufgebracht. Der Geschäftsgang der Bank ist nicht auf die Amorti­ſationshypotheken beschränkt, sondern soll nichthypo­thetarische Darlehen an Gemeinden und Körperschaften des öffentlichen Rechts gewähren, die Ausgabe von Kommunalobligationen in mäßigem Umfange besorgen, An- und Verkauf von Wertpapieren, Einziehung von Wechseln, Annahme von Depots nebenbei betreiben. Hauptsächlich soll die Bank dem öffentlichen Interesse dienen und feinerlei Erwerbstendenz treiben.

Herr Göz führte nach dem Darmst. Anz." unge­fähr folgendes aus: In aller Stille ist im Landtage das obige Bank betreffende Gesetz zu Stande gekommen, das bei richtiger und foulanter Ausführung von großem Einfluß für die Gestaltung des Bodenkredits und des Hypothekenwesens in Hessen sein kann. Im Plenum wurde das Gesetz f. 3. einstimmig angenommen, nach­dem es lange Zeit in den Ausschüssen eingehend durch­beraten worden war. Es ist allerdings noch nicht in Kraft getreten, da zur Zeit noch die sehr wichtigen Ausführungsbestimmungen, wie auch das Statut der Bant ausstehen. Doch wird jedenfalls bis spätestens 1. April nächsten Jahres die endgiltige Stonstituierung der Bank zu erwarten sein. Redner stützte sich infolge dessen lediglich auf die landständischen Verhandlungen, namentlich auf den eingehenden Ausschußbericht des Abg. Gutfleisch zur Entschuldung des Grund und Bodens bestanden früher schon und bestehen noch die Landeskulturrentenkasse und die 1891 ins Leben ge­tretene staatliche Landeskreditkasse. Die Landeskredit­kasse, die nur der Landwirtschaft zu gute kam, gewährte Darlehen auf erste Hypothek zu 3½½ Proz. Zinsen und mindestens/ Proz. Tilgung. Sie wirkte sehr segens­reich auf dem Lande. Durch die große Inanspruch nahme des Staatskredits zu rein privaten Zwecken war eine Drückung des Kurses der Staatsschuldver­schreibungen zu befürchten, außerdem war eine Er­weiterung auf das städtische Kreditbedürfnis in An­regung gebracht worden, und so entschloß sich die Re­gierung, die Landeskreditkasse für rein private Unterzeit frei von jedem bureaukratischen Zwang dem Kurse nehmungen zu schließen und für alle Kreditzwecke und alle Berufsarten eine Hypothekenbank zu begründen.

Die Form eines Aftien- Unternehmens wurde dabei festgesetzt, denn diese gewährt den Vorteil freier Be­wegungsfähigkeit und faufmännischer Geschäftserledig­ung: durch die teilweise Haftung des Staates wird das Ansehen des Unternehmens gehoben und durch Gewähr ung von Steuerfreiheit die Geldbeschaffung wesentlich

Die Berechnungen, die dem Geschäftsgebahren der Bank zu Grunde gelegt sind, basieren auf den lang­jährigen Erfahrungen auswärtiger Banken, wobei jedoch bei dem diesseitigen Unternehmen dem Darlehensnehmer zu Gute kommt, daß keine Dividende an die Aktionäre zu zahlen ist. Der Zinsfuß für Darlehen wird jeder­der Pfandbriefe entsprechend bemessen. Den Sparkassen soll wöchentlich entsprechende Mitteilung über den zu gewährenden Zinsfuß zugehen. Was die Bedingungen für die Unterpfänder anlangt, so soll die Beleihung von Grundstücken und Gebäuden nur an erster Stelle zu­lässig sein und in der Regel die Hälfte des Wertes nicht übersteigen, bet städtischen Objekten soll bis zu 60 Pro3., bei landwirtschaftlich benußten Grundstücken

bis 66% Proz. des Wertes zulässig sein. Die Gemittel ung des Wertes und Ertrages geschieht durch ortage richtliche Tagation. Baupläge, Hotels, Mühlen, Stein brüche, Bergwerke 2c. find im Interesse der Sicherheit der Pfandbriefe vorläufig ausgeschlossen. Es sollen hauptsächlich nur unfündbare Tilgungsdarlehen ausge geben werden, wobei die Tilgungsquote nicht unter 1/8 Proz. betragen soll. Die Vorteile für den Schuldner bestehen in der Unfündbarkeit der Hypothek seitens der Gläubiger( wogegen der Schuldner jederzeit fündigen und außerordentliche Rückzahlungen machen fann), ferner darin, daß jede Erhöhung des Binsfußes ausge schlossen ist, ein Vorteil, der gegenüber den Sparkassen besonders in die Augen springt. Auch der Volkswirt schaftliche Wert der planmäßigen Tilgung der Schuld ist über allen Zweifel erhoben. schaffung und Berzinsung zweiter Hypotheken sehr Ebenso wird die Be­wesentlich erleichtert werden. Redner schloß mit dem Wunsche, daß das neue Unternehmen, das vielleicht anfangs auch einige Sdwierigkeiten zu überwinden haben werde, in allen Stücken prosperieren und unserem Lande von Vorteil sein möge!

Einsam.

Um mich Waldesdunkel, Oben Sterngefunkel, Dunkel in mic; Rasch fürbaß ich schreite Grenzenlos ins Weite, Dede ist's in mic.

Ringsum Blätter rauschen, Vöglein Schwüre tauschen, Ich bin allein;- Soll ich denn auf Erden Nie beglücket werden, Stets bereinſamt sein?

Gern wollt ich weiter wandern Von einem Ort zum andern, Wenn ich nur wüßt'

Daß je mein Weg sich ende, Mein Schicksal sich einst wende, Ein Weib in Liebe mich einst füßt.

Heinrich Ludwig. Druck, und Verlag der Gießener Verlagsbruckerei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchbruckerei( gegr. 1788); für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.

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Dr. Rumseys Patient.

Boman von Dr. Halifar und T. L. Meade. Autorisierte Bearbeitung von C. Weßner. ( Rachdruck verboten.)

Audrey wandte sich plötzlich rasch herum und sah dem Arzt Hef in die Augen.

Es ist ein gräßlicher Irrtum", flüsterte er mit seltsam hohler Stimme. Ich schwöre bei Gott, daß es ein Irrtum ist! Ich habe Everett einmal gesehen er war ein untersetzter, mittelgroßer Mann der Mörder aber ist größer, schlanker und jünger als er. Und er trägt meine Kleider. Warum, um alles in der Welt, fann ich nur sein Gesicht nicht sehen? Was sagten Sie soeben, Doktor?"

" Das ich Sie nach Hause bringen muß, lieber Freund. Sie find mein Patient, und ich kann nicht zugeben, daß Sie Ihre ohnehin schon zerrütteten Nerven noch mehr ruinieren."

Aber ich muß den Mörder erst sehen!" protestierte der Baron. Daß Sie aber auch garnichts sehen, Doftor! Er handhabt seinen Stock wie ein Bajonett! Mein Gott, wo habe ich das schon ein­mal gehört? Es schwebt wie eine Wolke über meinem Gedächtnis

Herrgott im Himmel, hilf mir, sie zu zerteilen! Still- still, reden Sie nicht, Doftormir fommt eine leise Erinnerung

Mit einer an Wahnsinn grenzenden Gebärde warf der Baron fich plötzlich zur Erde, das Autlig in die Hände pressend. Ebenso hastia sprang er wieder in die Höhe.

" Ich hab es!" rief er mit hohlem Auflachen. Wenn ich in den Teich schane, muß ich das Gesicht des Mörders sehen. Es muß sich dort widerspiegeln, wie sich auch die Anhöhe darin spiegelt. Bleiben Sie hier, Doftor, ich bin in einer Minute wieder zurück. Es wird heller in mires flutet alles wieder in mein Gedächtnis zurück. Er handhabt seinen Stock wie ein Bajonett trifft ihn in den Mund wer sagte mir das nur es war vor langer Zeit- ia, ia, ich werde sein Gesicht in - dem Teiche erblicken!"

Audrey ramute wie besessen an den Teich. Da, wo der filberglänzende Streifen im Wasser begann, blieb er stehen. Runen folgte ihm schnell nach. Er wußte, fein Patient befand sich in einem solchen Zustand, daß er in stande gewesen wäre, ins Wasser zu springen.

Der Baron fuiete am Rande des Teiches nieder, hielt sich au einer Erle fest und beugte sich so weit vor, daß er in das Waffer feben fonnte.

Gießener Verlagsdruckerei.

( vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruckerei) Gießen, Neuenweg 28, im Gasthaus zum Löwen.

" Nehmen Sie sich in acht, Audrey", rief ihm Rumsey zu, ,, daß Sie nicht ausrutschen."

Der Baron schwieg sein eigenes, verzerrtes Ebenbild schaute ihm aus dem Wasser entgegen mit großen, starren Augen blickte er lange, lange auf seine Büge und seine Gestalt. Dann bengte er sich rückwärts und erhob sich. Ein eisiger Schauer rann durch seinen Störper, er taumelte. Dann trat er mit seltsam flackernden Augen und unnatürlichen Lachen vor Numseh hin.

" Ich habe das Gesicht gesehen", sagte er in dumpfem Tone. " Es war Jhr eigenes, Audrey. Ich sah den Wiederschein davon im Wasser", entgegnete der Arzt.

" Ich bin befriedigt", erwiderte der Baron mit völlig veränderter, dennoch fester Stimme. Wir fönnen nun nach Hause gehen." Nun, haben Sie wirklich gesehen, was Sie sehen wollten? Wer ist der Mörder?"

Frank Everett, der im Zuchthaus zu Portland seine Strafe verbüßt. Wissen Sie, Doktor, ich glaube, ich bin das Opfer gräßlicher Bisionen und Träume gewesen, wie sie nur ie einen Menschen heimgesucht haben. Jetzt ist es lichter in mir- der Synk ist zerronnen!"

Es freut mich, das zu hören, lieber Audrey."

" Das Bild vor meinen Augen ist verschwunden- ich weiß iegt, was ich wissen wollte. Lassen Sie uns nach Hause gehen."

Siebzehntes Kapitel.

Nun Hetty, ich bin neugierig, was Du zu meinen Neuig feiten sagen wirst", sagte Bächter Vincent eines wunderschönen Maimorgens zu seiner jungen Frau.

Hetty stand mit aufgestreiften Aermeln in ihrer Milchkammer und butterte. Bei den Worten ihres Mannes wandte sie sich um und fah ihn fragend an. Vincent war ein fräftiger, breit­schulteriger Mann. Mit seiner großen Hand Hetty unters Kinn fassend, fuhr er fort:

Ich war vorhin im Dorfe, da tribbelt und krabbelt es überall von Neugierigen und Schwazern. Du weißt, die Parlaments­wahlen stehen vor der Thür, und wer, meinst Du, hat sich als unser Kandidat aufstellen laffen?"

Ich verstehe nicht viel von Barlamentswahlen und Kandidaten, Georg", antwortete Hetty, indem sie sich wieder ans Buttern machte. Es interessiert mich auch nicht besonders. Wenn Du also weiter nichts weißt-"

Oho, warte uur erst ab, was dahinter steckt, dann wirst Du andere Augen machen!"

GOOO

" Nun, so rede doch. Ich muß übrigens heute zur Tante gehen." Ich möchte blos wissen, was Du imuner zur Tante zu laufen haft", versezte der Pächter mit gerunzelter Stirn. Also höre: Der Baron von Audrey und seine Frau foumen heute in Groß­hofen an. Die Herrschaft hat den Winter in Süden verlebt. Man sagt, der Baron sei gesund wie ein Fisch in Wasser, und sie beabsichtigen, sich dauernd hier niederzulassen. Herrgott, Frau, was ist Dir? Du bist ja freideweiß geworden! Was solche vor nehmen Leute bei Dir doch gelten!"

Nein, Georg, das ist es nicht! Ich habe den Baron natürlich gern, ich kannte ihn schon als ganz fleines Kind, und wir und meine Familie betrachteten die Audreys Bets als unfere Herren. Wir haben immer zur Herrschaft gehalten."

" Dagegen sage ich ja garnichts", bruuinite der Bächter. Ich für meinen Teil habe auch nichts dagegen, wenn die Audreys sich hier niederlassen; denn wo der Herr nicht zu Hause ift, tanzen die Mäuse auf den Tischen. Ein Gutsbefizer gehört unter seine Leute, auf seine Besizungen. Ich habe eine Menge Anliegen an ihn, laß ihn nur erst da sein. Der Verwalter, der Sterl, läßt nichts machen, und wenn es noch so nötig ist. Da gehe ich nun einfach vor die rechte Schmiede zum Herrn felher. Und nun höre, Hetty! also der Baron hat sich als tant ibat aufstellen lassen. Seine Wahl ist selbstredend sicher. Na, dis wird wieder ein Leben werden in Großhofen, juchhe!"

Natürlich wird es lebhaft hergehen, wenn di: Herrschaft da bleibt", erwiderte Setty, indem sie ihr Taschentuch hervorzog und sich die Stirn trocknete.

" Du fühlst Dich gewiß nicht wohl, Frau, Duschst wenigstens recht elend aus. Laß doch die Arbeit! Das Wetter ist zwar bracht voll, aber schrecklich heiß, und Du kannst große iße nicht ver tragen. Ich dachte, Du würdest Dich über meine Neuigkeiten freuen; denn ich weiß, Du bist auf die Herrschaft ebenso steiz, wie alle ihre Unterthanen."

" Ich freue mich auch, daß sie kommen, Georg", verfekte Hetty. Doch nun geh', ich muß mich ans Kochen macien. Du folft auch heute Deine Lieblingsspeise, Plumpudding, bekommen." " Du bist doch ein liebes Weibchen", sagte er dankbar. Dann trat er dicht an sie heran, legte einen Arm um ihren Naden und Sprach: " Sieh mir mal in die Auger Hetty."

Sie hob die großen schwarzen Augen zu ihm anf und fragte: Was willst Du, Georg?" Gr blidte sie besorgt an.

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