Ausgabe 
3.11.1902 Zweites Blatt
 
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Vermischtes.

[ Die Juden von Newyork.] Wann haben die Juden begonnen, nach Amerika auszuwandern? Maurice Fisch­berg behauptet in der Newyorker Review of Reviews", daß die ersten Juden schon mit Christoph Columbus nach Amerika kamen. Unter seiner Schiffsmannschaft sollen fünf Juden gewesen sein. Als Neu- England in einen Staatenbund( Vereinigte Staaten) umgewandelt wurde, gab es dort etwa tausend Juden, nicht mehr. Im Jahre 1818 findet man 3000, im Jahre 1826 etwa 6000, im Jahre 1840 fast 15 000 und im Jahre 1880 gegen 230 000. Die große Einwanderung russischer Juden ließ im Jahre 1888 die Gesamtzahl auf 400 000 steigen. Gegenwärtig leben in den Vereinigten Staaten mehr als 1500 000 Juden, in Newyork allein fast 600 000. Fischberg hat festzustellen versucht, welcher Beschäftigung sich die Ein­wanderer mit Vorliebe zuwenden. Die größte Anziehungs­kraft üben die sogenannten, liberaien Prosessionen" aus. Drei Fünftel der Schüler der höheren Newyorker Schulen sind Juden. Von den 400 Mitgliedern der Ge­sellschaft der eingewanderten Aerzte sind 200 Juden, und diese 200 haben erst in den letzten Jahren ihr Examen gemacht. Von den 3000 Advokaten, Rechtsanwälten u. 5. w., die Newyork zählt, sind mehr als die Hälfte Ju­den. Es giebt in Newyork sechs jiddisch" geschriebene Tageszeitungen, die eine Gesamtauflage von 100 000 Er­emplaren haben. Es wurde ferner konstatiert, daß in den öffentlichen Bibliotheken der Stadt das jüdische Ele­ment am zahlreichsten und am fleißigsten ist. Es re­präsentiert mehr als die Hälfte der Leser, während es nur den achten Teil der Bevölkerung der Stadt bildet. Bemerkenswert ist ferner, daß unter allen Einwanderer­Gruppen die der Juden( die aus Rußland, Polen und Rumänien gekommen sind) während des Krieges mit Spa­nien die meisten Freiwilligen gestellt hat. Und seitdem ist auch die Proportion der Juden in der regulären Ar­mee in fortwährender Zunahme begriffen. Seltsam ist das Verhalten der naturalisierten Juden. Zum größten Teile huldigen sie sozialistischen Ansichten; bei den städti­schen Wahlen stimmen sie immer für die Demokraten, während sie bei den bundesstaatlichen Wahlen für die Republik eintreten.

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£[ Wild West vor Gericht.] Im Bundesgericht zu Newyork ist dieser Tage von dem früheren Bundessol­daten James Myerle eine Klage auf 200 000 Mark Scha­denetsaz gegen William F. Cody, in Deutschland durch seine Wild West- Vorstellungen als Buffalo Bill" wohl befannt, angestrengt worden. Myerle war im vorigen Jahre von Cody als Reiter engagiert worden. Bei einer Borstellung in Indianapofis explodierte eine Kanone, und Myerle wurde so schlimm verlegt, daß er einen Arm und das rechte Auge einbüßte. Er erklärt, daß der Eigentümer der Schaustellung für den Unfall ver­antwortlich sei und ihn für die Verstümmelung seines Körpers entschädigen müsse.

[ Die Regierungszeit des Papstes.] Seit einigen Tagen, und zwar seit dem 21. Oftober, nimmt Leo XIII. hinsichtlich der Tauer seiner Regierung den dritten Plaz unter den Päpsten ein. Länger als er haben nur der heilige Petrus und Pius IX. regiert. Am 20. Februar 1903 wird Leo XIII. auch hinsichtlich des Alters den drit­ten Platz unter allen Päpsten einnehmen; nur zwei sei­ner Vorgänger, der heilige Agathon( gestorben 682) und der heilige Gregor( gestorben 1241), haben das 93. Le­bensjahr überschritten. Am 19. Dezember 1903 wird Leo XIII. die fünfzigste Wiederkehr des Tages feiern können, an welchem er zum Kardinal ernannt wurde.

König Eduard in Geldnöten. Während des Fest­gottesdienstes in der St. Paulskirche zu London an läßlich der neulich nachgeholten Einzugsfeierlichkeiten er­eignete sich ein etwas peinlicher Zwischenfall. Der König sowie die Königin von England pflegen für gewöhnlich kein Geld bei sich zu tragen, da sie nur in den allerfelten­sten Fällen in die Lage kommen, persönlich etwas auszu­geben. Bei dem Gottesdienst war das aber der Fall, denn, dem Gebrauch entsprechend, ging nach der Predigt der Opferteller umher. Der König und die Königin waren jedoch nicht in der Lage, auch nur einen Benny aus eige­nen Mitteln beizusteuern, und so sah sich der König von England veranlaßt, dem Bischof von London die Sache auseinander zu setzen. Dieser war offenbar der Ueberzeu­gung, daß der Geldmangel bei dem Königspaar nur zeit­weilig sei, denn er schlug vor, der König möge dann spä­ter ,, etwas schicken", was denn auch mit Freuden accep­tiert wurde.

Musikerstreik in Paris. In dieser Zeit, wo alles streift, wollen auch die Pariser Musiker nicht zurück­bleiben. Sie streichen nicht mehr Baß und Geige, sondern streifen ernstlich, um verschiedene Forderungen durchzu­setzen. Die vielen Singspielhallen sind gezwungen gewe­wesen, sich auswärtige Musifer zu verschreiben. Die Strei­kenden störten aber die Vorstellungen, so daß diese nur unter polizeilicher Ueberwachung zu Ende geführt wer­den konnten. Die Streitenden gelobten, zeitlebens keine Note von den bekannten Komponisten Saint- Saens und Louis Ganne zu spielen, weil sich beide gegen Charpen­tier, den Ehrenpräses des Streitkomitees, abfällig ge­äußert haben.

Die vulkanischen Verheerungen in Guatemala. Nach den letzten Telegrammen dauert die Eruption des Vultans Santa Maria weiter fort. Bei Quezaltenango sind vulkanische Massen in der Höhe von 6 Zoll nieder­gegangen. Die reichen Kaffeepflanzungen an der Küste liegen 7 Fuß unter Sand und Asche begraben. Aus dem Departement Tombador wird gleichfalls von einem vul­kanischen Ausbruch berichtet. Der Schaden ist unermeß­lich.

Eine Musterpolizei. Vor einigen Tagen ist der Newyorker Polizeikapitän Denehne, der sich eines beson­ders schlechten Rufes erfreute, plößlich an einem Schlag­anfall verstorben. Er war noch 1891 ein kleiner Drucke reibefiber mit wenia Geld. Als Kapitän hatte er das

Glück, stets ,, lukrative" Distrikte zu erhalten, z. B. das berüchtigte ,, Tenderlein", den Newyorker Lasterbezirk, und so hatte man den Mann, der während seiner Dienstjahre im ganzen bei 30 000 Dollars an Gehalt einkassiert hatte, schon bei Lebzeiten auf ein ordentliches Vermögen geschäßt. Als der beauftragte Koroner nun dienstlich das Pult des Verstorbenen öffnete, fand er zu seinem Erstaunen fast 200 000 Dollars in Bar und Wertpapieren und eine über 100 Stücke zählende Sammlung von kostbaren Juwelen für Herren und Damen, Uhren, Solitärringe, Broschen, Armbänder, Diademe. Man will wissen, daß D. noch an anderen Orten Geld und Geldeswert aufbewahrt hat. Wie er das fertiggebracht hat, wissen jene Polizeibeamten, welche als blutarme Leute den Polizeirock anziehen und sich ein oder zwei Jahrzehnte darauf mit einem schönen Vermögen zurückziehen. Einige Dußend solcher Funktio­näre sind in aller Munde.

Das Beste aus den Witblättern. Ein spar­samer Vater. ,, Was, nun willst du auf einmal Bild­hauer werden und gestern hast du dir erst wieder für 20 Mark Farben gekauft?!... Nun werden mir aber die erst aufgemalt!"

Boshaft. Wodurch haben Sie sich denn mit der Amtsrichterin so verfeindet?" Ja, denken Sie nur, der albernen Person hatt' ich mein Poesiealbum gegeben! Und was schreibt sie mir hinein? Ein Kochrezept für Hühnersuppe!-- Und die hatte sie drei Tage vor­her bei mir gegessen!"

Triumph.... Denken Sie, Frau Huber, im ge­Expreß sind wir heuer gefahren im Speisewagen gessen hab'n wir fünfundvierzig Kilometer lang!"

Ich er­

Vor dem Vermittelungsamt. fläre also hiermit, daß der Herr Müller kein Kameel ist beschwören werd' ich's aber nicht!"( Fl. Bl.)

Der Geschäftsmann. Schmierendirektor( wäh­rend der Vorstellung): ,, Meine Herrschaften, Ihre Wurf­geschosse scheinen aufgebraucht zu sein, weitere faule Eier, das Stück zu sechs Pfennig, sind an der Kasse zu haben."

Wie man's nimmt. Frau: ,, Da les' ich gerade, wenn bei den Indiern der König stirbt, müssen ihm alle seine Frauen ins Jenseits folgen so eine schreckliche Grausamkeit." Mann: ,, Na und ob, im Jenseits könnt' man ihm wirklich seine Ruh' lassen."

Die Pantoffelhelden. Fremder( abends im Wirtshaus): Der ganze Stammtisch ist ja auf einmal leer geworden!". Wirt( verächtlich): Ja, sieben Männer und kein Hausschlüssel!"

Ausrede. Sie wollen mir das Darlehen nicht geben? Und doch haben Sie mir versprochen, mir zu hel­fen, wenn ich in Verlegenheit sei." Ja, so etwas dürfen Sie noch lange nicht für bare Münze nehmen."

( Megg. H. Bl.).

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Nr. 256.

Dienstag, 4. November.

1902.