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Stadttheater.
4. November 1902
1. Eiche
Nr. 256.
Zweites Blatt.
Abonnementspreis: in Gießen, abgeholt monatlich 50 Pfg., ins Haus gebracht 60 Pfg., durch die Post bezogen vierteljährlich Mt. 1.50.
Gratisbeilagen: Oberhessische Familienzeitung( täglich) Oberhessische Zeitschrift für Landwirtschaft, Obft- und Bartenbau, sowie die Gießener Seifenblasen wöchentlich). Das Blatt erscheint an allen Werktagen nachmittags.
Montag, den 3. November 1902.
Gießener
11. Jahrgang.
Infectionsvreis: Die einfvaltige Petitieile für Gießen wie ganz berbessen, die Kreise Wetzlar und Marburg 10 Bfg. sonst 15 Pfg.; Reklamen die Petitzeile 30 refp. 40 Pfg.
Postzeitungsliste No. 3032.
Redaktion und Expedition: Gießen, Neuenweg 28. Cernsprechanschluß Nr. 362.
Neuelle Nachrichten
( Gießener Tageblatt)
Anabhängige Tageszeitung
( Gießener Zeifung)
für Oberheffen und die Kreise Marburg und Wetlar; Lokalanzeiger für Gießen und Umgebung. Enthält alle amtlichen Bekanntmachungen der Großherzoglichen Bürgermeisterei Gießen.
Giessener Cagesneuigkeiten.
Wie wir höen, findet nächsten Mittwoch Abend um halb 9 Uhr ein gemeinsamer Brandangriff der beiden hiesigen Wehren an der neuen
Güterhalle statt.
** Auch im Winter Schuß der Anlagen. Es ist bei den Besitzern von Hunden weit verbreitete Ansicht, daß sie ihre Tiere im Winter auf den Graspläßen und Beeten der Anlagen herumlaufen lassen tönnen, da Schaden hierdurch nicht verursacht wird. Eine derartige Unterstellung ist jedoch unzutreffend. Wie uns bon fachmännischer Seite mitgeteilt wird, haben die von Hunde besudelten Wurzeln der Bäume, Sträucher und sonstigen Gewächse bei Frostwetter derartig zu leiden, daß sie oft eingehen. Es wird daher dringend gebeten, den Hunden auch im Winter das Betreten der Anlagen zu wehren.
** Die hiesige Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde veranstaltet im Wintersemester 1902 bis 1903 eine Reihe von Vorträgen. Es werden voraussichtlich reden: E. Herr Dr. G. Dedert( Steglitz) über" Die westindischen Vulkanausbrüche"( mit Licht bildern) am 30. November 1902; Herr Dr. Th. Koch ( Berlin) über Paraguay und Mato Grosso ,,( mit Licht bildern) am 27. Novbr. 1902; Herr Dr. M. Fried. richrichsen über„ Reise in den Tien- Schan( CentralAfien) im Sommer 1902"( mit Lichtbildern) am 13. November 1902; Herr Dr. R. Kandt( Berlin) über" Ruanda und der Kiron- See( Ostafrika)"; Herr Hofrat Dr. B. Hagen( Frankfurt a. M.) über„ Die Battakländer in Sumatra"( mit Ausstellung); Herr Dr. Genthe über ,, Port Arthur und die Mandschurei" ( noch unbestimmt). Um den Herren Studierenden den Besuch der Vorträge zu ermöglichen, hat die Gesellschaft in liebenswürdiger Weise besondere Karten verausgabt, die für 1,50 Mk. vom Herrn Hausverwalter Stock zu erhalten sind.
□ Von unseren Kanalbauten. Emsiges Leben und Treiben herischt bei den Sielbauarbeiten an dem sonst so stillen Wieseckufer. An der Straßenbrücke in der Bahnhofstraße hat man heute eine Dampfpumpe zur Bewältigung des starken Wasserandrarges in den dortigen Baugruben auf gefahren und in Betrieb gesetzt. Weiter nach der Eisenbahnbrücke zu ist eine Ufermauer zum Schutz für den dorten noch herzustellenden Kanal errichtet. Zwischen der Eisenbahn- und der Straßenbrücke der Hammstraße hat man eine ameite Lof motive ebenfalls zur Wasserbewältigung auf
23]
Dr. Rumseys Patient.
Maman von Dr. Halifar und T. 2. Meade. Autorisierte Bearbeitung von C. Beßner. ( Nachdrud verbsten.)
Bleiben Sie noch ein Weilchen", bat ich. Ich bin auf die Ebene gekommen in einer Absicht, die Sie vielleicht erraten. Wenn Sie arm find, werden Sie ein Goldstück nicht verschmähen. Ich gebe Ihnen zehn Mark, wenn Sie mir die Stelle zeigen, wo der Mord stattfand."
Sie erschauerte sichtlich und wurde bald rot, bald blaß.
Der Ort ist mir verhaßt", erwiderte sie. Jene Nacht war mir fürchterlich; meine Nerven haben seit iener Beit sehr gelitten ich fann nicht schlafen, und manchmal da träume ich entfegliches Beug. Unzählige Male habe ich den Mord wieder und wieder durchlebt- den Blick des Gemordeten und das Gesicht des Mörders gesehen o, mein Gott-."
Sie stockte und drückte beide Hände gegen die Augen. Ich wartete ruhig, bis ihre Aufregung sich ein wenig gelegt, dann reichte ich ihr das Goldstid.
Sie führen mich an die Stelle, nicht wahr?" fragte ich. Sie nahm das Geld und hielt es trampfhaft in der ge= schloffenen Hand.
" Dafür faufe ich mir etwas, was mir Trost verleiht", flüsterte fie wie zu sich selbst. Damit kann ich meine Gedanken betäuben. Kommen Sie, wir sind nicht weit von der Stelle entfernt; ich will sie Ihnen zeigen, dann muß ich schnell nach Hause."
Sie ging voraus, ich folgte ihr. Sie lief ziemlich schnell und doch mit einem leicht schwankenden Gang, wie wenn sie des Weges nicht sicher wäre. Wir freuzten die Ebene nicht weit vom Großhofener Schlosse. Ich sah das mächtige Schloß in der Entfernung und die dichten Rauchwolfen, welche aus seinen Schornsteinen gen Himmel stiegen.
Laufen Sie nicht so schnell!" rief ich ihr zu. Ich bin eine alte Frau und komme nicht so schnell vorwärts wie Sie." Sie verlangsamte ihre Schritte nur ungern, wie ich sah. Die Herrschaft ist wohl nicht oft im Schlosse?" forschte ich. Rein", antwortete sie schnell, feit dem Tode des alten Herrn steht es meist leer."
Ich fenne zufällig den iezigen Befizer und seine Frau", fuhr ich fort. Sie stuzte, erglühte über und über und blickte mich scheu von der Seite an; dane stemmte sie eine Hand in ihre linke Seite und sagte plösli
gefahren. Mit der Ausführung des eigentlichen Kanals ist man bis in die Nähe der Hammstraße vorgerückt. Hinter her wird wieder flott zugefüllt und die Uferböschung hergestellt. Da die gesamten Arbeiten äußerst interessant sind, fehlt es nicht an Zuschauern. In der Bahnhofstraße, Kreuzung an der Westanlage, wird eine große Baugrube für eine Unter führung des Stadtringgrabens unter den Hauptabflußfiel ausgeschachtet. Da die Baugrube die ganze Straßenbenußung einnimmt, hat man hier buchstäblich die Welt mit Bretter zugenagelt.
erwerbe aber mittels der Nähmaschine mindestens mittelbar, indem sie durch Arbeiten für den Haushalt Ausgaben erspart. Es ist sehr erfreulich, daß das Oberlandesgericht Darmstadt weitherzig genug ist, auch das Merkmal der Ausgabenersparnis durch Arbeit im Haushalt mit heranzuziehen und hieraus die Unentbehrlichkeit des Werkzeuges herzuleiten. Insbesondere bei Familien mit niedrigem Einkommen ist ja der soziale Effekt genau der gleiche, als wenn das Produkt der Arbeit zum Verkauf gebracht und der Erlös für ** Eine Umgestaltung der Strafbestimm Haushaltungszwecke verwendet würde. Es drückt sich ungen für Duellanten steht nach mehreren in diesem Sage auch eine richtige Schäßung des wirtBlättern bevor. In der neuen Strafordnung sollen beschaftlichen Wertes der Hausarbeit der Chefrau aus. deutend schärfere Strafen vorgesehen sein, als dies jetzt der Fall ist. Namentlich dem Offiziers- Ehrengericht soll eine weitere Grenze gezogen werden, sobald eine böswillige Verlegung der Standesehre zur Verhandlung steht. Auch sollen für Duellanten strengere Strafen. angesetzt werden.
** Das neue Infanterie- Gewehr wird im Laufe des Herbstes an das 3., 4., 5. und 6. Armeekorps ausgegeben; dann sind mit Einschluß der Garde im Ganzen fünf Armeekorps mit der neuen Schußwaffe ausgerüstet. Die Marine hat das Gewehr schon vor zwei Jahren erhalten. Erst im nächsten Jahre sollen mehrere andere Armeekorps, darunter auch die bayrischen, das neue Gewehr erhalten. Die alten Gewehre werden aber erst zurückgegeben, wenn sie durch den Gebrauch zur Genüge abgenugt sind. Bei der diesmaligen Neubewaffnung der Infanterie werden gleichzeitig auch andere, zum Gewehr passende Seitengewehre eingeführt.
Ist die Nähmaschine der Familie pfändbar? Daß man einer Näherin, die vom Ertrag ihrer Näharbeit lebt, die Nähmaschine nicht pfänden darf, ist zweifellos. Denn die Zivilprozeßordnung erklärt, bei Handwerkern, Künstlern, gewerblichen Arbeitern und anderen Personen, welche aus Handarbeit ihren Erwerb ziehen, die zur persönlichen Fortlegung der Erwerbsthätigkeit unentbehrlichen Gegenstände für unpfändbar. Etwas anders lag die Sache aber bei einem Fall, über der kürzlich das Oberlandesgericht Darmstandt entschieden hat. Hier war bei einem Ehemann die Nähmaschine gepfändet worden, und hatte eingewandt, daß die Maschine für die Näharbeit seiner Frau, welche zur Zeit die Familie unterhalte, unentbehrlich sei, während er selbst durch Krankheit am Erwerbe verhindert sei. Das Gericht gab die Maschine frei, indem es anerkannte, daß bei dieser Sachlage die Ehefrau zum Erwerb gezwungen sei. Sie
,, Wenn Sie ihn kennen, können Sie mir gewiß fagen, ob es ihm gut geht?"
„ Es geht beiden sehr gut", erwiderte ich, überrascht über den sonderbaren Klang in ihrer Stimme. Ich glaube, sie leben recht glücklich miteinander."
" Gott sei Dant, daß Baron Robert glücklich geworden ist", sagte sie in heiserem Flüstertone. Dann beschleunigte sie abermals ihre Schritte und blieb endlich auf einem kleinen Hügel stehen. " Sehen Sie die Erlengruppe?" sagte sie. Hier stand ich, genau an diesem Fleck- die Erlen verbargen mich, und selbst wenn Die Nacht nicht so dunkel gewesen wäre, würde man mich nicht entdeckt haben. Dort- rechts von Ihnen wurde der Mord begangen. Aber nun muß ich gehen
Beantworten Sie mir erst noch einige Fragen", hielt ich sie zurück. Sie standen hier genau an diesem Fleck?" ,, Genau hier."
Und der Mord wurde dort an jener Stelle begangen?" Jawohl, dort, wo das Gras grüner und üppiger als an anderen Stellen zu wachsen scheint- sehen Sie es- dort rechts-"
Ich sehe es", erwiderte ich, während mich ein eisiger Schauer überrieselte. Würden Sie mir wohl auch sagen, wie es fam, daß Sie zu dieser späten Nachtzeit draußen und nicht im Bett waren?" Sie sah mich verdroffen an und pregte die Lippen fest aufeinander. Ich blickte ihr fest ins Gesicht und wartete auf ihre Antwort.
Der Mann, dessen Blut hier vergossen wurde, war mein Geliebter wir hatten uns furz vorher gezanft", sagte sie endlich. ,, Worüber?"
" Das ist mein Geheimnis", versetzte sie.
Wie kam es, daß Sie dies bei der Gerichtsverhandlung nicht erwähnten?" forschte ich ernst.
Sie sah mich groß an und sagte:„ Weil man mich nicht darnach gefragt hat! Uebrigens ist das mein Geheimnis und wird es auch bleiben. Hier stand ich, gerade wo Ihre Füße jezt weilen, ich sah alles- der Mond fam für eine Minute hinter und den Wolfen hervor- jo fonnte ich alles deutlich erkennen die Blicke der beiden- den legten des Gemordeten, den des Mörders ich sah alles und feit jener Zeit bin ich elendDas wundert mich nicht", fiel ich ein, doch nun noch
eins
,, Und was ist das?"
Sie hob thre dunklen Augen fragend zu mir nf, ich entdeckte einen Ausbrud von Furcht darin.
Sie faben in iener Nacht zwei Männer, Hetty Vincent",
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Lehrlinge: 1 Kellner, 1 Buchbinder, 1 Bäcker, 1 Schneider.
Druck und Verlag der Gießener Verlagsdru drei, vorm. Wilh. Keller'sche Buchdruderei( gegr. 1783);
für die Redaktion verantwortlich: Albin Klein, Gießen.
sagte ich mit ernster Miene, der, welcher erntordet wurde, war Herbert Franzius, aber der andere so wahr ein Gott im Himmel lebt! Hetty Vincent das war nicht Frank Everett! Ich spreche die lautere Wahrheit so, nun können Sie gehen!" Meine Worte tamen über meine Lippen, als ob eine höhere Macht sie mir eingab, Herr Doftor, aber der Eindruck war überwältigend. Das elende Geschöpf sant wie vernichtet in die Kniee, faßte mich am Kleid und barg ihr Gesicht in die Falten meines Mantels.
Barmherziger Gott!" stöhnte fie ,,, warum sagen Sie das? Woher wiffen Sie? Wer hat es Ihnen gesagt? Warum sagen Sie nur so etwas Fürchterliches?"
Ihre gewaltige Erregung beruhigte mich mit einem Male. Ich stand ganz still, aber mein Herz schlug so heftig vor Freude und neuerwachter Zuversicht, das es mir fast den Atem raubte. ,, Stehen Sie auf", gebot ich. Sie erhob sich zitternd, und ich legte meine Hand auf ihre Schulter.
Sie haben etwas auf dem Gewissen", sagte ich. Da blickte sie mich sonderbar an und stieß ein gellendes Lachen aus.
Was für ein dummes Ding ich war", sagte sie höhnisch. ..Ich habe nichts auf dem Gewissen. Sie redeten so unheimlich dazu der schreckliche Ort das machte mich ganz furchtsam. Doch jetzt muß ich fort." Sie ging ein paar Schritte, dann drehte sie sich nochmals um und sagte mit lauter, mißtönender Stimme: Also ich sah in jener Mordnacht zwei Männer auf der Ebene. Der eine war Herbert Franzius- der andere war Ihr Sohn Frank Everett!" Bevor ich noch eine Silbe erwidern konnte, war sie wie der Wind davongeeilt.
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Ich fehrte ins Wirtshaus zurück und forschte Armitage und dessen Frau aus. Was Hetty in ihrer Aufregung gesagt, wagte ich nicht zu erwähnen, aber ich fragte nach ihrer Adresse und fuhr am nächsten Morgen dorthin. Als ich auf dem Hofe Vincents anfam, sagte man mir, Frau Vincent jei nicht da, sie wäre schon früh am Morgen fortgegangen, um eine Verwandte zu besuchen. Ich bat um die Adresse dieser Verwandten, welche man mir nur zögernd nannte. Dann fuhr ich dorthin, aber Hetty war nicht ba, auch nicht dagewesen, man wußte nichts von ihr. Seitdem habe ich mehrmals versucht, sie zu treffen, aber immer vergeblich. So, Herr Doftor, das ist meine Geschichte. Was denten Sie darüber? Sind die Aeußerungen der Frau, die sie in hochgrabiger Erregung fallen ließ, der Beachtung wert? Ist thre plögliche Flucht vor mir verdächtig oder nicht? Ich harre mit fieberhafter Spannung Ihres Urteils!"


