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Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen, den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
M17.
Sonnabend den 26. Februar
1853.
Der verlorengegangene Drief. Ein Lebensbild in Novellenform von C. Baldamus. (Fortſetzung.)
Emilie v. Holz war die älteſte Tochter des Oberſts v. Holz, der einer alten ſtolzen Adelsfamilie angehörte, die ſeit mehr als einem Jahrhundert der Krone Preußen eine Reihe der tüchtigſten Offiziere geliefert hatte. Dieſes Bewußtſein hatte dem Oberſten, der ſonſt allgemein für einen billigen gerechten Mann galt, einen gewiſſen ſchroffen Familienſtolz gegeben, welcher ſich um ſo unbeſchränkter aͤußerte, als er verhältnißmäßig arm war, denn Armuth verbindet ſich— mit Ausnahme einiger wenigen, ſeltenen, bevorzugten Geiſter, die den wahren Werth des Menſchen— lebens und das wahre Weſen des Menſchenwerthes richtig beurtheilen— in der Regel entweder mit Stolz oder Ge— meinheit. Unter verhältnißmäßiger Armuth verſtehe ich natürlich nur die Unzulänglichkeit des Vermögens bei Manchen zur Geltendmachung ihres Standes. Der Oberſt war penſionirt, und lebte in einer Provinzialhauptſtadt im öſtlichen Theile des Reiches, wo es ihm wirklich ſchwer war, von der kargen Penſion mit ſeinen ſſeben Kindern und ſeiner Gattin anſtaändig zu leben und den außeren Aufwand zu beſtreiten, welchen er ſeiner Geburt und ſeinem Range ſchuldig zu ſein glaubte. Emilie war zwei Winter hindurch die gefeiertſte Schöne der Provinzial— hauptſtadt geweſen, und die Bewunderung, die ihrer Schönheit und ihrem anmuthigen Weſen allenthalben ge⸗ zollt wurde, hatte in den Herzen ihrer Eltern die Hoff⸗ nung angeregt, ſie möchte früher oder ſpäter durch eine vortheilhafte Verbindung den Glanz der Familie wieder herzuſtellen beſtimmt ſein. Allein im Buche des Schick⸗ ſals war dies anders beſtimmt; während eines Beſuches in Berlin hatte Emilie im Hauſe von Verwandten den jungen Guſtav Wartmann kennen gelernt, und ſeine an⸗ genehme Perſönlichkeit und feinen Manieren, ſeine geiſt— reiche Unterhaltung und die Aufmerkſamkeit, welche er ihr ſchenkte, hatten raſch einen Eindruck auf Gefühle bei Emilien gemacht, die zwar empfänglich, aber ſtolz, und deßhalb noch unangeſchlagenen Saiten zu vergleichen waren. Guſtav Wartmann war der Sohn eines reichen Großhändlers, hatte mit Auszeichnung als Freiwilliger im Befreiungskriege gedient und war nach dem Frieden mit Offiziersrang und mit einem Orden verabſchiedet worden, um wieder dem Berufe ſeines Vaters zu folgen. Es war etwas Ritterliches, Kräftiges in ſeinem Charakter, welches des Eindrucks auf Frauenherzen nicht verfehlen konnte.
Die romantiſche Gluth und Innigkeit, womit er ſeine Neigung zu Emilien ausdrückte, der Enthuſiasmus, den er für alles Große, Schöne und Gute an den Tag legte, rief in Emilien die ganze verborgene Poeſie ihres Weſens wach. Von Natur aus begabt mit lebhafter Einbildungs— kraft, und ſelbſt voll leidenſchaftlicher Zärtlichkeit, nur ſchüchtern und mißtrauiſch, hatte ſie bisher aus einer in— ſtinktmäßigen Ahnung, daß ſie entweder mißverſtanden werden oder Mißbilligung erfahren würde, ihre tieferen Gefühle ſorgſam in ſich verſchloſſen. Dieß hatte ihrem Charakter einen Grad von Bedächtigkeit und Zurückhaltung aufgeprägt, welcher weit uber ihre Jahre ging. Als ſie aber dieſelben Gefühle und Empfindungen, die ſie ſeither beinahe für unerlaubt und tadelnswerth gehalten, noch mächtiger und unbeſchränkter an einem weit ſtärkern Ge⸗ müthe und kühnern Geiſte als der ihrige zu Tage treten ſah, da gab ihr Herz dem kräftigeren Gegner Antwort und der verhaltene Strom der Leidenſchaft ſprengte ſeine Feſſeln. Sie liebte, ward geliebt und fragte Nichts mehr nach ihrer Beſtimmung. Guſtav warb um ihre Hand bei den Eltern, und erhielt endlich deren Einwilligung, natür— lich nicht ohne einiges Zoͤgern und Widerſtreben von Seiten des Oberſten v. Holz, welcher nur ungern die Luftſchlöſſer zertrümmert ſah, die er ſo lange auf ſeine ſchoͤne Tochter und für dieſelbe gebaut hatte. Es koſtete ihn Mühe, ſich mit dem Gedanken zu verſöhnen, ſie als Gattin eines Bürgerlichen, eines Kaufmanns, wenn auch von guter Familie und den wünſchenswertheſten äußeren Glücksum⸗ ſtänden zu ſehen. Allein der gute Ruf, die rühmliche militäriſche Bravour und die perſönlichen Vorzüge und günſtigen Ausſichten des jungen Freiers entſchieden den Oberſt endlich zu deſſen Gunſten. Ueberdieß hing Emilie mit unausſprechlicher Innigkeit an ihm, und dieß war der mächtigſte Beweggrund für das Vaterherz des alten ariſto⸗ kratiſchen Oberſten. Guſtav empfing bei einem Beſuche bei Emiliens Eltern deren Einwilligung, aber es war verabredet, daß die Vermählung erſt im kommenden Früh⸗ jahre ſtattfinden, daß Emilie den Herbſt und Winter bei ihren Eltern zubringen ſollte. Inzwiſchen beſchloſſen die Liebenden, ſich für die Trennung durch einen möglichſt leb⸗ haften Briefwechſel zu entſchädigen, und beim Abſchiede, als Emilien nach kurzem Beſuch in der Hauptſtadt wieder in die Heimath zurückkehren ſollte, fluͤſterte ihr Guſtav noch in dem Augenblicke, da er ſie in den Wagen hob, die Worte zu:„Ich bitte Dich, ſchreibe mir recht oft, meine ſüße Emilie, denn ich kann nicht glücklich oder ruhig ſein, wenn ich nicht von Dir höre oder an Dich


