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Intelligenz-Vlatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen im Allgemeinen,
den Kreis Friedberg und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
N 0.
Mittwoch den 25. Mai
1853.
Der alte Sergeant. Von Dr. Th. Meyer.
(Fortſetzung.)
Ich ſollte ſchon als todt weggeſchafft werden, da entdeckte der Dorfbarbier noch einiges Leben in mir, verband mich und der Maire ließ mich an dieſen verborgenen Zufluchtsort bringen, wo mich die herum— ſchwärmenden Koſacken nimmermehr entdecken konnten. Sacrement! das war eine verdammt langweilige Zeit, bis ich von meinem Säbelhieb und der Schußwunde hergeſtellt war! beſonders da ungünſtige Nachrichten einliefen. Aber ich glaubte ſie doch nimmermehr: alle Franzoſen, meinte ich, müſſen den Kaiſer lieben wie ich und ihr letztes Herz— blut für ihn einſetzen. Weiß es Gott, wie gut ich Dei⸗ ner Mutter, meiner Pflegerin, war! und wie leid mir's that, die braven Leute, die ſich meiner angenommen, zu verlaſſen, aber gleichwohl packte ich, zur Nothdurft herge⸗ ſtellt, meine Muskete wieder auf den Rücken, um zur Armee zu ſtoßen und des Kaiſers Sache zu verfechten. Ich denke noch immer an jenen Morgen, das halbe Dorf gab mir das Geleite und ich biß die Zähne zuſammen, daß ſie nicht merken ſollten, wie ſauer mich das Mar- ſchiren ankomme nach dem Blutverluſte mit meinen halb— geheilten Wunden. Wär's nicht für meinen Kaiſer ge⸗ weſen, daß ich fortzog, die Thränen Deiner Mutter hätten mich da zurückgehalten. Aber ihre Worte thaten es nicht, ſo ſchwer es ihr auch auf's Herz fallen mochte, denn ſie war eine gute Franzöſin. Dort hinter dem Erlenbuſche, als uns Niemand bemerkte, gab ich ihr einen Kuß, den erſten, und ich dachte dabei, es könnte vielleicht auch der letzte ſein.— Wie ich allein war, weinte ich alter Junge, daß mir das helle Waſſer in den Schnurrbart rann, es war wohl auch aus Schwäche von meinen Wunden her. Später ward mir leichter und freier um's Herz, ich freute mich auf die nächſte Bataille wie auf ein Feſt und hatte einen ordentlichen Durſt nach Pulverdampf. Roſenfarben und hell lag die Zukunft vor mir; als ich die letzte Tage⸗ reiſe vor Paris in einem Städtchen einrückte. Im Geiſte war ich ſchon mitten im Soldatenleben unter meinen alten Kameraden und während der Kaiſer unter ſein Zelt trat, ſpielte die Muſik ſein Lieblingslied: où peut-on etre mieux qu'au sein de sa famille?— Ich pfiff die Weiſe ſelbſtvergeſſen vor mich hin als ich durch die Straße ging und achtete es nicht, wie mich die Leute verwundert an⸗ ſahen und rings nur traurige, beſtürzte Geſichter vorüber⸗ ſchlichen. Lieber Gott, erſt auf mein Fragen erzählte man
mir, daß die Fremden in Paris eingerückt ſeien und der Kaiſer, ach der Kaiſer, ſein Regiment niedergelegt und ſeine gute treue Armee entlaſſen habe; flüchtig hatte er ſeinem eignen geliebten Frankreich den Rücken kehren müſſen. Das war wohl die ſchwerſte Stunde in meinem Leben: ich weinte vor Grimm und Wuth wie ein Kind und fluchte laut, daß der Säbelhieb nicht tiefer in meinen Schädel eingedrungen, damit ich nur dieſe Schmach nicht mehr erlebt hätte. Die Welt, das Leben, Alles war mir verleidet, im erſten Zorn warf ich meine Muskete, die mich in allen Schlachten ſo treulich begleitet, von mir weg, nachdem ich ſie an der Mauer zerſchlagen; trüb⸗ ſinnig, niedergeſchmettert kehrte ich in dieſes einſame ſtille Dörfchen zurück. Die Trauerbotſchaft war indeß auch hierher gedrungen, ich konnte das aus allen Blicken leſen. Niemand aber ſprach darüber ein Wort zu mir. Seit dieſer Zeit habe ich keine Waffe mehr in der Hand gehabt, keine Uniform getragen; ich ließ mich hier nieder und zer— ſtreute allmählig meinen Kummer durch Fleiß und Arbeit im Felde. Alles war mir gut, bald konnte ich mit dem Beiſtand Deines braven Großvaters ein kleines Gütchen erwerben und als erſt ein Paar Jahre verfloſſen und der aärgſte Schmerz überwunden war, da warb ich um die Hand Deiner Mutter und erhielt ſie auch. Gottlob! ſeit Jahren ſchon iſt's überſtanden und ich kann der alten ruhmvollen Tage mit Ruhe und ohne Bitterkeit gedenken: ja, ich wurde glücklich, wenn auch nicht auf die Art, wie ich's mir vorgeſtellt, daß ich's allein ſein könne. So eng und bange es mir am Anfang auch in dem Dorfe ge- weſen und ſo lange es bei der einfachen Beſchäftigung ohne Wechſel in mir fortgekocht hatte, da mir ja vor Kurzem noch die ganze Welt nicht weit genug geſchienen, ſo ward ich doch ruhiger in der Beſchränkung und ich ge— wann ſie ſogar lieb, beſonders da unſer kleiner Haushalt durch Deine Geburt vergrößert wurde. Freilich hoffte ich die erſten Jahre immer noch im Stillen, obwohl ich's gegen Niemand äußerte, der Kaiſer werde von St. Helena zurückkehren und da war ich feſt entſchloſſen, dem erſten Aufrufe zu folgen und Alles im Stiche zu laſſen. Der Kaiſer aber ſtarb indeß und auch dieſe trügeriſche Hoff— nung mußte ich aufgeben. Ich dankte Gott, daß mir ein Mädchen und kein Knabe geboren worden, war doch in Frankreich kein Fürſt mehr, unter deſſen Fahne ich ihn gerne hätte fechten ſehen!“,
Bei dieſer Erzählung des alten Sergeanten war das Windlicht auf dem Tiſche tief heruntergebrannt, jetzt ſchwirrte ein großer dunkler Nachtfalter drein und löſchte


