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der an der Wand neben der Thüre lehnte und ſie zu be— obachten ſchien, völlig unbekümmert, ob ein ſolches Be— nehmen auch ſchicklich ſeie oder nicht.— Der Fremde trug einen vollen dichten Bart, der den unteren Theil ſeines ſonneverbrannten aber ſchönen Geſichts mit Zügen von ſeltener Regelmäßigkeit und Würde beſchattete. Seine Tracht war eine fremdartige; ein weiter faltiger Mantel mit einer Kaputze war um ſeine breiten Schultern ge— ſchlagen; ſeine Beine ſtaken in hohen Reiterſtiefeln, die noch kothbeſprützt waren, wie von einem Ritte; der ganze Aufzug deutete auf ein Reiſekoſtüm. Des Fremden großes dunkles Auge haftete mit dem Ausdruck des innigſten Wohlwollens auf den beiden jungen Leuten, auf welche er nun mit einer artigen Verbeugung und gewinnendem Lächeln zutrat, die wie mit magiſcher Gewalt Bernard's aufquellende Entrüſtung beſchwichtigten.
„Ich bin der geſetzliche Erbe des verſtorbenen Herrn Dubracg,“ ſagte er in ſo mildem Tone, als hätte er die erfreulichſte Nachricht mitzutheilen.
„In dieſem Falle,“ ſagte Ormeille,„hoffe ich, daß 1 „Hoffen Sie nicht nur, ſondern vertrauen Sie mir vollkommen, meine Kinder!“ fiel ihm der Fremde raſch in die Rede.„Sie wiſſen wohl nicht, wer ich bin? Jenun, dann will ich es Ihnen ſagen! Ich bin ein Ungeheuer, ein Unmenſch, der ind ſeiner Jugend Schönheit höher ſtellte als Ehrgeiz, und Ruhm höher als Gokd. Zehn Jahre meines Mannesalter verbrachte ich, von meiner Familie verſtoßen, in Armuth und Erniedrigung, ohne Freunde, oft ſogar ohne Brod, in der Fremde. Nach fünf weiteren Jahren war ich ein großer Mann, und diejenigen, die mich einſt verachtet, verſtoßen, vernachläſſigt und dem Hunger und Mangel preisgegeben hatten, kamen nun zu mir, beugten ſich vor mir und vergötterten mich. Allein die Schönheit, die ich einſt angebetet, war Staub, und das Feuer jugendlicher Hoffnung erloſch und ertrank in den bitteren Waſſern der Wiſſenſchaft. Seit zehn Jahren durchſtreife ich die ganze Welt. Ich bin reich— ich kann ſagen unermeßlich reich, denn ich brauche nur ein paar Einfälle aus dieſem Gehirn zu ſchütteln, ein paar Schriftzeichen mit dieſer Hand hinzuwerfen, und ſie verwandeln ſich auf meinen Befehl in Gold. Aber merken Sie wohl auf meine Worte, meine lieben Kinder! Ein Blick der Liebe iſt meines Erachtens mehr werth, als der ganze Beifall eines Zeitalters, oder als alle Schätze eines Kaiſerreichs!“
Der dunkle Fremdling hielt einen Augenblick wie nachdenklich inne, dann ergriff er die Hand der armen Waiſe und fuhr leidenſchaftlich fort:„Ich ſollte Sie um Ihres Vaters Erbſchaft berauben, ſchönes Kind? ich ſollte mich bereichern auf Koſten einer vaterloſen Waiſe? O nein, da ſei Gott für!“ und das Lächeln ſtolzer Ver⸗ achtung, welches bei dieſen Worten um ſeine Lippen ſpielte, ſprach beredter als ganze Stöße Pergament ſeinen feſten Entſchluß der Verzichtleiſtung aus.
Unwillkürlich ergriffen Bernard und Louiſe gleich— zeitig je eine Hand des geheimnißvollen Fremdlings, der ſchweigend ihre beiden Hände ineinander legte, ſeine Rechte ſegnend darüber breitete und endlich mit tief ergriffener Stimme ſagte„Liebet einander ſo innig Ihr konnt, meine jungen Freunde, aber bewahret zuweilen auch einen Moment freundlichen Andenkens für den alten wandernden Sprecht kein Wort, denn ich verſtehe Euch, obwohl Ihr Euch ſelber noch nicht ganz verſteht. Es iſt eben ſo leicht, ein Glück zu prophezeien, als ein Vermögen wegzugeben!“ Damit riß er ſich haſtig von
ihnen los und ſtürzte hinaus. Bevor ſie ſich noch von ihrer Ueberraſchung erholt, war er ſpurlos verſchwunden.
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Du fragſt wohl, geneigte Leſerin, ob ſich ſeine Prophezeiung verwirklicht habe? Jenun, ich könnte die Antwort hierauf ſparen, denn wenn die Prophezeiung falſch geweſen wäre, wozu hätte ich ſie hier angeführt? — Einige Tage ſpäter erhielten die beiden Liebenden eine gerichtliche Urkunde, worin der geſetzliche Erbe ſeine Rechte an die Tochter des Erblaſſers, Louiſe Dubracg, übertrug. Der großmüthige Geber aber war bereits nach Suͤdamerika abgereist. Sein Name iſt einer gefeiertſten unter den Dichtern des heutigen Frankreichs.
Louiſe vereinigte bald darauf das heilige Band der Ehe mit Bernard Ormeille, der als Mann der Wiſſen— ſchaft ebenfalls auf dem Punkte ſteht, ſich einen europäi— ſchen Namen zu erwerben. Noch ſtündlich ſegnen die bei— den Gatten das Andenken des alten Dubracg, das des edlen Dichters, das Geſchenk des Wucherers und ſeine Folgen!
Miscellen.
Ein Lieutenant, der blos auf ſeine geringe Gage an— gewieſen war, und Hunger verſpürte, rief ſeinen Bediente und ſagte:„Geh', hole für meinen Hund für einen Gro— ſchen Suppe, bring' aber einen Löffel mit.“
Eine Geſellſchaft zu einem nützlichen Zwecke, wie de— ren heutigen Tages ſo viele im Schwunge ſind, wurde aus Mangel an Theilnahme aufgelöſt, und der Kaſſareſt ſollte unter die Theilnehmer vertheilt werden. Es war jedoch Nichts mehr übrig. Ein nicht anweſendes Mitglied be— fragte bald darauf ein anweſendes über den Hergang der Sache.„Nun,“ erwiderte dieſer,„der Verein wurde auf— gelöſt und die Kaſſe Mir nichts Dir nichts vertheilt.“
Ein böſes und häßliches Weib wurde von einem Hunde gebiſſen. Man ſtritt in einer Geſellſchaft darüber, ob der Hund toll geweſen ſei oder nicht.„Ei, das lehrt wohl der Augenſchein, entſchied Jemand,„wer bei der an— beißt, muß toll ſein.“
Mehrere Gäſte ließen ſich Stockfiſch bereiten und be— gehrten die Portionen bei dem Wirthe ſelbſt. Dieſer, um keinen der Gäſte zu vergeſſen, überzählte dieſelben noch einmal mit den Worten:
„Eins, zwei, drei, vier, fuͤnf Stockfiſche.“
Eine Magd ſchloß den Brief an ihren Geliebten mit den Worten:„Wenn wir uns morgen Abend im Finſtern mündlich ſehen, ſage ich dir das Weitere.“
Ein Prediger redete ſeinen Edelmann im Beichtſtuhle mit den Worten an:„Hochwohlgeborener Herr Sünder.“
Monatsbericht der Blinden-Anſtalt zu Friedberg. Im Monat Januar gingen zum Beſten obiger Anſtalt 491 fl. 49 kr. ein und die Ausgabe betrug 478 fl. 40% kr., ſo daß ein Kaſſen⸗ vorrath von 13 fl. 8 ¼½ kr. blieb. Allen Gebern ſagen wir herzlichen Dank! Drei Zoͤglinge, ein Jüngling aus Arheilgen, ein Mädchen aus Darmſtadt und ein Knabe aus Mainz, traten ein; ſomit befinden ſich zur Zeit 24 Zöglinge beiderlei Geſchlechts in der Anſtalt. Aktien konnten wir im letzten Monat nicht verkaufen. Zum Beſten der Anſtalt ſind er⸗ ſchienen: Eine Lithographie,„Der Blinde am Wege, gezeichnet von E. Preuſchen und in der Anſtalt für 1 fl. zu haben. Deßgleichen find er— ſchienen:„Lieder und Worte“ V. Heft, à 3 kr., und nächſte Woche wird die Preſſe verlaſſen:„Abſchiedspredigt“, gehalten zu Offenbach, und „ Antrittspredigt /, gehalten zu Friedberg, von Herrn Profeſſor und Stadt⸗ pfarrer Schwabe hier und iſt für 12 kr. das Exemplar von der Anſtalt zu beziehen. Friedberg, den 2, Februar 1853. J. P. Schäfer, Vorſteher.


