Ausgabe 
29.12.1852
 
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Mutter wieder in's Leben und in die Wirklichkeit zurüͤck⸗ zurufen; doch es wurde vollbracht, und es wurden darauf Worte geredet, viel zu feierlich und heilig, um ſie hier zu wiederholen, und Herzen geoͤffnet, welche ſonſt wohl bis zum Tage des Weltgerichts verſchloſſen geblieben wären. Gabriele, zum erſten Male in ihrem Leben, erkaunte ſich in ihrer wahren Geſtalt; und neben ihr Kind ſich nieder⸗ werfend, rief ſie aus:»Ich habe Deine Zuchtruthe ver⸗ dient, denn Du biſt der Herr, und ich Dein Geſchöpf; handle mit mir, wie Du es für's Beſte hälſt. Nun war ihr Stolz gedemüthigt, ihre Hoffnung zertrümmert, ihr Herz zerknirſcht und gebrochen, und niemals, niemals war mir Gabriele ſo theuer geweſen. Viele Wochen lang wachte ich an ihrem Bette, da ſie zwiſchen Leben und Tod ſchwebte, und wußte, daß ſie jetzt ein umgewandeltes Weſen war, und daß dieſe bittere Trübſal nicht vergeblich über ſie gekommen. Sie gelangte allmählig zu Gott, und kniete demüthig betend am Gnadenthrone, beſtändig ausrufend: Du biſt allweiſe! Du biſt allgütig! Du allein kennſt, was uns gut iſt! Dein Wille geſchehe!

Der Schlag war ſchwer auf Lord Treherne's Haupt gefallen, aber noch zwei Jahre lebte meine Schweſter, um ihn zu beglücken und zu tröſten; da wurde es Allen offen⸗ bar, daß die Mutter ſich bald wieder mit ihrem Kinde vereinigen wiede in den Wohnungen der Seligen. Sie äußerte den Wunſch, Herr Dacre ſolle den Leichen⸗Gottes⸗ dienſt über ſie halten, worauf er ihrer ſcheidenden Seele die letzten ſegensreichen Tröſtungen reichte; keine Ueberreſte menſchlicher Schwachheit lauerten in ſeinem Herzen, als er neben der Sterbenden ſtand, denn er wußte, daß ſie in dieſer Welt nur Fremdlinge und Pilgrime ſeien, daß ſie aber in jener Welt, welcher Gabriele zueilte, in Herrlichkeit wieder vereint ſein würden ohne Trennung und fürder ohne Thränen. Sie ſtarb ruhig, die Hände in die ihres Gatten und in die meinigen geſchlungen; während Herr Dacre in Gebet verſunken auf den Knieen lag, ſchied ſie von hinnen, und wir blickten in ſprachloſer Trauer auf einander und auf die entſeelte Hülle meiner jungen ſchönen Schweſter. f

Von meinem eigenen tiefen Schmerz und meinem zerriſſenen Herzen will ich nicht reden. Lord Treherne bedurfte meiner ganzen Sorgfalt und Aufmerkſamkeit, und wollte Nichts davon hören, daß ich ihn verlaſſen ſollte, in der That, er konnte kaum ertragen, daß ich ihm aus dem Geſichte kam: die große Schwäche ſeiner vor⸗ gerückten Jahre hatte plötzlich zugenommen ſeit ſeinem doppelten Verluſte, und ich war von heißem Dankgefühl durchglüht, daß er nur meinen demüthigen Anſtrengungen fortan jeden heitern Sonnenblick verdankte. Sein Körper mußte noch mehrere Jahre ſchwer leiden, aber die Heim⸗ ſuchungen waren nicht vergeblich, denn Lord Treherne wurde nun auf den ſchauerlichen Wechſel, der ihm bevor⸗ ſtand, auf's Vollkommenſte vorbereitet, indem er auf des Erlöſers Verdienſt allein vertraute. Das waren geſegnete Stunden, wo Herr Dacre von den theuren Verklärten mit ihm redete, welche ihm nur vorangegangen, von Got⸗ tes Wegen, wie er uns zu Ihm führe, wie er unſern Stolz und Eigendünkel züchtige, und keinerlei Abgötterei dulde. Lord Treherne machte mit ausnehmender Groß muth ein anſehntiches Vermächtniß für ſeineweiſe kleine Ruth, wie er mich lächelnd noch bis zuletzt nannte. Er endete in Frieden, und Treherne-Abbey kam in Beſitz einer entfernten Linie der Treherne'ſchen Familie.

Wood End Cottage war frei, und ich kaufte es; von Herrn Dacre unterſtützt in dem geſegneten Werke der Liebe zu unſerm göttlichen Meiſter, iſt mein Leben nicht im Müßiggange verſtrichen, und, wie ich das demüthige

Vertrauen habe, nicht ganz ohne Nutzen für meine Mit⸗ menſchen. Vor ſeinem Tode ließ Lord Treherne noch zum Andenken an Gabriele und Ella, ſeine Adoptivtochter, in

der Kirche von Wood End ein glänzendes Denkmal er⸗

richten: eine Gruppe von ausgezeichneter Arbeit in flecken⸗ loſem Marmor, Mutter und Kind darſtellend, wie ſie neben einander ruhen wie im Schlaf, die Hände auf der Bruſt fromm gefalten, und die Augen geſchloſſen, als wären ſie müde müde.

Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne, welche ſo oft auf Gabrielens Geſtalt fielen, wenn ſie in ihrem Wittwenſtande unter den prunkvollen Monumenten der Familie Treherne niederkniete, erleuchten jetzt das Stein⸗ bild, welches geheimnißvoll an verborgene Dinge mahnt Tod und Vergänglichkeit.

Gern kniee ich in dem Bethauſe, wo Gabriele knie'te: dunkle Stimmen aus der Vergangenheit ſchlagen an das Ohr meines Geiſtes; mein Ruheplätzchen iſt bereitet unter den grünen Raſenhügeln, denn keine Tafel oder Denkſtein ſoll den Fleck bezeichnen, woRuth der Krüppel ruht, wenn ich ſchlummere mit dem Raſen an meinem Buſen, Staub bei Staube.

Die zwei Hinden an der Straße. Eine Dorfgeſchichte aus dem Orlathale.

Rings umher angebauter Acker, in der Mitte ein Hügel von Steinen und geringem Erdreich, auf dem Huͤ⸗ gel die zwei Linden, ganz nahe beiſammen, ihre Zweige ineinander verſchränkt, ihre Wipfel im Winde einander zuneigend juſt wie zwei Freunde, oder zwei Brüder, oder Mann und Frau in liebender Eintracht. Und ſo iſt's wirklich geweſen.

Es mögen nahe an hundert Jahre ſein, da beſaß den Acker ein Bauer aus dem nahen Dorfe. Der Bauer hatte zwei Söhne, die Mutter war geſtorben, eine blut⸗ junge verwaiste Baſe, Margarethe, hielt mit Haus. Der Vater war ſtreng, und die Jungen, die dazumal noch wenig Schule hatten, mußten deſto tuͤchtiger an die Ar⸗ beit, und war der Haushalt arm, ſo war der Acker ſtein⸗ reich. Da ſah man denn die Brüder ableſen, roden und hacken. Sie trugen die Steine ſammt dem wilden Erd⸗ reich zuſammen manches Jahr. So entſtand der Hügel und der Acker umher ward geklärtes Land. Die Linden aber? Hatte ſie ein Vogel hingetragen, oder hatte der Wind den Saamen hinzugeweht, wir wiſſen's nicht; aber ſie wuchſen, und ragten über die Dornen heraus, dem Alten zur Duldung, den Brüdern zur Freude. Als die Letztern aus der Schule kamen, waren die Linden ſchon leidlich groß, und gaben dem Hügel für's Auge eine Ge⸗

ſtalt. Auch verſuchte es ſchon der Goldammer und ſang vom Wimpfel ſein:Mädel, Mädel, wie blüht's! ins Thal. a

Aber der Frühling und die frohe Jugendzeit ver⸗ gehen bald. Es kam den Brüdern ernſter. Die Soldaten in der Stadt fahndeten auf den älteſten, und hätten wohl beide gern gehabt zur Compagnie. Nun war's aber In⸗ fanterie, und bei denFußpatſchern wollte Michel nicht dienen. Da ging er eines Abends der Corporal war eben von der andern Seite her, das ſpaniſche Rohr in der Hand, in's Dorf geſchlichen mit dem Bruder hin⸗ aus.Bruder, ſagte Michel,ich weiß, was ich thu'. Bei den Kerlen da dien' ich nicht. Ich geh' zu den Dra gonern. Und Du als einziger Sohn biſt dann von den Soldaten frei!« Der Bruder wollte reden, aber Michel blieb feſt. Nun war der Bündel bald geſchnürt und heim lich beigebracht. Der Pathenthaler mit ein paar anderen

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