Ausgabe 
27.11.1852
 
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ntelligenz-Blatt

fur die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen,

die Kreiſe Friedberg, Vilbel und Nidda

Sonnabend den 27. November

1852.

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uns zu amüſiren; unſer einziges Dienſtmädchen eine alte Irrländerin, welche mein Vater nur wegen ihrer Küchenfertigkeit behielt ließ uns arme, vor Froſt zit⸗ ternde Kinder niemals in die Küche, wenn ſie beim Kochen war;denn, pflegte Nelly zu ſagen,wenn Ihr mich neckt oder boͤſe macht, ſo könnte ich das Eſſen verderben, und dann ſey der Himmel uns gnädig, wenn der Herr böſe wird.

Niemand kam je in unſere Nähe es ſchien, daß wir auf's Aeußerſte vernachläſſigt wurden und ſelbſt unſer Daſein unbekannt blieb. Das Haus roch nach Tabaks⸗ rauch, und der Garten, wo wir ſpielten, war eine Wild⸗ niß von Unkraut zwiſchen welchem im Sommer Roſen bluͤhten, deren Keimen Gabriele und ich mit Entzücken

Furgkirch K Sell. Hottwerth. v 1859 LW a 8 im Beſonderen. 2 8 8 92.880 2 93. 31 a 5 15 15% Die Schweſtern. ei ſe Eine Memoiren ⸗Novelle. Ted Dunkle Stimmen vergangener Zeiten ſchlagen an e mein Herz denn der Traum des Lebens iſt verronnen, dun m und mag jetzt enthüllt werden; die Träumerin harrt be⸗ kits an dem dunklen Pfade, der zu den Raſenhügeln ek, führt, wo modernde Todten ande nach oben zeigen und 1: a. f 8 370% zu ſagen ſcheinen:Wirf noch Deinen letzten Blick zum 256 blauen Himmel hinauf und dann komme und ruhe bei E uns. 1 Ich weiß mich keiner glücklichen Kindheit zu erinnern, Taxe denn ich begann ſchon ſo früh zu denken, daß Schmerz und Butzbach und Gedanke mit einander verknüpft waren. Ich hatte einen Vater und eine Schweſter, welche zwei Jahre älter

November.

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Häuschen, das, von einem den Thoren einer Stadt lag,

ſtückte niemals mit uns

war als ich; und unſere Behauſung war ein kleines Blumengarten umgeben, vor deren Kirchenglocken man bei uns ſehr deutlich hören konnte. Dieß ſind liebliche, romantiſche Ideen verbindungen; aber Gartenblumen und Silbertöne und Heimath meiner Kindheit ſind Worte, die keine entſprechende Saite meines Herzens an ſchlagen, denn die Wirklichkeit war ernſt und ſtrenge, und die Phantaſie wob kein Feenmärchen hinein, um die nackte Wahrheit zu verhüllen. 8 Meine Mutter ſtarb bei meiner Geburt; mein Vater war ein hagerer, blaſſer Mann, welcher beſtändig Haupt und Hals in Flanell gehüllt trug, und ſich mit Hülfe eines Stockes nur langſam fortbewegen konnte. Er früh⸗ wir mußten in der Küche bleiben, um Feuerung zu erſparen ſondern kam erſt

ſpät am Vormittag herunter, und wenn es warm und

Vater; nach Tiſche

ſonnig war, ſo machte er wohl einen gemächlichen Spa⸗ ziergang nach den Feldern, doch niemals nach der Stadt. Wir aßen ſpät, und da gab's immer Leckerbiſſen für den blieb er immer bei der Weinflaſche ſitzen, rauchte Cigarren und las die Zeitungen, bis es Zeit war, zu Bette zu gehen. Um Gabriele oder mich dekümmerte er ſich wenig, außer um uns Ruhe zu gebieten oder etwas Verlangtes durch uns holen zu laſſen. Es befanden ſich zwei Wohnzimmer im Hauſe zu beiden Seiten der Thür; das Hausgeräth war nur duͤrftig und gering, und das Zimmer links wurde nie geheizt, denn mein Vater bewohnte ſtets das andere. Gabriele und ich

mußten zur Winterzeit oft bitterlich frieren in dem Zimmer hineingeſchickt, um

zur Linken, denn wir wurden häufig

beobachteten: jene Sommerroſen an den großen verfloch⸗ tenen Büſchen erſchienen uns ſicher viel ſchöner als an⸗ deren glücklicheren Kindern wir ſammelten und bewachten jedes Blatt wie es abfiel, und nie war uns ein Duft ſo köſtlich!

Natürlich wird man nun auf die Vermuthung kom⸗ men, daß bei unſerer Unwiſſenheit die empfangenen Ein⸗ drücke nicht ſchmerzlich waren; aber von der Zeit an, wo ich zu beobachten und zu begreifen anfing, entſtand in mir auch das bittere Gefühl unſerer Lage, welches bei Gabriele noch viel lebhafter war als bei mir. Wir wußten, daß wir halb verhungerte, nur halb bekleidete, vernachläſſigte, ungeliebte Geſchöpfe waren, und daß unſer Vater die perſonificirte Selbſtſucht war. Wir ſahen andere Kinder hübſch gekleidet mit ihren Müttern oder Kinder- mädchen vorbeigehen oder geſund und fröhlich zur Schule traben; und unſer Herz ſehnte ſich, ihnen gleich zu ſein ſehnte ſich nach einem Mutterkuſſe! Gabriele war von Natur ſchweigſam und ſtolz, wiewohl oft leiden⸗ ſchaftlich, wenn wir zuſammen ſpielten; aber der Aus- bruch war bald vorüber, und ſogleich umarmte ſie mich wieder. Ihr Anblick brachte mir ſchon früh eine Abnei⸗ gung gen alles Häßliche bei ihre Schönheit war von der Art, daß ſie ein Kind wohl blenden konnte ſie war von einer ſo glänzenden, aber farbloſen Schönheit, mit goldgelbem Haar, welches in reicher Wallung auf ihre Taille herabſtel, und ſanften großen blauen Augen, welche mir oftmals den Gedanken an Himmel und Engel er⸗ weckten; denn, Gottes Gnade ſei's gedankt, ich wußte ſchon von ihnen, als ich noch ein Kind war.

Natürlich waren wir noch unbekannt mit unſers Vaters Geſchichte, als wir ſie nachmals vernahmen. Ex