Sie gewahrt Niemand! Sie iſt allein! Etwas weiter weg ſtößt ſie auf ein Bächlein, das durch den Wald rieſelt. Hier erinnert ſie ſich, daß ſie heute noch nicht gebetet. Sie kniet nieder, faltet die Hände und richtet die Blicke zum Himmel empor, und beginnt nun mit ſanfter Stimme die Hymne an die Jungfrau zu ſingen.
Nach und nach ſang ſie lauter und mit größerer In⸗ brunſt. Ihre Bruſt hob ſich vor innerer Bewegung, ihre Augen leuchteten in ungewöhnlichem Glanze; als aber die Hymne zu Ende war, ließ ſie den Kopf ſinken, Thränen rollten uͤber ihre Wangen und endlich ſchluchzte ſie über laut. Sie würde wohl noch lange ſo fortgemacht haben, wenn nicht Jemand, der unvermerkt hinter ſie getreten war, ihr zugerufen hätte“:„Weine nicht mein armes Mädchen, es iſt beſſer du ſingſt, als du weineſt.“ Der Fremdling hob ihr den Kopf in die Höhe, trocknete ihre Augen mit ſeinem Taſchentuch und küßte ſie auf die Stirne.
Es war des Grafen Sohn, Leon!
„Du mußt nicht ſo weinen,“ fuhr er fortz„ſei ru⸗ hig, und wenn die Krämer kommen, ſo kaufe ich Dir ein hübſches Tuch.“ Bei dieſen Worten gab er ihr einen Ru— bel und ging weiter.
Anielka barg das Geldſtück in ihrem Mieder und eilte raſch nach dem Schloſſe zurück.
Zum Glück war Mademoiſelle Dufour noch nicht heimgekehrt. Anielka ſetzte ſich in die gewohnte Ecke. Sie nahm gar oft den Rubel heraus und ſah ihn zärtlich an; dann ſchickte ſie ſich an, eine kleine Börſe zu fertigen, welche ſie an ein Band befeſtigt, und um den Nacken hing. Es fiel ihr nicht ein den Rubel auszugeben; es würde ſie im Gegentheile tief geſchmerzt haben, wenn ſie ſich, von jenem Geſchenke hätte trennen müſſen, welches ihr die einzige Perſon im ganzen Hauſe, die ſie freundlich anſah, gegeben hatte.
Von dieſer Zeit an blieb Anielka ſtets im Zimmer ihrer jungen Gebieterin; ſie ward beſſer gekleidet und Ma⸗ demoiſelle Dufour hörte auf, ſie zu quälen. Wem hatte ſie dieſen plötzlichen Wechſel zu verdanken? Vielleicht einer Vorſtellung Leons? Konſtanze ließ Anielka neben ſich ſitzen, wenn ſie ſelbſt Unterricht bei ihren Muſikmeiſtern erhielt, ging ſie aber nach dem Geſellſchaftsſaale, ſo ward jene in ihren Gemächern allein gelaſſen. In Folge dieſer freund⸗ licheren Behandlung verlor Anielka allmählig ihre Schüch—⸗ ternheit; und wenn ihre junge Gebieterin am Stickrah— men ſaß und ihr zu ſingen befahl, ſo that ſie dieß kühn und mit feſter Stimme. Noch eine größere Gunſt wartete ihrer. In ihren Freiſtunden lehrte Konſtanze ſie polniſch leſen; und da Mademoiſelle Dufour es für politiſch hielt, dem Beiſpiel ihrer Gebieterin zu folgen, ſo begann ſie ihrerſeits ſie auch franzoͤſiſch zu lehren.
Indeſſen begann eine neue Art Folter für Anielka. Sie hatte jene zwei Sprachen mit leichter Mühe gelernt und nun ergriff ſie eine unwiderſtehliche Leſewuth. Bucher hatten für ſie den Reiz des verbotenen Apfels, denn ſie konnte nur verſtohlen bei Nacht leſen oder wenn ihre Her— rin auf Beſuch in die Nachbarſchaft ging.
Aber die Freundlichkeit, die man ihr ſeither bewieſen, begann wieder Etwas nachzulaſſen. Leon hatte in Beglei⸗ tung ſeines alten Hofmeiſters und eines Buſenfreundes, der ebenſo jung, ſo fröhlich und ſo gedankenlos wie er ſelbſt war, eine große Reiſe angetreten.
So vergingen zwei Jahre, während welcher Leon abweſend war. Als er zurückkehrte, zählte Anielka ſieb— zehn Jahre und war groß und ſchön geworden. Niemand, der ſie ſo lange Zeit nicht geſehen, würde ſie wieder er— kannt haben. So erging es auch Leon. Es war nicht
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denkbar, daß er in dem Strudel unaufhörlicher Vergnü⸗ gungen ſich des armen Bauernmädchens hätte exinnem
ſollen; er aber war in Anielka's Gedächtniß geblieben, ſie
ſah zu ihm empor als einem höheren Weſen, als ihrem
Wohlthäter, als dem Einzigen, der freundlich mit ihr ge. ſprochen, als ſie arm, verachtet und verlaſſen war! Wenn ihr in einem franzöſiſchen Romane ein junger zwanzigjäh⸗
riger Mann von edlem Charakter und ſchönem Außerenf Die Erinnerung an den,
aufſtieß, ſo hieß ſie ihn Leon. Kuß, den er ihr gegeben, jagte ſtets eine flammende Röthe auf ihre Wangen, entlockte ihr einen tiefen Seufzer.
Eines Tages trat Leon in das Zimmer ſeiner Schwe— ſter.
beit.
den.
Anielka war da und ſaß in einer Ecke an der Ar-
Mit Leon ſelbſt war eine große Veränderung vor e 1847
ſich gegangen, aus einem Knaben war ein Mann gewor⸗ ci b „Du wirſt wohl ſchon gehört haben, Konſtanze f
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ſprach er,„was für ein guter Junge ich bin, und mit
welcher Gefuͤgigkeit ich mich dem Ehejoche, das der Graf
und die Gräfin für mich ausgeſucht haben, zu unterwerfen
gewilligt bin?— Dabei begann er zu pfeifen und einige Schritte Mazurka zu tanzen.
„Vielleicht erhältſt Du einen Korb,“ gab Konſtanze
kalt zur Antwort.
„Einen Korb? O nein! der alte Fürſt hat bereits
ſeine Einwilligung gegeben, und was ſeine Tochter be— trifft, ſo iſt ſie zum Raſendwerden in mich verliebt. Sieh
nur einmal dieſen Schnurrbart an, gibt es etwas Unwi—“
derſtehlicheres auf dieſer Welt?“— er ſah in den Spie— gel und drehte den Bart zwiſchen den Fingern; dann fuhr er in einem ernſteren Tone fort:„Aufrichtig geſtanden, ich erwidere ihre Liebe nicht ſehr. Meine Zukünftige iſt durchaus nicht nach meinem Geſchmack. Sie zählt faſt dreißig Jahre, und iſt ſo mager, daß ich, ſo oft ich ſie anſehe, unwillkürlich an die anatomiſchen Figuren meines alten Hofmeiſters denken muß. Aber Dank ihrem Pariſer Schneider, macht ſie eine ziemlich erträgliche Figur und ſieht in einem Kaſchemir nicht übel aus. Du weißt, ich lege das Hauptgewicht darauf, daß das Weib eine impo⸗ nirende Haltung habe, und kümmere mich nichts um Liebe. Ich finde, daß es von keinem guten Ton zeugt, wenn man ſich liebt, daß die Liebe überhaupt nur in der aufgeregten Einbildungskraft der Dichter lebt.“
„Du irrſt, es gibt in der That hie und da Leute, die ſich lieben,“ erwiderte die Schweſter.
„Hie und da?“ wiederholte Anielka unhörbar. Die— ſes Geſpräch hatte ſie ſchmerzlich berührt, ſie wußte nicht
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ſah lieblicher als je aus. (Fortſetzung folgt.)
Friedberg den 28. Auguft.
Einer der Koryphäen der Kunſt— und zwar einer derjenigen Künſte, in welchen große Meiſter am ſeltenſten gefunden werden, nämlich der Gedächtnißkunſt— befindet ſich auf ſeiner Durchreiſe nach Berlin gegenwärtig in Fried berg. Es iſt dieß der in ganz Deutſchland rühmlichſt be— kannte Hr. Hermann Kothe, welcher, nach Tauſenden von Zeitungsberichten, ſeit vielen Jahren in faſt allen vot⸗ nehmeren Städten Deutſchlands durch ſeine koloſſale Ge— dächtnißſtärke großes Aufſehen erregte. Er hat in derſelben bis jetzt ſeines Gleichen nicht gefunden, obgleich er, buch— ſtäblich, darnach ſucht; denn obgleich die Vorzüge des von ihm aufgeſtellten mnemoniſchen Syſtems vor allen früheren von der Kritik längſt anerkannt und Kothe's Gedächtniß- leiſtungen vielfach als„das Beſte“ bezeichnet worden ſind,
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