Ausgabe 
25.8.1852
 
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ntelligenz-Vlatt

fuͤr die

Provinz Oberheſſen

im Allgemeinen, die Kreiſe Friedberg, Vilbel und Nidda

im Beſonderen.

66. Mittwoch den 26. Auguſt 1852.

Gerz, hein

Alle Inſerate, welche von dem Donnerſtag Morgen bis den Sonntag Abend bei der Expedition eingehen, finden in dem Mittwochs erſcheinenden Blatte eine Aufnahme; alle Inſerate, weiche von Montags Morgens an bis den Mittwoch Abend eingehen, werden in das Samſtags erſcheinende Blatt aufgenommen.

Friedberg. Die Expedition des Intelligenzblattes.

Die Leibeigene von Poberez. (Fortſetzung.)

2 Tate Es war heute das erſte Mal in ihrem Leben, daß berg und Butaß Anielka ſo weit von ihrer Heimath weggekommen war. am N. Aut. Sie betrachtete Alles, was ihrem Auge begeguete, mit FGneugierigen Blicken, beſonders aber eine junge Dame, un⸗ Luß gefähr in dem gleichen Alter mit ihr und prächtig geklei daß det und dann einen Jüngling von 18 Jahren, der allem 1 Anſchein nach eben von einem Ritte zurückgekehrt war, 3 30 denn er hielt eine Reitgerte in der Hand, während er an 313 1. den jungen Burſchen, die in einer Reihe vor ihm aufge 2 ſtellt wurden, muſternd auf und nieder ging. Er wählte e., e zwei von ihnen aus, die alsbald nach den Ställen abge⸗ 15 15 führt wurden.

1Und ich wähle dieſes junge Mädchen, ſagte Konſtanze en 1% 15 Roszynsky, indem ſie auf Anielka deutete.Sie iſt die hübſcheſte von allen. Ich mag keine häßlichen Geſichter um mich ſehen.

. Ftied⸗ ſe. berg. kt. pf.

f.

10 12 Als Konſtanze in den Saal zurückkehrte, gab ſie

.* 9. Befehl, Anielka nach ihren Gemächern zu ſchaffen und ſie

** der Obhut der Mademoiſelle Dufour zu übergeben, einer

1 Franzöſin, welche erſt kürzlich aus dem Laden der erſten

50] Putzmacherin in Odeſſa angelangt war. Das arme Mäd⸗ 9775 chen! als man ſie von ihrer Adoptiv⸗Mutter trennte und

dem Schloſſe zurückführte, riß ſie ſich mit einem Schrei der Verzweiflung los und ſchloß ihre alte Beſchützerin feſt, feſt in die Arme! Man ſtieß ſie mit Gewalt auseinander 2 2/und der Graf Roszynsky fragte ruhig:Iſt es die Toch⸗ 16 11 ter oder die Enkelin der Alten?

ptinen 5 14

16 70Weder das eine noch das andere, gnädigſter Herr 50-nur ein angenommenes Kind. 8 0 7

20 10 AUAber wer will das alte Weib heimführen, da ſie 16. 1 blind iſt? 1 164 46%Ich, gnädiger Herr, erwiderte einer von ſeinen

deſſichen dime Dienern, indem er ſich bis zum Boden verneigte,»ich 2 will ſie neben meinem Pferde herlaufen laſſen, und wenn

ſie in ihrer Hütte iſt, wird ihr alter Mann ſich ihrer an nehmen ſie müſſen jetzt eben gegenſeitig für einander ſorgen.

Mit dieſen Worten entfernte er ſich mit den übrigen Bauern und Dienern. Das arme alte Weib aber mußte von zwei Männern weiter geſchleppt werden, denn mitten in ihrem Schreien und Schluchzen war ſie faſt leblos zu Boden geſunken.

Und Anielka? Sie ließen ihr nicht Zeit zum Weinen. Sie mußte nun alle Tage im Winkel eines Zimmers ſitzen und nähen. Man erwartete von ihr, daß ſie Alles gleich zum erſten Male recht mache, und geſchah dieß nicht, ſo mußte ſie hungern oder wurde grauſam abgeſtraft. Morgens und Abends mußte ſie der Mademoiſelle Dufour beim An- und Ausziehen der Gräfin behülflich ſein. Kon ſtanze ſah zwar hochmüthig auf Alle herab, die unter ihr ſtanden, und verlangte ſklaviſchen Gehorſam, doch war ſie ziemlich freundlich gegen die arme Waiſe. Die eigentliche Qual dieſer begann erſt, wenn ſie das Zimmer ihrer jun⸗ gen Gebieterin verlaſſen hatte und nun Mademoiſelle Du four helfen ſollte. Ungeachtet ſie ſich hier beſtrebte, Alles ſo gut als möglich zu machen, ſo gelaug es ihr doch nie, die Franzöſin zu befriedigen oder etwas Anderes, als harte Verweiſe von ihr zu erlangen.

Auf dieſe Weiſe verſtrichen zwei Monate.

Eines Tages ging Mademoiſelle Dufour ſehr früh zur Beichte; da ergriff Anielka eine heftige Sehnſucht, wieder einmal in Frieden und Freiheit den ſchönen blauen Himmel und die grünen Bäume zu betrachten, wie ſie ehedem gethan, wenn die erſten Strahlen der aufgehenden Sonne zu den Fenſtern der kleinen Waldhütte hereinſtröm ten. Sie eilte in den Garten. Enzückt über den Anblick ſo vieler ſchöͤner Blumen wandelte ſie weiter und weiter auf den weichen, ſich ſchlängelnden Pfaden, bis ſie endlich in den Wald gelangte. So gar lang war ſie fern von ihren lieben Bäumen geweſen; jetzt pilgerte ſie dahin, wo ſie am dickſten ſtanden. Hier ſchaut ſie ſich kühn um.