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wartet hatte.— Und nun, mein Herr, kennen Sie meine Geſchichte; ſie iſt einfach die, daß ich mich von einem Mädchen geliebt glaubte, und ich ward von einem Hunde geliebt. Armer Puck!“ Puck ſprang an dem Blinden inauf.
N 8 ſagte er,„Du biſt nicht mein Puck, aber ich liebe Dich, weil Du mich liebſt.“
„Armer junger Mann,“ rief ich,„Sie werden von einer Andern geliebt werden, wenn denn auch nicht von ihr, und Sie werden eine Andere lieben. Aber hören Sie, Gervais, ich muß Chamouny verlaſſen, ich reiſe nach Mailand; ich werde Eulalie ſehen, ich werde ſie ſprechen, ich ſchwöre es Ihnen, und dann werde ich zu Ihnen zu⸗ rückkehren. Ich habe auch eine Herzenswunde, die nicht geheilt iſt.“ Gervais ergriff meine Hand und drückte ſie heftig; Sympathie im Unglück wird ſo ſchnell erkannt. „Sie ſind wenigſtens, Dank ſei es Ihrem Beſchützer, gut verſorgt; Ihr kleines Grundſtück iſt ſehr fruchtbar ge⸗ worden. Sie werden bald eine Hausfrau, bald wieder einen Freund finden.“.
„Und einen treuen Hund?“ erwiderte fragend Gervais.
„Ach, ich würde Ihnen den meinigen nicht für Ihr ganzes Thal und für Ihre Berge geben, wenn er Sie nicht ſo liebte; aber jetzt— gebe ich ihn Ihnen.“ i
„Ihren Hund?“ rief er;„Ihren Hund? ach, Sie können ihn nicht weggeben.“
„Leben Sie wohl, Gervais!“
Ich ſagte Nichts zu Puck, er würde mir ſonſt ge⸗ folgt ſein; wie ich weggehen wollte, ſah Puck unbehaglich und beſchämt aus; er ging etwas zurück, ſtreckte ſeine Pfoten aus und beugte den Kopf zur Erde. Ich ſtrich ſein langes ſeidenes Haar und ſagte, es ward mir nicht leicht:„Geh!“ Wie ein Pfeil flog er zu Gervais zu⸗ rück. So wird doch der arme Gervais nicht allein ſein, dachte ich.
Wenige Tage nachher befand ich mich in Mailand. Ich war nicht geſtimmt, Geſellſchaft zu ſuchen, doch ver⸗ mied ich ſie nicht ganz. Ein Zimmer voll Menſchen iſt eine Einöde, wenn man nicht ſo unglücklich iſt, auf einen jener nie ermüdenden Touriſten zu ſtoßen, die man auf den Boulevards und bei Tortoni zu finden gewohnt iſt, oder mit denen man einmal bei Favert eine Stunde ſich gelangweilt hat, eine von daz aufgeſtutzten Modepuppen mit modiſcher Kravatte, parfſimirtem Haar, die durch eine Lorgnette ſehen und mit der vollkommenſten Sicherheit und Selbſtgefälligkeit in ſo hohem Ton, wie ihnen mög— lich iſt, ſprechen.
„Was, Sie ſind hier?“ rief Roberville.
„Sind Sie's?“ erwiderte ich. Er fuhr fort zu plappern, aber ich achtete nicht auf ſeine Worte, denn meine Augen richteten ſich plötzlich auf ein ganz junges Mädchen von außerordentlicher Schönheit; ſie ſaß allein und lehnte, in Nachdenken verſunken, an einem Pfeiler.
„Aha!, ſagte Roberville;„ich verſtehe, nach dieſer Richtung wendet ſich Ihr Sinn. Nun, wirklich, Sie zeigen Geſchmack. Ich dachte einmal ſelbſt an ſie, aber jetzt habe ich höhere Pläne.“
„Wirklich?“ erwiderte ich und ſah ihn von Kopf bis zu Fuß an,„was Sie ſagen!“
„Kommen Sie,“ ſagte Roberville,„ich merke, Ihr Herz iſt ſchon gefangen, Sie beſchäftigen ſich allein mit ihr; geſtehen Sie, daß es ein rechtes Leid geweſen ware, wenn dieſe herrlichen ſchwarzen Augen nie dem Lickte wären geöffnet worden.“
„Was meinen Sie damit?“
„Was ich meine? nun, daß ſie blind geboren war. Sie iſt die Tochter eines reichen Kaufmanns aus Ant
werpen und ſein einziges Kind; er verlor ſeine Frau ſehr jung und verfiel dadurch in den tiefſten Kummer. verließ Antwerpen, gab ſein Geſchäft, das gerade damals ſehr einträglich war, auf, und nachdem er Denen, die bei ihm angeſtellt waren, reiche Geſchenke gemacht und ſeinen Dienern Penſionen ausgeſetzt hatte, verließ er Haus und Geſchäft.“
N„Und was ward nachher aus ihm?“ fragte ich un⸗ geduldig, denn meine Neugierde wuchs immer mehr.
„O, es iſt ein Roman, ein vollkommener Roman. Er zog ſich nach Chamouny zurück, wo wir Alle einmal in unſerm Leben geweſen ſind, um wenigſtens ſagen zu können, daß wir da waren, obwohl ich fuͤr meinen Theil mir wenig aus den Reizen dieſer melancholiſchen Erhaben— heit mache, und dort blieb er mehrere Jahre. Haben Sie nie von ihm gehört? Wie heißt er doch?.. es iſt ein ganz gewöhnlicher Name... richtig, Herr Robert heißt er.“
„Nun?“ ſagte ich.
„Nun,“ fuhr er fort,„ein Augenarzt war ſo glück⸗ lich, der Tochter das Geſicht wiederzugeben. Der Vater ging mit ihr nach Genf; dort verliebte ſie ſich in einen Abenteurer, der ſie entführte, weil ihr Vater ihn nicht zum Schwiegerſohn haben wollte.“
„Der Vater ſah ein, daß er ihrer unwürdig war,“ ſagte ich. s
„Ja, und er hatte ſich nicht geirrt; denn ſobald ſie Mailand erreicht hatten, verſchwand der Abenteurer, mit Gold und den Diamanten, in deren Beſitz er ſich zu ſetzen gewußt hatte; es ward erwieſen, daß er ſchon verhei⸗ rathet geweſen und in Padua ſchon einmal peinlich be— ſtraft worden war.“
„Und Herr Robert?“
„Ach, Herr Robert ſtarb vor Gram; aber dies machte wenig Senſation, denn er war ein ſehr eigenthümlicher Mann, der ganz ſonderbare Ideen hatte; eine der abſon⸗ derlichſten war, daß er ſeine Tochter an einen blinden jungen Mann verheirathen wollte.“
„Ach, das arme Mädchen!“ 5
„Sie iſt nicht ſo ſehr zu beklagen; aber blicken Sie ſie doch an, ſtatt von ihr zu ſprechen, und geſtehen ſie, daß Sie Vorzüge beſitzt, mit zweihunderttauſend Frances jährlicher Rente und einem ſolchen Augenpaar.“
„Augen, Augen! Fluch ruht auf ihnen, denn ſie ſind ihr Unglück geweſen.“ Es liegt ein wenig Grauſam— keit in mir, ich laſſe gern Die wieder leiden, die Anderen Leiden verurſacht haben. Ich heftete einen jener durch⸗ bohrenden Blicke auf Eulalie, der, wenn er einem Mäd⸗ chen nicht ſchmeichelt, ſie in ſich gehen läßt; ſie erhub ſich von dem Pfeiler, an den ſſe lehnte, und ſtand regungslos, zitternd da. Langſam ging ich zu ihr hinan und ſagte leiſe:„Gervais!“
„Wer?“,
„Gervais.“
„Ach, Gervais!“ erwiderte ſie und legte die Hände vor die Augen.
Die Scene war einzig in ihrer Art und hätte auch die Nerven der Ruhigſten erſchüttern können; denn mein Erſcheinen war ein ſo plötzliches, meine Bekanntſchaft mit ihrer Geſchichte ſo ungewoͤhnlich.
„Ja, Gervais!“ rief ich und erfaßte heftig ihren Arm.„Was haben Sie ihm gethan?“ Sie ſank ohn— mächtig zu Boden. Ich habe ſeit jenem merkwürdigen Abend nie wieder von ihr gehört.
Ich ging über den St. Bernhard nach Savoyen, und war bald wieder im Chamouny-Thal. Wiederum be— ſuchte ich den Fels, wo Gervais zu ſitzen pflegte, aber er war nicht zu ſehen, obwohl es ſeine gewohnte Stunde
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