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N 12.
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Intelligenz-Blatt
fuͤr die
Provinz Oberheſſen
im Allgemeinen, den Regierungsbezirk Friedberg
im Beſonderen.
Mittwoch den 11. Februar
1852.
Amtlicher Theil.
Bekanntmachung.
Beſtellungen auf Samen der Oberndörfer Run⸗ kelrübe und der ſibiriſchen Rübe(vergl. No. 45 der landw. Zeitſchrift von 1851) wird das Büreau des landw.
Vereins von Oberheſſen in Laubach vermitteln, und erſuche ich Angehörigen dieſer Provinz, dieſelbe bis ſpäteſtens Ende
Februar dahin gelangen zu laſſen. Die Gr. Herren Bürgermeiſter wollen dieſe Bekannt⸗ machung veröffentlichen. Colnhäuſerhof den 29. Januar 1852. Der Präſident des landw. Vereins von Oberheſſen. In deſſen Abweſenheit der Vicepräſident Dr. Gros.
eren Eine Erzählung von Ernſt Ritter. (Fortſetzung.)
Im Vorderzimmer ſtand ein ſchönes breites Bett mit reichem Schnitzwerk geziert und von einem damaſtenen Himmeldache überſchwebt. Es mochte ſchon ſeit Jahrhun— derten in dieſem Hauſe ſtehen, denn es glich dem Bette, worin Schoreel's ſterbende Maria liegt. Eine Frau lag darin mit dem überirdiſchen Glanz im Blicke, den die Schwindſucht verleiht. Sie hatte eines jener Holbein— Geſichter, die man erſt eine Weile anſehen muß, ehe man ſie ſchön findet, weil ſie ganz verſchieden von dem Typus der antiken und der italieniſchen Ideale ſind; an die man ſich am Ende aber doch mit größter Vorliebe anſchließt, weil ſie ganz Ausdruck, ganz Seele ſind. Sie trug ſtatt der Nachthaube ein ſcharlachrothes Netz auf dem Kopfe, da das dichte Gewebe ſie beängſtigte. Die Haare hingen in zwei langen Flechten an den Wangen herunter, ſich an der Stirn leiſe kräuſelnd und von Schweiß befeuchtet. Trotz dieſem halbphantaſtiſchen Aufputze war die Kranke das Bild einer Dulderin. Mit wehmüthigen Augen ſah ſie eine Verwandte an, die neben ihr am Bette ſaß und ſtrickte; dieſe hatte ſich angeſchickt, die Nacht bei ihr zu wachen und ihr die ſchlafloſen dunkeln Stunden mit Ge—⸗ präch zu verkürzen.
„Elsbeth,“ ſagte die Kranke mit kurzem Athem und gebrochener Stimme,„haſt Du heute gar nichts erlebt?,
„Wohl hab' ich ein ganzes Abenteuer gehabt,“ ſagte Elsbeth, den Ton ſo weit dämpfend, daß er wohlthuend an der Kranken Ohr ſchlug, und die gemäßigte Heiterkeit in ihr Geſpräch legend, die den Leidenden aus ſeiner Trüb— ſal reißt, ohne ihm wie Spott ſeines eigenen hülfloſen Zu— ſtandes zu klingen.
„Nun erzähle, erzähle,“ ſagte Frau Langenwärter mit einem faſt lebhaften Lächeln, wie ein Kind, das ſich von ſeiner Mutter Mährchen erbittet.
„Ich ſtand vor einigen Tagen im Garten auf dem Feſtungswalle,“ hub Elsbeth, die Baſe, an.
„Vor einigen Tagen?“ unterbrach ſie Frau Lan⸗ e leiſe ſcherzend,„und jetzt erzählſt Du mir's erſt?/ a
Elsbeth erwiderte:„heute iſt's ja erſt ein Aben— teuer geworden. Höre doch nur zu und ſei nicht ſo ein ungeduldiges Weib.— Alſo: ich ſtand im Garten auf dem Feſtungswalle und ſah zu, wie eine Schanze repa— rirt wurde; aber es war kein fröhlicher Anblick, Gunderle, wie ſonſt wohl eine muntere Thätigkeit iſt, denn die Ar— beiter waren Gefangene in Ketten, und wie ich die Leute ſo in ihrer tiefſten Erniedrigung vor mir ſah, da fal— tete ich die Hände und dachte bei mir: Gott helf' Euch, ihr Unglücklichen.“
Adelgunde ſagte:„es giebt doch noch Unglückli— chere! Wenn ich könnte auf dem Walle im Freien ar⸗ beiten, wollte ich auch die klirrende Kette gerne hinter mir herſchleppen.“
„Das glaubſt Du, Gunderle,, ſagte Elsbeth,„aber es iſt nicht ſo; Dich hält die Krankheit und die Schwäche darnieder, aber die Sträflinge ein böͤſes Gewiſſen. Hälſt Du's doch nicht aus, wenn Du einer Magd ein Wort zu viel geſagt haſt, und ruh'ſt nicht, bis Dein Frieden mit dem Himmel gemacht iſt. Wenn Du nun gar wie dieſe einen Mord auf dem Herzen hätteſt, oder einen Diebſtahl, oder ſonſt etwas böſes— wie oft würdeſt Du Dich auf Dein Siechbett zurückwünſchen, mit dem ruhigen Bewußt— ſein in der Bruſt.“
„Ach, Elsbeth!“ ſagte Adelgunde, gegen die Sünde
hülft Reue, aber gegen den Tod hülft nichts.“
Elsbeth ſagte ſanft ſchmählend:»Du lebſt ja noch, Gunderle, und ſo lange Du lebſt, kannſt Du hoffen. Ha⸗ ben ſie doch die Frau Richmodis in Köln ſchon in der Gruft gehabt, und als ihr der Todtengräber den Finger mit dem


