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ſo daß wir uns oftmals ſchaͤmten, uns in der Kirche zu zeigen. Plötzlich aber ſchien Gabriele ein Weib zu wer⸗ den und ich ihr vertrauendes Kind. Sie war ſchweigſam und kalt; aber nicht mürriſch oder kalt gegen mich, wenn auch ihr Mund ſich zuſammenzog wie von bitteren Ge— danken, und jenen Ausdruck nie wieder verlor, außer wenn ſie lächelte. O jenes ſonnige Lächeln ſtrahlender Schön— heit! Ich ſehe es noch— ich ſehe es noch! Ich verſuchte ſie durch Schmeicheln und Liebkoſen zu vermögen, daß ſie die heilige Schrift läſe: aber Gabriele ſagte, wir ſeien Verſtoßene und von Gott Verlaſſene. Kaum hatte ich das vernommen, ſo erglühten meine bleichen Wangen vor Zorn, und ich rief:„Es iſt gottlos von Dir, ſo zu ſprechen;“ aber Gabriele war nicht böſe, denn es ſtanden ihr die Thränen in den Augen, als ſie mich anſah und ſanft zu mir ſprach:„Armer kleiner Krüppel— liebes, ſüßes Schweſterchen— die Engel, welche dieſe herrlichen Dinge Dir zuflüſtern, gehen an mir voruͤber. Ich höre ſie nicht, Ruth.“ n
„Schweſter, Schweſter, ſie reden auch zu Dir und Du willſt nur nicht hören: meinſt Du denn, daß die ein⸗ faͤltige, lahme Ruth mehr begünſtigt ſei als die kluge, ſchöne, die edle Gabriele?“
Darauf ſchloß ſie mich mit einem Ausbruche von leidenſchaftlicher Liebe in ihre Arme, und weinte lange und bitterlich. Ich wußte, daß ich in die Tiefe ihrer Ge⸗ fühle nicht einzugehen vermochte, doch verſtand ich ihre ſtolze Haltung und ihre ſpöttiſchen Blicke; denn die Nach⸗ barn betrachteten uns nur mit Mitleid, und Gabriele litt darüber großes Herzeleid: obwohl noch ein Kind, lag doch etwas Achtung Gebietendes und Großartiges in der einſamen Majeſtät ihres Auftretens. Ihre ſelbſtverläug— nende, ſtandhafte Hingebung an mich— die ich oftmals Schmerz und Kummer litt— erwiderte ich durch eine innige Zuneigung, welche, wie ich überzeugt bin, ganz verſchieden iſt von der, die von glücklich geſtellten Schwe— ſtern gegenſeitig empfunden wird: Gabriele war mir Mutter und Schweſter, war mir Freundin und Wärterin und Geſpielin, kurz Alles in Allem. Sie und die lichten jungen Roſen in unſerm vernachläſſigten Garten waren die einzigen beiden herrlichen Schöpfungen, die ich jemals geſehen hatte. Es war gut für mich in meiner kindlichen Einfalt, daß ich in den Geiſtesſchiffbruch— die Zerſtörung glänzender Fähigkeiten aus Mangel an Ausbildung— nicht kannte, deren Opfer Gabriele war; aber ihr war's bekannt, ſie grübelte darüber, und das zerſtörende Gift des Haſſes und der Verachtung veränderte ihre unſchul⸗ dige, liebevolle Natur gegen alles Erſchaffene, außer gegen ihre eigene und einzige Schweſter.
Wir wurden mie müde, Nelly's Erzählungen zuzu⸗ hören von der vormaligen Größe unſerer Ahnen mütter— licher Seits, untermiſcht mit abenteuerlichen Sagen von ritterlicher Liebe und kühnen Wageſtücken. Sie erzählte uns auch von unſerm uralten Stamm väterlicher Seite, daß wir die Urenkelinnen eines ritterlichen Grafen ſeyen. Gabrielens bleiche Wangen errötheten nicht— ihre Augen blieben niedergeſchlagen; doch kannte ich die Leiden des ſtolzen, ſchönen Mädchens. Ich ſelbſt, demüthig wie ich war, ich fühlte, was wir geweſen— was wir hätten ſein ſollen; und das Blut der de Courcys und O'Briens ſtieg mir in die zitternden Schläfe.
Gabriele war eine Lady— eine Lady in jeglicher Handlung, in jeglichem Worte und Blicke; ärmlich und ungenügend bekleidet, trug ihre graciöſe Geſtalt das un— verkennbare Merkmal erblicher Erziehung, welches weder Armuth noch Vernachläſſigung hatten ausrotten können. Es war nicht ihr außerordentlicher Liebreiz allein, was
den Beobachter anzog, es war vielmehr eine Feinheit und
Eleganz, welche keine Erziehung geben kann— es war der Stempel der Natur auf einem ihrer ausgezeichnetſten und unvergleichlichſten Werke. Eines Abends, als wir Nelly's Geſprächen am Küchenfeuer zugehört hatten, er⸗
griff plötzlich ein ganz neuer Gedanke meine Einbildungs- f kraft, und ich hatte keine Ruhe bis ich ihn Gabrielen
mitgetheilt hatte. Es war dieſer— ſie ſolle einen vor⸗ nehmen, reichen Mann heirathen, und uns ſo aus Mangel und Entbehrung erloͤſen; denn natürlich würde ſie mir eine Heimath bei ſich gönnen.— Gabriele blickte mir mit wundervollem Ernſt in's erhobene Antlitz, als ich an ihrer Seite niederkniete und ihr dieſen„neuen Plan“ anver— traute. 5
„Ruth,“ ſagte ſie,„Du biſt ein kluges Kind, einzig in ſeiner Art, und verdienſt Vertrauen. Ich gedenke eines reichen Mannes Frau zu werden, wenn ich die Gelegen— heit habe; doch wie es zu bewerkſtelligen iſt, dazu weiß Dein ſchönes Buch vielleicht Rath.“
„Theuerſte,“ rief ich,„lächle doch nicht ſo ſpöttiſch, wenn Du von jenem geſegneten, theuren Buche ſprichſt; es würde Dich tröſten und leiten, ja gewiß würde es das, wenn Du es nur öffnen und leſen wollteſt.“
„Gut, gut, Paſtor Ruth,“ rief ſie lachend,„das will ich thun. Wenn der reiche Mann aus den Wolken herabkommt, um mich zu ſeiner Braut zu machen, ſo ver— ſpreche ich Dir, ich will mir ein Buch wie dieſes in Gold binden laſſen, und Du ſollſt erzogen werden, theuerſte Ruth, wie es den Töchtern der de Courcys geziemt, und Du ſollſt vergeſſen, daß wir weder Vater noch Mutter haben.“
„Unſern Vater vergeſſen?“ rief ich,„niemals, nim⸗ mermehr!“
Gabriele war furchtbar erſchuttert und aufgeregt; obwohl an Jahren kaum mehr als ein Kind, ſo hatten ihr doch Ungerechtigkeit und Kummer bereits die Affekte des Alters beigebracht. Dennoch war ſie ein ganz arg— loſes Kind, das unbehutſam die Wege der Welt betrat, wie die Folge bald zeigte. 8
Wir pflegten wohl Ausflüge zu machen auf die an⸗ gränzenden Wieſen, und ohne Zweifel würden unſere Wanderungen ſich ſehr weit ausgedehnt haben, wenn mich nicht meine Lahmheit am langen Gehen verhindert hätte, und Gabrielen kam es niemals in den Sinn, mich zu ver— laſſen. So begnügten wir uns denn, an einem ſchimmernden Strome entlang zu ſchlendern, der ſich durch das reiche Weideland in der Nähe unſerer Wohnung hindurchſchlän— gelte; dieſer Strom wurde nur von jenen glücklichen An— gelfiſchern beſucht, welche von der Gutsherrin Erlaubniß zum Fiſchen hatten, und dieſe Erlaubniß wurde nicht all— zureichlich ertheilt, weßhalb denn unſer Lieblingsaufent— halt gewöhnlich ganz einſam war. Aber bald nachdem Gabriele ihr ſechszehntes Jahr vollendet hatte, bemerkten
wir einen Jüngling von kränklichem Ausſehen, welcher
ſtundenlang geduldig ſeinem ruhigen Lieblingsvergnügen nachging, und ſich niemals umſah, wenn wir ihm wieder— holt vorbeigingen. Ein unbedeutender„Zufall!“— wie man es nennt— veranlaßte ihn, Gabrielen zu danken für den Beiſtand, den ſie ihm geleiſtet beim Losmachen ſeiner Angelſchnur, die ſich zwiſchen den über's Waſſer herabhängenden Weidenzweigen feſtgehakt hatte; der näm— liche„Zufall“ ließ ihn ſeine ſchöne Helferin bemerken, und ich ſah ſeine plötzliche Ueberraſchung und Bewunde— rung. Er war nach unſerer Meinung ein einfältig aus— ſehender Burſche, von Kleidung und Benehmen wie ein Gentlemann. Von nun an fehlte er niemals auf den Wieſen, wenn wir da waren. Er machte allemal ſeine
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