Ausgabe 
30.1.1894
 
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blicks riß alles hin, und die Empfindung, daß man jetzt einen Tag miterlebe, den die vater ländische Geschichte vermerken wird unter den erhebendsten im Reiche, kam mit der warmen Eigenart deutscher Kraft zum Ausdruck. Die Massen nahmen von neuem Aufstellung den Linden zu, wo der Kaiser vom Spazierritt zurückerwartet wurde. Die Begeisterung war in fortwährendem Steigen begriffen, patriotische Lieder wurden von einzelnen Gruppen ange stimmt. Um 6% Uhr war im Schlosse in den Gemächern Bismarcks Tafel mit 10 Gedecken, woran das Kaiserpaar und der König von Sachsen theilnahmen. Der Fürst betrat nach Begrüßung der Herren des Hauptquatiers das zweite Zimmer und blieb mit dem Kaiser allein ohne Zeugen. Nachdem erschienen auch die kaiserl. Prinzen bei dem Fürsten. Bismarck fuhr dann an der Seite des Kaisers vom Schloß ab, die Lin den entlang, von der Eskorte wie Mittags be gleitet und überall brausend begrüßt. Unter den Linden waren zahlreiche Häuser prächtig illuminirt. Kurz nach 7 Uhr 30 Min. erfolgte die Abreise auf dem Lehrter Bahnhof, woselbst das Hauptquartier und mehrere Generale an wesend waren. Der Kaiser schritt mit dem Fürsten zum Salonwagen, drückte demselben erzlich die Hand und küßte ihn mehrmals auf beide Wangen. Nach dem Einsteigen des Fürsten wandte der Kaiser sich mit einigen Worten an Herbert Bismarck und sprach dann mit dem Fürsten, der sich bloßen Hauptes hinauslehnte. Das Publikum brachte dem Kaiser und Bismarck lebhafte Hochrufe und stimmteDeutschland, Deutschland über Alles an. Bei der Abfahrt des Zuges erfolgteu abermals lebhafte Hochrufe, worauf Bismarck freundlich lächelnd sich dankend verneigte. In der Begleitung des Fürsten be fanden sich die Grafen Herbert und Wilhelm Bismarck, sowie Schweninger. Der Salon wagen war mit reichen Blumenspenden ange füllt. Der Kaiser verließ unter stürmischen Hochrufen die Bahnhofshalle. Die vom Kaiser an Fürst Bismarck gesandte Flasche Wein war Steinberger Cabinet 1842er Jahrgang, eine der werthvollsten Weinmarken, welche der kaiser liche Weinkeller birgt. Fürst Bismarck ist zum Chef seines Regiments(7. Seydlitz-Kürassiere), bei dem er bisher à la suite stand, erhoben worden. Nachts 11 Uhr ist Fürst Bismarck im besten Wohlsein wieder in Friedrichsruhe eingetroffen. Der Weg vom Bahnhof bis zum Schloß war wit Magnesiumlicht beleuchtet. Die versammelte Menge begrüßte ihn mit stürmischen Hurrahrufen. Möge dem greisen Fürsten der gestrige herrliche Ehrentag noch lange eine herzerquickende Erinnerung sein, und möge dem Vaterlande Heil und Segen aus demselben ersprießen!

26. Jan. Der Bundesrath hat gestern das Reichsseuchengesetz angenommen.

26. Jan. Reichstag. Das Gesetz betreffend die Aenderung des Invalidenfonds-Gesetzes wird nach längerer Debatte der Budgetkommisston überwiesen. Hierbei erklärte Graf Oriola Namens der national Überalen Fraction, daß derselben der Gesetzentwurf einstweilen nicht annehmbar erscheine, nicht deshalb, weil sie das Bedürfniß einer Verstärkung der Betriebs- fonds bestritte, sondern weil sie eine Schmälerung des Invalidenfonds in diesem Umfange Angesichts der noch unbefriedigten gerechten Forderungen, nicht für zulässig halte. Als die dringendste unter diesen Forderungen bezeichnete er die Gleichstellung der im Reichs- und Staatsdienst angestellten Invaliden mit den in Commu⸗ naldienst angestellten in Bezug auf die Pension. Außer dem erinnerte er an die Versorgung der Hinterbliebenen, an die Idee eines Ehrensoldes für die Combattanten aus den großen Kriegen u. s. w. Zugleich verband er mit der Hervorhebung der Pflicht der Dankbarkeit gegen diejenigen, welche die großen Gründer des Reichs mit Hingabe von Blut und Gesundheit unterstützt hätten, einen beredten Hinweis auf das historische Ereigniß des heutigen Tages, was von der Mehrheit des Hauses mit lebhaftem Beifall aufgenommen wurde. Vergebens be

25. Jan. Die Budgetkommission des Reichstages genehmigte heute u. a. die Forde⸗ rungen für das neue Postdienst⸗Gebäude in Frankfurt a. M. und zur Erweiterung des Postgrundstücks daselbst.

25. Jan. Dem Landtage, und zwar wie es heißt zunächst dem Herrenhause, soll bom Kultusministerium ein Gesetzenwurf zugehen, der die Staatsgesetze von 1874 und 1876 über die evangelische Kirchenverfassung im Sinne der

ständigkeitsanträge abändern soll. Karlsruhe, 25. Jan. Da bei der Groß

herzogin leichtes Fieber eingetreten ist, gab der

Großherzog die Reise nach Berlin auf.

Ausland.

Frankreich. Paris. Eine Depesche des Generals Dodds aus Goho vom 20. d. Mts. meldet, er habe alle Fürsten und Anführer nach Goho zusammenberufen, um einen neuen König von Dahomey zu wählen. Sie beriefen

einstimmig Gonthili, den Sohn Glegles, zum Nachfolger Behanzins.

Spanien. Madrid, 27. Januar. In Leon platzte auf der Placa Pelazo ein mit

Pulver geladenes Geschoß. Die Fenster der umliegenden Häuser wurden zertrümmert, aber Niemand verwundet. Barcelona, 25. Januar. Heute wurde auf den Civilgouverneur, als er sein Haus verließ, geschossen; die Aerzte halten die Ver⸗ wundung nicht für schwer. Heute soll die Entfernung des Geschosses versucht werden. Der Attentäter nennt sich Thomas Murull und ist Anarchist. Die Polizei verhaftete einen Mann, der sich in Begleitung Murull's zur Zeit des Attentats befand und ebenso einen Freund jenes Mannes. Murull erklärte, auf den Gouverneur geschossen zu haben, weil er jede Autorität vernichten wolle. ö Italien. Rom. DieItalia Militare dementirt die Nachrichten über Vermehrung der italienischen Truppen an der Grenze und sagt, sie sei zu der Erklärung ermächtigt, daß die Truppen an der Grenze nicht um einen einzigen Mann vermehrt, im Gegentheil durch Entsendung von Truppen für den öffentlichen Sicherheitsdienst vermindert seien. So wurde ein Bataillon Alpenjäger nach der Provinz Massa Carrara entsendet. Das Blatt theilt ferner die Liste der aus Sicilien nach dem Kontinente zurückkehrenden Truppen mit. In Sizilien verblieben ungefähr 35,000 Mann. Hier aus Massana eingetroffenen Nach richten zufolge ist begründete Hoffnung vor handeu, die seit Jahren in den Händen der Mahdisten befindlichen europäischen Gefangenen durch Austausch mit den in der Schlacht bei Agordat am 23. Dezember 1893 durch die Italiener gefangenen Derwischen zu befreien. Mailand, 26. Januar. Die Studenten- unruhen dehnen sich weiter aus. Die Uni versitäten Turin, Pavia, Padua und Neapel wurden geschlossen. In Neapel zertrümmerten die Studenten alle Fenster der Universität, häuften im Atrio die Bänke und Tische auf und setzten sie in Brand, bis endlich Militär sie vertrieb. Zwei wurden verhaftet. Serbien. Belgrad, 26. Januar. Das Prozeßverfahren gegen die angeklagten Mit glieder des Cabinets Avakumovie ist durch königliche Amnestie eingestellt. Die Amnestie gründet sich auf die Artikel 40 und 41 der Verfassung, betreffend das Recht der Amnestie. Milan stattete heute sämmtlichen Vertretern der fremden Mächte, mit Ausnahme des russischen und des französischen Gesandten, Besuche ab. Letztere hatten es nämlich im Gegensatz zu den Vertretern der anderen Mächte unterlassen, ihre

müthe sich nachher der Socialdemokrat Herbert, den

Eindruck abzuschwächen. Die Novelle zum Gesetz über den Wie verlautet,

Karten beim Vater des Königs abzugeben. erhielten die noch anwesenden

Unterstützungswohnsitz wird entsprechend den Beschlüssen bäuerlichen Abgeordneten von dem Stadtpräfek

der Kommission angenommen. Die dazu gehörige Reso⸗sten die W 9 8 N ten die W̃᷑

lution, welche die Ausdehnung des Gesetzes auf Elsaß Lothringen verlangt, wird gegen die Stimmen des Centrums angenommen.

eisung, die Residenz binnen 24 Stun⸗ den zu verlassen. Die meisten sind heute früh abgereist. Der radikale Klub hat eine Erklä

von der letzten Generalsynode gestellten Selbst⸗

rung erlassen, welche von 106 Mitgliedern der Skupschtina unterfertigt ist. In dieser Kund⸗ gebung wird die Anwesenheit des Vaters des Königs als ein Bruch seines Wortes und als eine Gesetzwidrigkeit bezeichnet, gegen jede Theil⸗ nahme desselben an öffentlichen Staatsgeschäften als verfassungswidrig, sowie gegen sein Ver⸗ bleiben im Lande protestirt, die gegen wärtige Regierung für alle Folgen einer etwaigen Be⸗ einflussung des Staatsgerichtshofes oder einer Einstellung der Thätigkeit desselben verant⸗ wortlich gemacht und schließlich erklärt, daß die radikalen Abgeordneten entschlossen seien, bei ihrer bisherigen Haltung zu beharren. Ueber den Empfang des früheren Kabinets Gruie durch den König verlautet nachträglich, der König habe das radikale Regime einer scharfen Kritik unterzogen. Die früheren Mi⸗ nister Vuiec und Maximovic waren zur Ab schiedsaudienz nicht erschienen.

Bulgarien. Sofia, 26. Jan. Die Ver⸗ handlung gegen den ehemaligen Offizier Luka Iwanow und dessen Bruder Stojan hat heute begonnen. Der Exminister Tontschew legte sein Mandat als Vertheidiger nieder. Die Anklage schrift hebt hervor, Iwanow defraudirte als Lieute⸗ nant im Regimente von Rustschuck 3000 Frs., fälschte Bücher, flüchtete dann nach Sdessa, trat in die russische Armee ein, plante ein politisches Atten tat, reiste alsdann nach Petersburg, Warschau und anderen Städten und betheiligte sich an den Beschlüssen des Odessaer Emigrantencomités, das die Ermordung des Fürsten Ferdinand und Stambulows plante, um die Lage in Bul garien radikal zu ändern. Große Summen verausgabte Iwanow zum Bombenkauf und zur Bildung von Banden, die in Bulgarien einfallen und Attentate verüben sollten. Der Staatsanwalt beantragte die Todesstrafe. 27. Jan. In der Prozeßverhandlung gegen die Brüder Iwanow begann heute die Ver nehmung der 14 Zeugen. Zwei Zeugen sagten gemäß der Anklage aus, nur darin wichen sie ab, daß der Zeuge Deleganow behauptet, vom Zeugen Popow erfahren zu haben, daß der Bruder Iwanow's sich von Philippopel nach Sofia begeben habe, um dort eine günstige Ge

legenheit zum Attentate abzuwarten, was Iwanow leugnet. Amerika. Washington, 26. Jan. Das

Repräsentantenhaus hat das Amendement zur Tarifvorlage, wodurch die Reciproeitätsklausel des Me. Kinley-Tarifs abgeschafft wird, ange nommen.

Aus Stadt und Land.

? Friedberg. Zur vorläufigen Anzeige diene einstweilen die Notiz, daß am Donnerstag den 1. Febr. l. J. wiederum eine Monatsversammlung derEvang. Vereinigung stattfinden wird, wobei cand. theol. Diehl freundlich übernommen hat, überGustav Adolf und das evang. Deutschland einen Vortrag zu halten. Näheres darüber sowie Annonce folgt in nächster Nr. des Anzeigers.

H.-V. Friedberg. Jeder Gewerbetreibende wird das unterschreiben, was der frühere Minister Schäffle in einer Kritik der Reichssteuer-Vorlagen, die die Zukunft veröffentlicht, über Frachtbrief- u. Quittungs⸗ steuer sagt, nämlich:Gegen den Frachtbrief und Quittungs⸗ Fixstempel spricht der Mangel jeder Schlüssig⸗ keit des Steuerobjekts für besondere Steuerkraft, der Mangel an Allgemeinheit und die wilde Willkürlichkeit in der Auswahl des Objekts, die ungeheure Unverhältniß⸗ mäßigkeit der Mehrbelastung der Kleinumsatze, wie sie allen Fixstempeln anklebt 10. Pf. für die Million wie für M. 21. Quittungsbetrag, 10 Pf. für das kleine Frachtstück und nur 30 Pf. für die Schiffsladung! die unerträgliche Klebeplackerei des Publikums und daneben die Miserabilität des Erträgnisses, die Be⸗ drohung zahlloser geschaftlich unerfahrener Hände mit der drakonischen Strafe des 200 fachen Betrags für jeden vernachlässigten Zehnpfennigstempel, die mittelbar sehr große Kostspleligkeit der Steuer, die in der Steige⸗ rung der Handels unkosten über den Stempelbetrag hinaus sich äußert und die Waarenpreise allgemein ver⸗ theuert, endlich und namentlich das einseitige Zurück⸗ fallen der Last auf die kleinen Geschäftsleute und auf alle kleinen Konsumenten. Schlechter kann eine Steuer

gar nicht gedacht werden, als die Frachtbrief⸗ und Quittungsstempelsteuer sich darstellen. Von dem Handels⸗ verein wird eine Petition an den Reichstag zur Ab⸗ lehnung des Frachtbrief- und Quittungsstempels in unserer Stadt in Umlauf gesetzt werden.

Friedberg. Kaisers Geburtstag wurde nicht allein

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