Ausgabe 
1.3.1894
 
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Ministerium, auch bezüglich der Währungsfrage seien durchaus unbegründet.Ich habe nach langen Bedenken vor 4 Jahren mein Amt angenommen und werde es halten, so lange meine Kräfte reichen und der Kaiser es wünscht. Dieses Werk des Handelsvertrags hätte ich nicht ohne wesentliche Unterstützung von allen Seiten und vor allen Dingen nicht durchführen können, wenn nicht der Bauherr und Kaiser mit voller Energie und Ueberzeugung für dieses große wirthschaftliche Werk eingetreten wäre. Es ist einstimmig vom Bundesrath und vom preußischen Ministerium angenommen worden und die Regierungen der verbündeten Staaten Oester⸗ reich und Italien haben uns ihre hohe Befriedigung über dieses Werk ausgedrückt. Die werthvollen Zuge⸗ ständnisse des Vertrages für unsere Industrie haben wir erkauft lediglich mit einem Preise, dem des Kon⸗ ventionaltarifs, den wir bereits Oesterreich gezollt haben. Die Politik des Dreibunds sei nach wie vor friedlich, auch dieser Vertrag sei ein Werk des Friedens, er be⸗ weise, daß wir auf 10 Jahre lang an die Erhaltung des Friedens glauben. Er bedauere, daß gestern ein Redner es so dargestellt habe, als ob man mit Ruß⸗ land überhaupt keinen friedlichen Vertrag schließen könne. Was wäre denn die Folge solcher Anschauung? Sie müsse ja direkt zum Krieg führen. Er weist weiter nach, daß die Landwirthschaft durch den Vertrag nicht geschädigt wird. Eine Ablehnung würde die Fortsetz⸗ ung des Zollkrieges mit allen bedauerlichen Folgen nach sich ziehen. Er schildert namentlich die Folgen, die ein Zollkrieg für Ostpreußen haben würde. Weise man die von Rußland dargebotene Hand zurück, so treibe man dieses Land direkt in die Arme des Panslavismus. Durch Ablehnung würden die alten Drähte, wovon so viel gesprochen worden sei, wirklich zerschnitten. König (Antisemit) bekämpft den Handelsvertrag. Er polemi⸗ sirt gegen Rickert, Marschall und Caprivi und ver⸗ theidigt den Bund der Landwirthe. In längerer Rede legt dann Bennigsen die Bedeutung des russischen Vertrages für Industrie, Handel und Gewerbe dar Er schildert die Bedeutung der Aufhebung des Identi⸗ tätsnachweises für die östliche Landwirthschaft, womit auch die Staffeltarife an Werth verlören. Diese ohne weiteres mit Rücksicht auf den Handelsvertrag aufzu heben, würde den Vertrag gefährden. Nach einer Rede des Abg. Lutz gegen den Handelsvertrag wird die weitere Berathung auf morgen vertagt. 1

26. Febr. Die Budgetkommission des Reichstags hat heute die Berathung des Mili täretats beendet.

Hamburg, 26. Februar. DemHamb. Corr. zufolge wurden zwei Czechen verhaftet, die im Verdachte stehen, anarchistische Agita toren zu sein und anarchistische Flugblätter eifrigst verbreitet zu haben.

Stuttgart, 26. Februar. Am Samstag

wurden hier vier hiesige Anarchisten verhaftet.

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. Budapest, 26. Febr. Abgeordnetenhaus. Bei der fortgesetzten Debatte über das Civilehegesetz entwickelte Minister präsident Wekerle die Genesis der kirchen politischen Situation. Das Uebel sei nicht durch den Februar-Erlaß, sondern längst da durch entstanden, daß das Verhältniß zwischen Staat und Kirche nie geregelt gewesen wäre. Die Regierung stellt sich auf den Standpunkt der Zweitheilung der Wirkungskreise des Staates und der Kirche, nachdem Palliativmittel nicht mehr zur Beschwichtigung ausreichten und die kompetentesten Faktoren der katholischen Kirche erklärten, sie würden, wenn die Civilehe schon nothwendig sei, es lieber sehen, daß neben den Staatsmatrikeln die obligatorische Form ge wählt werde. Die Regierung hält eine Reform nicht nur durch die politische Nothwendigkeit für geboten, sondern besitzt auch die Garantie der Durchführbarkeit derselben. Die Regierung bereitet die Autonomie der Katholiken vor, hält aber an dem Prinzipe der Nothwendigkeit staatlicher Unterstützung der ärmeren, nament lich der protestantischen Kirchen fest. Schließ lich unterbreitete Wekerle einen Gesetzentwurf betreffend Einziehung eines Theiles der Staats Noten.

286. Febr. Nach demBudapesti Hirlap wurden heute die Reserven des 23., 30. und 70. Regiments der Garnisonen Budapest und Peterwardein einberufen. Ebenso soll der Korps Kommandant von Bechtolsheim in Agram wichtige Weisungen zur Sicherung der Grenzen gegen Serbien erhalten haben. Sämmtliche Reserve- Offiziere des Agramer Korpsbezirks seien angewiesen worden, sich für eine eventuelle Einberufung vorzubereiten.

Frankreich. Paris, 26. Febr. In der Rue Saint Denis fand gestern Abend eine Ex⸗ plosion statt. Es ist bisher noch nicht festgestellt, ob es sich um ein Verbrechen oder um einen Unfall handelt. Der Anarchist Meunier, der Freund Ravachol's, soll der Urheber der Atten tate in der Rue St. Jacques und im Fau⸗ bourg St. Martin sein. Er soll sich in der Umgegend von Lyon verborgen halten.

27. Februar. Gestern Abend wurden wieder zahlreiche Haussuchungen bei Anarchisten vorgenommen. Mehrere Anarchisten wurden verhaftet, darunter auch die Frau von Constans Martin.

Der Regierung zugegangene Mittheilungen über die Operationen der Colonne des Komman danten Joffre besagen, die Colonne bestehe aus anderthalb Kompagnien sudanesischer Schützen, einer Eskadron Spahis und zwei Gebirgs kanonen. Die Colonne war am 26. Dezember vom Niger aufgebrochen und am 26. Jan. in Goundam angelangt. Die Tuaregs wurden durch Kanonenfeuer zerstreut und flüchteten nördlich, sie befänden sich gegenwärtig 4 Tagemärsche ent fernt. Die Colonne traf am 9. Febr. an dem Orte ein, wo die Expedition Bonnier am 15. Jan. niedergemetzelt worden war. Die Leichen der Offiziere und Unteroffiziere, die man aufge funden, wurden nach Timbuktu transportirt. Der Gesundheitszustand der Colonne ist be friedigend. Die Bevölkerung, die durch die Plünderungen der Tuaregs erschöpft ist, nahm die Franzosen freundlich auf.

Lyon, 25. Febr. Gestern Abend explodirte im Stadtbezirk Guillotiere eine Bombe, ohne wesentlichen Schaden anzurichten. Eine zweite Bombe wurde nach Mitternacht in dem Hofe eines öffentlichen Hauses gefunden; die brennende Zündschnur wurde von einem Vorübergehenden ausgelöscht.

Großbritannien. London, 27. Febr. Die Polizeibehörde benachrichtigte die Brüsseler und die Pariser Polizei von der Abreise von zehn fremden Anarchisten nach dem Kontinent.

27. Februar. Heute früh waren auf's neue Gerüchte von einer unmittelbar bevor stehenden Demission Gladstones, wegen Schwäche des Sehvermögens, welche Gladstone absolute Ruhe auferlege, verbreitet. Man sprach von Lord Rosebery als Nachfolger Gladstones. DasBureau Reuter erklärt nun auf Grund heute früh eingezogener Erkundigungen alle diesbezüglichen Gerüchte für völlig unbegründet.

Spanien. Barcelona, 26. Febr. Im Dorfe Palamos wurden gestern eine Menge Dynamitpatronen polizeilich in verschiedenen Schnapsläden beschlagnahmt.

Serbien. Belgrad, 27. Febr. Authentisch verlautet, der König habe heute einen Ukas unterzeichnet, wonach der frühere mehrfache Cabinetschef Christie, genannt der eiserne Cor poral, wegen seiner unbeugsamen Energie, zum königlichen Commissär für ganz Serbien er nannt wird. Christie solle mit königlichen Vollmachten das ganze Land bereisen, um sich über die Stimmung des Volkes zu informiren.

Amerika. New⸗Jork, 27. Febr. Nach einer Heraldmeldung aus Montevideo wurde der Dampfer der brasilianischen Aufständischen Jupiter durch die Batterien des Regierungs kreuzersNietheroy in Grund gebohrt. Die gesammte Mannschaft soll umgekommen sein.

Aus Stadt und Land.

h. Ober⸗Wöllstadt, 28. Febr. Gestern kehrte einReisender in einer hiesigen Wirthschaft ein und benutzte die Gelegenheit, als die Wirthin sich einen Augenblick entfernt hatte, um ein wenig Kassenrevision zu halten. Er anektirte zunächst ein Päckchen Butzbacher Loose und ein Kistchen Cigarren, da er baar Geld in der Kasse nicht fand. Die zurückkehrende sehr handfeste Wirthin überraschte ihn dabei, worauf er nach einigen kräftigen Denkzetteln Reißaus nahm. Der zufällig vorbereitende Wachtmeister Schwartz von Friedberg verfolgte den Stromer, holte ihn bei Nieder-Woöͤllstadt ein und brachte ihn gefänglich nach Friedberg.

Steinfurth, 26. Febr. Zwei junge Burschen von 18 Jahren entzweiten sich um geringfügiger Ursache willen und versetzte der Eine dem Anderen gestern

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Abend einen Messerstich. Der Verletzte, dessen geben

ernstlich gefährdet ist, war bis jetzt der Haupternährer

seiner Mutter. Gießen.

Der Thäter ist verhaftet. Der Vorstand der Aliceschule dahier

hat, mehrfach geäußerten Wünschen entsprechend, eine

Reorganisation des Lehrplans in der Weise beschlossen, daß die einzelnen Curse: Kleidermachen, Weißzeugnähen mit Maschine und Hand, Sticken, Flicken, Kunstwäscherei, Kochen, Bügeln, Zeichnen und Buchführung, sich so aneinander reihen und ineinandergreifen, daß sie im Laufe eines Jahres sämmtlich besucht und absolvirt werden können. Dabei können auswärtige Schülerinnen bei den Lehrerinnen der Aliceschule, Fräulein Möser Gartenstraße 30 und Fräulein Decker Sonnenstraße 8, zum Preise von 40 Mark im Monate Pension, außer Mittagstisch, und Familienanschluß finden, während das Mittagessen in der Aliceschule zu 50 Pfg. pr. Tag für die Schülerinnen berechnet ist. Die Kosten des Unter⸗ richts in allen obengenannten Fächern betragen: 144 M., das Mittagessen, mit Ausschluß der sechswöchentlichen Ferien, 101,50 M., die sonstige Pension, mit Ausschluß der sechswöchentlichen Ferien, 420 M., die Gesammt⸗ kosten der Ausbildung innerhalb eines Jahres demnach: 725,50 M. Wenn nun auch in der Folge der Besuch der Schule auf einzelne Curse, wie bisher, beschränkt werden kann, so darf doch denjenigen jungen Damen, welche eine vollkommene Ausbildung in den weiblichen Fertigkeiten erstreben, der Besuch eines vollständigen Jahrescurses dringend aus Herz gelegt werden; zu den obigen Preisen wird kaum anderswo Gelegenheit zu einer gleichen Ausbildung gegeben werden. Am 2. April beginnt das neue Schuljahr.

Mainz, 26. Februar. Der berüchtigte Banknoten⸗ fälscher Frank aus Amsterdam wurde in Gesellschaft eines holländischen Frauenzimmers in einem Gasthofe hier verhaftet. Frank ist Deutscher und aus Thorn gebürtig.

g Allerlei.

Frankfurt, 24. Febr. Die Berliner Kriminal⸗ polizei ordnete telegraphisch die Verhaftung des hiesigen Auslaufers Gebauer an. Man glaubt, daß Gebauer der Urheber des bekannten Lustmordes in der Borsig straße ist.

Pforzheim, 26. Febr. Eine hier ausgebrochene Typhusepidemie verursacht massenhafte Erkrankungen. Es sollen schon an 100 Personen von der Krankheit ergriffen sein.

Altona, 26. Febr. Der(7jährige Kesselreiniger Karl Schulz in der Grotjanstraße hat in vergangener Nacht seine leibliche Mutter, während sie schlief, durch einen Messerstich in den Hals umzubringen versucht.

Krefeld, 26. Februar. Der Kleiderhändler Issel wurde in vergangener Nacht auf der Hochstraße erstochen aufgefunden. Der Thäter ist unbekannt.

Hammerfest, 26. Febr. In letzter Woche wühteten hier orkanartige Stürme, wobei mehrere Menschenleben verloren gingen und großer Schaden angerichtet wurde. Die Walfischfängerstation bei Troldfjord wurde ganz vom Sturme weggefegt.

Brüssel, 23. Febr. Heute drangen 7 vermummte Diebe in die Wohnung einer Rentnerin, welcher sie 80,000 Frances in Gold und Banknoten stahlen. Die Polizei ist auf der Spur der Thäter.

O dessa, 25. Febr. Hier wurde eine sehr große Falschmünzerbande aufgehoben.

Paris, 26. Februar. Nach einer Meldung des Bureau Reuter aus Port Louis hat am Donnerstag auf der Insel Mauritius ein heftiger Orkan, wie sie dort oft vorkommen, schweren Schaden angerichtet. Am Vormittag wurde ein Eisenbahnzug mit neun Wagen von einer Brücke in den Fluß geworfen, wobei fünf Beamte getödtet und zehn andere Personen verwundet wurden.

Pisa, 26. Febr. Gestern Abend wurde im Theatro Nuovo während der Vorstellung desOthello eine Petarde durch das Fenster hinter der Bühne geworfen. Eine heftige Explosion erfolgte; die Fenster zersprangen. Der Orchesterdirigent ließ die Königshymne und die Garibaldihymne spielen. Das Publikum glaubte, es handele sich um einen zur bengalischen Beleuchtung ge⸗ hörenden Effekt. Es kam weiter kein Unglücksfall vor, der muthmaßliche Thäter ist verhaftet.

Handel und Berkehr.

Friedberg, 28. Februar. Buttermarkt. Butter kostete per Pfund M. 1.00 1.10, Eier 1 Stück 6 Pf. 2 Stück große 11 Pf.

Friedberg, 27. Febr. Fruchtpr. Weizen M. 14.25 bis 00.00, Korn M. 13.50 14.00, Gerste M. 14.00 bis 14.50, Hafer M. 15.50 18.00. Alle Preise ver⸗ stehen sich auf 100 Kilo gleich 200 Zollpfund.

Grünberg, 24. Februar. Fruchtpreise. 14.60 M., Korn 14.40 M., Gerste 00.00 M., Hafer 00.00 M., Erbsen 00.00 M., Linsen 00.00 M., Wicken 00.00 M., Lein 00.00 M., Kartoffeln 0.00 M., Samen 00.00 M.

Frankfurt, 26. Febr. FFruchtbericht. Weizen hies. und Wetterauer M. 1480 14 75, Mueheisscher M. 400 bis 14.75, norddeutscher 00.00, russ. M. 16.5017.50 Redwinter M. 16.00 16.25, Kansas M. 16.00 bis 16.25, La Plata M. 15.25 15.70, Roggen, hiesiger M. 13.50 13.60, Pfälzer M. 13.75 00.00, russischer M. 00.0000.00, Gerste, hies. Futtergerste 11.75 bis 12.50 M., Braugerste 16.00 bis 16.25 M., Pfälzer M. 17.00 17.50, fränkische nicht auswuchsfrei M. 00.00 bis 00.00, ungarische M. 18.25 21.00, Hafer, hiesiger

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