Ausgabe 
15.5.1890
 
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Confesionen gehörten, obwohl diese öfters auch eine weitauseinander gehende politische und kirchliche Parteistellung einnahmen, so war doch niemals in dem Vorstand irgend ein e eingetreten. hatten alle nur das eine Bestreben,

Stets im Vorstand zu rathen und zu helfen, daß das zeitliche und ewige Wohl unserer Pfleglinge gefördert werden möchte. So konnte die Stiftung ungestört durch politische Kämpfe, ungehindert durch schwere Kriege, welche in dieser Zeit geführt wurden, ihre Wege gehen. Und wenn wir heute an alle diese Er fahrungen zurückdenken, so müssen wir mit herzlicher Dankbarkeit be kennen, daß wir unter Gottes Schutz und Segen ein gutes Werk haben treiben können. Seinem Schutz und Segen sei an dem heutigen Tage auch die Zukunft unserer Stiftung warm empfohlen. Im Jahre 1889 wurden 29 Kinder in die Stiftung aufgenommen. Ein Kind aus Bad-Nauheim, 3 aus Heldenbergen, 1aus Groß-Karben, 2 aus Nieder⸗Mörlen bezw. Löwenthal, 4 aus Rodheim, 2 aus Wis selsheim, 2 aus Wohnbach und elf landarme Kinder. Confirmirt wurden 12 Pfleglinge, drei Mädchen und neun Knaben. Die Mädchen konnten Stellen bei guten Herrschaften erhalten, bei welchen sie nicht nur einen kleinen Lohn finden, sondern auch, was weit mehr werth ist, fortgesetzte Erziehung und Veredlung erhalten sollen. Sieben Knaben stehen in der Lehre und zwei arbeiten als landwirthschaftliche Hilfs arbeiter in ihrem Heimathort. Der Schulbesuch unserer Kinder war recht guter, ebenso der Gesundheitszustand; Folge einer serophulösen Augenentzündung besuch gehindert. Auch mit dem Fleiß und konnten wir zufrieden sein. Die Lehrer haben ihnen fast durchgängig ein gutes Zeugniß gegeben. Einzelne konnten sogar ein rechtgutes Schulzeugniß erhalten. Unter 106 schulpflichtigen Kindern hatten nur 3% ein weniger zufriedenstellendes Zeugniß bekommen. Auch die große Mehrzahl unserer Lehrlinge hat sich gut betragen und hat in der Erlernung ihres Geschäftes genügende Fortschritte gemacht. Aus schreitungen kamen nur in ganz vereinzelten Fällen vor. Zwölf un serer Lehrlinge haben in 1889 ausgelernt und arbeiten meist als Gesellen in ihrem Geschäft weiter. Einer ist leider durch eine Ope ration, welche in einem Krankenhause zu Berlin an seinem linken Arm vollzogen wurde, zum Fortbetrieb desselben untauglich geworden. Es ist zu hoffen, daß er noch zu einer anderen Thätigkeit ausgebildet werden wird, durch welche er selbstständig werden kann. Sobald die Lehrzeit unserer Pfleglinge beendet ist, treten sie aus unserer Stiftung aus. Die Knaben bleiben immer bis zum voll endeten 17. und die Mädchen bis zum vollendeten 16. Lebensjahre

in dem letzten Jahr ein nur ein Knabe war in längere Zeit am Schul dem Betragen der Kinder

Friedberg den 13. Mai 1890.

Glieder unserer Anstalt. Damit sind sie aber noch nicht aus u ser Aufsicht entlassen. Noch fünf Jahre wenden wir ihnen unsere for gesetzte Aufmerksamkeit und Berathung zu, ohne diese ihnen, was 0 von selbst versteht, aufzwingen zu wollen. Nach fast allen uns zuge⸗

kommenen Nachrichten haben sich nun im letzten Jahre diese Pfleg, 1

linge im Wesentlichen nichts zu Schulden kommen lassen. Einzeln. deren Betragen schon seit Jahren besonders anerkannt wurde, babe sich ihr gutes Lob bewahrt. Einer, welcher mit Zufriedenheit währe 0 seiner Militärzeit gedient hat, hat an der kaiserl. Post eine Stellu N gefunden; und ein Anderer ist jetzt, nachdem er ununterbrochen,. 0 Ausnahme der Zeit, in der er als Soldat diente, in seinem Gesch gearbeitet hat, mit Hilfe seines Meisters, bei welchem er gelernt. in der Nähe von Friedberg selbstständig geworden. Leider ist aber ein anderer Pflegling in dem letzten Jahre auf der abschüssigen Bahn, auf welcher er durch den schlimmen Einfluß seiner Eltern nach seiner

5 1

ufd:

0 8 Gr.

Confirmation gerathen war, immer tiefer gesunken.. 1 Zum Schlusse unserer Mittheilung gestatten mir uns noch di 1

freundliche Bitte, welches ihr seit Jahren von ihren Freunden geschenkt worden ist.

Die armen und auch die verwahrlosesten Kinder bedürfen es und können

es erwarten, daß wir ihnen mit Liebe entgegen kommen. Jeder Mensch, sagt ein moderner Schriftsteller, hängt mit einem goldenen Fädchen an der Menschlichkeit fest. Auch bei dem von Jugend auf

verwahrlosten Kinde ist ein noch unverdorbener Ort im Gemüthe, ö wenn man den findet und an ihn mit seinen Einwirkungen anzu⸗.

unserer Stiftung das Wohlwollen zu bewahren,

1 2: f 72. knüpfen versteht, so kann man es von da aus wie an einem Fädchen

in das rein menschliche, dessen Zugang ihm leider frühzeitig durch falsche Behandlung vielfach versperrt worden war. Freilich ist es oft schwer, diesen Ort zu finden, aber unmöglich ist das nie. zu dem armen Kinde gibt uns helle Augen, kann. Zuweilen geschieht das bald; oft gehen aber auch Jahre d rüber hin bis man ihn finden kann, und zuweilen kommt es 5 daß es uns nie recht gelingt, diese Stelle zu finden. Auch in den

Herzliche Li daß man ihn entde

Falle, daß es uns scheinen möchte, als ob alle unsere Bemühung,

das Kind von der schweren Last, die es niederdrückt, zu befreien, umsonst ist, soll man doch nicht aufhören, demselben alle Liebe entgegenzubringen. Nach vielen Jahren hat schon mancher junge

Mann an die Liebe zurückgedacht, welche ihm in der Jugend von N

guten Menschen erwiesen worden war, und diese Erinnerung ist das goldene Fädchen geworden, das ihn an die Menschlichkeit für immer geknüpft hat.

oft sehr schwer,

in das religiös sittliche Leben hineinziehen, 1