Ausgabe 
15.5.1890
 
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Beilage zumOberhessischen Anzeiger

Nr. 57.

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Am 16. Mai d. J. waren es seit Gründung der Mathilden tiftung, unserer Wetterauer Erziehungs-Anstalt für arme und ver Jahrloste Kinder, fünfundzwanzig Jahre. Im Jahre 1865 wurde diesem Tage auf Anregung und unter dem Vorsitze des verstorbenen weh. Regierungsraths Trapp in dem hiesigen Rathhause eine Ver Immlung von Geistlichen, Lehrern und Bürger meistern des damaligen

treises Friedberg abgehalten. Nach lebhafter Verhandlung über Ein Jchtung der Stiftung, wie über Gewinnung der zur Erreichung ihrer

wecke nöthigen Mittel wurde ein vorgelegter Statuten-Entwurf ein Zum Andenken an die am 25. Mai 1862 erstorbene Großherzogin Mathilde, welche nach vielen Seiten hin in ö nserem Lande wohlthätig gewirkt hat, wurde ihr der NameMathilden etiftung zur Rettung verwahrloster Kinder aus dem Kreise Friedberg Als Mitglieder des Vorstands wurde Pfarrer Dornseif in ünster, Decan Görtz in Nieder-Florstadt, Bürgermeister Küchel in butzbach, Seminardirector Steinberger, Lehrer Volk, Bürgermeister Balz in Friedberg und Decan Keller in Ockstadt gewählt. Noch an emselben Tag hatte sich, nachdem die Versammlung geschlossen war, er Vorstand constituirt, Seminardirector Steinberger wurde zum Vor⸗ zenden gewählt, und der Vorstand auf Grund des§ 5 der Statuten nurch Cooptation von sieben weiteren Mitgliedern verstärkt. In seiner ritten Sitzung am 10. October 1865 wurden die ersten vier Kinder u die Stiftung aufgenommen.

Diejenigen, welche an der erwähnten Versammlung theilgenommen gaben und noch leben, werden sich heute noch mit einer gewißen Be riedigung dieses Tages erinnern. Es war ein Geist aufrichtiger Nenschenliebe in den Anwesenden lebendig. Alle dachten nur daran eirme Kinder durch liebevolle Aufnahme in der regligiösen Gemeinschaft, er sie von Geburt angehören, erziehen zu lassen Und als die Ver⸗ ummlung geschlossen war, hatten alle die Empfindung, daß ein gutes Verk zu Stande gekommen sei, welches unter Gottes Segen in unserer Wetterau etwas leisten werde. Aber Keiner wird nur annähernd er vartet haben, daß nach Ablauf von 25 Jahren 431 Kinder in der ieugegründeten Stiftung Aufnahme und Erziehung gefunden haben vürden. Man hatte keine Ahnung, daß man, obwohl die Zeichen der geit lebhaft auf Sturm deuteten, am Vorabend einer großen weltge zichtlichen Zeit stände, welche nicht nur viel Glanz über uns bringen, Indern auch manches Elend offenbaren werde, welches in der Tiefe eres Volkslebens verborgen liegt, und am wenigsten glaubte man, eine Gesetzgebung, welche die unterste Klasse der Bevölkerung Zirthschaftlich auf eigene Füße gestellt hat, das Familienleben in den iutersten Volksschichten zerrütten würde. Man erwartete von der aus edehnten Freiheit der Bewegung einen neuen Aufschwung in Handel ind Gewerbe, man dachte aber nicht, daß in Folge der Auflösung nancher Bande, die an Zucht und Ordnung festhielten, die Zahl der Ver⸗ recher zunehmen und die Kinder in den leichtfertig geschlossenen Ehen

Ein silbernes Jubiläum.

nicht mehr die aufmerksame Erziehung finden würden, die ihnen von Rechtswegen gewährt werden muß.

Die Stiftung hat seit dem Gründungstag keine wesentliche Aen derung erfahren, wenn wir davon absehen, daß sie von dem Jahre 1874 an bis 1880 in Folge der Einführung der neuen Kreisordnung als Kreis-Anstalt bestand. Da sich diese Einrichtung aber unter den bestehenden Verhältnissen nicht als zweckmäßig bewähren konnte, wurde die Stiftung wieder als freier Verein organisirt und am 27. October 1880 wurden ihr durch die Gnade Sr. Königlichen Hoheit des Groß herzogs Corporationsrechte verliehen.

Der Vorstand muß sich heute, wenn er an Alles, was die Stiftung in ihren ersten 25 Jahren erfahren hat, zurückdenkt, zur herzlichen Dankbarkeit gegen Gott und Menschen aufgefordert fühlen. 286 Pfleg⸗ linge, welche ihre ganze Existenz ihr verdanken, konnten in dieser Zeit von ihm aus der Stiftung entlassen werden, nur wenige von den Aufgenommenen sind verschollen. Sehr viele derselben ernähren sich als Handwerker und Arbeiter in Oberhessen. Einige sind ausge wandert und wir durften es mehrfach erleben, daß die Letzteren in Amerika, wo so Vieles, was man in der alten Heimath gethan und erlebt hat, vergessen wird, sich doch das Andenken an die Liebe be wahrt haben, welche sie in der Zeit ihrer Kindheit durch die Stiftung erfahren konnten. Die Briefe, welche sie von dort immer noch an die Pflegeeltern schreiben, und die Geschenke, welche sie an einzelne jüngere Pfleglinge, welche jetzt von uns bei den alten Eltern erzogen werden, geschickt haben, sind fortwährende Beweise einer tiefgewurzelten An⸗ hänglichkeit. Fünfzehn Pfleglinge sind während der Zeit, in der sie durch uns erzogen wurden, gestorben. Ein Lehrling ist ertrunken und ein Anderer durch einen unglücklichen Fall nach langem Leiden gestorben. Wenn mir berücksichtigen, daß eine größere Anzahl unserer Kinder von Geburt sehr serophulös ist und in den ersten Lebensjahren eine oft gesundheitsschädliche Ernährung erfahren hat, so scheinen mir etwas mehr als 3% Sterbfälle in 25 Jahren ein geringer Procent satz zu sein.

Niemals hatte die Stiftung, wenn es galt für ein armes Kind zu sorgen, über Mangel an den dazu erforderlichen Mitteln zu klagen. In jedem Jahre hatte sie bei den Mitgliedern der Ausschüsse des Mathildenstifts zu Butzbach, Friedberg und Vilbel, bei den General versammlungen der Stiftskassen, wie bei den Mitgliedern des Kreis Ausschusses in Friedberg offene Hände gefunden, welche gern und reichlich gegeben haben, was sie bedurfte. Niemals wurde von diesen Corporationen irgend ein Wunsch des Vorstands abgelehnt. Stets hatte derselbe auch Ursache, das freundliche Entgegenkommen von Seiten der Behörden anzuerkennen. Bereitwilligst haben die evange lischen und die katholischen Geistlichen, wie auch die Lehrer an den Schulen unsere Bestrebungen gefördert. Obwohl von den ersten Tagen der Stiftung an zu dem Vorstand Mitglieder aus verschiedenen

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