Ausgabe 
10.12.1889
 
Einzelbild herunterladen

gestellt und derselbe die Leib-Compagnie abge⸗ schritten, bestieg er, durch das Fürstenzimmer schreitend, nebst den Großherzog dem bereitstehen den Viererzug. Im zweiten Wagen saßen der Erbgroßherzog und Prinz Heinrich. Vieltausend stimmiges Hurrah, das sich bis zum Residenz⸗ schlosse fortpflanzte, empfing die Allerhöchsten Herrschaften. Alle Glocken läuteten, die Kanonen donnerten vom Exercierplatz aus dazwischen. An der Ehrenpforte am Rheinthor hatten sich die

städtischen Behörden postiert und wurde der

Kaiser von Oberbürgermeister Ohly mit einer Ansprache begrüßt, auf welche der Kaiser huld vollst dankte. Dann wurde die Fahrt durch die aufs prächtigste geschmückte Stadt fortgesetzt. Vor und hinter dem kaiserlichen Wagen ritt je eine Escadron Dragoner. Vom Rheinthor bis zum Schloß bildeten die Studirenden der Technischen Hochschule in vollem Wichs, die Schüler der höheren Schulen, sowie eine große Zahl von Vereinen und Innungen, alle mit ihren Fahnen, ein geschlossenes Spalier. Alle Fenster waren dicht besetzt und eine kolossale Menschenmenge hatte sich zu beiden Seiten der Straße aufge stellt. Ununterbrochen ertönten die Hurrahrufe, während der Kaiser nach allen Seiten grüßte. Der ganze Einzug bot ein prächtiges Schauspiel. Gegen 10 Uhr fuhren die Herrschaften sodann zur Jagd nach dem Kranichsteiner Park und bei dieser Gelegenheit nahm der Kaiser die Parade der Kriegervereine ab. Es waren 310 Vereine mit 7000 Mann erschienen. Vor der Infanterie kaserne brachten der Oberst und das Offizier corps des Leibgarderegiments ihre Huldigung dar. Außer den Kriegervereinen bildeten noch die Schützen und einige andere Vereine Spalier bis zum Jägerthor. Vor letzterem wurde dem Kaiser eine waidmännische Huldigung dargebracht, indem von Balkonen Jagdfanfaren und der Jägerchor aus demFreischütz den hohen Jägern entgegentönten. Auf dem ganzen Wege wurde der Kaiser von jubelnden Hurrahrufen begrüßt. Im Kranichsteiner Wildpark fanden sodann zwei Treiben und nach dem Frühstück im Jagdschloß ein drittes Treiben statt. Hierauf erfolgte die Rückfahrt nach Darmstadt, woselbst um 5 Uhr großh. Hoftafel war. Die Stadt war von Fremden überfüllt. Die Illumination verlief großartig, besonders herrlich präsentitte sich der in einem wahren Lichtmeer erstrahlende Louisen platz. Der Kaiser wurde auf der Fahrt zum Theater von der die Straßen füllenden tausend köpfigen Volksmenge mit Jubelrufen begrüßt. 7. Dec. Heute früh fuhren der Kaiser und der Großherzog mit den anderen Herrschaften und dem Jagdgefolge um ½ 10 Uhr mit Sonder zug der Hessischen Ludwigsbahn nach Groß-Gerau, woselbst im Wildpark eine Treibjagd vorwiegend auf Damwild stattfand. Die Rückkehr erfolgte um 4 Uhr. Zu der großen Tafel, welche Nach mittags 5 Uhr im Kaisersaal des Großh. Schlosses stattfand, waren die Spitzen der militärischen, staatlichen und communalen Behörden geladen. Den Toast auf den Kaiser brachte der Groß herzog mit folgenden Worten aus:Gestatten Ew. Majestät, meinen Dank und meine Freude auszusprechen, Sie hier begrüßen zu können, wo Sie so oft als lieber Verwandter in Meiner Familie geweilt haben. Mein ganzes Hessen land theilt diese Freude und ist glücklich, daß ihm Gelegenheit geboten wird, seinen Gefühlen der Treue und Anhänglichkeit an Kaiser und Reich Ausdruck zu geben. Wenn es auch draußen kalt ist, so schlagen doch unsere Herzen warm, in dem Wunsche, daß es Ew. Majestät vergönnt sei, Deulschland lange und mit Segen zu regieren, daß es sich im Frieden nach Innen und Außen entwickele. Lassen Sie unsere Liebe und Ver ehrung Ausdruck geben in dem Rufe: Se. Maje stät, der Kaiser, lebe hoch! Der Kaiser erwiederte, daß er als junger Prinz wie ein Kind im Hause des Landesherrn aufgenommen gewesen sei. Wie im Bois de la Eusse ein eherner Löwe die Erinnerung an die Thaten der hessischen Diwision im großen Kriege 1870/71

wach halte, so hoffe er auf gleiche Theilnahme

Galerie Gejohle, vermischt mit den Rufen:Dummer

des ganzen hessischen Volkes unter Führung seines Landesherrn im Falle der Gefahr. 8. Dec. Der Kaiser nahm beute an dem Vor⸗ mittagsgottesdienste in der Stadtkirche Theil; die Predigt hielt Superintendent Dr. Sell. Vor dem Gottesdienst besuchten der Kaiser und der Großherzog das Mausoleum auf der Rosenhöhe. Nach dem Gottesdienst besichtigte der Kaiser die Cosinos und die Speiseanstalten des 2. großh. Dragoner-Regiments Nr. 24 und des großh. Feld⸗Artillerie-Regiments Nr. 25. Nachmittags erfolgt die Reise nach Worms, woselbst die Herrschaften dem Festspiele anwohnen werden. Worms hat prachtvoll und großartig geschmückt.

Ein Extrablatt derDarmstädter Zeitung veröffentlicht ein Telegramm Stanley's an den Deutschen Kaiser, das letzterer in Kranichstein erhielt. Stanley zeigt darin seine Ankunft in Sansibar an, wohin ihn und die Seinigen die DampferSperber undSchwalbe überge führt haben. Stanley erinnert sich dankbar der Gastfreundschaft in Potsdam im Jahre 1885 und schließt:Lange lebe der edle Kaiser Wilhelm II.

Der Gerichtsvollzieher Müller in Zwingen berg und der Gerichtsvollzieher Lang in Bingen wurden entlassen.

Berlin, 6. Dec. Reichstag. Bei der dritten Berathung des Bankgesetzes wurde von Mirbach ein neuer Antrag eingebracht, dahin lautend, daß die Gesammtdividende der Antheils eigner auf 5 statt auf 6 PCt. festzusetzen sei. Nach längerer Debatte wurde der Antrag mit 126 gegen 98 Stimmen abgelehnt. Die Regie rungs-Vorlage wurde sodann unverändert ange nommen.

Wie die MünchnerAllg. Ztg. aus gut unterrichteter Quelle erfährt, ist von den in letzter Zeit verbreiteten Gerüchten über eine bevorstehende Familienverbindung zwischen dem deutschen und russischen Kaiserhause sowohl in Berliner wie Petersburger maßgebenden Kreisen nichts bekannt.

Wilhelmshaven, 6. Dec. S. M. Aviso Pfeil, Comm. Corv.-Cap. Dräger, ist, von der ostafrikanischen Küste kommend, heute wieder hier eingelaufen.

Essen, 7. Dec. Der Vorstand des berg baulichen Vereins beschloß laut derRhein. westf. Zeitung die Zechen aufzufordern, etwaige wegen Nichtannahme von Arbeitern getroffene Maßregeln aufzuheben. Die Essener Zechen haben sich dem Beschlusse bereits unterworfen.

Straßburg, 6. Dec. Der Statthalter hat sich heute zu einem kurzen Aufenthalt nach Berlin begeben.

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. Pest, 7. Dec. Das Unterhaus nahm die Rekruten-Contingents vorlage an, Minister Fejervary stellte für das nächste Jahr einen Bericht über die Freiwilligen Institution in Aussicht.

Schweiz. Bern. Der Nationalrath be willigte für die Herstellung von 150,000 Repetier gewehren nach dem Modell Schmid nebst der dazu gehörigen Munition 17½ Millionen.

Belgien. Brüssel, 6. Dec. Gestern Abend zog eine große Menschenmenge unter Absingen der Marseillaise vor den Königspalast. Die Polizei trat jedoch dazwischen und verhinderte die gegen den König gerichtete Kundgebung. In der Kammer richtete heute bei der Fortsetzung der Debatte über die Interpellation Bara der Abg. Janson heftige Angriffe gegen den Minister Devolder. Letzterer nannte Janson einen Lügner. Der Präsident versuchte vergeblich zu vermitteln, Devolder hielt seine Aeußerung aufrecht. Die Sitzung verlief unerhört stürmisch. Der liberale Abgeordnete Thiriar rief dem klerikalen Depu tirten Eeman, welcher den Redner Janson fort während unterbrach, die Worte zu:Schweigen Sie, Circus-Clown! Das Publikum auf der begann hierauf ein unbeschreibliches Maul!

August, halt' s Unter dem größten

Tumult wurde die Sitzung geschlossen. 7. Dec.

In der heutigen Debatte über die Interpellation Bara vertheidigte Jacobs(Rechte) den Minister

Devolder. Der Minister des Innern protestiert gegen alle Verläumdungeu; Janson und Bara kommen auf ihre gestrigen Reden zurück. Die Kammmer beschließt mit 76 gegen 34 Stimmen den Uebergang zur Tagesordnung.

7. Dec. Der König erhielt heute eine Depesche ans Sansibar, wonach in dem Befinden Emin Pascha's eine erhebliche Besserung einge⸗ treten ist.

Großbritannien. London, 6. Dee. Sechstausend Arbeiter der South Metropolitan⸗ Gasgesellschaft kündigten für nächsten Mittwoch einen Massenausstand an, falls die Verwaltung nicht das mit den nichtunionistischen Arbeitern getroffene Abkommen rückgängig macht.

Manchester, 7. Dec. In Folge eines Aus⸗

standes der Heizer in den Gasanstalten blieben

viele Fabriken hier und in der Vorstadt Salford ohne Beleuchtung; die Arbeit ist unterbrochen. Die Bewohner der meisten Privathäuser sind ge nöthigt, Oellampen und Kerzen zu benutzen. Die Störung in der Beleuchtung ist durch dichten Nebel noch beträchtlich vermehrt.

Portugal. Lissabon, 7. Dec. Der Dampfer Alagoas ist unter der alten Flagge Brasiliens mit dem Kaiserpaar und dessen Familie und Ge folge heute Morgen hier eingelaufen. Die Reisenden verließen alsbald das Schiff.

Italien. Rom. DieAgencia Stefani meldet aus Massauah: Deschak, Leyum, Daschak und Selohat, Häuptlinge der Provinz Agame, welchen sich zwei Banden Eingeborener unter Capitän Bellini angeschlossen haben, brachten am 2. Dec. Mangascha und Ras Alula eine vollständige Niederlage bei. Die feindliche Streit⸗ macht der Provinz Tigre ist nunmehr vernichtet. Ausführlicher Bericht ist noch zu erwarten.

Afrika. Sansibar, 5. Dec. Major Wiß⸗ mann traf gestern Stanley, Emin Pascha und Casati jenseits des Kinghaniflusses; dieselben trafen heute früh zu Pferde in Bagamoyo ein, wo sie enthusiastisch empfangen wurden. Die ganze Stadt war mit Palmenblättern geschmückt. Emin Pascha ist in Folge seiner Kurzsichtigkeit in Bagamoyo aus einem zwanzig Fuß hohen Fenster gestürzt und schwer verwundet. Sein Zustand ist höchst bedenklich. Dr. Parke von der Expedition Stanley's hofft ihn zu retten.

Aus Stadt und Land.

st. Bad⸗Nauheim. Der große Teich ist spiegelglatt gefroren und trägt überall. Schlittschuhläufer seien hier⸗ auf aufmerksam gemacht.

Gießen. Montag den 9. December, Vormittags 9 Uhr, hat das Schwurgericht sich diesmal nur mit einem Falle zu befassen. Anklage: gegen Georg Adam Hill von Ohmes, wegen Meinelds, und Heinrich Freidhof von da, wegen Anstiftung. Staatsanwalt Jockel, Vertheidiger Labroisse und Lauer.

Allerlei.

Hanau. Das landgräfliche alte Schloß, das von der Stadt angekauft worden ist, wird in einen geräumigen Saalbau zur Veranstaltung von Coneerten u. s. w. um⸗ gewandelt werden.

m. München. Das General Comité des landwirth⸗ schaftlichen Vereines in Bayern hat bei der Feler des Central⸗Landwirthschafts-Festes 1889 die große silberne Medaille den Fabriken landwirthschaftlicher Maschinen von Ph. Mayfarth& Co., in Frankfurt, Berlin und Wien zuerkannt. Diese Auszeichnung gewinnt um so höhere Bedeutung, als sie die einzige Auszeichnung bildet, welche seitens des General-Comités an Fabtiken land⸗ wirthschaftlicher Maschinen verliehen wurde, obwohl auch andere hervorragende Fabriken des Reiches mit großen Ausstellungs⸗Colleetionen erschlenen waren.

London. Wie verlautet, genehmigte die Regierung die Vermehrung der Londoner Polizeimacht um kausend Mann

Eine zunehmende Wandlung des Geschmacks der Weinfreunde vollzieht sich gleichmäßig in allen Theilen Deutschlands zu Gunsten der vorsichtig und unter Controle der königl. italienischen Regierungs beamten impor⸗ tirten italienischen Weine. Man beginnt es zu schätzen, daß man sicher sein kann, in den Kellereien und Nieder⸗ lagen der unter den Auspieien der kgl. ital. Regierung in's Leben getretenen Deutsch Italienischen Wein⸗Import⸗ Gesellschaft wirklich die Weine vorzufinden, deren ber⸗ vorragende Eigenschaften man wohl schon rühmen hörte. Der Gleichwerth so mancher von der Gesellschaft impor tirten Tafel⸗Weine mit kostspieligeren Bordeaux Weinen macht sich bei den Kennern bemerkbar. Das alte Vor urtheil, als fände man in Itaien nur geringere Wluths'

* e eee, Ser

n ·

5

12111

95