Ritter v. Nigra wurde nur beauftragt, falls England formell die Mitwirkung Italiens nach— suche, solche unter gewissen Compensationen zu— zusagen. Er solle dabei nur die Bedingung stellen, daß Italien niemals Verpflichtungen ubernehmen werde, welche dem Geist und den Bestimmungen der Tripelalliance entgegen wären. England solle in Afrika die Verpflichtung über— nehmen, daß weder jetzt noch später das Gleich— gewicht am Mittelmeere gestört werde. Mancint erklärte, da keine Anträge zu dieser Interpellation eingebracht seien, betrachte er dies als eine indirecte Zustimmung zur Regierungspolitik.
— Das Amtsblatt meldet: Ein vom Justiz— minister contrasignirtes königliches Decret setzt eine Commissien unter dem Vorsitz des Sena— tors Cadorna zur Ausarbeitung eines Gesetzent— wurfs, betreffend die Reorganisation der Admi— nistration des Kirchenvermögens ein. Binnen Jahresfrist soll ein Project, welches in den Artikeln 16 und 18 des päpstlichen Garantie— gesetzes vorgesehen ist, ausgearbeitet werden.
— Der türkische Botschafter Mussurus Pascha soll die Erklärung abgegeben haben, daß die Pforte der Besetzung Massauahs durch Italien nunmehr zugestimmt habe.
Spanien. Madrid, 19. März. Der Gouverneur der Colonie Alhumena, welcher mit seiner Escorte nach Beneburriaga gegangen war, um ein von Mauren gestohlenes Schiff zurück— zufordern, wurde mißhandelt und verwundet. Anläßlich dessen erklärte das Ministerium in der gestrigen Sitzung der Deputirtenkammer, es werde Genugthuung für diese Beschimpfung fordern, aber auch den Gouverneur von Alhu— mena zurückberufen, weil er seinen Posten ver— lassen habe, um mit den Eingeborenen zu verhandeln.
Rumänien. Bukarest, 18. März. Die Kammer nahm mit 90 gegen 1 Stimme den Gesetzentwurf über die Feststellung des General— tarifs für die Ausfuhr- und Einfuhrzölle an, wodurch die gegenwärtgen Tarife aufgehoben und autonome Tarife bis zur Promulgation neuer Tarife wiederhergestellt werden. Das Gesetz tritt am 1. Juli in Kraft. Die Kammer verwarf die Vorlage, betr. Wiederherstellung des Freihafens in Galatz und Braila mit 61 gegen 29 Stimmen.
Egypten. Alexandrien. Die Verhandlung über die Berufung der Regierung in dem Prozesse der Staatsschuldenkasse ist auf den 25. März vertagt.
Kairo, 20. März. Das Neuter'sche Bureau meldet aus Suakin, daß die Engländer nach leichtem Scharmützel in Hasheen einrückten und der Feind sich zurückzog. Nach vorgenomener Recognoscirung kehrten die Engländer ins Lager zurück; der Feind besetzte die zon den Engländern geräumten Positionen sofort wieder.
Amerika. Washington, 18. März. Der Senat nahm eine Resolution an, worin es heißt, man müsse es verhindern, daß der Präsident von Guatemala den Plan einer Einigung Central— amerikas zu einer Republik ausführe.
New⸗ Pork, 18. März. Einer Meldung aus Panama zufolge wurde der Angriff der Auf— ständischen gegen die Stadt am Montag Abend abgebrochen; dieselben haben sich zurückgezogen. Zum Schutze des Eigenthums hat ein englisches Kanonenboot 75 Mann gelandet.
— Eine Depesche aus Mexiko meldet, 150000 Maun mexlikanischer Truppen seien be— ordert, nach der mexikanischen Grenze abzugehen.
Aus Stadt und Land.
i. Friedberg. Der Musikverein, unterstätzt von dem Seminaristenchor, wird nächsten Sonntag zur Feier von Kaisers Geburtstag bel dem Pormittags-Gottes— dienste in der Stadtkirche einige Chöre singen.
Vilbel, 20. März. Gestern Abend sollte ein Knabe von 13 Jahren einen Eimer Wasser aus einem Zieh-Brunnen holen, bekam aber dabei das Uebergewicht, stürzte in den Brunnen und war sofort eine Leiche.
Mainz. Der„M. A.“ bezeichnet die Mittbeilung einiger Blätter, wonach wegen der Röttger'schen An- gelegenheit auch ein Offieier der hiesigen Garalson ver— haftet worden sei, nach zuverlässiger Information als unbegründet.
die an sie gestellte Schuldfrage, in Folge dessen der An-
Allerlei.
Mannheim. Bezüglich des Mordes an der Mar⸗ garetha Ries kann die„N. B. L. 3.“ die Mittbeilung machen, daß die Verdingfrau Stehle, bei welcher die Ermordete ihre Effeeten stehen hatte, sich in Unter— suchungshaft befindet. Wie geheimnißvoll die Affaire betrieben wurde, geht daraus hervor, daß die Verhaftung der Stehle berelts vor drei Wochen erfolgte, ohne daß auch die selbst in Untersuchungssachen eingeweihten Per— sonen hiervon eine Kenntniß hatten.
St. Johann, 19. März. In der verganzenen Nacht kurz vor 1 Uhr fand eine Explosion schlagender Wetter im Schachte„Camphausen“, Bergamt Saarbrücken, statt. Der Schacht ist zusammengestürzt, leider wurden dabet auch die Windthüren zerstört und hierdurch wahr- scheinlich alle Bergleute dem Erstickungstodt überliefert. In der Grube befanden sich 219 Bergleute, welche gestern Abend um 6 Uhr zur Nachtschicht angefahren waren, und heute früh um“ Uhr abgelöst werden sollten. Die Explosion war so heftig, daß die Flammen zum Schacht— thurm herausschlugen und der Signalwärter getöͤdtet wurde. Mit Ausnahme von 16 kurz vor der Katastrophe zu Tage geförderten Bergleuten war die übrige Beleg— schaft noch in der Grube, und wohl die meisten haben ihren Tod während der Explostion gefunden oder sind im Nachschwaden der Wetter erstickt. Heute früh strömten auf allen Wegen zu der Unglücksstätte weinende Männer, Weiber und Kinder, welche in Angst und Schrecken um ihre in der Grube befindlichen Angehörigen waren und die um das Grubenhaus versammelte Menscher menge zählte nach Tausenden. Die Rettungsarbeiten wurden so schleunigst als mözlich unter der aufopfernden Leitung des Berg-Inspeetors Saattig und Fahrsteigers Kirschner begonnen. Die Leichen werden im Saale des Zechenhauses aufgebahrt und gewähren zum Theil einen erschütternden Anblick. Die Explosion hat mehrere große
Brüche verursacht, so daß man an der Rettung derjenigen in der Grube gebliebenen, welche nicht sofort bei der Katastrophe getödtet wurden, wie gesagt, verzweifelt. Das ist für unser Saarrevier ein schreckliches, nie er- hörtes Unglück, welches in viele Familien Trauer 1 Elend bringt. Die Katastrophe erfolzte mit Blitzes⸗ schnelle. Als Ursache nimmt man die Selbstentzündung von Kohlenstaub an, welcher in einem nicht mehr be. nutzten alten Stollen sich angesammelt hat. Stets vor dem Anfahren werden die Stollen der Gruben von Fahrsteigern mittelst der Sicherheitslampe untersucht; würden die drei nun auch todten Nachtsteiger etwas Verdächtiges bemerkt haben, so wäre die Einfahrt der Bergleute sicher sistirt worden. Bis heute Nachmittag 3 Uhr sind 137 todt und 51 lebend zu Tage gefördert worden, die übrigen Verunglückten sind todt. Dieselben können der starken Verschütterungen wegen nur langsam herausgebracht werden.
Braunschweig, 18. März. Im hiesigen Bahnhof rannte heute Morgen 4 Uhr 20 Min. der Berliner Zug auf einen leeren Personenwagen. Letzterer wurde auf den Perron gehoben und zertrümmert. Die Passagiere und das Zugpersonal blieben unversehrt, die Locomotive
verlor die Puffer.
Berlin, 18. März. Das Schwurgericht verurtheilte heute den Studenten Oehlke wegen Tödtung seines Gegners im Duell zu vierjähriger Festungshaft.
Königsberg i. Pr., 15. März. In den letzten Tagen sind wiederholt Warnungen brieflich an das hiesige Polizeipräsidium gekommen, nach welchen die Absicht bestehen soll, das Polizeigeschäftshaus mittelst Dynamit Explosion zu vernschten. Wenngleich nach der„Danz. Ztg.“ die Sache nicht ernst genommen wurde, so ist doch eine verschärfte Bewachung des Polizeigebäudes angeordnet worden.
Rotterdam, 17. März. Der japenesische Gesandte Sakurada wurde heute ermordet. Die Mörderin ist seine Geliebte, ein junges und sehr schönes Mädchen aus Brüssel, die Tochter eines Arbeiters, und wohnte seit einiger Zett im Haag, wo ihr Sakurada, ein Mann von 35 Jahren, der in Japan Frau und Kinder hat, ein Landhaus gemlethet hatte. Eifersucht war der Grund des Verbrechens.
Gerichtssaal.
Gleßen. Schwurgerichtsverhandlung am 17. März gegen Heinrich Hatster von Hain Gründau, wegen Meineids. Derselbe war angeklagt, daß er den ihm in seinem mit Juda Heilmann von Lieblos geführten Rechtsstreite über die Aechtheit der von Hellmann als Beweismittel be— nannten Urkunde vom 12. Februar 1880 zugeschobenen Eld vor Großh. Amtsgericht Büdingen wissentlich falsch geschworen habe. Die Geschworenen verneinten indessen
geschuldigte von Strafe und Kosten freigesprochen wurde. — 18. März. Schwurgerichtsverhandlung gegen Christ. Klein von Heisters wegen Meinetds und Betrugs. Die Geschworen erkannten den Angeklagten bezüglich des Meinetds, unter Annahme mildernder Umstände, für schuldig, bezüglich des Betrugs verneinten indessen die— selben die ihnen vorgelegte Schuldfrage. Klein wurde daher wegen Meineids in eine Gefängnißstrafe von 1 Jahr verurtheilt, dagegen wegen des Betrugs freigesprochen.
Handel und Verkehr.
Butzbach, 18. März. Wochenmarkt. Butter kostete per Pfd. M. 0.85— 9.90, Käse per Pfd. 45—46 Pf. Eier 1 Stück 5 Pf.
Butzbach, 19. März. Das seit einiger Zeit vor⸗ herrschende herrliche Frühlingswetter hatte dem heute
stattgehabten Frühjahrs- Fasel⸗, Zuchtvieh- und Schweine⸗
Markt eine Menge Verkäufer und Käufer zugeführt und so das Geschäft zu einem recht lebhaften gestaltet. Das zu Markt gebrachte Vieh war nach fachmännischen Ur— (heilen durchaus schön, weßhalb der Handel ein lebhafter
bei guten Prelsen war. Angetrieben waren 61 Fasel, 148 Rinder, 30 Kühe und etiea 420 Schweine.
Frankfurt, 18. März. Wochenmarkt. In der Halle sind heute neue Kartoffeln(Malteser) eingetroffen. Der Preis stellt sich per Ctr. auf M. 16, pfundweise wurde die Waare zu 20 22 Pf. verkauft. Hiesige Kartoffeln per Malter(200 Pfd.) M. 4.50—5, per Gescheid 9—10 Pf., ital. Blumenkohl(korbweise) per Stück 30 Pf., Zwiebeln per Ctr. M. 6, per Gescheid 20 Pf., franzͤsischer Salat per Stück 15—20 Pf., hiesige Gemüse unverändert. Obst: Orangen per Kiste (420 Stück) M. 25, Citronen per Kiste(300 Stück) M. 16, Kochäpfel per Pfd. 10— 12 Pf., Reinette 16 Pf., Goldreinette 22 Pf., Bors dorfer 30 Pf., Kochbirnen 12 Pf., Haselnüsse 50 Pf. Cronberger Dürrobst per Pfund: Apfelschnitte 40 Pf., Hutzeln 30 Pf., zeschälte Birnen 40 Pf., Zwetschen 25 Pf., Kirschen 50 Pf. Geflügel unverändert.
Frankfurt, 17. März. Buttermarkt. Für Butter wurde im Engroshandel bezahlt per Ctr. M. 85—95, im Kleinverkauf je nach Güte der Waare per Pfd. M. 1.10 1.20.— Heu- und Strohmarkt. Die Anfuhr bellef sich auf ea. 683 Wagen und wurde bezahlt je nach
Qual. per Ctr. für Heu M. 2.30 3.00, für Stroh
M. 1.80— 2.20.
Literarisches.
„Die Werkstatt“, Meister Konrads Wochenzeitung Nr. 11 enthält: Aus der Welt.— Für die Werkstatt: Ein neues und nützliches A B-C-Buch für Große.— Wie's mit den Lehrlingen gehalten werden soll.— Tausch⸗ handel.— Werkzeuge mit Namen.— Ein einfaches Mittel bei Verwundungen.— Gipsfiguren aus Elfenbein⸗ masse.— Eine gute Stempelfarbe.— Spruch.— Aller⸗ hand Nützliches für den Handwerker.— Wasserdichte Pappe.— Selbstgemachte Copirtinte.— Für den Abend⸗ schoppen: Ein Brunnenmacher als Ingenieur-Hauptmann. — Gegen die Garnison-Schlächtereien.— Hundert Jahre Schmied.— Brief an den Meister Konrad.— Für Haus und Herd: Wie mein Nachbar, der Meister Heinrich, auswanderte.— Klöße mit Pflaumen, noch eine Fasten⸗ speise.— Verschledene Saucen zum Rindfleisch.— Billige Nudeln.— Ein patentirter Fingerhut.— Reine Stuben⸗ decken.— Brathäringe zu machen.— Spruch.— Für den Feierabend: Die Geschichte einer Ohrfeige.— Preis nur 60 Pf. vterteljährlich.
An unsere Freunde.
[Dritte Mittheilung des Erzilehungs vereins
„Mathilden-⸗Stiftung“ zu Friedberg. Gegründet am 16. Mai 1865.
Mit einem Bestand von 126 Zöglingen ist der Er⸗ ziehungsverein„Mathilden-Stiftung“ in das neue Jahr eingetreten. Sechszehn Zöglinge sind im Jahre 1884 ausgeschieden, von welchen 12 als ausgebildet entlassen und je 2 den Eltern und der Waisen-Anstalt übergeben worden sind. Ebenso viele arme verlassene und ver⸗ wahrloste Kinder aus Altenstadt, Bad-Nauhelm, Beien— beim, Groß Karben, Münzenberg, Nieder- Rosbach, Pohl⸗Göns, Rockenberg, Schwalheim und Wissels helm und ein helmathloses, in London geborenes Kind wurden aufgenommen. Von 109 schulpflichtigen Kindern werden 80 in 61 Familien des Kreises und 29 in 4 verschiedenen Anstalten erzogen. 12 Lehrlinge werden in Butzbach, Bü des heim, Effolderbach und Friedberg im Handwerke, und 5 Mädchen werden im hiesigen Kinderhaus zu Dienst—⸗ mädchen erzogen. Unsere Pfleglinge waren bis auf einen braven Knaben, welcher am 2. März d. J. im hiesigen Bürger-Hospital nach langem schweren Leiden gestorben ist,, gesund geblieben und haben mit wenigen Ausnahmen von ihren Lehrern in Betreff ihres Be⸗ tragens und Fleißes gute und recht gute Zeugnisse er⸗ halten. Von 52 Pfleglingen, welche seit 1879 von der Stiftung als selbstständig entlassen worden sind, haben vler von ihren Herrschaften ehrenvolles Lob bekommen, 32 haben sich gut, 12 ziemlich gut betragen, 4 sich aber lelder Vergehen zu Schulden kommen lassen.
Wer sind dankbar, weil wir im letzten Jahre für arme, verlassene und verwahrloste Kinder Vieles haben thun dürfen. Gerne würden wir noch mehr thun. Gerne würden wir den armen verlassenen jungen Dienstmädchen, die aus Spitälern, oder von ihrer Herrschaft ausge⸗ wiesen, bei uns flehentlich Schutz suchen, eine Heimath bereiten, gerne würden wir allen verlassenen und ver— stoßenen Kindern, welche unsere Hilfe in Anspruch nehmen, die gewünschte Aufnahme gewähren, wenn uns die er⸗ forderlichen Mittel dazu geboten wuͤrden. Nach einer in der Darmstädter Zeitung abgedruckten Verbrecher⸗ Statistik hatte im Jahre 1884 das Großherzogthum Hessen unter den deutschen Staaten die größte Anzahl jugendlicher Verbrecher aufzuweisen. Wer es weiß, wie die verlassenen, ohne liebevolle Erziehung aufwachsenden Kinder tief, in unseren Tagen besonders tief sinken, und wer wohlgerathene Kinder hat, wer sich eines glücklichen Familienlebens erfreut, der sollte den vielen heimathlosen Kindern ein neues Heim am Herde treuliebender Pflegeeltern verschaffen helfen. Wir lassen darum diese Veröffentlichung mit der Zuversicht hinaus⸗ gehen, daß sie denen Segen bringen wird, für welche der Heiland das Wort gesprochen hat:„Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf“.
Friedberg den 18. März 1885.
Für die Mathildenstiftung:
Meyer, Dekan in Friedberg.


