— Das Regierungsblatt, Beilage Nr. 13, enthält:
1. Bekanntmachung, die für 1884/85 in der Stadt Mainz zu erhebenden Umlagen betr. 5
, une Uebersichten der für 1884/85 genehmigten Umlagen der israel. Religionsgemeinden des Kr. Dieburg, der politischen Gemeinden bes Kr. Oppen⸗ heim, der Landgemeinden des Kr. Offenbach und der Landgemeinden des Kr. Mainz.
VI. Ermächtigung zur An nahme eines fremden Ordens.
VII. Exequatur-Ertheilung.
VIII. Dienstnachrichten.
IX. Ruhestandsversetzungen. 5
X. Concurrenzeröffnung. Erledigt ist: stelle zu Kirtorf, Gehalt 900 M. i f
— 10. Juni. In der heutigen vertraulichen Sitzung der zweiten Kammer der Stände wurde von dem Vor⸗ sitzenden des Staatsministeriums ein an diesen gerichtetes Schreiben des Großherzogs zur Kenntniß der Kammer gebracht. In diesem Schreiben ist die Veranlassung zu dem Rücktritte des Staats ministers von Starck berührt, der Entschluß des Großherzogs, daß die politischen Ge⸗ schäfte in dem seitherigen Sinne und Geiste fortgeführt werden sollen, kund gegeben und die Mittheilung ent⸗ halten, daß es der feste Wille des Großherzogs sei, so bald als möglich die gerichtliche Scheidung der von dem⸗ selben geschlossenen, thatsächlich bereits getrennten Ehe mit Frau von Kolemins herbelzuführen. Eine weitere Verhandlung über den Gegenstand dieser Mittheilung fand nicht statt. Es wurde hierauf eine Reibe von Berichten angezeigt. Die Wiederwablen der Abg Dittmar und Honstein wurden nach erfolgter mündlicher Bericht erstattung für gültig erklärt. Es erfolgte bierauf die Beant— wortung mehrerer Intexpellationen. Sodann folgte die Berathung über die Bitte mehrerer Civilbeamten wegen nochmaliger Eröffnung der in der Bekanntmachung vom 4. Dezbr. 1874 bestimmten Fristen. Dem Antrag des Ausschusses gemäß werden diese Fristen nochmals auf drei Monate eröffnet; ferner über den Antrag des Abg. Haas und Genossen auf Aufnahme einer Erhöhung des Gehalts des Vorstehers der landwirthschaftlichen Ver— suchsstation um 2000 Mark in das Budget von 1885— d8. In mündlicher Berichterstattung beantragt der Ausschuß den Antrag für vorerst erledigt zu erklären und wird dieser Antrag einstimmig angenommen. Es folgt das Gesuch der Bürgermeisterei Friedberg, Verwilligung von Mitteln zur Vestreitung der Kosten für Ausfertigung der Eigenthumsurkunden nach vollzogener Zusammen⸗ legung der Grundslücke. Der Ausschuß beantragt nach der entgegenkommenden Erklärung der Reglerung das Gesuch für erledigt zu erklären, was einstimmig ange nommen wird. Den Antrag des Abg. Möllinger, das Landstreicherwesen betr., beantragt der Ausschuß: an Großh. Regierung das Ersuchen zu richten, in ihren auf Verminderung des Vagantenthums gerichteten Be— strebungen wirksamst fortzufabren und den Antrag Möllinger hierdurch für erledigt zu erklären, was eben— falls debattenlos einstimmig angenommen wird.
Berlin, 9. Juni. Zur heutigen Grund— steinlegung für das Reichstagsgebäude hatten sich Tausende von Menschen auf der Strecke vom kaiserlichen Palais bis zum Festplatze angesam— melt. Ungeheurer Jubel begrüßte den Kaiser, sowie den Kronprinzen und den Reichskanzler auf der Fahrt nach dem Festplatze. Der Kaiser, in großer Generalsuniform mit dem Band des Schwarzen Adlerordens und decorirtem Helm, betrat Punkt 12 Uhr den prachtvoll geschmückten Pavillon, dessen Hauptsäulen mit Kornblumen— guirlanden umwunden waren. Die sofort be⸗— ginnende Feier verlief genau programmmäßig. Die Kelle und der Hammer wurden dem Kaiser auf blauseidenem Kissen dargeboten. Die Ur— kunde, welche der Reichskanzler verlas und welche bierauf mit den anderen Schriftstücken und Münzen in den Grundstein versenkt wurde, hat
folgenden Wortlaut:
„Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden deutscher Kaiser, König von Preußen, thun kund und fügen zu wissen, daß Wir beschlossen haben, im Namen der Fürsten und freien Städte des Reiches und in Gemeinschaft mit den verfassungsmäßigen Vertretern des deutschen Volkes den Grundstein zu einem Hause zu legen, in welchem der ge— meinsamen Arbeit der gesetzgebenden Körper eine würdige Stätte bereitet werden soll. Unter den glorreichen Waffen erfolgen der vereinten deutschen Stämme ist durch Gottes Fügung das Deutsche Reich zu ungeahnter Macht und Herrlichkeit erstanden. Aus der Begeisterung des Volkes und aus dem gegenseltigen Vertrauen der Bundesregier— ungen ist für Deutschland die Kraft erwachsen, seine Versassung und seine nationale Entwickelung aus eigener Macht zu schützen und die Pflege seiner Wohlfahrt in die eigene Hand zu nebmen. Diesem Schutze und dieser Wohlfahrt soll die Arbeit in dem Hause dienen, dessen Grundstein wir legen. Wir blicken, dankbar gegen Gott, auf das zurück, was die verbündeten Regierungen, in gemeinsamer Thätigkeit mit dem Reichstage während der verflossenen Jahre Unseres kaiserlichen Waltens für Deutschland geschaffen haben, und sehen der Zukunft mit der Hoffnung entgegen, daß unter Uns wie unter Unseren Nachfolgern die gemeinsame Arbeit für das Vaterland von Einigkeit getragen und von Segen be—
und zum Tragen
Eine Lehrer
gleitet sein werde. Der Ordnung, der Freiheit, der Gerechtigkeit, der gleichen Liebe für alle Kreise Unseres Volkes sei unverbruͤchlich diese Arbeit gewidmet. Möge Friede nach Außen und Innen den Bau dieses Hauses beschirmen! Auf immerdar sei das Haus ein Wahrzeichen der unauflöslichen Bande, welche in großen und berr⸗ lichen Tagen die Deutschen Länder und Stämme zu dem Deutschen Reiche vereinigt haben! Dazu erflehen Wir den Segen Gottes. Gegenwärtige Urkunde haben Wir in zwei Ausführungen mit Unserer Allerhöchsteigenhän⸗ digen Namensunterschrift vollzogen und mit Unserem größeren kaiserlichen Insiegel versehen lassen. Wir be⸗ fehlen, die eine Ausfertigung mit den dazu bestimmten Schriften und Münzen in den Grundstein des Hauses niederzulegen, die andere in Unserem Archiv aufzube— wahren. Gegeben in Unserer Haupt- und Residenzstadt Berlin am neunten Juni des Jahres ein tausend acht hundert vier und achtzig.“ 5
Der königlich bayerische stimmfübrende Bevoll⸗ mächtigte zum Bundesrath überreichte Kelle und Mörtel mit einer Ausprache. Der Hammer wurde dem Kaiser vom Reichstags-Praͤsidenten v. Levetzow mit einer Ansprache übergeben. Die Hammerschläge auf den Grundstein begleitete der Kaiser mit den Worten:„Im Namen Gottes zum Gedeihen und zur Ehre des deutschen Vaterlandes. Amen.“ Der Schluß des Weihe— spruches des Generalsuperintendeten Oberhof— predigers Kögel lautet:„So erhebe sich und wachse dieser Bau für Jahrhunderte, eine Burg der Treue, ein Herd der Eintracht, eine Warte für die Zeichen der Zeit, ein Bergungs— ort für das Erbe der Väter, ein Ausgangspunkt für gottgesegnetes Thun! Amen!“ Während der Feier regnete es, der Kaiser ist aber trotz— dem im Freien geblieben.
— 10. Juni. Reichstag. Ein Schreiben des Reichs: kanzlers sucht die Genehmigung des Reichstages, gegen den Abg. Möller ein Strafverfahren wegen Beleidigung des Reichskanzlers einzuleiten, nach. Das Schreiben geht an die Geschäftsordnungs-Commission. Es folgt hierauf die erste Berathung des Antrages Ackermann, betreffend die Ergänzung der Gewerbeordnung. Ackermann be⸗ fürwortet seinen Antrag, welcher der Noth des Hand— werkerstandes abhelfen und das Handwerk consolidiren wolle, damit er kräftig und des Erfolges sicher den Kampf gegen das Großkapital aufnehmen könne. An den mittel⸗ alterlichen Zunftzwang im Sinne des Monopols denke Niemand. Man wolle blos Raum schaffen für freie Organisationen und corporative Verbände. Das In- nungsgesetz von 1881 genüge den berechtigten Ansprüchen des Handwerkerstandes nicht, wie die zahlreichen Pettttonen gegen dasselbe bewiesen. Bundes commissär Lohmann erklärt, die Regierung habe zu dem Antrage Ackermann noch keine Stellung genommen, doch liege kein Anlaß für sie vor, von dem Standpunkt abzugehen, den sie selbst in ihrer Vorlage von 1881 eingenommen. Ein Antrag auf Commissionsberathung ist nicht gestellt. Der Reichstag tritt deshalb sofort in die zweite Berathung ein. Der Antrag wird bei namentlicher Abstimmung mit 157 gegen 144 Stimmen angenommen.
— 10. Juni. Die Transvaal-Deputation
machte heute Nachmittag dem Fürsten Bismarck und den activen Ministern ihre Abschiedsbesuche und reiste, vom Geheimen Legationsrath Kusserow nach dem Bahnhof begleitet, heute Abend nach Amsterdam ab.— Die Großherzogin von Baden ist heute Abend nach Karlsruhe abgereist. 10 Juni. Die Actiengesetzcommission nahm in zweiter Lesung unverändert die Be— stimmung an, daß Actien auf Namen auf min— destens 1000 Mark, Actien auf Inhaber auf mindestens 5000 Mark lauten müssen.
Rüdesheim. Ueber das Attentat auf dem Niederwald wird der„Allg. Ztg.“ aus sicherer Quelle mitgetheilt, daß dasselbe nicht gegen das Denkmal selbst und das vor demselben er— richtete Kaiserzelt projektirt war, sondern den kaiserlichen Zug bei der Auffahrt zum Denkmal treffen sollte. Ein Sprengversuch in der Nähe des Denkmals war durch die Vermauerung sämmtlicher Entwässerungsröhren unterhalb des— selben unmöglich gemacht. Wohl aber wurden in Entwässerungsröhren, über welche der Fürsten— zug auf dem Wege zum Niederwald fuhr, Dynamit⸗— quantitäten aufgefunden.
Carlsruhe, 11. Juni. Die erste Kammer lehnte den von der zweiten Kammer angenommenen v. Neubronn'schen Gesetzentwurf, betr. die fünftägige Neuefrist bei landwirthschaftlichen Verkäufen, ab.
Ems, 9. Juni. Der König von Sachsen reist heute über Mannheim nach München.
Stuttgart. Der Staatsanzeiger meldet: Der König reist am 15. Juni zum Sommer—
aufenthalt nach Friedrichshafen.
Ausland. Oesterreich-Ungarn. Pest, 9. Juni. Aus mehreren Ortschaften werden neuerdings Wahl—
unruhen gemeldet, welche theilweise das Ein⸗ schreiten der bewaffneten Macht zur Folge hatten.?
Agram, 10. Juni. Der Landtag lehnte den Antrag auf Vorlegung der auf Aushängung doppelsprachiger Wappenschilder bezüglichen Acten mit 8 Stimmen Mehrheit ab. Der Banus hatte sich gegen den Antrag ausgesprochen und Ueber— gang zur Tagesordnung beantragt.
Dänemark. Kopenhagen. Die Neuwahlen für das Folkething sind auf den 25. Juni festgesetzt.
Großbritannien. London, 9. Juni. In Newry(Irland) fand gestern anläßlich der von
den Nationalisten abgehaltenen Versammlung ein;!
Zusammenstoß der Nationalisten mit Orangisten statt. Polizei und Truppen stellten die Ruhe
wieder her, wobei von beiden Parteien Mehrere 3
verhaftet wurden.
— 10. Juni. Unterhaus. Sämmtliche zwölf Artikel der Reformbill werden ohne Amendements angenommen.
— Die„Daily News“ bezeichnen die Mit—
theilungen der„Pall Mall Gazette“ über das Abkommen zwischen England und Frankreich größtentheils als irrthümlich. Pecuniäre Arrange— ments seien darin gar nicht erwähnt, von der Besetzung des Sudan durch türkische Truppen sei darin gar nicht die Rede.
Serbien. Belgrad, 10. Juni. Bulgarien beantwortete heute die Note Serbiens betreffs der serbischen Flüchtlinge ablehnend. In der Autwort wird auf die vielfachen Juteressen hin— gewiesen, welche Bulgarien und Serbien ver— bänden und hervorgehoben, daß Bulgarien die Verantwoctung für alle Folgen eines Zwischen— falles ablehnen müsse. Die Zahl der serbischen Flüchtlinge in ganz Bulgarien betrage nur 40. In Folge dieser ablehnenden Antwort ist die serbische Agentur in Sofia heute geschlossen worden. Der diplomatische Agent verläßt heute noch Sofia.
Rußland. Petersburg, 9. Juni. Der König von Griechenland ist heute in Peterhof eingetroffen.
— Ju Odessa wurden Ende voriger Woche zwölf Artillerie-Offiziere unter der Anschuldigung, den Nihilisten anzugehören, verhaftet. Bei den Verhasteten wurden gravirende Schriftstücke vor— gefunden, die weitere Verhaftungen unter der Artillerie erwarten lassen.
Kronstadt, 8. Juni. Die Herzogin von Edin— burgh ist, vom Großfürsten Paul Alexandrowülsch begleitet, auf der königlich englischen Nacht„Os— borne“ heute Nachmittag hier angekommen, vom General-Admiral Großfürsten Alexis und vom Marineminister empfangen und alsbald nach Peterhof geleitet worden.
Egypten. Kairo, 9. Juni. Die Pall Mall Gazette bestätigt, daß zwischen Waddington und Granville ein Einverständniß erzielt sei, wonach England dem Khedive acht Million Pfund zu vier pCt. gewährt. Egypten solle vom 1. Jan. 1885 ab mindestens auf weitere drei Jahre von englischen Truppen besetzt bleiben.
Aus Stadt und Land.
Gleßen. Nach dem soeben zur Ausgabe gelangten“ Verzeichniß der Studtrenden an hliesiger Hochschule im Sommersemester 1884 besuchen dieselbe im Ganzen 521 immatrikulirte Studirende gegen 497 im verflossenen Wintersemester. Ferner besuchen noch 23 nicht immatti⸗ kulirte Hörer Vorlesungen. Von obigen 521 sind 418 Hessen und 108 Nichthessen. Es widmen sich 1. det Theologie 93, 2. der Rechtswissenschaft 59, 3. det Medicin 89, 4. der Thierheilkunde 36, 5. der Zahn, heilkunde 6, 6. der Cameralwissenschaft 29, 7. der Forst⸗ wissenschaft 45, 8. der Mathemattk 29, 9. der classischen Philologie 38, der neueren Philologie 24, 10. der Philosopbie ꝛc. 32, 11. der Geschichte 5, 12. der Phar- macie 17 und 13. der Chemie 20.
Erbach, 8. Juni. Heute Abend ist der regierende Graf, Franz Eberhard zu Erbach Erbach und von Wartenberg Roth, senior des Gräfl. Erbachischen Gesammthauses im 66. Lebensjahre nach längerer Krankheit gestorben.
Allerlei. vr. Frankfurt. Unter allen Etablissements Frank⸗ furts ist namentlich der Palmengarten zum weltberühmten internationalen Rendezvous der feinen Welt geworden un jeder Tourist kann uns über ibn erzählen; in 85 illustrirten Zeitungen finden wir die Abbildungen seiner herrl. Bauten und Anlagen. Die Idee zur Gründung dieses Mustet⸗
*
0
1*
2
—
90
12e 2
227288
—


