Ausgabe 
1.11.1883
 
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Kreis⸗ und Provinzialordnung für Hannover vorgelegt und damit der erste Schritt zur Ver waltungs reform auf die neuen Provinzen gethan wird. DasTageblatt erfährt, der Landes Eisenbahnrath trete Mitte November zusammen.

München, 29. Oct. Die Kammer der Ab⸗ geordneten bewilligte den außerordentlichen Mili tärcredit von nahezu ein Million Mark nach dem Autrag des Ausschusses mit 136 gegen 1 Stimme.

30. Oct. Der Referent für die Gehalts aufbesserung der pragmatischen Beamten be⸗ antragt in seinem Bericht an den Finanzausschuß die Ablehnung der Aufbesserung, weil eine Besserung der Finanzen nicht dauernd gesichert, eine Mehrbelastung aber dann unvermeidlich sei.

Suttgart. Dem Staatsanzeiger zufolge wild der König am 8. November nach San Remo abreisen. Die Erholung des Königs machte in den letzten Monaten erfreuliche Fortschritte und obgleich derselbe wegen eines Katarrhs derzeit besonderer Schonung bedarf, läßt sich doch hoffen, daß ein längerer Aufenthalt im Süden vollstän dige Genesung bringen wird.

Metz. Antoine ist durch Reichsgerichts beschluß vom 22. Oct, ohne Caution seiner Haft entlassen worden und am 28. d. in Freiheit ge setzt. Die Untersuchung gegen ihn dauert fort.

Ausland.

Oesterreich-Ungarn. Wien, 29. Oct. Der Budgetausschuß der reichsräthlichen Dele gation berieth das Budget des Aeußeren. Auf die Frage Clam Martinitz' über die allgemeine politische Situation antwortet Kalnoky, conform seiner Erklärung im ungarischen Ausschuß, er könne die bekannte Thatsache, daß die Lage der Monarchie nach Außen und deren Beziehungen mit allen Mächten vollkommen befriedigend seien, nur bestätigen. Der Ausschuß votirte das Budget conform der Regierungsvorlage.

30. Oct. Der Heeresausschuß der un garischen Delegation berieth heute das außer ordentliche Heereserforderniß und genehmigte mehrere Titel, worunter 250,000 fl. zur Be schaffung eines Reserve-Vorratbes von stahl bronzenen Belagerungs-Geschützen; der Kriegs minister hatte den Posten warm befürwortet.

Die Pol. Nachr. enthalten eine Mit theilung über die österreichische Eisenbahn-Ver staatlichung. Das langsame und genau ab wägende Vorgehen der Regierung stehe der Leb haftigkeit der Börsengerüchte gegenüber. Zunäch liegen nur prägnante Bestimmungen betreffs der Elisabethbahn vor. Bei den Verhandlungen mit der Franz-Josefsbahn erscheinen die Forder ungen der Gesellschaft zu hoch, und wartet die Regierung eine richtigere Abschätzung von Leistung und Gegenleistung ab. Die Kronprinz-Rudolf bahn ist unter staatlicher Verwaltung, die die staatlichen Verpflichtungen und das Unternehmen selbst auf eine bessere Basis stellen kann Der volle Uebergang an den Staat liege noch in weiter Ferne.

Pest. Der Abgeordnete Verhovay, der durch den Prozeß von Tisza-Eßlar compromittirt ist und dabei auch Gelder unterschlug, ist von dem adeligen Casino, an welchem er bisher seine Stütze hatte, ausgeschlossen worden. Auch seine Wähler haben die Aufforderung an ihn gerichtet, nunmehr sein Mandat niederzulegen, da ein der Unterschlagung Bezüchtigter sie nicht im Reichs tag vertreten soll.

Frankreich. Paris, 29. Oct. Die Kam mer setzte die Berathung des Municipalgesetzes fort. Challemel beantragte eine Jahrespension von 80,000 Francs an die Söhne Abdel Kaders. Am Ende der Sitzung brachte Granet die an gekündigte Interpellation ein. Ihre Besprech ung wurde auf morgen festgesetzt. Gatineau ver tagte seinen Antrag auf Ausweisung der Prinzen bis nach Beendigung der Tonkindebatte. 30. Oct. In der Deputirtenkammer begründet Granet seine Interpellation betreffs Tonkin; er wirft dem Ministerium vor, daß es die Wahr

heit verheimlicht und das Land in ein gefahr volles Abenteuer verwickelt habe. Challemel-

Lacour rechtfertigt das Verhalten des Cabinets und weist den Vergleich der Tonkin-Expedition mit dem mexikanischen Feldzug zurück; die noch bestehenden Schwierigkeiten seien durchaus nicht unübersteigbar. Perrin(radikal) wirft der Re gierung Mangel an Offenheit vor und fürchtet die Folgen eines Bruchs mit China für die Handelsverhältnisse. Die weitere Berathung wurde auf morgen vertagt.

Spanien. Madrid. Wie man von hier meldet, wurde am 27. Oct. das Bataillon, welchem die Bewachung der Ministerialgebäude und des Bureaudienstes in denselben anvertraut war, plötzlich durch andere Truppen abgelöst und später entwaffuet.

Numänien. Bukarest, 29. Oct. demissionirte als Kammerpräses, um an der Debatte über die Verfassungsrevision theil zunehmen. 30. October. Die Kammer nahm die Demission Rosetti's an. Stolojan interpellirte über die Beweggründe der Regier ung, dem Könige die Reise nach Wien anzu rathen und über die Ergebnisse der Besprechung Bratiano's mit Bismarck und Kalnoky. Die Regierung wird in drei Tagen antworten. Finanzminister Lecca demissionirte, Grani tritt als Justizminister in's Cabinet.

Egypten. Kairo, 29. Oct. Einer Mel dung des Bureau Reuter zufolge sind 150 egyp tische Soldaten von den aufrührerischen Berg stämmen im Defilée zwischen Suakim und Karrala überfallen und niedergemacht worden.

Aus Stadt und Land.

L. F. Friedberg. Den Lesern d. Anz., welche dem nächst das OratoriumLuther in Worms in unserer Stadtkirche hören wollen, wird es erwünscht sein, auch über den mustkalischen Inhalt des Werkes vorher Einiges zu erfahren, nachdem der Dichtung selbst schon vor einigen Wochen in einem Aufsatze gedacht worden ist. Marburg, Gießen, Friedberg, Frankfurt werden neben etwa 40 weiteren deutschen Plätzen die Meinardus sche Composition in der Festwoche aufführen, Marburg und Friedberg am 11. November, Gießen und Frank furt am 14. November. Einer Besprechung der Lutber feier in Marburg, die die Oberhess. Zeitung in Marburg vor Kurzem brachte, ist das Nachstehende zum größten Theile entnommen. Meinardus, der sich durch seine Compositionen nicht minder als durch seine Schriften einen geachteten Namen in der Musikerwelt erworben hat, knüpft in dem Oratorium durchweg an die unvergäng lichen Vorbilder an und namentlich das Studium Bach's zeigt sich auf Schritt und Tritt; es ist ein sehr gutes Zeichen, daß der Schwerpunkt des Werkes in den Chören liegt. Gleich der einleitende Chor, welcher die Stelle der Ouvertüre vertritt, ist kräftig und schwungvoll, wie überhaupt durch das ganze Oratorium ein männlicher Zug geht. In seinem ersten Theile betiteltDie Fahrt nach Worms begleiten wir den von Justus Jonas ge führten Zug der Anhänger Luther's; in ihren charakteristi schen und stimmungsvollen Gesang ist ein alter Choral (Knabenstimmen) kunstreich verwoben. In schöner Kontrastwirkung folgt auf den Pilgerchor ein Chor von Nonnen, aus deren Kloster die Pilger das Miserere vernehmen. Justus Jonas verkündigt der Aebtissin die neue Lehre aus Wittenberg und diese schließt sich be geistert dem Zuge an. Ihr von dreistimmigem Nonnen chor begleitetes Arioso:Meine Seele verlanget zu hören die Worte des Heils gehört zu den glücklichsten Num mern der Partitur und ist von hervorragender Schönheit. Hierauf hören wir Luther im Gebet sich zu dem schweren Gange stärken; der ChorHilf o Gott Du Deinem Knechte ist wieder von großer Innigkeit und melodtösem Wohllaute. Nun versucht Glapio, des Kaisers Beicht vater, Luther durch das Versprechen eines Bischofsstabes zur Unterwerfung zu überreden; es folgt ein bewegtes Duett Luther's mit Glapio, in dem das Ansinnen des letzteren von Luther zurückgewiesen wird. Hier zuerst klingtEin' feste Burg an. Der Chor, gehobenen Muthes die Reise nach Worms fortsetzend, gibt seiner Freude über Luther's Standhaftigkeit lebhaften Ausdruck. Hatte es die Natur der Sache mit sich gebracht, daß bisher fast lauter langsame Sätze sich gefolgt waren, so läßt der Dichter nun Ulrich von Hutten mit einer Ritterschaar den Pilgern begegnen und sich ihnen an

Rosetti

schließen. Der in lebhaften Marschrythmen erklingende Chor der Ritter, frisch erfunden, ist von packender Wirkung Die Ritter bieten Luther ihre bewaffnete

Unterstützung an, er weist sie ernst zurück:Das Schwert laßt ruhn, das Wort soll's thun und als Hutten ihn warnt:Gedenk an Huß entgegnet Luther:Die rechte Kriegswaffe ist Gottes Wort, ein markiges Motto, welches der Chor aufnimmt und in freier Fuge durch

führt. Mit einer Kombination des Vilgerchorals mit dem Rittermarsche schließt der erste Theil. War der erste Theil im Ganzen mehr lyrisch, so athmet der

zweite, auch musikalisch bedeutendere TheilVor Kaiser und Reich dramatisches Leben. Eröffnet wird er durch einen glänzend instrumentirten Marsch und äußerst wirk⸗

Glapio tritt auf, um das Einschreiten des Kaiser gegen Luther anzurufen; dem Chore folgt ein Intermezzo, die Begegnung Georgs von Frundsberg mit Luther:Mönch⸗ lein, Mönchlein, Du thust heut' einen schweren Gang, Duett mit anschließendem Chor der Anhänger Luther's, stimmungsvoll, melodiöss und das Folgende sehr wirk⸗ sam vorbereitend. Der Kaiser fordert Widerruf von Luther; es setzt ein Doppelchor von Anhängern Rom's und Luther's ein, welcher nach wenig Takten in eine glänzend durchgeführte achtstimmige Doppelfuge ausläuft. Luther's weltgeschichtliche Antwort ist kräftig und würde voll; damit ist der Sturm entfesselt; es folgt ein drel⸗ facher Chor: Anhänger Rom's, Anhänger Luther's und Knabenchor. Vorbild hierfür ist der mächtige Anfangs chor der Bach'schen Matthäus-Passion, und man kann dreist sagen, daß Meinardus seinem hohen Vorbilde mit Glück nachgeeifert hat: dieser 3fache Chor ist ein Meister⸗ stück, welches nicht viele der heutigen Musiker nachzu machen im Stande sind. Aufgebaut ist das Ganze auf die Melodie:Vom Himmel hoch da komm' ich her, welche der Knabenchor unisono singt, getragen von der fünfstimmigen Harmonie der Trompeten und Posaunen. Denselben Choral bringen Luther's Anhänger 4 stimmig in seine verschiedenen Motive aufgelöst und abgeändert, während die Anhänger Rom's ihre Verwünschungen da zwischen werfen. Und doch hat das Ganze einen natür lichen Fluß. Nun spricht der Kaiser die Acht über Luther aus; Glapio und die Anhänger Rom's verfluchen ihn in einem höchst wirkungsvollen, leidenschaftlichen Chor mit Baßsolo. Nach mehreren Sologesängen(Katharina, Martha zc.), unter welchen Luther's Wortewir aber haben heute einen Baum gepflanzet sich durch edlen Ausdruck und Innigkeit auszeichnen, beginnt das Finale: Ein' feste Burg von Luther ganz frei intonirt; diesem schließen sich erst die Solostimmen, dann der Chor an (Soloquintett, 4A stimmiger Chor und Knabenchor als cantus firmus, ein streng durchgeführter 10 stimmiger Satz von hoher Meisterschaft) bis sich schließlich Solo quintett und Chor zu demDas Wort, sie sollen lassen stahn vereinigen. Damit klingt das Werk aus. Es ist ohne Ausnahme edel gehalten, in den strengsten For men nach den besten Meistern gearbeitet und zeigt dabei eine sehr anerkennenswerthe Frische und Ursprünglichkeit der melodtösen Erfindung. Die musikalische Weihe, die unsere Luther-Feier durch die Aufführung des Meinardus⸗ schen Oratoriums erhält, wird, wir zweifeln nicht daran, auf die Hörer tiefen Eindruck machen.

f. Friedberg. Um der Vagabundenplage noch weiter als dies berelts in unserem und anderen Kretsen ge schehen ist, zu steuern, soll auch in Hessen oder in Hessen⸗ Nassau und zwar wahrscheinlich in der Provinz Ober hessen, eine ländliche Arbeitereolonie für etwa 150 Per sonen gegründet werden.

k. Bad⸗Nauheim, 30. Okt. Bei der heutigen Wahl eines Beigeordneten ging es wieder lebhaft zu. Aufgestellt waren 3 Candidaten und erhielten: Oeconom Chr. Grünewald 179, Kaufmann Th. Andreas 123, Kaufmann Ph. C. Weiß 79 Stimmen. Zwischen ersteren Belden muß also eine Stichwahl stattfinden.

Gießen, 29. Oet. Heute Morgen 7 Uhr wurde das Todesurtheil an dem vom letzten Schwurgerichte zum Tode verurtheilten Sebastlan Schneider von Wlllofs durch den Sächsischen Scharfrichter Brand von Pfaffenroda bet Dresden vollzogen. Die Execution dauerte nur wenige Minuten.

Allerlei.

Frankfurt, 29. Oet. Heute kurz nach 6 Uhr Abends erfolgte in dem Poltzel-Präsidialgebäude eine bedeutende Detonation, in Folge deren das Haus in seinen Grundvesten erschütterte, sämmtliche Gasflammen in ihm verlöschten und zahllose Scheiben zersprangen. Sie ist anscheinend von einem Raum unter der Haupt⸗ treppe ausgegangen und mittelst Dynamit oder Nitro⸗ glycerin durch unbekannte verbrecherische Hand verursacht. Personen sind nicht verletzt, obwohl sämmtliche Beamte im Hause anwesend waren; dagegen ist das Gebäude theilweise erheblich beschädigt. Die Feuerwehr wurde allarmirt, rückte aber, da ein Brand nicht entstanden war, bald wleder ab.

Oldenburg, 29. Oet. Die Wohnung des preußl⸗ schen Majors v. Steinmann, der sich bei der Bevölker ung durch seine Verletzung des Oldenburger National gefühls, er sprach zu seinen Soldaten nur als von Oldenburger Ochsen, mißliebig gemacht hat, wurde von einer nach Hunderten zählenden Menschenmenge heute in der Absicht belagert, sie völlig zu demoltren. Dle heranrückende Polizei wurde mit einem Hagel von Stein⸗ würfen empfangen, und nur mit dem Aufgebot einer beträchtlichen Milttärmacht gelang es, die Demolirung zu verhindern. Mehrere Verhaftungen wurden vorge nommen. Der Oldenburgische Hauptmann von der Lippe soll dem Adjutanten des Großherzogs gegenüber auch Klage über Steinmann geführt haben. Es erfolgte elne Forderung des Majors; bei dem Duell, das am 25. stattfand, erhielt Hauptmann von der Lippe einen Schuß in den Oberschenkel, Major Steinmann einen ganz leichten Streifschuß. Major Steinmann ist von seinen vier Hauptleuten gefordert; das zwelte Duell fand am 28. statt. Major Steinmann erhielt einen Schuß in die Schulter. Das Militär blieb bis Mitternacht consignirt; man fürchtet auch heute Abend Ruhestörungen.

Pest, 30. Oct. Im Cireusgebäude ist heute Abend Feuer ausgebrochen, das größere Dimensionen angenommen hat. Der Circus steht vollständig in Flammen. Menschen sind nicht zu Schaden gekommen, auch sind die Pferde gerettet. Der Brand ist localisirt.

ungsvollen Huldigungschor zum Empfange des Kaisers. 1

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