Ausgabe 
26.8.1880
 
Einzelbild herunterladen

lassungen Gambetta's in Cherbourg hervor: Die Aeußerungen Grevy's und Freyecinet's in Dijon und Montauban geben zu lebhafter Be⸗ friedigung die Gewißheit, daß in der auffälligen Rede des Kammerpräsidenten nicht Frankreich, sondern Gambetta persönlich gesprochen. Der Artikel beleuchtet sodann den Begriff der von Gambetta angerufenen Gerechtigkeit, welche sich auf die Raubkriege Ludwig's XIV. und auf die Schwäche und innere Zerrissenheit Deutschlands gründe, erinnert ferner an die seit 200 Jahren von Frankreich in Deutschland gemachten Ein fälle. Bisher schienen die Staatsmänner der französischen Republik in richtiger Würdigung der Thatsache, daß die Mehrheit auch der franz. Nation sich kaum je für einen Krieg erwärme, zu welchem sie nicht durch einen Angriff ge zwungen sei, ihrerseits friedlichere Wege zu gehen, als die Bourbonen und die bonapartisti schen Kaiser. Namentlich hatte Gambetta sich den Ruf eines Freundes man kann fast sagen einer Bürgschaft des Friedens erworben. Wenn nun die Rede vom 9. August zeigt, daß er diesem Rufe entsagt, so habe dies in Deutsch⸗ land zwar keinePanique, aber doch Ver wunderung und aufrichtiges Bedauern erregt. Deutschlands Politik wird deshalb genau so friedliebend bleiben, wie bisher. Aber dem Ver⸗ trauen auf die Dauer des Friedens hat die Kundgebung Gambetta's einen harten Stoß versetzt. Wir sehen in Folge derselben nicht etwa Verwickelungen voraus, aber jene Kund gebung beweist doch, daß die Kriegspartei auch unter den Republikanern bedeutende Anhänger hat. Wolle das republikanische Frankreich unter Gambetta's Führung die Traditionen Lud wig's XIV. und XV., Napoleon I. und III. uns gegenüber fortsetzen, so müßten wir uns leider mit dem Gedanken vertraut machen, daß der Friede auf der Westgrenze unsicher bleibt. Nur muß die friedliebende Mehrheit beider Nationen wissen, wer den Frieden heute bedroht. Deutschland wird nicht müde werden, in seiner nationalen Politik den Beweis zu liefern, daß es Frieden halten will und den Krieg verab scheut. Wir bedauern, daß der kriegerische Geist, welcher unseren Nachbar heute wie seit 300 Jahren beseelt, uns zwingt, unsere Sicher heit in einem starken schlagfertigen Heere zu suchen. Mehr als Sicherheit suchen wir nicht, aber wir haben den Willen und das Vertrauen, sie zu finden. Der Artikel macht begreiflicherweise allgemeines Aufsehen. DasTageblatt sagt mit Bezug auf die angebliche Ueberraschung des Regierungsblattes, Gambetta als Haupt der französischen Kriegspartei zu erblicken: Wenn wir anders die Theorie vomüberraschenden Novum, zu der sich das freiwillig-gouverne mentale Blatt jetzt plötzlich bekennt, recht verstehen, so ist mit dieser Theorie das Eingeständniß ver bunden, daß die deutsche Politik, welche darauf basirt hatte, in Frankreich die gambettistisch republikanische Strömung zur Herrschaft kommen zu lassen, von A bis Z ein ungeheurer Fehler war, ein Fehler, den wir vielleicht dereinst alle theuer genug zu büßen haben werden.

Stuttgart, 23. Aug. Der deutsche Kron prinz ist heute früh in Neuulm angekommen und von der Generalität empfangen worden. Die Besichtigung der Truppen nahm den befrie digendsten Verlauf. Sodann erfolgte ein Besuch des Ulmer Münsters und darauf die Abfahrt des Kronprinzen nach Friedrichshafen und Mainau.

24. Aug. Der deutsche Kronprinz traf heute Vormittag um 11 Uhr, von der Mainau kommend, in Friedrichshafen ein und fuhr sofort mit einem Extrazug nach Niederbiegen, wo der selbe von einer großen Menschenmenge begeistert empfangen, die Besichtigung der Truppen vornahm. Es erfolgte hierauf die Besichtigung der Truppen bei Laupheim. Heute Abend wird der Kron prinz in Stuttgart eintreffen.

Karlsruhe. DieBadische Correspondenz, das officielle Organ der badischen Nationallibe ralen, bringt eine Absage an die Seeessionisten der Nationalliberalen im Reichstage.

Ausland.

Oesterreich⸗Ungarn. Wien. Das Fremdenblatt bestätigt, daß die Verhandlungen wegen eines Handelsvertrags mit Serbien in nächster Zeit noch nicht wieder aufgenommen würden. Der Antrag der serbischen Bevoll⸗ mächtigten, die meritorische Behandlung zu be⸗ ginnen und die formale Vorfrage in der Schwebe zu lassen, sei weder von Oesterreich noch von Ungarn angenommen worden. Da nicht abzu sehen sei, wann Serbien über die Vorfrage zu einem definitiven Entschluß gelange, kehrten die serbischen Vertreter vorläufig nach Belgrad zurück.

Belgien. Brüssel, 23. Aug. Der inter⸗ nationale Unterrichtscongreß ward gestern unter dem Vorsitz Couvreur's, in Gegenwart des Unter richtsministers van Humbeek eröffnet. Zum Ehrenpräsident ernannt, nahm der Minister das Wort, sprach trefflich über die Nothwendigkeit, nicht allzurasch alte Unterrichts- Methoden zu ändern. Viele auswärtige Pädagogen und Damen wohnten der ersten Sitzung bei.

Großbritannien. London, 23. August. Der Staatssecretär für Irland, Forster, ist hier her zurückgekehrt. Die gestrigen Landmeetings in verschiedenen Theilen Irlands sind ruhig verlaufen.

23. Aug. Unterhaus. Forster findet keine Veranlassung, Ausnahmsgesetze für Irland zu verlangen, da absolut kein Aufstand zu be⸗ fürchten sei; aber wenn er finde, was durchaus nicht zu erwarten, daß im Laufe des Herbstes oder Winters die bestehenden Gesetze unzuläng lich seien, werde er keinen Augenblick anstehen, das Parlament zu berufen, um Ausnahmegesetze zu verlangen. Hartington hofft, wenn die Bud⸗ getberathung am 30. August erledigt werde, der Schluß des Parlaments am 6. September stattfinde.

Aus Simla wird vom 22. d. gemeldet: In Quetta gehe das Gerücht, die Garnison von Kandahar habe einen Ausfall gemacht, wobei der Feind gelitten habe. Nördlich von Kofatz sollen sich die Stämme zum Zwecke eines Angriffs auf die Verbindungslinie mit Pischin augesammelt haben.

Türkei. Constantinopel. DieTimes meldet aus Scutari vom 20. ds.: Riza Pascha ist heute mit 2000 Mann Truppen hier einge⸗ rückt und wurde von dem Ausschuß der Liga empfangen. Alle Chefs der Albanesen und Mit⸗ glieder der Liga sind zu einer am Montag statt⸗ findenden Versammlung eingeladen. Die anderen 2000 Mann unter Riza Pascha blieben in Dul eigno und bezogen ein Lager gemeinsam mit Albanesen auf den die Stadt beherrschenden Anhöhen.

Rußland. Petersburg. Seitens der Regier ung wird bekannt gemacht: Laut allerhöchstem Befehl vom 5. April wurden von allen Gouver⸗ neuren Nachrichten über die unter polizeilicher Aufsicht befindlichen Personen eingezogen; diese Nachrichten sind mit wenigen Ausnahmen bereits eingelaufen und wird nunmehr bezüglich derselben baldigst endgültig entschieden werden. In Er⸗ wartung solcher Entscheidung sind bereits vom Mai bis August 1880 115 Personen theils gänzlich von Polizei-Aufsicht befreit, theils aus administrativer Ausweisung zurückgekehrt; unter diesen haben 30 Personen das Recht erhalten, in Universitäten oder anderen Lehranstalten be hufs Wiederaufnahme ihrer abgebrochenen Studien wieder einzutreten.

DieAgence Russe erklärt die Nachricht, daß die Pforte den Rath der Mächte über Sendung türkischer Truppen nach Ostrumelien nachgesucht habe, für unbegründet.

Aus Stadt und Land.

d. Dorheim, 23. Aug. Von bier ist zu melden, daß eine Kuh des Oeconomen Heil dahier vergangene Nacht 3 Kälber zur Welt brachte, die alle kräftig und ausgetragen sind, gewiß eine seltene Fruchtbarkeit.

m. Obererlenbach. Die Zäblung der Obstbäume in unserer Gemarkung bat folgendes Resultat ergeben: Aepfel abgestorben 2011, gesunde 2436; Birnen abg. 20, gesund 276; Zwetschen abg. 1470, gesund 1343; Nuß⸗ bäume abg. 3, gesund 71; Kirschen abg. 53, gesund 609; sonstiges Obst abg. 26, gesund 469.

Allerlei. 5

New⸗Nork. Ein Orkan, welcher in Texas am 12. und 13. August stattfand, zerstörte Browns ville fast voll⸗ ständig und in Matamoras 300 Häuser. Derselbe hat in den Nachbarstädten ebenfalls großen Schaden verur⸗ sacht. Mehrere Dampfer sind gescheitert.

Eine Kirch weihsitte auf dem unteren Westerwalde. Von Peter Geibel.

Zur bevorstehenden Kirchweih-Saison der

Wetterau wollen wir nicht verfehlen, einen

Brauch aus der Umgegend von Wied-Selters zu registriren, der noch an jene Zeiten erinnert,

in denen dasMeisterstück des Schöpfers, das

Weib, in seiner sozialen Stellung noch keinen Maßstab für die Kulturstufe der Bevölkerung ab⸗

gab. Es handelt sich nämlich um einen Menschen⸗ f

handel in optima forma, der aber nur an seinen Pflegestätten welch' letztere allerdings nur

noch vereinzelt auf dem Westerwalde vorkommen

dürften zur Zeit der Kirchweih in die Er scheinung tritt und dann stets mehr oder minder harmlose Consequenzen in seinem Gefolge hat. In Parenthese wollen wir hier bemerken, daß der weiter unten beschriebene Kirmeßbrauch noch eine starke Reminiscenz an das bis Eude des vorigen Jahrhunderts in der Wetteran bestandene sog. Mallchen ist. Ueberhaupt hat die hiesige Bevölkerung, obschon in den Gebieten des Nieder-Rheines wohnend, in ethnologischer Hin sicht, wie rücksichtlich ihrer Sitten und Ge bräuche noch große Verwandtschaft mit dem Chattenstamme Oberhessens. Dies nur nebenbei. Am Abend vor dem Kirchweihfeste versammelt sich zum Behufe einer Maͤdchen-Auktion die erwachsene männliche Jugend in dem zur Tanz⸗ musik bestimmten Wirthslokale, um daselbst die Dorfschönen je einzeln an ihre respektiven Neb⸗ haber gegen klingende Münzen zu versteigern. Man soll nun nicht denken, daß es bei dieser erotischen Thätigkeit leidenschaftlich zuginge, wie sich eigentlich in Anbetracht der Verhältnisse er warten ließe; mit nichten! Ohne jegliche schein bare seelische Erregung wird Seitens der Dorf burschen fraglicher Akt abgewickelt und das Geschäft geht nach allen Regeln der Kunst seinen Gang. Ein Protokollführer, gewoͤhnlich der Haupthahn der Burschenschaft, der ein Ver⸗ zeichniß derVersteigerungs-Objekte vor sich liegen hat, ruft die Namen der letzteren aus und aus dem Kreise seiner umgebenden Ge nossen wird dann steigernd um densüßen Preis geworben. Daß es bei dieser Gelegenheit nicht ohne schnetterige Bemerkungen von mitunter recht derb-komischer Wirkung, so namentlich dies beim Anpreisen der trefflichen Eigenschaften derWaare, aber auch bisweilen sehr zweifelhaftem Werthe abgeht, ist selbstredend. Es kommt dann dabei nicht selten vor, daß das eine oder andere der Mädchen, je nach seinen körperlichen Vorzügen oder sonstigen klingenden Qualitäten, seinen Liebhaber auf mehrere Thaler zu stehen kommt. Angebot und Nachfrage regeln, wie anderwärts, auch hier dasGeschaͤft; und die schlechten Zeiten haben heuer, wie mir mein Gewährsmaunn versicherte, stark influirt und dieWaare im Preis ge⸗ drückt. Der oft beträchtliche Erlös wird nach der Auktion im Wirthshause verjubelt, bei welcher Veranlassung auch die betreffenden Schönen geziemend in Keuntniß gesetzt werden, wer ihr glücklicher Steigerer ist. Bei wohl⸗ gefälliger Aufnahme der Botschaft setzt es dann ein Mahl für die Burschen ab, bei welchem Wurst und Brot oder Kaffee und Kuchen die Hauptbestandtheile bilden, und dessen Lust in dem Moment gipfelt, wenn die Erkorene ihrem Kirmeßschatz den Strauß Blumen an den Kittel heftet. Bei kühler, oder negativer Hinnahme derfrohen Mähr müssen die jungen Werber auf beschriebene Mahlzeit mit ihrem Schluß⸗ Triumph verzichten; dasSteigerungs-Objekt

dagegen muß dann aber auch diesem Falle dem Kirchweih-Vergnügen ent sagen. Der getaͤuschte Jüngling trauert nun

entweder ob verschmähter Liebe, oder aber er heischt sonst Minne und im Falle der Er⸗

1

seinerseits in

1 1

0

25

1