Ausgabe 
13.1.1880
 
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sation an sämmtliche Departementschefs anderer Ressorts die Bitte gerichtet, daß bei der Wieder- besetzung vacant werdender Stellen vorzugsweise auf die brodlos gewordenen Justizbeamten Rück⸗ sicht genommen werde und sei Dem mit großer Bereitwilligkeit entsprochen worden.

Daily Telegraph veröffentlicht einen aus Königsberg vom 31. Dezember datirten Bericht über die massenhaften, vielfach abgeleugneten russi⸗ schen Truppenansammsungen an der Westgrenze. Zusammen sollen 339 Bataillone Infantetie, 176 Schwadronen Kavallerie, 534 Feldgeschütze auf- gestellt sein. Außerdem werden Eisenbahnbauten westwärts und Ausrüstung und Verproviantirung der Grenzfestungen unermüdlich thätig betrieben. Aehnliche Nachrichten meldet demStandard ein aus Russisch-Polen eben heimgekehrter Corre⸗ spondent.

Ausland.

Oesterreich⸗Ungarn. Wien. In dem Aus sschusse für äußere Angelegenheiten der ungari⸗ schen Delegation interpellirten Szilagyi und Karman den Minister des Aeußeren über die Verhandlungen

mit Serbien in Betreff des Handelsvertrags und

der Eisenbahn⸗Anschlüsse. Der gemeinsame Minister

des Aeußeren, Baron Haymerle, constatirte vorerst,

daß bezüglich dieser Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Kandesregierungen und der gemein samen Regierung vollkommnes Einverständniß be stehe. Er gibt sodann eine geschichtliche Dar⸗ stellung der Orientbahnfrage bie zum Abschlusse der österreichisch- serbischen Eisenbahn Convention vom 8. Juli 1878. Graf Andrassy und Ristic gelangten bald zu der Ueberzeugung, daß eine erfolgreiche Lösung vor vollkommener Ordnung der neuen Verhältnisse auf der Balkanhalbinsel unmöglich sei. Baron Haymerle bespricht weiter hin die Verhandlungen mit Alimpic, deren Resultat in einem umsassenden Elaborat niedergelegt ist. Eine Note von Ristic Anfangs October 1879 trachtetie den Werth dieser Vereinbarung thunlichst zu entkräften und derselben nur den Character von vorläufigen Besprechungen beizumessen, in dem betont wurde, daß zu den Verhandlungen zwischen Oesterreich Ungarn und Serbien auch die Pforte und Bulgarien beigezogen werden müßten. Die österreichisch ungarische Regierung widerlegte diese Anschauung entschieden mit einer Note vom 29. October an ihren Vertreter in Belgrad, Her- bert, und betonte, daß Oesterreich Ungarn und Serbien vor Allem mit einander in's Reine kommen müßten. Ristic antwortete mit allgemeinen Ver⸗ sicherungen. Baron Haymerle sandte am 15. No- vember abermals eine urgirende Note, welche Ristiec in verhältnißmäßig nachgiebiger Weise erwiederte. Er gab zu, daß bei Jabetrachtnabme des Ber liner Vertrags und der Juli- Convention die Be rechtigung der österreichisch ungarischen Auffassung thalsächlich nicht zu läugnen sei. Baron Haymerle wies darauf Herbert an, sich sofort nach Nisch zu begeben und sich nicht von dort zu entfernen, bis die Fragen gelöst seien, denn die gegenwärtige Lage sei eine solche, daß Oesterreich- Ungarn ohne eine fühlbare Schädigung seiner Interessen ste nicht länger dulden könne, sondern entschlossen sein müsse, seine vertragsmäßigen Rechte im ganzen Umfange zur Geltung zu bringen. Zugleich wurde Herbert angewiesen, Ristic zu ersuchen, sofort nach Neujahr einen Bevollmächtigten na Wien zu entsenden, welcher berechtigt wäre, die Frage definitiv zu ordnen. Der Minister theilte ver traulich eine Reihe seither eingelangter Telegramme mit, wonach ein serbischer Bevollmächtigter behufs Einleitung der Verhandlungen schon nächstens nach Wien kommt.

Frankreich. Paris, 9. Jan. Grevy empfing beute Freyeinet, welcher ihm anzeigte, St. Vallier werde den Berliner Botschafterposten

Es werden darnach General Blot zum Stabs- chef des Kriegsministers, General Thibaudin zum Direktor der Infanterie, General Sempe zum Direktor der Artillerie, General Villenoisß zum Genie-Direktor an Stelle der Generale Davoust, Thoumini, Schneegans und Riviere ernannt werden. General Renaudin, Direktor des Zablungswesens, wird durch Panasieu ersetzt. Zwei Direktoren im Kriegsministerium, der eine für den Verwaltungs- dienst und der andere für das Pulverwesen, sind allein beibehalten.

Großbritannien. London, 8. Jan. Meldung aus Kapstadt: Die Regierung erließ einen Haftbefehl gegen den Präsidenten des Boers⸗ Comites Paul Krueger.

Spanien. Madrid, 10. Januar. In heutiger Sitzung der Cortes forderte der Minister- präsident in einer über den Königsmord gehaltenen Rede alle rechtschaffenen Leute auf, sich gegen Be. strebungen zu vereinigen, welche Angriffe auf das Autoritätsprincip und die Monarchie erkennen lassen und Attentate gegen die Souveräne in sich bergen.

Türkei. Constantinopel, 9. Jan. Wie aus Philippopel gemeldet wird, hat eine Abtbeilung Milizen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch

die griechische Patriarchatskirche mit Gewalt be- setzt und die Schlüssel der Kirche Aleko Pascha übergeben. Einer griechischen Deputation, welche sich dieserhalb zum General Gouverneur begab, versprach derselbe, den Vorfall untersuchen zu lassen. 10. Jan. Sawas Pascha zeigte dem Bolschafter Layard in einer Note an, daß der Sultan, von dem Wunsche beseelt, die freund schastlichen Beziehungen zu England zu wahren, Achmed Tewfik begnadigt habe. Layard erwiederte, Tewfik bedürfe keiner Begnadigung und forderte, daß das Urtheil der religibsen Behörden als den Gesetzen zuwiderlaufend für nichtig erklärt werde. Der Ministerrath ist mit Berathung der An- gelegenheit beschäftigt.

Serbien. Belgrad. Ein Petersburger Brief derNational- Zeitung erklärt Angesichts der österreichisch serbischen Differenzen: Die serbische Regierung weiß sich im Besitz der Zusage Rußlands, jeder dritten Macht, welche den In: teressen oder der Unabhängigkeit Serbiens Gewalt anzuthun sich anschickt, mit denselben Mitteln ent- gegenzutreten, welche jene in Anwendung bringt.

Maoontenegro Cettinje, 9. Jan. Der gestrige Kampf im Limthale endete mit der voll- ständigen Flucht der Albanesen. das montenegrinische Gebiet in zwei Abtheilungen an, doch scheint ihre Stärke mit 12,000 Mann weit übertrieben beziffert zu sein.

10 Jan. DieW. Presse veröffentlicht

eine montenegrinische Cireularnote und ein Me morandum vom 26. December. Letzteres erhebt gegen die Pforte den Vorwurf systematischer Ver- schleppung und der planmäßigen Aufwiegelung der Albanesen, sowie der Zweideutigkeit bei den Uater- handlungen, und schiebt ihr die Schuld zu für vie jetzige akute Form des Streitfalles, welcher Montenegro durch die Nöthigung, eine das Fürsten⸗ thum erdrückende Truppenmacht unter den Waffen zu halten, materiell zu ruiniren drohe. Montenegro beansprucht hierfür, dem Memorandum zufolge, 2 Mill. Fecs. Entschädigung, verspricht vorläufig das vertragswidrige Verhalten der Pforte und den Friedensbruch Seitens ihrer Unterthanen nicht als Kriegsfall oder Anlaß eines Bruches anzu- sehen, verlangt aber von den Vertragsmächten energische Abhülfe. Griechenland. Athen, 9. Jan. Ver- schiedene Banden, welche sich in Thessalien ge- bildet hatten, um Ruhestörungen hervorzurufen, sind durch Truppen zersireut worden.

Rußland. Petersburg. DerRussische

provisorisch weiterführen, vielleicht ganz auf dem- Invalide meldet aus Samarkand vom 4. Dec.: selben verbleiben. General Farre wechselte bei[ Die in Samarkand wohnhaften Vettern Abderrha Uebernahme des Kriegsministeriums sämmtliche man, Selver Khan und Isak Khan flüchteten Generaldirektoren desselben. Die Journale heben über die Grenze unter Zurücklassung ihrer Familien hervor, diese Maßregel sei eine wesentlich politische in Samarkand.

und habe nichts Verletzendes für die Persönlich⸗ Moskau. DerMoskauer Ztg. zufolge

Letztere griffen

rungen gewachsen zu zeigen.

5 Kriegsjahren. keit der bisherigen Generaldirektoren, deren mili- entdeckte die Polizei hiet am 6. Jan. ein Lager verschärften Verordnung in

fremder Sprache, sowie galvanische Batterien; dabei sei ein Individuum verhaftet worden, wel⸗ ches, in zerrissenem Arbeiterhemd gekleidet, 12,000 Rubel bei sich trug.

Amerika. New Jork, 9. Jau. General Chamberlain erließ eine Bekanntmachung, daß er den Befehl über die Staatsmiliz von Maine über⸗ nebme, um das Staatseigenthum und die In- stitutionen zu schützen, bis der Gouverneur legal gewählt und bestätigt sei. Chamberlain über- nimmt zeitweilig das Gouverneur Amt.

Aus Stadt und Land.

Heppenheim. Aus den Tagen der Wasssrsnoth und des Eisstoßes bringt dasM. T. folgende Schilderung; Am Samstag Morgen gelangte die Schreckenskunde hier⸗ her, daß bei Biblis und Groß⸗Rohtheim die Dämme ge⸗ brochen seien und die Wasserfluihen und Eisschollen ihren wilden Lauf nach diesen Ocien genommen und dieselben in kurzer Zeit mannshoch unter Wasser gesetzt bätten. Die Katastrophe erfolgte am Morgen zwischen fünf und jechs Uhr und schon nach einer halben Stunde wateten die unglücklichen Bewohner mit ihren Hausthieren, die sie nach den höher gelegenen Feldern gegen den Jägersburger Wald hintrieben, bis unter die Arme im Wasset. 60 Stück Vieh sind ertrunken, das Jammergeschrei der Bewohner wurde bis Kiein⸗Rohrheim eine halbe Stunde weit gehört. Von Klein ⸗Robcheim dis zum Jägersburger Walde glich alles Feid einem großen See und beute noch liegen bis Jägersburg hin gewallige Eisschollen über das Feld zerstreut. Die Chaussee ist theilweise weggerissen. Zum Glück kam Geinsheim mii einer Anzahl Nachen schnell zu Hilfe. Rohrheim ist heute wieder wasserfrei und die Flüchtigen keyren zurück. Menschenleben sollen Goitlob nicht zu de⸗ klagen sein. Hoff niich werden sich sür die dortigen Armen, die theilweise alle Lebensmittel, alles Vieh und ihre Häus⸗ chen verloren haben, mildtyätige Heizen und pände öffnen.

Allerlei.

Kassel, 7. Jan. Ein Raubmord, der gestern in Kassel verübt worden ist, erfüllt die Stadt mit Enisetzen. Der Bäckergeselle Nelle aus Giebenstein überfiel den Bäckerge⸗ sellen Brosimeier aus Guxhagen in der Wohnung des Meisters des Letzteren, während Brostmeiet mu zwei Lehr⸗ lingen in einem Zimmer schlief, flahl ihm ein Poriemonnaie mit 33 M. aus einem verschlossenen Koffer und versetzte dann dem Schlafenden mit einer Axt einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß die Kinnlade total zerschmettert wurde und an dem Aufkommen Brostmeiets gezweifelt werden muß. Nille wurde alsbald durch einen Polizei⸗ beamien verhaftet und hat ein umfassendes Geständniß abgelegt.

Düren. Der hiesige Bürgermeister hat für den Umfang der Siadigemeinde folgende zeiigemäße Nachahmung verdienende Verordnung erlassen: 1) Allen Personen, die das 16. Lebensjabr noch nicht vollendet haben, ist es verboten, auf öffentlichen Straßen und Pätz en, sowie an sonstigen öffentlichen Orten, namentlich auch in öffentlichen Restaurationen und Vergnügungs⸗Locnlen resp. ⸗Gärten Tabak zu rauchen. 2) Zuwiderhandelnde werden mit 1 bis 9 Mark Geldbuße, für den Fall des Unvermözens mit Gesängniß besttaft.

Sl. Ingbert. Das Eisenwerk Neunkirchen hat seine Hochösen alle angeblasen, und böten wir, daß auch hier wieder einer in Ging gesetzt werden soll. Es ist dies jedenfalls ein gutes Zeichen im Geschäfte der Eisenindufttie.

Lemberg, 9. Jan. Auf der Strecke Lemberg ⸗Przemysl der Karl-Ludwigebahn sind Schneeverwehungen eingeltelenz der Nachleilzug blieb stecken; die Beseingung des Schnees vofft man bis beute Nacht zu Stande zu bringen.

Dundee, 7. Jan. Gestern wurden weitete vier Leichen aus der Tay gesticht und recognoscirt. Im Ganzen sind jetz 5 Leichen gesunden. Die Leichen der Opfer dee traurigen Eisendahnungläcks scheinen im Sande ganz in der Nähe der zerftörten Brücke zu stecken und man hofft die Meyr⸗ zal derselben zu bergen. Die mit der Uniersuchung der Kalaflropbe beschäftigte handelsamiliche Commston ver⸗ bölle gestern die Taucher, welche das Wrack des Zuges unter dem Wasser erforscht haben, und verlagte sich so⸗ dann auf unbestimmte Zeit.

Einiges über Schulfieber. Prof. Dr. Karl Hennig, einer der bedeutendsten Docenten der Leipziger meditinischen Faculität, hielt vor einigen Monaten in einer Versammlung der

Gesellschaft für Heilkunde in Berlin einen sehr

interessanten Vortrag, namentlich für Eltern und Jugenderzieher. Er lautet nach derDeutschen Medicinischen Wochenschrift im Wesentlichen:Ich wollte einige Worte verlieren über das Schulfieber, d. h. über Erregungszustände, welche den Schülern zugefügt werden durch Angst vor Strafe oder auch wohl durch Ehrgeiz in dem Streben, sich in der Schule und namentlich bei Prüfungen den Anforde- Es haben sich die Beobachtungen über die nachtheiligen Folgen der verschärften Schulpraxis mehr gehäuft seit den letzten Es hängt dies zusammen mit der Bezug auf den Unter-

tärische Verdienste General Farre anerkannt habe. revolutionärer Proclamationen in russischer und rich, und zwar nicht blos der Kinder, sondern auch

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