Ausgabe 
9.1.1879
 
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diesen Schritt des Bey nicht für geeignet erachtet, hat der tunesischen Regierung eine Drohnote zustellen lassen, worin sofortige Ent⸗ schuldigungen gegenüber dem französischen Consul, Absetzung der schuldigen Beamten und eine Unter suchung über den Streit zwischen der tunesischen Behörde und dem Grafen Sancy verlangt wird.

Dänemark. Kopenbagen. Der Kriegs- und Marineminister General Dreyer hat seine Entlassung genommen, und ist General Kauffmann zum Kriegsminister und der seitherige General- Direktor des Marine Ministeriums, Ravn, zum Marineminister ernannt worden.

Großbritannien. London.Times ersabren über die brabsichligte Grenzregulirung gegen Afghbanißtan: Pisheen, das Kurumthal und die westliche Seite des Kbyber⸗Flusses sollten annectirt werden, ausgenommen die Gebietstheile zwischen Pisbeen und Peiwar, sowie zwischen Peiwar und Jellalabad. Die diese Districte be⸗ wohnenden Stämme sollten unabhängig bleiben, aber unter den befteundeten Einfluß Englands gebracht werden. Es sei möglich, daß dieses Resultat ohne weiteres Vordringen der englischen Colonnen erzielt werde.Daily Telegraph be; richtet aus Jellalabad: Jakub Khan bereite sich zur Flucht vor, wahrscheinlich nach Herat. Die Truppen in Kabul seien zügellos und drohe ein Volksaufstand.

6. Jan. Der Stamm der Mabsuavaziris fiel in das britische Gebiet ein und plünderte den Ort Tank, welcher darauf niedergebrannt wurde; sodann zogen sich die Mahsuavaziris auf einen Berg zurück. Cavalerie verfolgte dieselben und schnitt einen Theil von ihnen ab. Nach Dera, Ismail Khan und Bannu sind Verstärkungen ab- gegangen, um eine Wiederholung des Einfalls zu verhindern, da Mollahs aus Kabul die Bevölkerung

Regierung, da sie

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aufreizen.

Spanien. Madrid, 5. Jan. In Feres wurde eine Gesellschaft von 7 Internationalisten verhaftet und wichtige Papiere mit Beschlag belegt.

6. Jan. Das JournalEpoca außert, eine Heirath des Königs Alfons mit der Prinzessin von Belgien würde die Zustimmung der Nation finden.

Italien. Rom, 6. Jan. Der Papst be fahl den Verkauf des letzten päpstlichen Kriegs- schiffsImmacolcta concepcione in Toulouse. Die Mannschaft wird pensionirt.

DieNazione meldet, der Vatican habe den Antrag des ungarischen Bischofs Stroßmayer, seine kirchliche Jurisdiction auch über Basnien auszudehnen, abgelebnt, so daß dieselbe also, falls diese Nachricht sich bestätigen sollte, der hitsigen Propaganda verbleiben würde. Die liberale italienische Presse bringt die vollkommen unglaub⸗ würdige Behauptung, der letzte Brief des Papstes an den vormaligen Erzbischof Dr. Melchers sei nach vorheriger Verständigung mit dem Fürsten Bismarck geschrieben. Außerdem bestätigt die vatikanischeUnita Cattolica in einer Mittheilung, daß eine Aussöhnung des Vatikans mit der deutschen Regierung sehr wohl möglich sei, ohne daß der preußische Cultusminister Falk deshalb seine Entlassung nachzusuchen brauche.

Türkei. Constantinopel, 6. Januar. Der Sultan gestattete Sapset Pascha auf dessen wiederholtes Ersuchen, seine Abreise nach Paris zu verschieben und in Constautinopel zu verbleiben. Man hält es für nicht ganz unwahrscheinlich, daß ein anderer Botschafter für Paris ernannt werde. Es verlautet hier, die Montenegriner würden, ohne die Ankunft der türkischen Commissäre in Skutari abzuwarten, Podgorizza gewaltsam in Besitz nehmen; die Pforte sei entschlossen, ihre Truppen und Behörden aus Podgortzza zurückzu- ziehen, falls die Vermittlung ihrer Commissäre erfolglos bleiben sollte. Gerüchtweise verlautet, Rußland wolle die Räumung Rumeliens bis zur Regelung der Angelegenheit betreffs Podgorizza verzögern. Suleiman Pascha wurde zu lebens länglicher Verbannung und zur Degradation ver urtheilt.

Nußland. Petersburg. Die Londoner Nachricht, daß der Emir von Afghanistan den

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Schutz Rußlands nachgesucht habe, findet hier an unter richteter Stelle keinen Glauben. Ebensowenig liegen Nachrichten vor, welche darauf schließen lassen, daß der Emir sich auf russisches Gebiet begeben wolle.

Aus Stadt und Land.

Friedberg. Vom Bamberg lesen wir, daß daselbst schon mehrmals Trichinen gefunden wurden und dürfte eine obligatorische Trichinenschau auch bei uns nöthig wer⸗ den, da wie wir höten, in letzter Zeit Schweine aus Baiern von hiesigen sowohl, als auch Metzgern aus der Umgegend, bezogen wurden. So wurde in Bamberg am 25. Dezember v. J. abermals ein einjähriges Schwein als ungemein stark frichinzs befunden, nunmehr das siebente teichmnöse Schwein seit dem 16. August v. J. Nachdem kürzlich auch im Schlachthause zu Hof ein Schwein geschlachtet worden, welches duich und durch lrichinös war und dieses Schwein seit circa neun Monaten das dritte doriselbst trichinös besundene ist und die über diese Frage vernommenen Sachverständigen sowobl, als auch die Aeizte⸗ kammern, insbesondere die oberfränkische, die Einführung der obligatorischen Trichinenschau empfoblen haben, sollen nunmehr nach Mag istratob schluß ortspolizeiliche Vor; schristen über die obligatorische Trichinenschau für sämmt⸗ liche dortselbst geschlachtete Schweine und das eingebrachte Schweinefleisch, sowie für Speck und Wursiwaaren erlassen und die hierzu nöshige Annalt eingerichtet werden.

Gießen, 6. Januar. Der Schwurgerichtshof ver- urtheilte beute den J. Kulsch von Ebsdorf wegen Dieb stayls in eine Zuchthausstrase von 2 Jahr, und den Fr. Langenbahn von Eisenberg wegen gleichen Verbrechens in eine Zuchthaussütrafe von 2½¼ Jahr.

Mainz 6. Jan. Gestern Nachmitiag sprang ein Soldat des 88. Inf. Regiments in den Rdein; als man den Mann nach vieler Mühe endlich auffischte, war es bereits eine Leiche.

Offenbach. Die Offenbacher Schiffbrücke ist am 5 Januar wegen Hochwassers abgefahren worden.

Darmstadt. Die bedauerliche Tragödie in Langen al dadurch ihren Abschluß erlangt, daß Assessor Amend, der seine schwer leidende grau, um sie von den Schmerzen zu erlösen, geiödiet halte, in die Itrenanstalt Heppenheim verbracht werden mußte.

Worms, 6. Im. Leider ist gestern Abend auch dei Schlosser Wilh. Großbans aus Frankenthal in Folge der im 2. d. bei der Kesselexplosion in der Baruch und Schöuseld'schen Dampfaühle erbalienen schweren Ver letzungen gestorben. Es ist dies das dritte und hoffentlich letzte Opfer, welches diese beklagenswerithe Katastsopde koltle. Das Befinden der drei übrigen im Hospftase befi dlichen Verletzlen ist elwas besser.

Allerlei.

Usingen. In Brandoberndorf ist unter dem Rind vieh die Lungenseuche ausgebrochen.

Langenselbold. Hur kam der jedenfalls außer ordentlich seltene Fall vor, daß eine Frau Zwillinge gebar deren Geburtstage in Stunde, Tag, Mona und Jahr verschieden sind. Das eine Kind kam nämlich in der Neujahrsnacht vor, das andere nach 12 Uhr zur Welt.

München. Unter der Mannschaft einiger Abibeilungen der hiesigen Garnison ist die Diphterie in epidemischer Weise aufgetreten; von 21 rasch hinter einander erkrankten Soldaten ist einer der Krankheit schon nach 2 Tigen er; legen. Von den Militärbeböcden wurden sofort Maßregeln getroffen, um det Weiter verbreitung entgegenzutreten.

Astrachan. Bald nach der Rückkehr der Kosaken aus der astatischen Türkei enistand in dem jenotaj wschen Bezirk des Gouvernements Astr chan eine Epidemie welche von den Aerzten als Pest erkannt wurde. Ehe man Quarantaine-Maßnabmen ergreifen konnte, verbreitete sich die Pest auf mehrere Dörser. Der Gouverneur von Astrachan schritt energisch mit Einführung det strengsten Quarantaine ein. Den eingelaufenen Nachrichten zufolge ist die Sachlage eine schreckliche und die Sterblichkeit sehr groß. Zum Zwecke der Quarantaine-Maßnahmen wurden Truppen und Aerzte nach Astrachan beordert.

Mühlyausen(im Elsaß). Dieser Tage ist bier ein Bruder des berüchtigten Troppmann,(der im Jahre 1869 zu Pantin vor Paris eine aus 6 Gliedern bestehende Familie ermordete, deren Oberhaup! er bereits vorber hier im Elsaß umgebracht hatie, um sich in den Besitz des Eigen; thums derselben setzen zu können,) gesänglich eingezogen worden; er betrieb nämlich Falschmünzerei.

Bulr, 3. Jan. Mehrfache glaubwürdige Angaben lauten dahin, daß heute Morgen etwa bis Uhr wieder ein kurzer, aber kräsuiger Erdstoß stan halte, welcher eine Secunde dauerte, die Richtung von Süden nach Norden hatte und ein donne rastiges Getöse verursachte

Das Herbergswesen. Von Wilhelm Schettler.

Wenn wir den NamenHerbergswesen ver nehmen, so werden viele Erinnerungen in uns wachgerufen, die uns in eine vergangene Zeit zu rückversetzen, mit der wir auf dem Wege der Gesetz gebung abgeschlossen haben; zugleich entrollt aber auch das WortHeibergswesen eine An zahl Thatsachen vor unseren Augen, die sich täg lich um uns und neben uns in der menschlichen Gesellschaft immece und immer wieder abspielen.

Thatsachen, die einem für die Menschheit wohl-

denkenden Herzen den Gedanken aufdrängen,liegt bier nicht ein großer Krebsschaden unserer ge sammten Kulturentwickelung? Ist nicht hier und da die Herberge eine Büchse der Pandora, eine Brutstätte vieler Gebrechen unserer Zeit?Aber, werden die geehrten Leser sagen,siud nicht die Herbergen wohlthuende und nothwendige Ein; richtungen, die schon vor Jahrzehnten segensreich wirkten? Gewiß! Das Herbergswesen und die Einrichtung der Herbergen stammt aus der Zeit des Innungs- und Zunftwesens. Es wurde bedingt durch die Bestimmung des Wanderzwanges und hat zu jener Zeit für die Entwickelung des ganzen Handwerkerstandes sehr segensreich gewirkt. Nach überstaudener Lehrzeit mußte der junge Handwerker auf die Wanderschaft, um sich in anderen Werk⸗ stätten in seinem Berufe weiter auszubilden, und konnte sich nur nach mehrjähriger Wanderschaft selbständig machen. Ein Sträuschen am Hut und den Stab in der Hand reiste er von Ort zu Ort und kehrte Abends in der Herberge seiner Innung ein, die er als seine Heimath in der Ferne betrachtete. Denn hier versammelten sich die Gesellen der betreffenden Stadt beim Glase Bier, um den Wanderer zu begrüßen, den Er⸗ zählungen seiner Erfahrung zu lauschen und ihm mit einem Wandertrunke für seine Strapazen zu enischädigen. In dieser geselligen Gruppe erschien auch der Meister, um aus der Mitte der Zu- gereisten die Arbeiter für seine Werkstatt zu wählen. Viele Innungen bezahlten das Nachtlager für die Reisenden oder gewährten ihnen freie Beköstigung und verabschiedeten dieselben mit Empfehlungen für die nächste Stadt. Wurde der Reisende krank und konnte seine Wanderung nicht fortsetzen, so blieb er auf der Herberge, wo er eine freundliche Pflege genoß, deren Kosten aus der Innungs⸗ oder der Gesellenkasse gedeckt wurden. Unlautere Elemente wurden von selbst durch die Innungs⸗ mitglieder und durch die Ehrenhaftiskeit der Wanderer gemaßregelt und ausgeschlossen.

So hatte das Wander- und Herbergswesen jener Zeit in der That den poetischen Hauch, den wir in so vielen Liedern und Gesängen ver⸗ herrlicht finden: denn der Wanderer wanderte wirklich, um sich für seine spätere Selbständigkeit auszubilden und tüchtig zu machen. Doch mit der Poesie ging auch das Edle dieser Einrichtungen immer mehr verloren, je mehr die Zeit an dem Gebäude des festgegliederten Innungswesens rüttelte und mit der Einführung der Gewerbefteiheit und der Freizügigkeit wurde das Herbergswesen in der oben dargelegten Form vollständig begraben. Denn nachdem die erwähnten neuen Gesetzesbestimmungen den gesammten Handwerkerstand von dem lästigen Ballaste der Innungen und Zünfte und von dem Wanderzwange befreiten, börte auch das Wandern in der bisherigen Weise ziemlich auf und die Handwerksherbergen hörten als solche auf zu existiren. Waren die Herbergen bisher Institute der Innungen oder standen dieselben wenigstens unter der Aufsicht derselben, so verwandelten sich die Herbergen nun in Privatherbergen, wo der Inhaber derselben das Beherbergungsrecht als seinen Erwerbszweig betrachtet. Wenn auch bier und da die Herbergen die Namen der einen oder anderen Innung beibehalten haben, so sind sie doch jetzt jedem anderen Handwerker zugänglich und treten in Folge dessen vollstäudig in die Reihe der concessionsberechtigten Gasthäuser. Ja, sie nehmen unter diesen die niedrigste Stufe ein und können mit Fug und Recht der Mehrzahl nach als Winkelkneipen oder als Spelunken bezeichnet werden. Anstalten, wie man sie an einzelnen Orten trifft, die ihre Entstehung und Einrichtungen den Mildthätigkeits- und religtösen Vereinen ver danken und von denselben unterhalten werden, die die Wandernden auch unentgeltlich beberbergen, sind ja von selbst ausgeschlossen. In den so genannten Handwerksberbergen findet man in der Gegenwart unter den Einkehrenden we nigstens 60% Bummler und Vagabonden, die hier nicht wie früher nach Arbeit fragen, solche auch gar nicht mögen, sondern nur ihre erfochtene Baar

schaft in Flüssigkeit umsetzen oder sie an ihre Zechbrüder und nicht selten an den Herbergsvater,

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