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1878.
Dienstag den 8. October.
N 119.
Oberhessischer Anzeiger.
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Wird hier und in Nauheim Montag, Mittwoch und Freitag Abend ausgegeben.
Kreisblatt für den Kreis Friedberg.
Erscheint dreimal per Woche und zwar Dienstags, Donnerstags und Samstags.
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He einspaltige Petitzeile wird bei Annoncen mit 11 Pf. berechnet, bei größerem Tabellen- oder Ziffersatz mit 14 Pf., bei Reelamen mit 22 Pf.; ein Beleg kostet 9 Pf. Annoncen von
Deutsches Reich.
Friedberg, 3. Oct. Aus vielen Orten de Vogelsberges kommt dem„Hanauer Volksfr.“ de betrübende Meldung, daß die früher dortselbst hr florirende Weber ⸗Industrie jetzt völlig brach Mrniederliegt. Die Zahl der Webstühle, welche Ader den Willen ihrer Besitzer zum Stillstand Unwungen sind, und die Zahl der feiernden und mibenden Arbeiter sei so groß, daß, wenn nicht hd günstigere Conjuncturen eintreten, der voll— sindige Ruin des ganzen Weberdistriets und tener Industrie zu befürchten sei.
Berlin. Der„Börsencourier“ erhält aus Juris die Mittheilung, daß Blowitz,(der Pariser Correspondent der„Times“, dessen Dienste Bis- nurck in Anspruch genommen, dies jedoch in einer du letzten Reichstags⸗Sitzungen nicht Wort haben nollte,) den ihm in Folge seiner Dienste verliehenen peußischen Kronenorden dritter Classe nicht ange— ummen hat. Die Nachricht wird nicht verfehlen, ii der ganzen politischen Welt das außerordent— Ichste Staunen und die lebhafteste Sensation her— bzurufen. War schon die Verleihung des Ordens gmz geeignet, überall hinter den Coulissen der Jolitik außerordentliches Interesse wachzurufen, so urd die Zurückweisung der Decoration das In- stesse sicher verdoppeln. Das genannte merkt dazu: Man mag über Blowitz denken be man will, man wird zugeben müssen, daß er Verhalten ein durchaus ehrenhaftes ist, daß, nachdem er von dem ersten Minister des Staates um der Tribüne desavouict worden ist, er nicht ome empfindliche Schädigung seines persönlichen ausehens eine Ordens-Decoration desselben Staates amehmen durfte. Blowitz mochte augenscheinlich att in den Ruf kommen, seine journalistische Selbsiständigkeit gegen ein Ordensband vertauscht 1 haben und um diesen Preis sich nach Belieben wewenden oder desavouiren zu lassen.
— Der„Börsencourier“ meldet: Ueber die Stellung des Bundesraths zum Socialistengesetz man in einer vertraulichen Sitzung vom letzten Vontag vollständig schlüssig geworden. Vor Beginn I zweiten Lesung im Plenum des Reichstag soll ens des Bundesraths eine Erklärung über die Wenzen gegeben werden, in denen er den Com— ussions⸗Beschlüssen zustimmen will. Im Wesent pen wird man auf den Eintritt von Ober-Ver⸗ paltungs-Gerichtsräthen in die Behörde, welche i Recurs⸗Instanz bildet, bestehen, und außerdem bindestens eine fünfjährige Dauer der Geltung le Gesetzes verlangen. In Regierungskreisen lerscht ziemliche Zuversicht auf das Zustande— bamen des Gesetzes auf dieser Grundlage. Der bundesrath würde dann sofort an die Festsetzung de Ausführungs-Bestimmungen herantreten, wozu wantuell die Vorbereitungen bereits getroffen sind. — 4. Oct. Bei der heutigen anderweitigen In handlung gegen den ehemaligen Legations- Sscretär v. Los, welcher angeklagt ist, den Fürsten Bismarck durch mehrere Artikel der„Reichsglocke“ id der„Deutschen Eisenbahnzeitung“ beleidigt u haben, erkannte der zweite Criminalsenat des ummergerichts auf Bestätigung des Erkenntnisses ner Instanz, durch welches v. Los zu einem Jahr Gesängniß verurtheilt wird. Fürst Bismarck gate seine von dem Angeklagten beantragte Ver- demung als Zeuge unter Berufung auf§. 313 h Criminalordnung und§. 11 und 12 des ichs Beamten Gesetzes abgelehnt. Vom Ge—
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zutreffend.
auswärtigen Einsendern(soweit Letztere nicht Jahres-Conto bei uns haben), welchen der Betrag nicht beigefügt ist, werden stets per Post nachgenommen.
richtshof wurden die Seitens des Angeklagten ge- männer, wie Szlavy, Majlath, Sennyey, Gbyezy
stellten Beweisanträge abgelehnt, da die beleidigende und Simonpi.
Form der incriminirtrn Artikel ganz besonders unter Anklage gestellt, somit der Beweis der Wahrheit der vom Angeklagten behaupteten That⸗ sachen sachlich unerheblich sei.
— 4. Oct. In der heutigen Sitzung der Reichstags Commission für das Sotialistengesetz wurde der Text des Gesetzes nach den Beschlüssen der zweiten Lesung und der sehr umfangreiche von Schwarze erstattete schriftliche Bericht festgestellt. Der Vorsitzende v. Bennigsen dankte den Com- missions⸗Mitgliedern für ihre mühevolle Arbeit.
— Daß der Kaiser die Wiederübernahme der Regierungsgeschäfte von der Annahme des Socia- listen⸗Gesetz:- Entwurfs seitens des Reichstags ab- hängig mache, davon ist in gutunterrichketen Kreisen nichts bekannt. Ebendort weiß man auch nichts über die Festsetzung des Termins des Wieder— eintritts des Kaisers in die Leitung der Geschäfte am 17. oder 18. October; man hält dies viel mehr für verfrüht und erwartet die Wiederauf—
nahme erst im November. Hinsichtlich des Befindens
des Kaisers melden Privatnachrichten von erfreu— lichster Zunahme der Kräfte und Wiedergewinnung der alten geistigen Frische des Monarchen. In nächster Zeit soll in Baden noch eine Consulation der Aerzte des Kaisers stattfinden und davon eine etwaige Nachkur in Wiesbaden abhängig gemacht werden. Von einer beabsichtigten Reise des Kaisers nach Italien während der Wintermonate ist in hiesigen Hofkreisen nichts bekangt, obschon solche Muthmaßungen schon in Umlauf waren, als der Kaisers nach Teplitz reiste.
Hohenlohe hatte in jüngster Zeit wieder vertrauliche Besprechungen im Vatican, auch Keudell wirkt bestem Vernehmen nach mit. Die Meldung der„Nat.-Ztg.“, Berlin und Rom ständen noch in ihren alten Verschanzungen sich gegenüber, gilt deshalb in bestunterrichteten Kreisen als nicht mehr Die Ernennung eines Nuntius für hier, vorläufig vielleicht auf Zeit, gilt als sehr möglich; eine Entscheidung ist bisher noch nicht getroffen.
Ausland.
Oesterreich⸗Ungarn. Wien. Vom zweiten Armeecommando ist folgendes Telegramm aus Serajewo vom 4. d. eingelaufen: General— major Sametz, Commandant der 1. Truppen- diviston, meldet, daß die erste Infanteriebrigade heute früh 8 Uhr in Visegrad ohne Kampf ein— gezogen ist. Die Insurgenten hatten frühzeitig ihr Lager und ihre Verschanzungen verlassen unter Zurücklassung von Geschützen, Zelten und Munition.— Gestern rückte die 8. Infanterie- Brigade, ohne Widerstand zu finden, in Gorazda ein und besetzte heute Cagnica mit 2 Bataillonen. — Die 7. Infanterie- Brigade trifft morgen in Konjica ein. Foca ist frei von Insurgenten. Hier— mit ist der Aufstand in ganz Bosnien niederge— worfen und das Land in den Händen der öster⸗ reichischen Truppen.— Im Kaimakamate Prejedor wurde eine Räuberbande gefangen und nach Ban- jaluka eingeliefert. In Petrovac wurden beträcht⸗ liche Waffen-, Munitions- und Proviant-Vorräthe vorgefunden. Im Kaimakamat Kljuc erfolgt die Ablieferung der Waffen ohne Schwierigkeiten.
Pest, 5. Oct. Der Kaiser ist heute früh von Gödöllb hier eingetroffen und empfing im Laufe des Tages verschiedene hervorragende Staats-
„Pester Lloyd“ meldet über die Audienz Szlavy's zunächst, der Kaiser habe die Demission des Cabinets Tisza angenommen und forderte alsdann Szlavy auf, ein neues Cabinet zu bilden. Szlavy erwiederte, seine geschwächte Gesundheit gestatte ihm nicht, die ehrende Mission anzunehmen. Der Kaiser bedauerte, Szlavy aus so gewichtigen Gründen nicht an der Spitze der Regierung zu sehen und ersuchte ihn um die Mittheilung seiner Ansichten über die Lage. Szlavy bemerkte, unter den gegenwärtigen Um- ständen bleibe kaum etwas Anderes übrig, als daß das Ministerium Tisza auch ohne den Finanz- minister die Geschäfte bis zum Zusammentritt des Reichstages sortführe und der Finanzressort vor- läufig interimistisch von einem Mitgliede des Cabinets geleitet werde. Das gegenwärtige Ca- binet werde ehestens in die Lage kommen, die von ihm acceptirte und unterstützte Politik des Grafen Andrassy im Parlamente zu vertheidigen und Auf- klärung über die brennendste Frage, was nach der Pacification mit Bosnien zu geschehen habe, zu geben. Fände seine Rechtfertigung der bisherigen Politik den Beifall des Reichstages, dann könne zu einer Reconstruction des Cabinets geschritten werden. Bleibe die Regierung in der Minorität, dann sei allerdings die Bildung eines Cabinets nothwendig, aber auch unter wesentlich günstigeren Umständen möglich.
Großbritannien. London, 4. Oct. Der Unter ⸗Staats-Seeretär im Kriegsministerium, Vivian, hat seine Entlassung genommen und ist Thomson zu seinem Nachfolger ernannt worden. — Der Gouverneur von Gibraltar, Lord Napier of Magdala, hat sich auf seinen Posten zurückbegeben. Das„Reuter'sche Bureau“ meldet aus Simla, 4. Oct.: Allgemein verlautet, daß die britische Streitmacht von Peschawer nach Tamrud vorrückt, um Ali-Musjid anzugreifen. Der Emir von Afghanistan zieht Truppen bei Ali-Musjid und Kandahar zusammen und bedroht Quettab; bei Kohut wird Kriegsmaterial angesammelt. Zwischen den Khyber- Stämmen und Afgsbanistan herrscht große Feindseligkeit.„Standard“ meldet: Die Afghanen drohen die Kbhyberstämme anzugreifen, weil diese die britische Mission hatten passiren lassen; man erwartet, daß in diesem Fall die letzteren durch britiische Truppen unterstützt werden würden. Afgbanische Truppen mit Artillerie oecupiren einige kleinere Pässe.
Italien. Rom. Der Papst ernannte den Bischof Paolucei von Nepi zu seinem Stellver- treter als Verwalter des Erzbisthums Perugia, welches Leo sich persönlich vorbehielt. Dadurch entsteht die interessante Frage, ob der Papst sich das Exequatur für seinen Stellvertreter erbitten wird oder nicht.
— Die Verhandlungen zwischen der Curie und Belgien wegen Belassung der belgischen Ge— sandtschaft beim päpstlichen Stuhle sollen einen günstigen Verlauf nehmen. Man spricht von der Wahrscheinlichkeit einer Reise des Cardinals Hohen- lohe nach Berlin.
Türkei. Constantinopel, 4. October. Der„Vakit“ meldet, wie der„Pr.“ aus Pera telegraphirt wird, daß in einem außerordentlichen Ministerrathe beim Sultan, dem Hafis Pascha bei— gezogen worden, die Vorschläge des Wiener Cabinets bezüglich der Convention abgelehnt worden seien.


