Ausgabe 
17.7.1877
 
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Griechenland. Athen, 14. Juli. Am Donnerstag Abend griffen etwa 40 Türken aus den Ortschaften bei Rettino(Kandia) ein Christen⸗ dorf an und verwundeten einen christlichen Ein⸗ wohner. Die türkischen Behörden nahmen deshalb mehrere Verhaftungen vor.

Rußland. Petersburg, 13. Juli. Von hier schreibt man entgegen den türkischen Meldungen: Es bestätigt sich, daß General Tergukassoff, welch er nach türkischen Meldungen bereits capitulirt baben sollte, Bajazid entsetzte, nachdem er die Türken geschlagen und vier Geschütze erbeutet hatte.

Bis jetzt haben das achte, neunte. zwölfte und dreizehnte Armeecorps sowie die Bulgaren⸗ Brigade die Donau überschritten. Bei Sistowa werden ungeheure Proviant⸗Vorräthe aufgehäuft. Gerüchte von einem Unfall, der dem russischen Thronfolger zugestoßen, sind erfunden. Die Russen recognosciren zwischen den Flüssen Osma und Jantra.

Fürst Tscherkaski wurde mit der Bildung einer bulgarischen National-Miliz betraut, für welche jeder waffenfähige Bulgare dienstpflichtig ist.

DieAgence-Russe versichert, daß zwischen Rumänien und Serbien keine Convention bestehe. Zwischen Rußland und Oesterreich sei ein Einver- ständniß erzielt worden, welches dahin gehe, den beiden Fürstenthümern ihren guten Rath zu er theilen ohne jedoch für sich das Recht der Inter- vention in Anspruch zu nehmen. 0

Aus Stadt und Land.

l. Friedberg. Am Sonntag den 8. und Montag den 9. Juli hatten wir das Vergnügen, die durch ihre Leistungen seit Jahren rühmlichst bekannte Musik des Wetzlarer Jägerbalaillons zu hören. Die für die Unter⸗ hallung der Kurfremden in Nauheim stets besorgte Bade direction hatte für ihr Sonntag⸗Concert das immer gern gehörte Musik⸗ Corps engagirt und dessen in Naubeimer und Friedberger musikalischen Kreisen bestens geschätzter Musikmeister Hänseroth, benutzte diese Gelegenheit, am Montag in Friedberg auf Windecker's Felsenkeller ein weiteres Concert zu veranstalten. Durch seine Auswahl bei Ausstellung des Programms, durch die Paäcision im Zusammenspiel, die vortrefflichen Leistungen im Solospiel, durch die bis in die feinsten Schattirungen gehende Ein⸗ studirung der Musikstücke überhaupt wußte Hänseroth dem an beiden Orten trotz der kühlen Witterung zahlreich ver sammelten Publikum einen hohen Kunsigenuß zu bereiten, so daß wir vielfach den Wunsch nach Wiederholung des Concertes aussprechen hörten.

Gießen. Der Schwurgerichtshof von Oberhessen hat in folgenden 2 Sachen ferner erkannt: den 9. Juli gegen Conrad Höres von Ossenheim wegen Verbrechens wider die Sittlichkeit und wegen Beleidigung, Gefängnißftrafe von 10 Monaten und 4 Tagen. Bei Verhandlung dieser Anklage war die Oeffentlichkeit ausgeschkossen. Am 11. Juli. gegen Wilbelm Rajnas von Michelbach, wegen des an seiner Ehefrau begangenen Todtschlags, Zuchthausstrafe von 10 Jahren.

Mainz, 13. Juli. Der Bischof v. Ketteler ist heute Vormittag in Burghausen in Baiern gestorben. Ketteler bat letztwillig verfügt, daß seine Hinterlassenschaft dem hiesigen Ordinariat zufalle. Ferner soll er die Marien⸗ capelle im Dom zu seiner letzten Rupestälte bestimmt haben.

Allerlei.

Guntersbausen, 10. Juli. Heute Mittag ent⸗ gleiste der um 12 Ubr 17 Minuten hierselbst von Frankfurt ankommende Schnellzug bei seiner Einfahrt in den hiesiegen Bahnhof, und geriethen Maschine nebst Tender, zwei Pack⸗ wagen und drei Personenwagen aus den Schienen. Von den Passagieren und dem Zugpersonal ist glücklicherweise Niemand verletzt worden. Auch die Beschädigungen an Maschine und Wagen find verhälinißmäßig unbedeutend.

Coblenz, 14. Juli. Der ehemalige preußische Staats- minister v. Bethmann-Hollweg ist auf Schloß Rheineck im Alter von 82 Jabren gestorben.

Madrid, 14. Juli. Gestern entgleiste bei Robledo ein Eisenbahnzug, worauf sich der König befand. Es wurde indeß Niemand beschädigt.

Programm und Statuten für einen deutschen Arbeiter⸗Congreß.

Verschiedene Zeitungen haben sehr widerspruchs⸗ volle und unvollständige Nachrichten über eine in Cassel am 3. und 4. Juni für ganz Deutschland gebildeteneue freie deutsche Arbeiterpartei ver⸗ öffentlicht. Der Vorstand dieser Partei sendet uns soeben eine Aufforderung zur Betheiligung an dem im September dieses Jahres stattfindenden deutschen Arbeiter-Congreß nebst Programm und Statuten. Nach§ 1 der Statutenbezweckt der deutsche Arbeiter-Congreß durch wiederkehrende Verhand- lungen und unausgesetzte Agitationen die Auf

indem er zugleich den socialdemokratischen Bestreb⸗ ungen energisch entgegentritt. Zu diesem Zwecke erstrebt der Congreß die Vereinigung aller anti- socialdemokratischen Elemente, welche auf dem Boden des Programms stehen. Das Programm selbst lautet folgendermaßen:

Der Arbeiterstand bedarf der geistigen und materiellen Hebung im Inkteresse seiner selbst wie der allgemeinen Cultur, Freiheit und Wohlfahrt. Die Hebung des Arbeiter⸗ standes ist nur auf gesetzlichem und friedlichem Wege und auf dem Boden der freien Persönlichkeit, der Familie, des Privateigenthums, der Gewerbefreiheit und Freizügigkeit zu erstreben. Hierzu ist bauptsächlich erforderlich: I. Seitens der Gesetzgebung und Verwaltung: 1. Vollständige Gleich⸗ berechtigung des Arbeiters mit allen anderen Staatsbürgern, daher allgemeines gleiches und directes Wablrecht mit Diäten; 2. Gerechtere Vertheilung der Steuern, Verkürzung der Militärdienstzeit; 3. Wesentlich erhöhte unentgeltliche Volksbildung mit Fortbildungs- und Fachschule; 4. Ge⸗ setzlicher Schutz der Arbeiter, besonders der jugendlichen und weiblichen, gegen Schädigung und Ausbeutung bei jeder Art von Beschäftigung, strenge Aussicht durch Fabriken⸗ Inspectionen, wirksames Haffpflichtgesetz; 5. Obligatorische Einführung der gewerblichen Schiedsgerichte, gesetzliche Anerkennung der Gewerkvereine und Einigungsämter, da⸗ gegen Abwehr neuer Beschränkungen der Coalitionsfreiheit; 6. Beseitigung der die freie Arbeit unterdrückenden Con- currenz der Strafarbeit und der die Arbeiter schädigenden Einrichtungen in den Staats- und Reichsanstalien sowie vei der Miliärarbeit. II. Seitens der Einzelnen und der Vereine: 1. Humanes, die gegenseitigen Rechte und Pflichten achtendes Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer daher Vereinbarung der Arbeitsordnungen, den Leist⸗ ungen entsprechender Lohn und angemessene Arbeitszeit und möglichste Interessirung der Arbeiter an dem Gedeihen des Geschäfts; 2. Gemeinsame Förderung der iechnischen und sittlichen Ausbildung der Lehrlinge und jugendlichen Arbeiter, sowie überbaupt der gewerblichen Solidität und

3. Gründung und Förderung von

Vervollkommnung; 3. Bildungs vereinen, wirthschaftlichen Genossenschaften, von nationalen Gewerkoereinen und Arbeitgeberverbänden, Hilfs- und Invalidenkassen, endlich von Einigungsämtern, welche Strikes und Aussperrungen wicksam verhüten; 4. Aus. dauernder Kampf durch Wort und Schrift gegen alle Be- strebungen nach Klassenherrschaft, mögen dieselben von oben oder von unten ausgehen.

Das vorstehende Programm enthält mehrere ziemlich unbestimmt gehaltene und sehr anfechtbare Punkte, welche theilweise politischer Art sind und worüber die anti⸗socialdemokratischen Elemente sehr verschiedener Ansicht find. Die Social-Correspoan⸗ denz, welche sich die Aufgabe gestellt hat, über die wichtigsten Thatsachen und Bestrebungen auf dem socialen Gebiete Bericht zu erstatten, wird auch dieser neuen Partei die gebührende Aufmerk samkeit schenken, kann jedoch nicht umhin, die Befürchtang auszudrücken, daß die beabsichtigte Vereinigung der anti-socialdemokratischen Elemente durch jedes Programm von politischer Färbung eher erschwert als erleichtert werden wird. So

kaum zur Verständigung über die socialen Probleme beitragen. Alle wichtigeren socialen Forderungen sollten mit möglichster Vermeidung politischer Partei- fragen ohne vorgefaßte Meinung erwogen werden.

hauptsächlich dem Umstande, daß er seine Thore allen politischen Parteien weit öffnet und sie auf kein besonderes Programm verpflichtet. Aehnlich verhält es sich mit dem volkswirthschaftlichen Con- greß. Als derselbe im Jahre 1858 begründet wurde, standen sich zwei Parteien einander gegen über, von denen die eine ein bestimmtes Programm über die wirthschaftlichen Haupifragen als eine Art bindende Norm aufstellen wollte, während die andere siegende Partei warnte, nach Art der deutschen Nationalversammlung von 1848 in echt deutscher Gründlichkeit eine Reibe von Grundrechten aufzustellen, anstatt in die Erörterung einzelner brennender Fragen frisch einzutreten ohne Ver pflichtung auf ein Programm. Der volkswirth- schaftliche Congreß will, nunmehr im friedlichen Bunde mit demVerein für Socialpolitik, durch seine Vorarbeiten, Verhandlungen und Berichte wirken, indem er sich, unter Einladung aller Klassen zur Mitarbeit, erst selbst belehrt und unterrichtet.

Was die Gewerkvereine leisten.

Wenn unsere Deutschen Gewerkvereine sich die schwere Ungunst der Herren Socialdemokraten zu- gezogen haben, so können sie sich mit ihren eng lischen Brudervereinen trösten, denen geht's gerade

klärung der Arbeiter und die Besserung ihter Lage,

ebenso. Noch vor Kurzem enthielt der Moniteur

wird z. B. die an die Spitze gestellte Diätenfrage

Der Centralverein für das Wohl der arbeitenden Klassen verdankt den Erfolg seiner Wirksamkeit

der Liebknecht⸗Hasenclever'schen Zukunfts⸗Regierung, derVorwärts, eine spaltenlange Correspondenz aus London, worin die Trades Unions(sprich: Treeds Juhnjöns) als nur mitden ewigen arm⸗ seligen Lohnstreitigkeiten beschäftigt, ja alsder Fluch der Arbeiter gekennzeichnet werden. Gerade zu derselben Zeit als einBerliner in London so berichtete, erhielt der Verbandsanwalt Dr. Max Hirsch aus dem Bureau derAmalgamated Society of Engineers(Vereinigte Maschinenbauer-Gesell- schaft) den Jahresbericht dieses bedeutendsten eng- lischen Gewerkvereins pro 1876 freundschaftlich zugesandt. Wir werden uns mit diesem hoch- interessanten, 380 Druckseiten starken Bericht in einer späteren Nr. vielleicht beschäftigen, für heute nur folgende kurze Ziffern(die Pfund, Shilling und Pence in rurde Marksummen umgerechnet). Es betrugen bei diesem einen Gewerkverein, der 44,578 Mitglieder zählt, in dem auch für Eng land böchst traurigen Geschäftsjahr 1876 die Einnahmen 2,400,000 M., die Ausgaben an Krankengeld 460,000 M., Alterspens. 250,000 M., Begräbnißgeld 150,000 M., Unfall⸗Entschädigung 22,000 M., endlich Hülfsgeld bei Arbeitslosigkeit 900,000 M.(L. 45,036 0 sh. d., wovon nur ein ganz geringer Betrag in Folge von Arbeits Streitigkeiten), zusammen Ausgaben 2,180,000 M. Vermögensbestand Ende 1876: 5,500,000 M.= 123 M. 50 Pf. pro Mitglied! Eine Wirksamkeit mit solchen Resultaten also nennt derVorwärts den Fluch der Arbeiter. Unsere Mitglieder aber werden daraus ersehen, was die Gewerkvereine unserer Richtung bei be harrlichem Vorwärtsstreben leisten können und sich mit Muth und Ausdauer auf der beschrittenen Bahn erfüllen!

Landwirthschaftliches und Gewerbliches.

Die Milchverfälschung bereffend, schreibt dieKöln. Ztg.:Die überhandnehmenden Fälschungen scheinen auch höheren Orts endlich mit anderen Augen angesehen zu werden. Der Staatsanwalt Tessendorf in Berlin will gegen die Milchfälscher künftig den Paragraphen 263 des Strafgesetzbuchs in Anwendung bringen. Wer diesem Paragraph der auf Belrug lautet verfällt, wird mit Gefängniß bestraft, neben welcher auch Gelostrafe bis zu 3000 Mark, sowie Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte er⸗ kannt werden kann. Auch der Versuch des Beitugs ist strafbar. Tessendorf, welcher dem Berliner Polizei Präsidium seine Ansichten über Fälschung der Lebensmittel miitheilte, sagt in seinem Schreiben ausdrücklich, daß Jemand, der wissentlich mit Wasser vermischte Milch als Kuhmilch zum Peeise der letzteren verkauft, sich also auch für das Wasser den Milchpreis bezahlen läßt, einen Belrug begeht. Es sind daher künftig alle Fälle solcher Art zur Kenniniß der Staalsanwaltschaft zu bringen und nur solche Fälle an den Polizei-Anwalt gelangen zu lassen, wo eine Ver⸗ folgung wegen Belrugs nicht angezeigt erscheint. Der Staatsanwalt ist also der Ansicht, die Bock in seinemBuch vom gesunden und kranken Menschen längst sehr richtig be⸗ zeichnete mit den WortenGewässerte Milch ist keine Milch.

Handel und Verkehr.

ö Gießen, 12. Juli. Auf unserem vocgestern und gestern abgebaltenen Vieh-Markie war 1784 Stück Rind⸗ vieh und 506 Schweine aufgetrieben. Fettes Vieh, sehr begehrt, wurde größtlentheils von weit bergekommen Käufern zu ziemlich hohen Preisen genommen. Kälber ebenfalls theuer. Die allgemein günstige Ernte scheint die Verkäufer immer mehr zum Zurückbalten geneigt zu machen. Der nächste Markt findet am 7. und 8. August d. J. statt

Gießen, 14. Juli. Wochenmarkt. Bulter per Pfund

M. 1. 1.25. Eier per Stück 6 Pf. Tauben das Paar 65 Pf. Hühner per Stück 80 Pf. Hahnen per Slück 65 Pf. Alte Kartoffeln, 100 Kilo, M. 11.., neue Kartoffeln, 100 Kilo. M. 2022. Frankfurt, 14. Juli. Fruchsbericht. Mehl Nr. 1 M. 42., Nr. 2 M. 38., Nr. 3 M. 34., Nr. 4 M. 30., Ni. 5 M. 24. Roggenmey. ½(Berliner Macke) M. 27., do. II.(Berliner Marke) M. 22., Weizen ab Bahnyof hier M. 28.50., ab unserer Umgegend M. 28.. fremde je nach Qual. M. 22 26.75. Korn M. 1621.50. Gerne M. 1921. Hafer M. 1417.75. Kohlsamen M. 33-34. Erbsen M. 2124., Wicken 9. 17.50., Linsen M. 21-30. Rüböl M. 7677. Die Preise dernehen sich sämmtlich per 200 Pfund Zollgewicht 100 Kilo.

Frankfurt, 14. Juli. Der heutige Heu- und Strob⸗ Markt war ziemlich befahren. Heu kostete se nach Qusluät per Cenlner M. 44.50., neues Heu M. 2.50 3. Strob per Centner M. 44.50. Fuller im Großhandel das Pfund 1. Qual. M. 1.1015., 2. Qual. M. 1.; im Kleinhandel 1. Qual. M. 1.40., 2. Qual. M. 1.30. Eier, das Hundert gewöhnliche M. 4.80., italienische M. 6.. Kartoffeln, alte, per 100 Kilogr. M. 9., neue das Gescheid 2024 Pf. Ochsenfleisch per Pfund 70 Pf., Rinofleisch 5560 Pf., Kalbfleisch 6070 Pf. Schweine⸗ fleisch 7580 Pf. Erbsen, geschälle, per 100 Kilogr. M. 3032., ganze Erbsen M. 24 28., Bohnen, weiße, M. 2326., Linsen M. 36- 40.

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