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halte fuhren die Herrschasten unter dem lebhaften
Hochrufen der herbeigeströmten Menge nach Cassel uud Berlin weiter.
Berlin. Mitte Juni wird die Reise des Kaisers nach Ems, im Laufe des Juli voraus- sichtlich eine solche nach Gastein erfolgen.
— Am vorigen Donnerstag kehrte der Kriegs- minister aus Elsaß Lothringen zurück. Voraus- sichtlich dürften nun die Ausgleichungs-Maßregeln zur militärischen Sicherung des Reichslandes an— geordnet werden. Es muß jedoch nachdrücklich bemerkt werden, daß alle Mittheilungen der Blätter über die nähere Beschaffenheit dieser Maß- regeln entweder ganz unrichtig sind oder wenig Richtiges mit ganz Falschem vermischen.
— 11. Mai. Seitens der Cabinette von Berlin, Wien und London wurde gegen die kurze Frist protestirt, welche die Pforte den neutralen Schiffen zum Anlaufen und Verlassen der blokirten Häfen des Schwarzen Meeres gewährt hat. Das Verfahren der Pforte habe ernste internationale Fragen über die effective Blokade von Häfen und Schließung von Meerengen hervorgerufen.
— 12. Mai. Der russische Botschafter in London Graf Schuwaloff traf auf der Reise nach Petersburg von London kommend heute Abend hier ein.
Stuttgart. Der„Staats- Anzeiger“ ver- öffentlicht die Resultate der amtlichen Erhebungen
in Württemberg über die Geschäftsstockung: Ent⸗
lassungen von Arbeitern haben wenig stattgefunden; häufiger dagegen Beschränkung der Arbeitszeit mit Herabsetzung der Löhne. Arbeitslos Umberziehende waren meist Fremde, vielfach von zweifelhafter Art. Für ansässige Arme wurden erhöhte Mittel nicht in Anspruch genommen. Die Spar-Einlagen haben sich kaum vermindert. Ein eigentlicher Nothstand ist nicht vorhanden. Allerdings sind die Folgen der Ueberproduttion und beschränkter Consumtion bemerkbar.
Ausland.
Oesterreich-⸗ Ungarn. Wien. Die Zeitungs Nachricht, Graf Zichy sei von dem Grafen Andrassy beauftragt worden, der serbischen Regierung für eventuelle Fälle eine Occupation Serbiens durch österreichische Truppen anzubieten, wird von unterrichteter Seite als unbegründet bezeichnet.
— 10. Mai. Die Frau des nach Constan- tinopel bestimmten deutschen Botschafters Prinzen Reuß empfing gestern einen längeren Besuch des Kaisers. Heute Mittag hatte Prinz Reuß Audienz beim Kaiser und war Nachmittags mit seiner Frau zum Hofdiner geladen. Heute Abend findet zu Ehren des Prinzen Reuß Gesellschaft beim deutschen Botschaster Grafen Stolberg statt.
— Gerüchtweise verlautet, Prinz Reuß habe unserem Kaiser ein Handschreiben des Kaisers Wilhelm überbracht. Die Donau⸗Dampfschifffahrts⸗ Gesellschaft hat ihr bewegliches Material von der Schiffswerfte zu Turnseverin nach Orsowa in Sicherheit gebracht.
— 11. Mai. Der österreichische Botschafter in Constantinopel, Graf Zichy, ist heute früh, und der deutsche, Prinz Reuß, heute Mittag von hier abgereist.
Triest. Auf Reclamation der Seebehörde hat die türkische Regierung das von ihr mit Beschlag belegte österreichische Schiff wieder freigegeben.
Frankreich. Paris, 11. Mai. Die Nachricht, der deutsche Botschafter Fürst Hohenlohe habe der französischen Regierung officielle Mit- theilung von einer bevorstehenden Vermehrung der Garnisonen in Elsaß Lothringen und der Rheinprovinz gemacht, entbehrt sicherem Vernehmen nach jeder Begründung.
Versailles, 8. Mai. In der heutigen Sitzung der Deputirtenkammer lenkte Cassagnac die Aufmerksamkeit des Hauses auf einen Artikel des in Nancy erscheinenden republikanischen Jour- nals„Sentinelle“, welcher beleidigend für den Kaiser von Rußland sei. Ministerpräsident Simon erklärte, der Artikel sei eine Infamie; er bedauere, daß derselbe im Hause vorgebracht sei, und pro— testire gegen die Behauptung Cassagnacs, daß die republikanische Partei dafür verantwortlich gemacht
werden müsse. Der Justizminister führt aus, dieser verabscheuungswürdige Artikel könne nur von einem schlechten Bürger geschrieben sein.(Leb⸗ hafter Beifall.) Derselbe beleidige den Souverain einer großen Nation, mit welcher Frankreich be⸗ strebt sei, freundschaftliche Beziehungen zu unter- halten. Gesetzm ßig könnten derartige Artikel nur
auf eine Anklage des russischen Botschafters hin
verfolgt werden. Letzterer habe nichts geäußert, indem er wohl den Angriff verachte. Falls jedoch der Botschafter noch Klage erheben sollte, so würde gegen den Redacteur, welcher bereits wegen eines andern Artikels verurtheilt sei, aber Aufschub erhalten habe, die Justiz auf das Prompteste und Strengste gehandhabt werden.
Holland Haag. Die Petition der hollän dischen Bischöfe, die Regierung wolle sich bei Italien zu Gunsten der Freiheit und Unabhängig⸗ keit des päpstlichen Stuhles verwenden, ist von der Regierung als unbegründet und eine Ein- mischung in die inneren Angelegenheiten Italiens involvirend zurückgewiesen worden.
Großbritannien. London, 10. Mai.
Im Unterhause erklärte der Unter-Staats⸗Secretär Bourke auf eine Anfrage von Jenkins, die Re— gierung habe keine Anstalten getroffen, Schiffe in das Schwarze Meer zu senden. Ein solcher Schritt könnte übel gedeutet werden und ernste Folgen nach sich ziehen. Die Regierung habe keine Nachricht, ob die türkische Blokade im Schwarzen Meere unzulänglich sei. 11. Mai. Im Unterhause antwortete Unter-Staats Seecretär Bourke auf eine Anfrage Erington's: Wir sind davon benachrichtigt, daß die Schließung des Suez Canals gegen russische Kriegsschiffe beabsichtigt ist, haben aber keine Reglements darüber erhalten. Gegenüber Schiffen anderer Rationalität ist, wie wir erfahren haben, keine Schließung beabsichtigt. Im Fortgange der Sitzung wurde die Debatte über die orientalische Frage wieder aufgenommen. Bourke beklagte Gladstone's ungerechtfertigte Angriffe; die Regier- ung wünsche auf das Dringendste die Beobachtung absoluter Neutralität und könne die von extremen Rednern befarwortete Auflösung der Türkei oder Zwangs Maßregeln gegen letztere nicht gulheißen. Dieselben würden von allen Großmächten zurück— gewiesen; weder Oesterreich noch Deutschland wür— den sich England hierbei angeschlossen haben. Die Regierung habe das europäische Concert nicht zerstört. Die Regierungs-Politik durchweg ver— theidigend, kam Bourke auf das Protokoll zu sprechen: England habe dieses in der Hoffnung angenommen, damit den Frieden herbeizuführen. Da diese Hoffnung vereitelt worden, sei die Ant— wort Derby's auf die russische Circular-Note der einzige offene Weg geblieben. England sei noch nicht dahin gekommen, daß es nicht freimüthig seine Ansichten einer befreundeten Macht gegenüber aussprechen könne. Die Anhäufung russischer Truppen an der Grenze habe die mohammedanische Bevölkerung derart erregt, daß ein Nachgeben der Pforte gefahrvoll gewesen wäre. Hätte der Friede gesichert werden können, so wäre auch Aussicht auf Reformirung der türkischen Verwaltung ge— wesen. Die Regierung habe strict die Politik Canning's befolgt, nämlich absolute Neutralität und Wahrung der britischen Interessen, und habe die Ueberzeugung, es sei höchst wichtig für diese Interessen und die Interessen der gesammten civili— sirten Welt, daß England eine einige Front zeige. Dit Resolutionen Gladstone's könne die Regierung nicht annehmen; dieselben würden ihr die Hände binden zu einer Zeit in der es von höchster Be⸗ deutung sei, sie nicht gefesselt zu haben.
— 10. Mai. Unverbürgte Gerüchte behaupten, England habe der Türkei eine Hilfe von 100,000 Mann versprochen gegen die Abtretung Creta's und die Souveränetät über Aegypten.
Spanien. Bilbao. Die Regierung hat, um einem im Bezirk Ancartaciones befürchteten Aufstande zu begegnen, geeignete Punkte desselben militärisch besetzen und auch Hausdurchsuchungen nach Waffen vornehmen lassen.
— Delagirte aus Biscaya haben sich nach
Madrid begeben, um den König zu bitten, das
Deeret vom 5. Mai, betreffend die vollständige Gleichstellung der baskischen mit den übrigen spanischen Provinzen, zurückzunehmen.
Italien. Rom. Das Ministerium hat die Abhaltung einer von der republikanischen Association hier beabsichtigten Versammlung ver- boten; letztere sollte zu dem Zweck stattfinden, um gegen das ablehnende Votum des Senates hinsichtlich des Gesetzentwurfes über den Mißbrauch des geistlichen Amtes zu protestiren.
Türkei. Constantinopel. Die Pforte unterhandelt mit englischen Finanzmännern über ein neues Anlehen von 5 Millionen Lstrl., für die als specielles Pfand die türkischen Minen und Waldungen haften sollen; Zuhdi Bey reist in dieser Angelegenheit nach London.
— 9. Mai. Ismail Pascha, Vali von Erzerum, setzte sich mit 40,000 Kurden in Bewegung um einen Einfall in das russische Gebiet zu machen.
— Der Sultan hat sämmtlichen am bulga— rischen Aufstande betheiligt gewesenen Personen Amnestie gewährt.
Rumänien. Bukarest, 10. Mai. Das Amtsblatt veröffentlicht ein Decret, welches an- kündigt, daß der Fürst den Befehl über die Armee übernimmt. Chef des Generalstabes ist Slaniceano. Zum Commandanten des ersten Corps(Crajowa) wird Lupu, zum Commandanten des zweiten Corps (Bukarest-Giurgewo) Radovie ernannt.
— Ueber die Gründe, aus denen die Regierung den Gesetzentwurf betreffs des Moratoriums zu⸗ rückgezogen hat, verlautet, daß die Kaufleute der rumänischen Handelsstädte bei der Regierung gegen die Einführung des Moratoriums vorstellig wur⸗ den, indem sie dasselbe, namentlich hinsichtlich der Verpflichtungen aus Wechsel, als auf eine Zer— störung des Credites Rumäniens hinauslaufend bezeichneten.
— Die Einbringung des Antrages auf die Kriegs- und Unabhängigkeits-⸗Erklärung Rumäniens ist verschoben bis zum Eintreffen der Antwort der Großmächte auf die rumänische Note.
— 10. Mai. Heute fand ein heftiger Kampf zwischen einer rumänischen Batterie bei Oltenitza und einer vor der türkischen Stadt Tuturkai postirten, von zwei Monitors unterstützten nürkischen Batterie statt. Tuturkai wurde dabei in Brand geschossen und zog zweimal die weiße Fahne auf; auch einer der Monitors erlitt starke Beschädigungen. In Folge des Brandes von Tuturkai stellten die Türken Abends das Feuer gänzlich ein und zogen in der Nacht die Batterie zurück.— Von Giurgewo, wohin gestern der Fürst abreiste, ist noch keine Action zu melden.
— Rumänien hat seine gesammte Flotille, zwei Fregatten, ein Kanonenboot, eine Schaluppe und sechs eiserne Transport ⸗Barken den Russen zum Donau- Uebergang zur Verfügung gestellt. Der Fürst von Rumänien wird sein Hauptquartier nach Krajova verlegen.
— Die Türken fahren fort, Schiffe, die aus rumänischen Häfen auslaufen, wegzunehmen, und jene, die sich weigern, nach den türkischen Ufern hinüberzufahren, in Brand zu stecken. Türkische Soldaten sind gestern in der Nähe von Oltenitza gelandet und haben ein rumänisches Wachthaus angezündet.
— 11. Mai. Die Deputirtenkammer berieth heute die Interpellation Stolojanu's betreffs der von der Regierung gegenüber den türkischen Bom⸗ bardements ergriffenen Maßnahmen. Die Minister Cogalniceanu und Bratiano erklärten, die Türkei selbst habe Rumänien den Krieg erklärt. Der Letztere bemerkte noch, Rumänien habe eine gute Armee und gute Offiziere; dasselbe müsse und könne seine Lebensfähigkeit erweisen. Die Kammer nahm darauf mit 58 gegen 29 Stimmen eine Tagesordnung an, wonach die Regierung unter Berufung auf die von den Türken ausgegangene Asgression ermächtigt wird, Maßregeln zu er⸗ greifen, welche die Existenz Rumäniens sichern und ihm gestatten, nach Herstellung des Friedens eine wohlpräcisirte politische Stellung einzunehmen, um seine historische Mission im Orient zu erfüllen. 11. Mai. Ein türkisches Panzerschiff näherte sich heute Nachmittag 3 Uhr Braila und
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