Ausgabe 
12.6.1877
 
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Serbien. Belgrad. Fürst Milan kündigte in einer Ansprache an das Offiziercorps an, daß es bald nothwendig sein würde, die Waffen zu ergreifen. Rumänien wird hier wiederum eine diplomatische Agentur errichten. Aus Alt⸗Serbien, namentlich aus Novibazar, wird über von den Türken begangene Ausschreitungen berichtet.

Die serbische Regierung macht im Aus⸗ lande Waffeneinkäufe. In der nächsten Skuptschina wird voraussichtlich die Kriegspartei die Majorität besitzen. Man befürchtet, daß in den Kreisen Jagodina und Alexinatz wegen der gegen das Ministerium herrschenden Mißstimmung eine Er- hebung stattfinden werde.

9. Juni. Eine rumänische Batterie in Beket beschoß einen Truppen transportirenden tür kischen Dampfer, welchem ein Monitor zu Hülfe kam. Letzterer, von den türkischen Uferbatterien unterstützt, nahm den Kampf auf und das Feuer der rumänischen Batterien vermochte nicht, den Truppentransport zu hindern. In dem Kampfe, der zwei Stunden dauerte, wurden 200 Schüsse gewechselt.

Rumänien. Bukarest, 8. Juni. Der Kaiser von Rußland wurde bei seiner Ankunft hier vom Fürsten und dessen Gemahlin am Bahnhof empfangen. Straßen und Häuser waren festlich geschmückt. Die Volksmenge begleitete den Kaiser mit Zurufen. Sogleich nach Abstattung des Be⸗ suches beim Fürsten kehrte der Kaiser nach Plojesti zuruck. Fürst Gortschakoff befand sich in seiner Begleitung. Die Russen haben Ardanusch besetzt.

Plojesti, 7. Juni. Der Fürst von Rumänien wurde bei seinem Eintreffen hierselbst vom Groß- fürsten Nikolaus Sohn am Bahnbof empfangen und demnächst in der Residenz vom Kaiser begrüßt. Der Kaiser und der Fürst ließen einige Compagnien vom russischen Elite⸗Corps defiliren und hatten eine Besprechung. Hierauf empfing der Kaiser den russischen diplomatischen Agenten Stuart. Nach- mittags wurden ihm die fremden Offiziere vor- gestellt.

Vorgestern Nacht wollte ein türkisches Detachement aus Tuturkai in eine Oertlichkeit nächst Oltenitza eindringen, wurde jedoch von einem Kosakenpiket zurückgewiesen. Vorgestern Früh wurde von den türkischen Batterien bei Tuturkai, um den Bau von Batterien am Ufer zu decken, das Feuer eröffnet, welches von einer russischen Batterie alsbald erwiedert wurde. Hierdurch wurden die türkischen Schanzarbeiter zersprengt und die türkische Batterie zum Schweigen gebracht.

Giurgewo. Hier werden seit gestern von russischer Seite Vorbereitungen zum Bombardement von Rustschuk getroffen. Durch Decret des Fürsten wird die kriegsrechtliche Behandlung aller Der jenigen angeordnet, welcke sich direct oder indirect gegen die Sicherheit der Truppen und deren Opera- tionen vergehen.

Rußland. Petersburg, 8. Juni. De⸗ pesche vom asiatischen Kriegsschauplatze: Die Armee⸗Abtheilung, die von Ardahan aufgebrochen war, hat Olti ohne Kampf besetzt. Die Cavalerie legte den Weg von 115 Werst in 36 Stunden, die Infanterie in zwei Tagen zurück. Die Türken haben sich auf Erzerum zurückgezogen. In Pinnck und Olti wurden große Vorräthe an Getreide, Munition und Zelten vorgefunden. Die Bevöl- kerung nimmt uns überall sehr freundlich auf.

Gortschakoffs Depesche beantwortet Derbys fünf Punkte, welche den Suez⸗Canal, die Darda⸗ nellen, Aegypten, Constantinopel und den persischen Golf betreffen. Nirgendwo sollen Englands Interessen bedroht werden. Eine Besitzergreifung von Constantinopel sei nicht beabsichtigt. Rußland bestehe auf einer Verbesserung der Lage der tür⸗ kischen Christen nach den Beschlüssen der Constan⸗ tinopeler Conferenz; nach siegreichen Kämpfen werde es die letzteren wieder aufnehmen und sichere Garantien fordern. Gerüchtweise verlautet von einer Abtretung der Hoheitsrechte der Türkei über Aegypten an England gegen eine Entschädigung von 10 Millionen Pfund. Die Erkrankung des Sultans soll fortdauern.

Ein biesiges Schreiben derPol. Corr. tritt allen Versionen von Verhandlungen über eine

Demarkationslinie oder von bevorstehenden Frie- densverhandlungen entgegen. Die Aufstellung einer Demarkationslinie würde der von Rußland wieder holt proelamirten Politik der Uneigennützigkeit und der Vertretung europäischer Interessen gegenüber der Pforte widersprechen. Ueber Friedenspunkte mit England zu negociiren hätte keinen Zweck, da Rußland nur mit der Türkei im Kriege, weshalb auch fremde Vermittelung nicht benöthigt sei. Die Abreise des Kaisers zur Armee wäre nicht erfolgt, um den Friedensschluß zu erleichtern, sondern um die Armee zu dem bevorstehenden Kampfe zu begeistern.

Aus Stadt und Land.

Gießen, 8. Juni. Ein äußerst frecher Diebstahl wurde gestern Nachmittag in der Schulstraße verübt. Eine zum Besuche eintreffende Dame ließ ihren Schließkorb von der Droschke in den Hausflur stellen und wurde das Dienst⸗ mädchen beordert, den Korb herauf zu holen. In dieser kurzen Zeit packte ein Gauner denselben auf und marschirte nach Wetzlar zu, woselbst in einer Herberge von der hiesigen Polizei das corpus delicti aufgefunden wurde. Den Dieb selbst hat die Polizei noch nicht erwischt. Ein hiesiger Einwohner, welchem der Bursche hinter Heuchelheim, den Korb auf dem Kopfe tragend, begegnete, führte auf die Spur nach Wetzlar.

Gießen, 8. Juni. Gestern Abend ertrank beim Baden in der Lahn ein Lehrling. Ein anderer junger Mann, der an derselben Stelle badete, konnte noch recht zeitig gerettet werden.

Mainz, 7. Juni. Innerhalb 12 Stunden sind hier drei Selbstmorde vorgekommen. Gestern Abend erhängte sich ein Küferbursche in seiner Werkftätte auf der Gaugasse. Ein geisteskranker Mann, welcher sich zuerst von der Hauptwache erschießen lassen wollte, sprang gestern Abend vom Fischthor in den Rhein und ertrank. Heute Morgen 5 Uhr stürzte sich der lebensmüde Fabrikarbeiter J. Baumann in der Nähe der Landungsbrücke des Traject⸗ doots in den Rbein und ertrank gleichfalls.

Allerlei.

Kassel, 6. Juni. Ein böchst merkwürdiger Fall er⸗ eignete sich heute früh während des heftigen Gewitters. Ein Blitzstrahl fuhr einem Arbeiter vor einer Wirihschaft an der Wolfhager Straße durch die Hosentasche am Bein herab und riß Strumpf und Stiefelsohle mit fort. Der Mann war betäubt, kam nach einigen Stunden zur Be⸗ sinnung und befindet sich bis auf das geschwollene Bein wohl.

Braunschweig. Hier baben die zwei Waisenknaben, welche die Lotterie ziehen, das große Loos für sich selbst gezogen. Kürzlich hatte der Colletceur D. einen Gewinn von 30,000 M. gemacht und es kamen in Folge dessen die beiden Waisenknaben zu ihm, um ihre Glückwünsche darzubringen. Die Jungen erhielten, wie das so üblich, ein Geldgeschenk, aber auch zugleich ein Achtellos zur jetzigen Lotterie. Sie konnten gleich im Saale ihr An⸗ recht geltend machen, da sie die Nummer mit hatten.

Mehr Zucht!

In derSotial⸗Correspondenz wurde jüngst darauf aufmerksam gemacht, daß namentlich das deutsche Culturgebiet eine üppige Keimstätte social- demokratischer Grundsätze bildet. Hieran wurde die Frage geknüpft: Welche Eigenschaften des deutschen Arbeiters sind wohl für sein Hinneigen zur Umsturzpartei ver antwortlich zu machen? Wenn wir uns daran machen, zunächst einige der nach unserer Ansicht hier in Betracht kommenden Eigenschaften zu berühren, so verwahren wir uns von vorn- herein gegen den Vorwurf, wir wollten den An- kläger des gesammten deutschen Arbeiterstandes spielen. Auch liegt es uns fern, die Fülle geistiger und sittlicher Kräfte zu unterschätzen, welche un zweifelhaft in dieser Klasse schlummern oder bereits zum Ausdruck gekommen, jedenfalls aber vorhanden sind. Wir werden seiner Zeit nicht unterlassen, hierauf gebührenden Ton zu legen. Leider nicht weniger wahr ist aber andererseits, daß die deutsche Arbeiterwelt in vieler Hinsicht nicht nur zur Kritik einladet, sondern die letztere sogar herausfordert. Sollte uns daher nicht auch das Recht zustehen, unserer Meinung in dieser Richtung Ausdruck zu verleihen? Gerade der großen Zahl deutscher Arbeiter, welchen eine ge achtete sociale Stellung ihres Standes am Herzen liegt, wird selbst herbe Kritik willkommen sein.

Zunächst erklärt sich die social- demokratische Richtung so vieler deutscher Arbeiter daraus, daß sich der deutsche Geist von jeher zum Spintisiren über gesellschaftliche Neugestaltungen mit unwider⸗ stehlicher Macht hingezogen fühlte. Ist doch unsere Nation im Auslande in dieser Hinsicht geradezu sprüchwörtlich geworden! Ueberraschen

kann es daher nicht, daß das luftige Gebäude welches man demokratischen Socialiemus nennt, von deutschen Händen aufgerichtet wurde. Deutsche Arbeiter haben allerdings bei diesem Werke keine thätige Rolle gespielt; ja sie beobachteten nicht einmal, wie in mehr und mehr waghalsiger Construktion ein gebrechliches Stockwerk über das andere gesetzt ward. Erst als der Bau mit blendenden Zinnen und flatternden Fahnen ge⸗ schmückt war, welche seine schadhaftesten Stellen einigermaßen verdecken, wurden die Arbeitermassen zum Eintritt geladen. Weit geöffnet stehen nun seine mächtigen Thore! Schon haben Viele die Schwelle überschriiten, Andere folgen, nicht ahnend, daß das Machwerk, sobald sich die Masse seinem Gefüge anvertraute, zusammenprasseln müßte. Die draußen Bleibenden haben sicher den besten Theil erwählt. Aber sie befürchten kopfschüttelnd, daß der Brand, der in der Regel den Einsturz eines großen Hauses begleitet, um sich greifen und furchtbares Unheil anrichten werde.

Trotz alledem will es den Bedächtigen, welche zugleich gemeinnützig fühlen und daher nicht nur sich selbst und die eigene Familie, sondern das Vaterland retten wollen, nur schwer gelingen, die Jünger der neuen Religion, welche sich zum Tempel herandrängen, durch Vorstellungen zurück zu halten. Heiße Leidenschaften sind entbrannt, was vermag dagegen kalte Ueber- legung?

Verhehlen wir uns nicht, daß gewisse Um- stände das Treiben mancher Gründer, unkluges Benehmen mancher Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern, fast plötzliches Sinken hoher Löhne auf niedrigen Stand, Nothlage an manchen Orten einen gar spitzen Stachel zur Erregung des Neides, des Mißmuthes und lang andauernder Unzufriedenheit bildeten. Wer aber sein Handeln nicht durch die Forderungen der Vernunft, sondern leviglich durch Gemüthswallungen bestimmen läßt, den nennt man, sind diese Wallungen edler Art, Schwärmer, Phantast und im entgegengesetzten Falle zuchtlos. Auf viele Tausende deutscher Arbeiter finden beide Vorwürse glücklicher Weise keine Anwendung, auf einen großen Theil dürften sie aber sicher zutreffen.

Ist es Zucht, wenn deutsche Arbeiter Denen das Ohr leihen, deren FeldgeschreiKrieg den Palästen,Nieder mit den Besitzenden lautet? Ist es Zucht, wenn der Socialdemokrat lüsterne Blicke auf das wirft, was sich Andere ehrlich er⸗ worben haben? Ist es Zucht, wenn vor noch nicht langer Zeit ein Führer der Socialdemokratie vor den Vertretern des gesammten Volkes drohend auf die Männer hinwies,welche mit Gewehren umzugehen verstehen? Ist es Zucht, wenn die größte Schandthat unseres Zeitalters, die Gräuel der Pariser Commune, in der Hauptstadt des deutschen Reiches von tausend Arbeitern mit Sang, Klang und Begeisterung gefeiert wird? Ist es Zucht, wenn sich diese Männer nicht entblöden, zur Verherrlichung der Gräuel- und Blutthaten des Auswurfes der Menschheit sogar Frauen und Kinder einzuladen? Ist es Zucht, wenn der Arbeiterbevölkerung einer ganzen Generation das Gift der Verläumdung und des Hasses gegen die Gebildeten in tausend Aederchen eingespritzt wird? Wenn sich nicht das Gefühl des Anstandes in den Massen gegen solche Zumuthungen ehrgeiziger Führer empört, so droht ein großer Theil des Volkes der Verwilderung anheimzufallen. Mag auch eine wirklich bösartige Gesinnung nur bei Wenigen vorhanden sein, so ist doch der Mangel an sittlicher Kraft und Festigkeit zu beklagen, welcher nicht wagt, die Ehre des Arbeiterstandes gegen ein solches Treiben in Schutz zu nehmen. In dieser Hinsicht fällt eine Vergleichung des deutschen Arbeiters mit dem englischen sehr zu Ungunsten des ersteren aus. Auch stellt sich bei einem solchen Vergleich heraus, daß dem englischen Arbeiter größere Achtung vor wahrer Bildung (worunter nicht lesen und schreiben können gemeint ist) innewohnt, als dem deutschen. Die Dienst⸗ pflicht hat zwar auch diesem etwas Schliff gegeben. Welch himmelweiter Unterschied aber zwischen solcher und dem bescheidenen, gesetzten Wesen des

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