Ausgabe 
8.11.1877
 
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Türkei. Constantinopel, 5. November. Der Sultan begibt sich nach Adrianopel behufs Untersuchung der Urtheilssprüche gegen die Bulgaren.

Nach einer Depesche von hier schweben bereits seit einiger Zeit zwischen mehreren Mächten nebst der Pforte einerseits und Rußland anderer- seits Verhandlungen, welche die Neutralisirung der Sulina Mündung noch während des Verlaufes des Krieges bezwecken.

5. Nov. Seit vier Tagen sind vom bul⸗ garischen Kriegsschauplatze keine Nachrichten ver öffentlicht worden, wodurch viele beunruhigende Gerüchte in Umlauf kamen. Der Großvezir Edhem Pascha hat dem britischen Botschafter Layard die Zusicherung gegeben, daß die wegen Landesverrath in Philippopel verhafteten Gebrüder Gescheff nach Constantinopel gebracht würden.

Erzerum, 2. Nov. Heute fand ein heftiger Angriff der Russen auf die türkischen Positionen statt. Das Gefecht entwickelte sich auf der ganzen vier Stunden langen Linie. Nach einem zehn- stündigen Kampfe wurde das türkische Centrum durchbrochen und gezwungen sich zurückzuziehen. Mukhtar Pascha ist leicht verwundet. Es heißt, im Süden von Erzerum, sechs Stunden von der Stadt, seien Kosaken erschienen.

Rußland. Petersburg, 3. November. 3000 bis 4000 Türken mit Gebirgs- Geschützen griffen am 2. Nov. das Sewski'sche Infanterie. Regiment auf der Position Marian über Helena an, wurden aber nach einem Kampfe von drei Stunden zurückgeschlagen. Am 2. Nov. erreichte eine Escadron des Leibgarde-Dragoner-Regiments, welche über Komarewo vorrückte, Dschuralowo am Ursprunge des Skitflusses, wo sie ein Gefecht mit Ticherkessen hatte. Die Escadron erbeutete 100 Wagen und vieles Vieh. General Tscherewin, mit der kaukasischen Kosaken Brigade das Dorf Poschterna links von der Chaussee nach Sofia besetzend, trat in Verbindung mit der Infanterie des Generals Karzeff, welche Türky Jsvor besetzte. Eine Streifwache des Generals Tscherewin passirte bei Verfolgung der Türken den Engpaß von Jablonitza.

5. Nov. DiePresse meldet aus Tiflis: eine von Olti vorgerückte russische Colonne hat das Euphrat⸗Thal erreicht und die directe Ver⸗ bindung zwischen Batum und Erzerum unterbrochen.

Amtlich aus Wisinköl: In dem Gefechte bei Hassan-Kaleh wurden ein Pascha und 120 türkische Soldaten gefangen genommen. Am nächsten Tage wurden von den Russen 500 türkische Todte beerdigt. Viele Gewehre und Munition, die von den Türken zurückgelassen waren, wurden erbeutet, Kars ist eng blokirt. Heute hat gegenüber dem südöstlichen Fort die Errichtung von Belagerungs- Batterien begonnen.

6. Nov. Sechs Bataillone Türken, welche

auf der Straßr von Batum nach Erzerum am die Agitationskosten bei den Reichstagswahlen, die Unterhaltung der Familien inhaftirter Agitatoren,

Fuße des Daman-Dagh südwestlich von Tortum von einer russischen Colonne angegriffen wurden, mußten den Rückzug nach Batum antreten. Sie ließen viele Waffen und Pferde zurück und ver⸗ loren Gefangene. Die russische Colonne steht in Bar, sechs Meilen nördlich von Erzerum.

Amerika. Washington. Die Regierung von Mexico sandte Zamacoma als Spezial-Com- missär zu Verhandlungen mit der diesseitigen Re- gierung hierher.

Aus Stadt und Land.

Bingen, 3. Nov. Der gestrige Tig scheint die hier enmündenden Bahnen ein derhängnißvoller ge wesen zu sein. Während in der Nähe der Station Tückis⸗ mühle ein Zugfüyrer lodtgefahren und einem Heizer bei diesem Vorfälle ein Finger abgefahren wurde fand gestern Abend unmitelbaß an der Eisenbahn Brücke über die Nahe ein Zusammenstoß einer zum Abholen eines Per sonen-Zugs bestimmien Locomolzve mit einem Gülerzuge stall, welcher glücklicher Weise nur die Beschädigung der einen Machine und die Zertrümmerung einiger Güter⸗ Wagen zur Folge hatte. Die Bedienungs-Mannuschaft kam, mit Ausnahme einer unerheblichen Kopfoerletzung eines Heizers, mit dem bloßen Schrecken davon. Die ganze verflossene Nacht und heute noch wird durch lele⸗ graphisch herbeigerufene Hülfsmannschaft aus Mainz an der Wegschaffung der Wagen, sowie an dec Wiederher⸗ slellung des Geleises unaufhörlich gearbeitet. Personen und Güler-Verkeyr erleiden keine Unterbrechung. Ueber den Urheber dieses Unfalls wird wohl die eingeleitele Unteisu hung Näheres zu Tage fördern.

Verdienst sei ein so karger, daß fie hungern müßten.

Allerlei. 50

Rottweil. Von der biesigen Pulver⸗Fabeik ist die ser

Tage wieder ein Pulver Transpoct von 2700 Cir. in

zwölf Wagen eines Extra⸗Zugs nach Rußland abgegangen. Es ist dies der dritte größere Transport.

Lossagung von der socialistischen Partei.

Im Glauchauer Kreise im Königreich Sachsen haben sich eine Anzahl Wähler, die bis dahin eifrige und thätige Sozialisten waren, von dieser Partei öffentlich losgesagt. Einer derselben, ein Wähler aus dem Dorfe Möhlsen St. Niklas, spricht sich über den Grund im Leipziger Tage: blatt dahin aus:Ich kann bestäligen, daß die Frage, ob es rathsam sei, sich auf dem Boden der Sozialdemokratie fernerhin zu bewegen, unter den Arbeitern unserer Gegend mehr und mehr eröctert wird. Sie ist sogar so weit schon gediehen, daß in der letzten Zeit mehre der sozialistischen Partei fest angehörige Gesinnungsgenossen, worunter auch ich, von derselben sich abgewendet haben. Wir sind darauf gefaßt, daß man uns von Seiten der Sozialisten mit dem Vorwurfe überschütten wird, wir seien von irgend Jemanden erkauft worden. Dieser Vorwurf ist jedoch ein verläumderischer. Ich lege die Gründe unserer Handlungsweise nach- slehend offen dar und hoffe, daß sie dazu beitragen werden, noch manchem anderen Arbeiter die Augen aufgehen zu lassen. Die innerliche und äußerliche Unruhe, welche die sozialistische Partei für ihre Mitglieder herbeiführt, ist eine ganz fürchterliche. Ueberall, wo die Sendboten des Sozialismus ihren Samen ausstreuen, herrscht Tag und Nacht eine fieberhafte Aufregung. Wie kann es auch anders sein? Auf jeder Volksversammlung malen die Sozialistenführer und die Agitatoren die Lage der Arbeiter in den denkbar grellsten Farben und reißen die Zufriedenheit aus deren Herzen. Ist es gerecht, einem Mitmenschen, anstatt ihm in feiner gedrückten Lage Trost zu bringen, ihm dieselbe durch obige Handlungsweise noch zu erschweren? Ein Jeder kennt wohl am besten seine eigene Noth, sein eigenee Glück und es bedarf nicht der Aufklärung durch die sogenannten Volks: redner. Ich habe es vielfach erfahren, daß Personen, welche ganz zufrieden mit ihrer Lage waren, da sie nicht gerade mit Nahrungsnoth zu kämpfen hatten, nach dem Besuche einer Volksversammlung und der Anhörung dieses oder jenes Volksbe⸗ glückers, der ihnen eine bessere Existenz versprach, als Unzufriedene zurückkehrten. Ob der Plan, welchen ihnen der Volksredner vorgeschwatzt hatte, auch wirklich ausführbar sei, danach fragen sie

nicht. Man hielt sich lediglich an die gegebenen Versprechungen. Die sozialistische Partei hat für diese süßen Versprechungen ein ganz hübsches

Sümmchen aufgebracht und damit die Volksbe⸗ glücker entschädigt. Die Reisekosten für dieselben,

das Alles fließt aus den Beuteln armer Arbeiter, welchen doch stets vorgesagt wird, ihr Lohn und

Daß in der gegenwärtigen Zeit die Lage der Arbeiter keine beneidenswerthe ist, das weiß wohl ein Jeder. Aber wer den Versprechungen glaubt, daß, wenn die Sozialdemokratie im Reichstage nur erst einmal die Majorität hat und dort ihre Ansichten zur Geltung bringen kann, dann solche schwere Zeiten nicht mehr vorkommen werden,

indem das Volk über Krieg und Frieden zu entscheiden hätte und der Kapitalismus abgeschafft würde, der muß sehr kurzfichtig und unverständig sein. Wahrlich, unter einer Partei, die solche Unzufriendenheit stiftet, die Herzen des Volkes aufwühlt und mit falschen Versprechungen erfüllt, die alles Bestehende zertrümmern will, kann sich ein Mann, der halbwegs mit seinem gesunden Verstande prüft, nicht wohl befinden. Freilich, die Sozialistenführer befinden fich bei dieser Unzu⸗ friedenheit des Volkes sehr wohl, denn sie sind im Stande, darauf ihre eigene Zufriedenheit, ihr eigenes Wohlleben zu begründen. Weil ich aber eine genaue Prüfung über das Wesen der Sozial- demokratie und die süßen Versprechungen der

sozialistischen Zungenhelden angestellt, bin ich, ein

armer Arbeiter, der für sich und seine Familie

mühsam den Lebensunterhalt, erwirbt, zu den

obigen Schlußfolgerungen gekommen. Ich mag nicht länger ein so unruhiges Leben über mich ergehen lassen und werde mich einer anderen Partei anschließen, bei welcher es mir möglich ist, unbeschadet des Ringens und Strebens nach Ver⸗ besserung der öffentlichen Zustände doch wenigstens wieder ein zufriedener Mensch sein zu können.

Landwirthschaftliches und Gewerbliches.

Holzconservirung. Lostal in Firming bedeckt das

Holz' in einem großen Bassin mit ungelöschtem Kalk und 5

begießt denselben nach und nach mit Wasser, bis er gelöscht ist. Je nach der Größe und Slärke der einzelnen Stücke läßt er das Holz so liegen, bis das Kalkwasser genügend eingedrungen ist; für Hölzer, welche beim Bergbau ver⸗ wendet werden sollen, genügt eine Woche. Das so behan- delte Holz wird angeblich sehr hart und widersteht lange der Fäulniß..

Erfolg durch Gypsen des Stallmistes. S. Humerwadel hat seit 89 Jahren seinen Stallmist mit Gyps vermischt, wodurch sich die Fruchtbarkeit be⸗ deutend erhöhte. Seine Früchte sind üppiger und voll⸗ kommener seitdem, sein Getreide ist stets das schönste und schwerste der Umgegend, seine Futterfelder geben am meisten aus und seine Hackfrüchte sind schöner. Sein Korn bestockt sich so sehr, daß er es bis dahin gebracht bat, daß der Eclrag das 40 und 50jache des Samens ausmacht. Alle diejenigen, welche diesem Beispiele gefolgt sind, bestätigen auch ihrerseils, daß von da an ihre Kornerträge bedeuten⸗ der und an Qualität besser seien.

Ein vergessener Farbestoff für Glacs leder. Nach einer Mittheilung imGerber liefert die einfache Abkochung der Zwiebelschale auf Glacsleder ein sehr schöues Gelvorange. Angeblich ist diese Farbe von gleichem Feuer durch keinen anderen Farbstoff herzustellen. Als Mischungs⸗ farbe mit den hellen Rindenfarben, besonders mit solcher aus Weiden cinde, liefert sie die zartesten lichten Farbentöne, denen sie einen besonderen Glanz und Feuer verleiht; als gelbes Pigment für alle Stufen in Braun benützt, werden alle diese Schattirungen lebhafter und ausdrucksvolle.

Solche Farbe greift auch schwer zu färbende Leder mit

Leichtigkeit und deckt gut und gleichmäßig.

Gewöbnlicher Buchbinderkleister, welcher be⸗ kannllich meist in wenigen Tagen unbrauchbar wird, kann nach Miliheilungen verschiedener technischer Blätter dadurch wochenlang frisch erhalten werden, daß man demselben ein ge Tropfen mit Wasser verdünnter Salicylsäure zusetzt und ihn mit derselben tüchtig verrührt.

Ammoniakwasser der Gasfabriken. Professor Krocker macht imSchlesischen Landwirth darauf auf⸗ merklam, daß das bis jetzt zum großen Theile unbenutzt bleibende Gaswasser einen nicht unerheblichen landwirih⸗ schaftlichen Werth als Düngmittel habe. Das Gaswasser der Leuchtfabriken ist nämlich, je nach Veschaffenheit der verwendeten Steinkohlen, eine mehr oder weniger ver dünnte Auflösung von kohlensaurem Ammoniak, mit sehr geringer Beimengung von Schwefelammonium, unter schweflich-saurem Ammoniak und Theersubstanz. Obwohl nun Ammoniaksalze als alleinige Düngung der Felder niemals dauernd mit Erfolg günstig angewendet werden können, so sind doch die Gaswasser mindestens boher Be⸗ achtung werth. Genauere Versuche sind in England aus; geführt; am lohnendsien zeigte sich die Anwendung auf Grasländereien und für Gelteide, wobei es theils direct, theils nach Sättigung mit Schweselsäure auf den Acker gebracht worden war. Die mitgetheilten Resultate beziehen sich jedoch nur auf die ein malige oder für Getreide selten wiederholte Anwendung. Ohne Zufuhr von Mineralsub⸗ stanzen würden die Erfolge bei forigesetzter Anwendung ab⸗ nehmen. Im Durchschnitte geben 500 Pfund Gaswusser auf den Morgen verwendet bei Hafer von dieser Fläche einen Mehrertrag vou 200 Pfund Körnern und 400 Pfund Stroh.

Asphalt ⸗Mosalkplatten. Die Firma Rösler und Achtelstetter(königlich baierische und kaiserlich⸗ königlich österreichisch-ungarische privilegirte Unternehmung ür As! poaltirungen und Steindachpappen Fabrik in Passau) bat im Baierischen Gewerbe-Museum Asphalt- Mosaikplakten ausgestellt, welche, nach einem neuen Verfahren angefertigt, sih als piraktische und zugleich geichmackvolle Fußboden⸗ bekleidung empfehlen. Die ausgestellten Platten sind in zwei verschiedenen Größen(80 Centimeter und 50 Cenli⸗ meter im Quadrat bei 2 Centimeter Oicke) hergestellt und zeigen verschiedenartige, in die Fläche des schwarzen As poaligrundes vermittelst weißer Poczellan- und farbiger Flasplätichen eingelegte Ornamente, welche in gleicher Weise nach jeder gegebenen Zeichnung ausgeführt werden köngen. Ueber die Anfertigung derselben sagt Dr. O. v. Schorn in denMittheilungen des Baierischen Gewerbe Museums Folgendes: Die Herstellung erfolgt, indem man das auf ein starkes Papier aufgezeichnete Mosaikmustet mit den entsprechenden Porzellan- oder Glasplältchen be⸗ legt, dasselbe mit einem Rande umgibt und die durch Erhitzen flüssig gemachte Asphallmasse aufgießl. Die Platie ist vollendet, sobald man nach dem Erkalten derselben das Papier durch Abwaschen entfernt hat. Um eine größere Bodenfläche zu bedecken, werden die einzelnen Platten an⸗ einander gelegt und die zwischen ihnen enistehenden kleinen Fu sen mit Asphalt ausgegossen, so daß die ganze ges mufterte Fläche wie aus einem Gusse hergestellt erscheink. Wegen det Dauerhaftigkeit der Masse, bauptsächlich gegen Feuchligkeit, erscheinen derartige Fußböden, bei deren Her⸗

stellung, wie oben bemerkt, den veeschiedenartigsten künst⸗ lerischen Anforderungen Rechnung getragen werden kann,

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