zu einander nicht durch Heranziehung muselmännischer
Colonisten zu alteriren. Der Minister fügte noch hinzu, der Türkei bleibe die volle Verantwortung für die verübten Greuelthaten, und erklärte schließ⸗ lich, er habe Grund, zu hoffen, daß der Waffen- stillstand folgen wird, welcher den Abschluß des Friedens erleichtern werde.
Türkei. Constantinopel. Die türkischen Vertretungen im Auslande sind Seitens der Re- gierung beauftragt worden, die Gerüchte von der angeblichen Verletzung der Waffenruhe durch die türkischen Truppen für unbegründet zu erklären. Ferner läßt die Regierung die Zeitungs Nachricht, daß die Christen in Thessalien und Epirus aus Furcht vor Verfolgung die Flucht ergreifen, als unbegründet bezeichnen; es herrsche daselbst die vollkommenste Ruhe.
— 23. Sept. Die„Wiener Abendpost“ schreibt: Von autoritativer Seite wird bestätigt, daß sämmt⸗ liche Großmächte sich über die der Pforte vorzu⸗ schlagenden Friedens Bedingungen geeinigt haben. Die Basis des Vorschlages bilde ein vom britischen Cabinette formulirtes Programm. In Constantinopel werden nun unvorzüglich Schritte gethan, um die Pforte zur Annahme dieser Friedens-Bedingungen aufzufordern. Da Letztere bereits principiell die Bereitwilligkeit ausgesprochen hat, den Wünschen der europäischen Mächte, soweit dieselben nur immer mit den Interessen des türkischen Reiches vereinbar sind, loyal zu entsprechen, so ist an dem baldigen Zustandekommen des Friedens schwerlich mehr zu zweifeln. Auch die„Pol. Corr.“ meldet auf Grund authentischer Informationen, daß in der Angelegenheit der Friedens-Vermittlung soeben auf Grundlage der Vorschläge des britischen Cabinets eine Einigung der Großmächte erzielt worden sei. In Folge dessen werde die auf Wiederherstellung des Friedens hinarbeitende diplomatische Action der Großmächte in Constantinopel nächster Tage eröffnet. Andererseits seien die Bemühungen neuer— dings auch in erhöhtem Maße auf die Herbei— führung eines formellen Waffenstillstandes gerichtet; der österreichische Botschafter zu Constantinopel, Graf Zichy wäre angewiesen, in dringlicher Weise bei der Pforte nach letzerwähnter Richtung hin
zu wirken. Serbien. Belgrad, 23. Sept. Die „Pol. Corr.“ meldet: Die serbische Regierung
setzte gestern die Vertreter der Großmächte in Kenntniß, daß die türkischen Truppen nicht auf hören, die Waffenruhe zu verletzen. Solche Fälle haben sich am 17. September bei Alexinatz und Jankowa⸗Klissura, am 19. und 21. Sept. am Javor und an der Drina ereignet.
— Der„Neuen Zeit“ in Petersburg wird tele— graphisch aus Semlin gemeldet: Tschernajeff hat allen seinen Unterbefehlshabern durch Circularbefehl vorgeschrieben, bei der geringsten feindseligen Be— wegung Seitens der Türken dieselben sofort anzu— greifen, da kein formeller Waffenstillstand bestehe.
Rumänien. Bukarest. Ein Decret des Fürsten ordnet an, daß die unterm 12. Mai
suspendirte Rekrutirung für die rumänische Armee am 13. October wieder aufzunehmen und am 13. November zu beendigen ist
— 23. Sept. Die Regierung hat in Slatina einen Extrazug mit einem General, 40 Offizieren nnd 130 Unteroffizieren aus Rußland anhalten lassen. Auf Reclamation des russischen Consuls ließ jedoch die Regierung den Zug passiren nach- dem sie die übrigen Consulate davon in Kenntniß gesetzt hatte.
Rußland. Petersburg. Der„Golos“ spricht sich über die Erhaltung des europäischen Friedens mit großer Zuversicht aus, da Deutsch— land, Rußland und England in der orientalischen Frage einig seien. Das„Journal de St. Peters burg“ äuhert sich ebenfalls im friedlichen Sinne und gedenkt mit Anerkennung des Fürsten Milan, daß er seine Proclamirung als König von Serbien zurückgewiesen habe.
— Der„Regierungs- Anzeiger“ veröffentlicht ein Telegramm aus Livadia vom 21. d., wonach der Kaiser, wie gewöhnlich bis Ende November in der Keim Aufenthalt nehmen wird. Damit werden alle Gerüchte von der früheren Rückkehr
des Kaisers nach Petersburg, sowie die daran geknüpften Vermuthungen, wonach die frühere Rückkehr mit politischen Verwickelungen in Ver⸗ bindung gebracht wurde, hinfällig.
Aus Stadt und Land.
S. Fauerbach b. Fr., 25. Sept. Wir haben gestern ein schönes Fest gefeiert, welches noch lange im Gedächtniß der hiesigen Einwohner bleiben wird. Es galt der Ein⸗ weihung eines Denkmals für die im Jahr 1870— 71 ge⸗ fallenen Krieger. Nachmitlags um ½3 Uhr bewegte fich ein Festzug von dem östlichen Ende des mit Fahnen ge⸗ schmückten Dorfes nach dem Denkmal. Voran der Lehrer mit der Schuljugend, sodann die Festjungfrauen, ein Musikcorps, der Gemeinderath, die Kriegervereine von Friedberg und Dorheim, der hiesige Kriegerverein und sonstige Freunde des Vereins. Nach Ankunft des Festzuges am Denkmal bestieg Seminarlehrer Wahl aus Friedberg, welcher speciell von dem hiesigen Kriegerverein hierzu ein⸗ geladen war, die Tribühne und hielt in gewohnter, schwung⸗ voller Weise die Weiherede. Nach Absingung des Chorals „Nun danket Alle Gott“ zog man in die geschmückte Fest⸗ halle, welche sich auf einer Wiese befand. Hier vergnügte man sich noch durch Musik und Tanz, gewürzt durch noch manche herzliche Ansprachen von verschiedenen Rednern, bis in die Nacht hinein.
Allerlei.
Homburg v. d. H. Der Cultus-Minister hal 8000 Mark als wiederholten Beitrag für die Nachgrab— ungen und Schutz⸗Arbeiten an der Saal-Burg zur Ver— fügung gestellt.
Frankfurt, 23. Sept. Heute Mitlag schoß sich ein Schüler der Handelsschule, welcher wohl zum schrifllichen, aber nicht zum mündlichen Einjährig-Freiwilligen Examen zugelassen worden war, mit einem Revolver eine Kugel in den Kopf. Der Beklagenswertbe lebt noch.
Frankfurt. Am 23. September sand im„Brüsseler Hof“ zu Frankfurt die constitufrende Versammlung des Vereins gegen schädliches Creditgeben stass. Der Gedanke, einen derartigen Verein zu gründen, fand in den kauf— männischen Kreisen Frankfurts lebhaften Anklang und wird dessen Verwirklichung allenthalben mit großer Genugthuung begrüßt.
Bochum. Welch enssetzlicher Leichtsinn trotz aller Warnung noch immer unter denen herrscht, die mit der Gefahr vertraut sind, das zeigt wiederum ein von der „Ess. Zig.“ miigeiheilter bedauerlicher Vorfall. Ein Zimmer⸗ geselle hatte, um seine Mittagsruhe zu halten, im Dach— stuhl eines Neubaues in der Wilhelmstraße sich auf ein schmales Breit niedergelegt. Wie es auch kaum anders möglich war, fiel der Unglückliche bei einer Bewegung, die er im Schlafe machte, don seinem Brett durch drei Stock— werke bis in den Keller hinab. Der surchtbar Verstümmelie hauchte seinen Geist unter unsäglichen Qualen auf dem Wege zum Krankenhause aus.
Berlin. Ein Geizhalz, der fast zwei Millionen Mark hinterließ, ist dieser Tage in Berlin gestorben. Der Mann hieß Lorenz, und betrieb bis zu seinem Tode am Molken⸗ markt ein Bunergeschäft. Er fährte dabei ein Einsiedler— leben, gönnte sich nur die ellernothwendigste Nahrung, und um eine hohe Besteuerung seines Einkommens zu verhindern, las er Papierschnitzel von der Straße auf. Bei der Revision des Nachlasses stellte sich heraus, daß dieser Harpax ein Vermögen von 1,800,000 Mark hinter- lassen hat, welches sich denn auch in sicheren Papieren, baarem Gelde und soliden Hypotheken vorfand. Nach einer Bestimmung des Verstorbenen, der es meisterhaft verstand, seinen großen Reichthum geheim zu halten, geht dieser auf die Kinder der legitimen Erben, unter denen sich eine leibliche Tochter befindet, über, während Letztere in den Ziusgenuß des Vermögens bis zu ihrem Tode treten.
Paris. Die Pansser Blätter berichten über Entwend— ung von 12 Millionen, die in Calais zum Nachtheil mehrerer Bankhäuser gemacht wurde. Von 13 aus London eingetroffenen Packeten mit amerikanischen, russischen und ägyptischen Werihstücken wurden 7 gestohlen und durch Pack'se ersetzt, die mit Lumpen gefüllt waren.
Der Naseur des Großherrn.
Man schrieb in Constantinopel den 28. Oktober 1869. Damals stand Abdul Aziz im Zenith seines Glücks. Wenige Tage früher hatten der Kronprinz von Preußen und die Kaiserin von Frankreich dem Padischa ihre Visite in Stambul abgestattet und Madame Eugenie war sogar der Sultanin Valide vorgestellt worden, die drei Tage lang sich den intensivsten Waschungen unterzog, um sich von dem Kusse zu reinigen, den die un⸗ gläubige Kaiserin der Franzosen in überwallender Herzlichkeit auf die gefärbten Lippen der greisen Sultanin gedrückt hatte. Damals stand der Bos- porus wochenlang in Flammen, Nacht für Nacht sendeten die türkischen Stuwers ihre Feuergarben gen Himmel, ein Fest jagte das andere; die Freigebig⸗ keit und Leutseligkeit Abdul Aziz's wurde in den siebenten Himmel gehoben und der Ruf„Tausend Jahre, tausend Jahre soll er leben!“ ertönte vom frühesten Morgen bis zur Mitternacht in den Straßen Constantinopels.
Tausend Jahre— und acht Jahre später i der Allmächtige, das Ebenbild der Sonne— ein Nichts, ein Schemen, ein todter Mann.
Wie schwer mag sich Abdul Aziz von seinem
schönen Dolma-Bagdsche getrennt haben. Wenn man den Rand der Hochebene, auf der Pera sich aufbaut, erreicht hat und sein Pferd über den steilen Hügel hinablenkt, an dessen Fuß die Fluthen des Bosporus branden, liegt der zauberhafte Palast vor den Blicken des entzückten Beschauers, Hart am Ufer des Merres dehnt sich die Terrasse des Palastes, über die Fluth hinüber blickt das Auge nach dem cypressenbesäeten Ufer Asiens auf die Minarets von Scutari, während rechts der Mastenwald am Goldenen Horn und der Hügel des Seraskeriats das wundervolle Panorama abschließen.
Ich erinnere mich, schreibt ein Wiener Feuil letonist, noch lebhaft an eine possirliche Scene, dik ich in diesem Dolma Bagdsche erlebte. Professor Löbl, der als Leibarzt den Sultan auf der orientalischen Reise begleitete, wurde eines Morgens durch einen speziellen Auftrag des Padischa überrascht, der einen kranken Staatswürdenträger der besonderen Aufmerksamkeit des östreichischen Arztes empfahl. Ein türkischer Doktor, der zugleich als Dolmetsch fungirte, geleitete den Patienten, eine unförmlicht Fleischmasse mit aufgedunsenem, durch Schmerzen arg verzerrten Gesichte, in das Appartement des Wiener Professors. Der türkische Würdenträger stöhnte und schnitt Grimassen, daß uns förmlich angst und bange wurde.
„Wer ist der Herr?“ frug Professor Löbl.
Der Dolmetsch beugte sich tief zur Erde und flüsterte:
„Der Raseur Seiner Majestät.“
„Der Raseur?“ wiederholten wir erstaunt⸗
Die Aufklärung ward uns sofort zu Theil, Der Mann, dem der Beherrscher der Gläubigen. tagtäglich die Erlaubniß gewähren muß, mit einem haarscharf geschliffenen Messer auf dem allmächtigsten. Halse eine viertelstündige Excursion vornehmen zu dürfen, mußte ein Staatswürdenträger von hohem Range sein, auf dessen Unbefangenheit und Treue auch nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes faten durste. Das Schicksal des Reiches lag ja in seinen Händen— ein Fehlzug und der Be⸗ herrscher der Gläubigen wäre am Ende„auf ein⸗ stimmigen Wunsch des Volkes“ in ein besseres Jenseits hinüberrasirt worden.
Professor Löbl untersuchte den Kranken und constatirte, daß der Arme an einer heftigen Neuralgie leide. Sofort ward aus dem Etui die feine Spritze genommen, ein Opiat eingefüllt— zwei Secunden später war die Injection vollzogen und der Türke sprang wie verzückt im Zimmer herum, er war wie durch ein Wunder von allen Schmerzen be. freit worden. Zitternd vor Freude sank er zu den Füßen des Heilkünstlers, faßte den Saum seines Rockes und beschwor ihn, Alles zu nehmen, was er besitze— er seinerseits verlange nichts, als die kleine Spritze. Die Spritze hatte das Wunder bewirkt und in ihren Besitz wollte der Leibraseur Seiner Majestät um jeden Preis kommen. Erst als der Dolmetsch Doktor versicherte, daß er sofort die Anschaffung des Wunder ⸗Instrumentes besorgen werde und der Wiener Professor ihm auch sein Opiat überließ, entfernte sich der rasirende Würden⸗ träger, nicht ohne zahllose Segenssprüche und das landesübliche„Tausend Jahre“ auf das Haupt des wunderthätigen Arztes zu häufen. Ossenbae sind dem guten Professor Löbl die tausend Jaht besser bekommen, als dem armen Abdul Aziz, der sich veranlaßt sah, gerade mit einem Werkzeug des Raseurs seinem Leben ein Ende zu machen.
Landwirthschaftliches und Gewerbliches.
Glycerin zum Brennen. Nach E. Schering (Pharm. Zeitung) kann zur Verbrennung des Glycerins jede Lampe benutzt werden, bei welcher die Flamme sich unmittelbar über dem Niveau des Brennstoffes befindet (Berzelius⸗Lampe). Ein mehr hervorragender Docht kann wegen der sehr dicken Consistenz des Glycerins nicht zum constanten Brennen gebracht werden. Da die Flamme des Glycerins gleich der des Alkohols nur wenig gefärbt ist und da ersteres in viel höherem Maße geeignet it, als Lösungsmittel für Salze zu dienen, so hat Schering Versuche über Flammensärbungen durch verschiedene Körper
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