Ausgabe 
13.6.1876
 
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mit Erfolg; die britische Regierung concurrire mit den übrigen Mächten, oder vielmehr die übrigen Mächte concurrirten mit England. Auf alle Fälle bestehe zwischen allen Großmächten vollkommenes Einvernehmen darüber, daß man keine unange- messene Pression auf den Sultan ausüben dürfe, sondern dessen Rathgebern Zeit lassen müsse, ihre politischen Maßnahmen zur Reife zu bringen. Außer- dem habe England auch die Vorstellungen Oester⸗ reichs, Rußlands und Frankreichs bei der serbischen Regierung unterstützt, um diese auf die Wichtigkeit eines gemäßigten Verhaltens aufmerksam zu machen; er hoffe, daß die Rathschläge zur Mäßigung nicht erfolglos bleiben würden. Der dritte Punkt, worüber die Großzmächte gleichartig handelten, wäre die Frage der gleichzeitigen Anerkennung des Sultans ohne Verzögerung durch Beobachtung von Etiquette Rücksichten; die neuen Creditive Elliots's würden demselben heute bereis übersendet. Die Anerkennung des Sultans beschränke sich nicht auf die großen Mächte, auch alle der Türkei unterthänigen religiösen Secten und Volksstämme erklärten sich für ihn. Die Glückwünsche seitens der Spitzen der christlichen Gemeinden könnten den Einfluß Derjenigen vermehren, welche bei den Insurgenten im Sinne der Herstellung des Friedens im Reiche wirkten. Disraeli erklärt schließlich einen von Wiener Journalen mit seiner Unter- schrift veröffentlichten Brief über die Lage Europas und die Politik Englands, worin unehrerbietig von den verbündeten Großmächten gesprochen wird, für ein Falfificat; die Mittheilung der Correspon- denz über die orientalische Frage verzögere sich nur durch den Wunsch, das Einvernehmen der Mächte, mit welchen England erfolgreich zusammen wirke, aufrechtzuerhalten.

Der russische Botschafter Graf Schuwaloff ist hierher zurückgekehrt. Es circuliren hier Ge rüchte, welche allerdings noch der Bestätigung bedürfen, wonach die englische Regierung ernstlich sich mit der Absicht trüge, Helgoland an Deutsch land zu überlassen.

Italien. Rom, 8. Juni. In der heutigen Sitzung der Kammer interpellirte der Deputirte Massari wegen der Gerüchte über außerordentliche Rüstungen Italiens. Der Ministerpräsident er wiederte, daß diese Gerüchte unbegründet seien. Abgesehen von der Absendung einer Schiffs-Diviston in die türkischen Gewässer in Folge der Ereignisse in Salonichi habe die Regierung keinerlei Maß regeln wegen Erhöhung der Streitkräfte zu Land wie zur See getroffen. Depretis fügte hinzu, Niemand habe das Recht zu dem Verdachte, daß das Ministerium eine Abenteurer-Politik adoptiren wolle, gleichwie Niemand das Recht habe, eine Friedens Politik um jeden Preis zu erwarten. Die Regierung werde nur mit Rücksicht auf die Interessen des Landes handeln. Italien brauche Frieden; die Regierung werde den Frieden zu erhalten trachten, und habe sie auch eine civili satorische Mission, der sie treu bleiben werde.

9. Juni. Auf eine Anfrage des Deputirten Bertani erwiedernd, gab der Minister Zanardelli in der Deputirtenkammer Aufschlüsse über die wirthschaftlichen Verhältnisse der Gotthardbahn Gesellschaft und theilte hierbei mit, daß die be⸗ theiligten Regierungen keinerlei Vorschläge machten, doch werde das italiensche Cabinet, bevor es auf neue Verpflichtungen eingehe, alle möglichen Ga rantien für die gesammten hierbei zu wahrenden Interessen und für den Ausbau des festgestellten Netzes verlangen.

Serbien. Belgrad. Nach einem Schreiben derPol. Corr. von hier vom 6. Juni zeigen sich Symptome von einem Umschwung der serbischen Politik zu Gunsten der Erhaltung des Friedens.

Türkei. Constantinopel. Ein Erlaß des Scheich-ül- Islam untersagt den Softas das Tragen von Waffen und Zusammenrotten auf offener Straße. Der Khedive wird demnächst hier erwartet, um dem Sultan zu huldigen.

10. Juni. Die Pforte hat, einer Mel⸗

dung derAgence Havas zufolge, von Serbien Erklärungen über dessen Rüstungen gefordert. Die Aufforderung des Großveziers lautet in ihren wesentlichsten Theilen:Die Versicherungen, welche

Ew. Hoheit gegeben, hatten die Befürchtungen beseitigt, welche die bedeutenden Rüstungen hervor gerufen hatten. Indessen werden diese Rüstungen noch immer in großem Maßstabe fortgesetzt und die serbische Armee ist bereit, ins Feld zu rücken. Die Pforte kann gegenüber diesem Stande der Dinge, welcher der Ruhe ihrer Provinzen um so weniger förderlich ist, als Streifzüge von Serben die Aufregung vermehren, nicht gleichgültig ver harren. Der Sultan hat in Erwägung der Lage, ausgehend von der Absicht, die unvermindert guten Beziehungen zur fürstlichen Regierung aufrecht zu erhalten, mich beauftragt, officiell Ew. Hoheit um offene, ganz genaue und directe Aufklärungen über den Grund und das bestimmte Ziel der erwähnten Rüstungen zu ersuchen. Serbien hat sofort in Erwiederung dieser Anfrage seine friedlichen Gesinnungen bekräftigt. Ein höherer serbischer Staatsmann wird sich nach Constantinopel begeben, um alle erforderlichen Erklärungen zu geben. DiePol. Corr. meldet: Nach einem authenti schen telepraphischen Berichte aus Belgrad vom 10 d. vereinigten sich die Vertreter sämmtlicher Mächte in den letzten Tagen in ihren Bemühungen, um dem Fürsten Milan und seiner Regierung die volle Verant wortlichkeit füc eine eventuelle Friedensstörung klar zu machen. Besonders nachdrücklich war die Sprache des russischen Vertreters Kartsow.

Rußland. Petersburg. Entsprechend den friedlichen Intentionen der Nordmächte sind die diesseitigen diplomatischen Agenten in Serbien und Montenegro angewiesen worden, von neuem den Einfluß Rußlands gegen jede kriegerische Demonstration geltend zu machen. Gleichzeitig versichert man hier, Rußland, dessen Politik keine isolirte sei, werde dafür sorgen, daß die neue türkische Regierung den von den Mächten als nothwendig anerkannten Reformen und Garantien für die südslavischen Christen gerecht werde.

Moskau, 10. Juni. Die Verhandlungen in dem Processe gegen Stroußberg und die An geklagzten von der Commerz Leihbank sind heute Nachmittag eröffnet worden. Die Procureur Gehülsen Obninski und Simonoff hielten die Anklage aufrecht. In Folge Ausbleibens mehrerer Zeugen wurde auf Antrag der Vertheidiger mehrerer Angeklagten die Gerichtssitzung vertagt; Stroußbergs Vertheidigung hatte sich gegen die Vertagung ausgesprochen. 4

Amerika. Washington. Halbamtlicher Mittheilung zufolge werden voraussichtlich die Ein- nahmen des mit Ende Juni schließenden Finanzjahres um 11 Mill. die Ausgaben um 5 Mill. Doll. hinter den im Budget veranschlagten Ziffern zu rückbleiben.

Aus Stadt und Land.

Friedberg. Außer der Feier des Geburtstags unseres geliebten Großherzogs durch ein Feslmahl im Hotel Trapp, wie alljährlich, haben wir auch die des hiesigen Krieger⸗ vereins zu erwähnen, die in besonders herzlicher Weise und in gebobenster Stimmung in dessen Vereinslokal stattsand. Die Toaste auf den Großherzog als Landesvater, obersten Kriegsherrn ꝛc. wurden mit hoher Begeisterung ausgebracht; Reden, ernsten und heiteren Inhaltes, Gesänge und In strumentalvorträge wechselten miteinander ab, bis man sich, ganz befriedigt von dem festlichen Zusammensein in später Stunde trennte, wünschend, daß der Geburtstag unseres Landesvaters noch recht oft wiederkehren möge.

Nieder⸗Erlenbach. Hier findet am 9. und 10. Juli dieses Jahres gelegentlich der Einweihung der neuen Schieß slände des hiesigen Schützenvereins ein größeres Preis⸗ schießen statt, welches von Mitgliedern des Vorstandes der Schützenvereine von Frankfurt organifirt wird. Es hatten die Schießen und Feste, welche diese Gesellschaft veranstaltete, sich immer einer regen Betheiligung der ganzen Umgegend zu erfreuen, da erstere es sich stets angelegen sein läßt, den Fremden nur Annehmlichkeiten zu bieten. So wird denn auch voraussichtlich dieses Fest seine Anziehungskraft nicht verfeblen.

Allerlei.

Frankfurt. Bei einer Seitens des hiesigen historischen Vereins vorgenommenen Ausgrabung eines Grabhügels im Stadtwalde kam man auf einen bedeutenden Fund. An einer ziemlich tiefgelegenen Stelle des Hügels fanden sich flark verweste Reste eines Skelettes, die von werth vollen Broncen umgeben waren. Die letzteren bestanden in Armringen und einem auffallend großen doppelten Halsschmuck. Daneben fanden fich kleine Eisenbruchstücke, vielleicht Reste eines Messers. Zur Seite der linken Schulter des Bestatteten traf man auf ein sehr niedliches,

mit Graphit geschwärztes Schälchen. Die seitherigen Er

gebnisse der Ausgrabung haben der kleinen Sammlung des Vereins eine namhafte Bereicherung gebracht, so im

vorigen Jahre bereits von der größten Sel tenheit.

Berlin, 9. Juni. In dem Proceß gegen die Gründer der Bank für Sprit⸗ und Producten⸗Handel(vorm. Wrebe) beantragte der Staatsanwalt gegen jeden der vier Ange⸗ klagten Gefängnißstrafe von sechs Monaten und 3000 Mark Geldbuße, eventuell noch 7 Monate Gefängniß, unter Be⸗ lassung der bürgerlichen Ehrenrechte. Das Urtheil des Gerichts wird erst später gefällt werden.

London. Auf dem eben von Port Natal hier an⸗ gekommenen SchiffSurprise wurde eine 9 lange Bog Constrictor gefangen. Der unheimliche Passagier hatte sich unbemerkt eingeschifft, und erst gezen Ende der Reise wurde man seine Anwesenheit gewahr. Auffallend war nur, daß die bei der Abfahrt von Natal sehr zahlreichen Ratten auf dem Schiff immer seltener wurden und zuletzt ganz verschwanden. Sie waren sämmtlich von der Schlange verzehrt worden.

eine Bronze

Zu den Meeresuntersuchungen.

Das Meer, welches in diesem Jahre bei un glücklichen Schifffahrten wieder so viel Opfer ver- schlungen hat, fängt jetzt an, auch den Binnenländer mehr und mehr zu iuteressiren, ist er doch oft genug bei jenen Opfern betheiligt. Richthofen hielt kürzlich in der Berliner geographischen Gesellschaft einen Vortrag, aus dem einige Notizen über den heuligen Standpunkt der wichtigen Sache hervor- gehoben seien. Trotz der zahlreichen Reisen, die man beutzutage über's Meer macht, trotz der vielen Werke, die über das Meer schon geschrieben worden, ist unsere Kenntniß über die phystkalischen und biologischen Eigenschaften der Meere eine nur ge- ringe. Was wir aber in dieser Richtung wissen, ist neuesten Datums. Das Meer würde wenig Interesse für uns haben, wäre es nicht zur Existenz des Menschen nöthig. Die physikalische Geographie des Meeres ist entstanden durch den praktischen Zweck, an diesen knüpfte sie an und baute weiter. Mit Herausgabe der Segelanweisungen auf Grund

der in Washington zusammengestellten Wind- und

Strömungskarten, welches in den vierziger Jahren statthatte, begann eine neue Epoche. Den unab- lässigen Bemühungen Maury's danken wir es heute, daß auf dem Meere eine große Sicherheit erreicht ist. Die Unglücksfälle gerade der letzten Jahre erfolgten an den Küsten, hier harrt noch manches Problem der Lösung. Maury sah ein, daß die atmosphärischen wie eceanischen Strömungen weiterer

Beobachtung bedürften; es müßten Stationen auf

dem Festlande zur Beobachtung der Winde einge richtet und deren Aufzeichnungen mit denen der Beobachtung der Meereswinde in Verbindung gebracht werden. Für die oeeanischen Untersuch⸗ ungen aber war die Untersuchung der Meerestiefe die bedeutsamste. Das gewöhnliche Senkblei war hierzu nicht ausreichend. Mit Recht war man gegen dieunermeßlichen Tiefen, welche dies zeigte, mißtrauisch. Die Leine, welche sich während des Sinkens des Lothes abwickelte, konnte kein sicherer Maßstab für die Tiefe sein, denn sie wickelte sich, von der Meeresströmung seitwärts abgezogen, noch lange ab, nachdem das Loth den Grund erreicht hatte. Die bedeutendsten Tiefen, die bisher nach neueren Methoden gemessen wurden, ergaben 30009000 Meter. Von einer Kartographie des Meeresbodens kann noch keine Rede sein, aber immer hin läßt sich annehmen, daß bei der nivell⸗ irenden Eigenschaft des Wassers allzubedeutende Tiefen des Meeresbodens nicht vorhanden sind. Weit größere Schwierigkeiten ergeben sich bei der Bestimmung der Meeresströmungen. Die durch das Log erreichten Resultate haben kaum für die Oberfläche unbedingt richtige Bestimmungen zuge⸗ lassen; weniger noch läßt sich über die Tiefen- strömungen etwas mit Sicherbeit behaupten. Nachdem es in neuester Zeit gelungen ist, bei 4000 Meter Tiefe ein Boot zu verankern, lassen sich auch nach dieser Richtung bessere Resultate erhoffen. Am meisten bekannt ist bisher der sogenannte Golfstrom, der, von der äquatorialen Gegend kommend, sein eine hohe Temperatur be sitzendes Wasser zunächst in das karaibische Meer entsendet. Neben diesem Aequinoctialstrom gibt es noch arktische Ströme, die den entgegengesetzten Weg einschlagen und vielfache Schwankungen verur⸗ sachen. Wir kennen die Gründe dieser Schwank ungen nicht. Sind wir doch über die Ursachen

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