Ausgabe 
19.6.1873
 
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Deutsches Reich.

E Friedberg. Schulze Delitzsch rief das große WortCreditfähigkeit und gründete seine Vorschußvereine, die seit ihrem Bestehen von den herrlichsten Ersolgen gekrönt wurden. Wie manchem mittleren und geringeren Geschäftsmann waren sie eine Hülfsquelle zu einem besseren Dase' n, wie Mancher erholte sich wieder durch sie. Die kleinen Anfänge jener Vereine zählen nun nach Millionen Umsatz. Trotzdem aber, daß sie für das Volk günstige Resultate erzielten, sehen wir dieselben wenig, ja fast gar nicht auf dem flachen Lande eingeführt. Was dem Städter gut ist, kann doch dem Bauern auch nichts schaden. Wie oft sehen wir den Landmann, besonders von Ostern bis zur Erndte, in den größten Geldnöthen, ohne zu wissen, wohin er sich in seiner Notb wenden soll. Seine Zuflucht ist, wie wir leider wissen, sehr oft der Wucherer und muß er bei solchen Anleihen erhebliches Geld verlieren. Sein für ihn von jeher sirirter Zahlungstermin ist Martini und bier drängen sich oft seine Zahlungen so stark, daß er denselben nicht nachkommen kann. Seine Schuldenlast wird vermehrt und wir sahen so manchen wackeren Landmann das Opfer des Wucherers werden, der sich zweifelsohne von dem Untergange gerettet hätte, wenn ihm reelle Mittel und Leute, wie z. B. Vorschußvereine, zur Seite gestanden wären. Der Martini ist unseres Er- achtens zwar keineswegs ein geeigneter Termin für den Landmann, seine Zahlungen zu leisten, da er oft mit seiner Erndtearbeit nicht fertig ist, aber er ist einmal dazu ausersehen und der Land⸗ mann gedrängt, seine Verpflichtungen dann zu er⸗ füllen. Im Interesse des Landmannes liegt es, mit beizutragen, daß diese Creditvereine auch auf dem Lande Eingang finden. Die ersten Anfänge werden ihre Schwierigkeiten haben, aber mit Um⸗ sicht und Ausdauer sind sie zu beseitigen und dem Landmann ist eine für ihn nützliche Anstalt gegründet.

Gießen. Von den zum 25 jährigen Regie⸗ rungs⸗Jubiläum des Großherzogs hier verliehenen und bis jetzt bekannt gewordenen Gnadenbe zeigungen scheint folgende die bemerkenswertheste: der Großherzog hat dem jetzigen Rector der Universität die hessische Ritterwürde(Orden) ver⸗ liehen, nicht nur zu seiner eigenen Anerkennung, sondern zur Ehre und Auszeichnung der Universttät. Man darf darin wohl eine Kundgebung der Re gierung gegen die von Darmstadt aus gegen die Universität ergangenen Verunglimpfungen sehen.

Berlin. In der Sitzung des Bundesraths vom 15. d. M. kam der am 4. Mai zu St. Peters⸗ burg unterzeichnete Freundschafts⸗, Handels- und Schifffartsvertrag mit Persien nebst dem am 1. Juni hier vollzogenen Additionalvertrag zur Vorlage.

16. Juni. Der Reichstag genehmigte heute die Uebereinkunft mit Frankreich wegen der Grenz Regulirung in dritter Lesung und nahm in desi⸗ nitiver Schlußabstimmung den Gesetzentwurf über

die Errichtung eines Reichs⸗Eisenbahnamtes an.

Der Gesetzentwurf über Einführung des nord- deutschen Genossenschastsgesetzes in Bayern wurde in erster und zweiter Berathung genehmigt. Der Gesetzentwurf über Einführung der Reichsverfassung in Elsaß Lothringen passirte die erste Lesung. Es folgte die Berathung des Nothpreßgesetzes. Der Vorschlag des Präsidenten, den Antrag Windt⸗ horst's auf ein Nothpreßgesetz(Aufhebung der Zeitungs⸗Cautionen) als Amendement zu dem andern von Windthorst eingebrachten Preßgesetz zu betrachten, rief eine lebhafte Debatte hervor, woran sich der Reichskanzler wiederholt betheiligte. Derselbe erklärte: Wenn der Reichstag auf Schluß der Session dränge, dürfe er aus eigener Initiative dicselbe nicht verlängern. Er scheue die Berathung ves Preßgesetzes nicht, halte sie aber wegen des Zeitmangels für unthunlich, ebenso wegen der schwebenden Berathung des Bundesraths über den preußischen Entwurf. Das Haus beschloß,

daß erst das Nothpreßgesetz und der andere Ent⸗

wurf nur eventuell zur Berathung kommen soll. 17. Juni. Der Reichstag hörte in seiner heutigen Sitzung zunächst einen Bericht über die Verwaltung des Schulden⸗Wesens des norddeutschen Bundes, resp. des deutschen Reiches an und er

theilte

die von dem Berichterstatter beantragte Decharge. Der Gesetzentwurf über die Einführung des Genossenschaftsgesetzes in Bayern wurde sodann

in dritter Lesung ohne Debatte genehmigt. Bei der darauf folgenden zweiten Berathung des Ge⸗ setzentwurfes über die Einführung der Reichsver⸗ fassung in Elsaß-Lothringen wurde ein Amende⸗ ment von Petersen angenommen, welches den Wahlausschluß Derjenigen beseitigt, die für Frank⸗ reich optirt haben, aber nicht ausgewandert sind. Ein Amendement von Reichensperger zu§. 8,

welches die Vorlegung eines Landesverfassungs⸗⸗

Gesetzes für Elsaß⸗ Lothringen für die nächste Reichstags⸗Sesfion verlangte, wurde nach längerer Debatte abgelehnt und der Paragraph in der Fassung der Regierung mit allen Stimmen gegen die des Centrums angenommen.

Es kann kaum noch einem Zweifel unter- liegen, daß auch die Münz und Bankfrage noch in dieser Session zur Lösung gelangen wird. Es ist die Absicht, Reichspapiergeld im Betrage von 120 Millionen Mark auszugeben, in Ab- schnitten von 5, 25 und 50 Mark, dagegen bis zum 1. Juli 1875 alles Papiergeld der einzelnen Staaten einzuziehen. Die 120 Millonen würden nach der Bevölkerungsziffer auf die Staaten ver theilt werden. Das Ganze beruht auf einem Compromiß, der natürlich nicht ohne Schwierig- keiten zu Stande gekommen ist und selbstverständ⸗ lich viele Angriffspunkte darbietet.

Königsberg. Unter den Bernstein⸗Tauchern

bei Brüsterort ist ein Strike ausgebrochen, wobei Widersetzlichkeiten und Demolirungen vorfielen. Die Intervention des Directors und der Gendarmen war unzureichend und ist daher eine Compagnie Militär von hier nach Brüsterort zur Wiederher⸗ stelluug der Ordnung abgegangen. Die Revolte der Bernsteintaucher in Brüsterort ist nach Eintreffen des Militär-Com- mandos sofort gestillt worden. 13 Rädelsführer wurden verhaftet. Wie man erfährt, haben die Ruhestörer Plünderungsversuche gemacht. Regie- rungsrath Molly ist zur Feststellung des That⸗ bestandes nach Brüsterort gereist.

Danzig. DerDanziger Zeitung zufolge sind von den auf der Weichsel bis zur Plehns dorfer Schleuße befindlichen polnischen Flößern an der Cholera erkrankt 19, verstoeben 17. Von den Bewohnern von dem eine Meile von Danzig am Ausfluß der Weichsel in die Ostsee gelegenen Neufähr sind bisher 3 erkrankt und ebensoviel verstorben. In Danzig selbst ist noch kein Er- krankungsfall vorgekommen.

Kassel. Wie denEvang. Bl. berichtet wird, war die am 5. d. M. in Frankfurt a. M.

abgehaltene Versammlung des Gesammtausschusses

der hessen⸗darmstädtischen Geistlichen von 80 Ver⸗ tretern aus Starkenburg, Rheinhessen und Ober- hessen besucht. Eine Eingabe an die zweite Kammer der hessischen Stände wegen Gehaltsaufbesserung für die Geistlichen wurde angenommen. 5

Wiesbaden. Die Auflösung des Redemp⸗ toristenklosters in Bornhofen ist nun, wie der Rh. C. schreibt, eine beschlossene Sache, und die Patres werden im kommenden Seplember wahr scheinlich in das Ausland ziehen. Der Bischof von Limburg gedenkt provisorisch nach Bornhofen Weltgeistliche zu berufen. 6

Straßburg. Der Kaiser hat nach der Str. Z., fünfzehn durch die französischen Ge⸗ richte gleichzeitig wegen militärischer und gemeiner Verbrechen verurtheilten und von der französischen Regierung ausgelieferten Elsaß-Lothringern den dest ihrer Strafzeit, sowie deren Straffolgen in Gnaden erlassen.

Mülhausen. Am 11. Juni wurden, wie dieN. Mülh. Zeitung meldet, die Redemp⸗ toristen⸗Klöster zu Lander und Niedesheim amtlich geschlossen.

Munchen. Es geht das Gerücht, General v. d. Tann wolle in Folge der kgl. Verfügung wegen des Truppenausmarsches bei der Fronleich⸗ nams⸗Prozession seine Entlassung geben. v. d. Tann hatte nämlich als Vorstand des General⸗Commando's München die vom König

annullirte Verfügung erlassen, wonach das Militär

General f

bei kirchlichen Feierlichkeiten künstig nicht meh mitzuwirken brauche. 44

Hamburg. Einem Telegramm der burger Börsenhalle aus Aden vom 15. d.

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zufolge waren dort Nachrichten aus Zanzibar von

6. d. M. eingegangen, nach denen die zwisch

England und dem Sultan von Zanzibar in d Sclavereifrage entstandenen Differenzen durch e

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abgeschlossenen Tractat ihre Erledigung gefunden

hatten. a Ausland. Schweiz. Bern. Nach dem Bunde, revistons Entschluß des Bundesrathes wäre da, Bund zu ermächtigen, Maßnahmen gegen ele Uebergriffe über die Grenzen des staailichen G bietes zu treffen und Anstände rechtlicher Natu, Donn betreffend die Trennung oder Neubildung 0 f 761 Religions Genossenschaften, ihm anheim zu stelleg bub DerThurgauer Ztg. zufolge sind die Kaisenn age Eugenie und der kaiserliche Prinz heute in Arenen 11 berg angekommen. 5 Belgien. Brüssel. Der Schah von Po). sien ist am 16. Juni eingetroffen. Der Kön jährl. und der Graf von Flandern waren auf dem Bahy hofe zum Empfange erschienen. 1 Holland. Haag. Die erste Kammer h die Vorlage, betreffend die Bewilligung eint Credits für die Expedition gegen Atschin, W Einstimmigkeit angenommen. Der Minister da Aeußern erklärte im Laufe der Debatte die Nach richt von der Einmischung der Türkei in 1 Atschin⸗Frage für unbegründet. 7 Spanien. Perpignan. Bei Prats d i Llusanes(in Catalonien) hat ein ernsthafter Kan, Petr zwischen Carlisten und Regierungstruppen statige funden. Der Bandenführer Miret schlug daß RegimentSavoyen und nahm eine Kanont la der Brigadier Compos eilte den Geschlagenen Obel Hülfe und bewahrte das Regiment vor Vernichtung 14. konnte jedoch das Geschütz nicht zurückgewinnen Rau Campos meldete 30 Todte und Verwundete. legen In Vich und Calaf(Provinz Barcelonaff 95.1 haben blutige Conflicte zwischen der Beraten. und den Freiwilligen, veranlaßt durch die Hal tung der Letzteren, stattgefunden. Die Einschließung bald von Manresa(ebendaselbst) ist von den CarlisteI 1 aufgehoben worden, nachdem denselben die ven langte Contribution ausgezahlt war. 5 2 Donaufürstenthümer. Bukarest., Karl reist am Donnerstag den 19. d. M. nac 0) Wien ab und wird sich alsdann von dort na. 0 Deutschland begeben. zu ers l 0 Aus Stadt und Land. 111.5 Friedberg. Am 16. Juni erhängte sich eine Dien, magd in Folge eines unglücklichen Liebesverhältnisse 9) Sie wurde jedoch noch zur rechten Zeit enideckt, abe schnitten, und nach einigen Bemühungen wieder zun Leben gebracht. 8 i biesun Friedberg. Am 16. Juni wurden dahier die sämmt sigen lichen Arbeiter einer Russensteinfabrik arretirt. Dieselben Mil sollen in der letzten Nacht in einer anderen Russenstein⸗ ili fabrik eingebrochen sein und einem daselbst schlafenden Frauenzimmer die Flechsen an den Beinen durchgeschnittel mitzu aben. 5 5 Friedberg, 18. Juni. Gestern feierte unsere Sta 5 in würdiger Weise das Regierungsjubiläum unseres 9 ou liebten Großherzogs. Morgens 5 Uhr verkündeten Bölley so ist schüsse und Glockengeläute den Anfang des freudigen Taget ½6 Uhr erlönten die Klänge einiger Choräle vom Thurm IN der Burgkirche, ausgeführt durch die Kapelle Schellhaath 9 U ½z10 Uhr sand in der Stadtkirche ein zablreich besuchee Skt Gollesdienst statt. Um 5 Uhr war Festtasel im Hol un Trapp bei welcher ebenfalls die obengenannte Kapill fed spielie. Die Stadt prangte im reichsten Fesischmucke. jun Bad Nauheim, 18. Juni. Auch hier wurde de 0 gestrige Tag feierlich begangen. Den zwei Morgen⸗ und 5 Mittagsconcerten folgte ein durch Toaste gewürzles Fesn licht mahl im neuen Kursaale. Herr Kröll yatte in bekanntes Weise für Küche und Keller gesorgt. Abends jedoch wal der Glanzpunkt des Festes. Die angezeigte Illuminaliol und der Fackelzug hallen Tausende von Menschen hierhet g. N gelockt. In der Parkstraße waren einige Häuser auf das S f Brüllanteste illuminirt. Vor der Terrasse hielt Herr Schul⸗ ta inspeklor Schaub die Festrede und setzte sich der A 0 alsdann nach dem Teich in Bewegung, woselbst eim e sowie ein kleines Feuerwerk den Tag würdil lun chloß. ungen Darmstadt, 17. Juni. Zur Feier des Regierung ubm Jubiläums des Großherzogs ist die Stadt im höchstel delegt Fesischmuck. Der deulsche Kronprinz, der Erzherzog Victoh Prinz Luitpold von Bayern und der Prinz Herman ste