Ausgabe 
26.3.1872
 
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Frankreich. Paris. Die Commission für den Postvertrag bat Auselnandersetzungen des Directors der Posten entgegengenommen; derselbe wies nach, daß es für Frankreich unmöglich sei, das bisherige in Betreff des internationalen Post⸗ verkehrs beobachtete System, nach welchem die für das Innere Frankreichs bestehenden Portosätze un- verkürzt letzterem zufielen, aufrecht zu erhalten. Der Director führte ferner aus, daß Deutschland bei dem neuen Abkommen weniger vereinnahmen würde, als Frankreich. Der Minister des Auswärtigen, Graf Rémusat, erklärte, daß man entweder den vorgeschlagenen Vertrag annehmen oder auf einen Postvertrag mit Deutschland ganz Verzicht leisten müsse. Die Mehrheit der Commission ist der Convention günstig geworden.

DasSidele sagt über die Universität Straßburg:Das Verzeichniß der Vorlesungen der neuen Universität liegt uns vor und mit ge preßtem Herzen haben wir es zu Ende gelesen. Schämen wir uns nicht, es einzugestehen, daß dieses Programm ausgezeichnet ist: Eigenschaft der Professoren, Zahl und Verschiedenheit der Vor lesungen, Alles ist da. Mit solchen Elementen, Professoren im kräftigsten Alter und gut bezahlt, einer Bibliothek, die jetzt schon beinahe 200,000 Bände zählt, kann man sicher das Zuströmen der deutschen Jugend nach Straßburg erwarten. Die Folgen sind vorauszusehen. Und wir, was thaten wir, was thun wir? Den alten Irrthümern treu, lassen wir Alles langsam nach dem Alten bestehen. Unsere armen Provinzial⸗Akademien verschmachten in der Dürre; Professoren ohne Studenten leben von einem Gehalte, welches den Rapyonchef eines Schnitt und Modewaaren⸗Geschäftes zu einem Achselzucken veranlassen würde. Wir haben in Frankreich keine einzige wissenschaftliche Anstalt, die einen Augenblick nur mit der neuen preußischen Universität von Straßburg verglichen werden könnte. Den Tod im Herzen, gestehen wir es ein, be sonders der allgemeinen Trägheit gegenüber, welche die isolirten Handlungen des guten Willens noch zu paralysiren scheint. Und doch ist eine der viel- fachen Ursachen unserer Niederlagen die wissen⸗ schaftliche Ueberlegenheit Deutschlaͤnds. Haben wir denn nicht zu befürchten, das so treue und uner schrockene Elsaß werde damit endigen, zwischen uns und unseren Siegern einen Vergleich nun anzustellen, der nicht zu unserem Vortheil gereichen wird? Wenn wir nichts seit den schrecklichen Er eignissen des letzten Jahres vergessen haben, haben wir denn nichts gelernt?

Der Marschall Bazaine ist zum letzten Male von dem Untersuchungsrath für die Capitu lationen vernommen und damit die Prüfung der Angelegenheit von Metz geschlossen worden. Wie über diese, so steht auch das Gutachten des Unter⸗ suchungsraths über die Capitulationen von Dieden hofen, La Före. Amiens(30. November) und Pfalzburg unmittelbar bevor.

Die Capitulations- Untersuchungs-Com- mission hat über den General Bourbali einen Tadel ausgesprochen, die von ihm befehligte Armee verlassen und eine Reise untervommen zu haben. Kaum hatte der General von diesem Beschlusse Kunde erhalten, als er(den modernen Dieciplin- begriffen in der französischen Armee entsprechend) einen in nichts weniger als gelassenen Ausdrücken abgefaßten Brief an den Commissions-Präsidenten Marschall Baraguay d'Hilliers richtete.

DerBien public sagt in Betreff der Gerüchte von Bündnissen auswärtiger Mächte: Nach verläßlichen Mittheilungen ist an diesen Ge rüchten nichts Wahres. Alle Mächte beobachten eine große Zurückhaltung und wünschen sehnlich die Aufrechthaltung des Friedens. Bündnisse setzen Projecte voraus, es besteht aber kein anderes Project, als das Bestreben, neue Verwicklungen zu vermeiden. Frankreich wird von Niemanden bedroht. Deutschland denkt nicht entfernt daran, sich in unsere inneren Angelegenheiten einzumischen. Eine einzige Thatsache ist richtig: nämlich die Gleichförmigkeit der politischen und religiösen Inte- ressen Preußens und Italiens. Die angebliche Zurückforderung Nizzas und Savoyens durch Italien wird von diesem laut dementirt.

Versailles. Als Bischof Dupanloup in

der Sitzung der Nationalversammlung seine Ab-

sicht kundgibt, in der Sache der katholischen Peti- tionen das Wort zu ergreifen, sagte Thiers, er müsse eine Berathung über die römische Frage gegenwärtig als unzeitig bezeichnen. Dieselbe würde weder den Interessen des päpstlichen Stuhles, noch denjenigen des Staates dienen. Er halte es für seine Pflicht, zu erklären, daß die Regie- rung, indem sie auf ihrer seitherigen Politik und ihren früheren Darlegungen in dieser Angelegen heit beharre, eine Berathung darüber zu vermeiden wünsche. Bischof Dupanloup gibt hierauf seine Zustimmung, in der Berathung der katholischen Petitionen eine neue Vertagung eintreten zu lassen.

Großbritannien. London. Von gut unterrichteter Seite verlautet die Rückantwort Lord Granville's auf die amerikanische Note halte die Zurückweisung des Anspruches auf Ersatz des in⸗ directen Schadens aufrecht und schlage vor, die beiderstitigen weiteren Prozeßschriften bei dem Schiedsgerichte in Genf einzureichen, ohne daß hierdurch die Stellung beider Theile in irgend einer Weise präjudieirt würde.

Italien. Rom. Ein Decret der Regie rung verordnet, daß die dem heiligen Stuhle zu gestandene fortdauernde Rente im Betrage von 3,225,000 Frs. mit Zinsgenuß vom 1. Jan. 1871 ab abgesondert ins große Schuldbuch einzutragen sei. Dieselbe ist von allen Abgaben frei.

Graf Arnim hat dem Papste sein Abbe rufungsschreiben überreicht.

Ein Artikel derItalie sagt, eine italie- nisch deutsche Allianz gegen Oesterreich wäre widersinnig; die Nachricht des Wiener Blattes Der Wanderer über den Abschluß einer solchen Allianz entbehre aller Merkmale der Wahrschein lichkeit.

R. Friedberg. Die von dem Club der Landwirthe zu Frankfurt am verflossenen Sonntag veranlaßte Ver⸗ sammlung auf dem Karber Sauerbrunnen war eine namentlich aus der dortigen Umgegend sehr zahlreich ve suchte und wurden die in Bezug auf die Tagesordnung Erbauungeineroder mehrerer Zuckerfabriken in der Wetterau und Cultur der Zuckerrübe gemachten Mittheilungen mit dem lebhaftesten Interesse aufgenommen und besprochen. Ebenss gab ein in der Mittwochsversammlung des Friedberger landwirthschaft lichen Casinos, welche nicht minder zahlreich besucht war, als die vom Sonntag am Katber Brunnen, über den Bau und die Cultur der Zuckerrübe gehaltener Vortrag Veranlassung zu einer mehrstündigen lebhaften Deballe über den Gegenstand der obigen Tagesordnung. In beiden Versammlungen wurden die Wichligkeit des Gegen standes und die immensen Vortheile, welche unserer Land wirthschaft aus dem Bau der Zückerrübe und unserer Gegend aus der Errichtung von Fabriken zu beren Ver arbeitung erwachsen würden, übereinstimmend anerkannt. Wenn auch über die Mittel und Wege zur Er⸗ reichung des Zieles der baldigen Einführung derselben die Meinungen auseinander gingen, so war man doch darin einig, daß es erstes und nothwendigstes Erforderniß set, dem Bau und der Cultur der Zückerrübe bei unsern Landwirihen Eingang zu verschaffen, das Interesse der selben dafür zu wecken und dieselben soviel wie möglich zum Anbau der Zuckerrübe, wenn auch vorerst nur ver⸗ suchs weise auf kleineren oder größeren Bodenflächen, zu veranlassen, um in jeder Gemarkung die zu diesem Anbau vorzugsweise geeigneten Lagen und Felder sowohl, als das in Bezug auf Cultur und Behandlung Ersorderliche durch eigene Erfahrung und Praxis kennen zu lernen. Eine besondere Commission wurde bestellt, um in geeig neter Weise mittelst Wort und Schrift Belehrung zu geben, durch Anregung und Aufmunterung das ange sirebie Ziel zu fördern, die Beschafsung des Saamens von guten Rübensorten und Abgabe besselben an die Landwirthe zu besorgen und überhaupt alles der Sache als dienlich und förderlich sich Erweisende zu thun und zu veranlassen. Wenn, wie zu hoffen steht, diese Be⸗ mühungen, dem Bau und der Cultur der Zuckerrübe bel unsern Landwirthen Eingang zu verschaffen, Erfolg baben wenn recht viele in jedem Orte mit einem kleinen oder größeren Versuche einen Anfang machen und wenn die erzielt werdenden Resultate, wie nach allen Voraus setzungen als sicher angenommen werden kann, günstig ausfallen, dann wird der zweite Schritt zu geschehen haben, nämlich zu ermitteln, ob überhaupt und wie weit eine Betheiligung an dem Bau und der Cultur der Zuckerrübe und in welcher Morgenzahl auf mehrere Jahre hinaus von Seiten unserer Landwüthschaft gesichert er scheint. Hiervon wird die Erreichung des Endzieles, Er⸗ nichtung einer oder mehrerer Zuckerfabriken abhängen, indem, um den Bestand und Vetrieb einer Zuckerfabrik zu ermöglichen, in deren Rayon mindestens 1000 Morgen alljährlich mit Zuckerrüben bebaut werden müssen,

und Offerten vorliegen, wonach, sobald 1000 Morgen für den Zuckerrübenbau gesichert erscheinen, sofort mit dem Bau einer Fabrik begonnen werden soll. Die Aus dehnung und Erweiterung über diese Morgenzahl hinaus aber wird eine unbegrenzte, ein Mangel an Absatz wegen Ueberproduction der Rüben darum niemals zu befürchten und deren Preis ein durch Verträge im Voraus fest normirter und für den Landwirth gesicherter sein.

A. Bad⸗Nauheim. Am 22. März, am Geburts⸗ tage des deuischen Kaisers, feierten in stillem Familien kreise der hiesige Ortsbürger, Veteran, pens. Forstwart Friedrich Horn und seine Ehefrau Regine geb. Häßler das seltene Fest ibrer goldnen Hochzeit, denn an diesem Tage waren sie vor 50 Jahren in hiesiger Kirche getraut worden. Sechs Kinder und 18 Enkel erfreuten das greise Paar mit Geschenken und Glückwünschen. Von Seiner Königlichen Hoheit dem Großherzoge und aus hiesiger Stadikasse wurde ihnen durch Hrn. Bürgermeister Schutt nach vorausgegangener kräftiger Ansprache eine Gabe zu Theil. Ebenso bedachten das Ehepaar viele Bewohner Naußeims, sowie die Betheiligten beim Fest⸗ essen, welches zu Ehren des Kaisers im alten Kursaale statifsand, mit namhaften Geschenken und Glückwünschen. Von einer kirchlichen Feier mußte Abstand genommen werden, weil die männliche Ehehälfte schon einige Zeit wegen körperlicher Leiden das Gotteshaus nicht besuchen konnte. Es erschien deßhalb der Geistliche. Herr Pfarrer Münch, Nachmittags im Hause des Jubelpaars und sprach nach geeigneten einleitenden Worten nochmals den göltlichen Segen über das hochbetagie Paar aus. In solenner Weise verlief das Fest und am Abend brachte der Gesangverein Frohsinn dem greisen Paar ein Ständchen.

S. Melbach. Die letzte Versammlung des land wirthschaftlichen Kränzchens der Orte Melbach, Soͤdel und Wölfersheim, welche Mittwoch den 13. d. Mts. im Lokale des Gastwirths Philippi dahier abgehalten wurde, war von etwa 70 Personen besucht. Diese zahlreiche Theilnahme beweist deutlich, wie sehr das Bedürfniß nach Belehrung über landwirthschaftliche Gegenstände im Kreise der Landwirthe von Tag zu Tag steigt. Wiederum wurde die Versammlung durch die Anwesenheit der Herren Dr. Vogel und Kreisassessor Haas erfreut. Der erste Gegenstand der Tagesordnung, die Saatkartoffeln, wurde eingeleitet durch einen Vortrag des Hrn. Bürger⸗ meister Reitz von Södel. Er hob hervor, daß zur Aussaat gesunde, ganze Kartoffeln von mittlerer Größe und mit wenigen Augen am meisten zu empfehlen seien. Wolle man Stücke nehmen, so sollten sie wenigstens von der ersorderlichen Dicke sein und wenige Augen haben. Zu kleine Kartoffeln, die nicht vollständig ousgewachsen seten, oder schlechte, unzureichende Stücke würden auch eine geringere Ernte liefern. Unbedingt nothwendig sei das Abwelken der Saal kartoffeln. Die zur Aussaat erforderlichen Kartoffeln scheide man darum im Januar bis Februar aus, lasse sie an der Sonne oder am Ofen abtrocknen, jedoch nicht zu sehr, verwahre sie hierauf an einem trockenen, luftigen Orte und schaufle sie bis zum Stecken öfters um.err Dr. Vogel erkläcte sich mit den Ausführungen des Referenten ganz einverstanden und legte in einem längeren höchst interessansen und belehrenden Vortrage die naturwissenschastlichen Gründe für die empfohlene Behandlung der Saalkartoffeln dar. Im Saatgut, nicht im Boden oder in der Luft, sei die erste Nahrung der jungen, sich entwickelnden Pflanze enthalten. Darum müsse man sehr darauf sehen, daß dasselbe von der erforderlichen Güte sei. Der zweite Gegenstand der Tagesordnung: Berathung der Statuten des Vorschuß⸗ und Ereditvereins für obengenannte drei Orte konnte diesmal noch nicht erledigt werden und wurde vertagt bis zur nächsten Versammlung, welche Sonntag den 7. April zu Södel statifinden wird.

Darmstadt. Alle in den Eisenbahnzügen befind⸗ lichen Postvbüreaus werden vom 1. April d. J. an einen Vorrath von Freimarken, Franco-Couveris und Corre⸗ spondenzkarten mit sich führen, um solche, im Falle eines Verlangens an die im Eisenbahnzuge oder auf dem Bahn⸗ hofe befindlichen Reisenden abzulassen. Der Verkauf findet unter den gewöhnlichen Bedingungen, wie bei jeder stabilen Postanstali stattl. Die Käufer wollen die zu entrichtenden Beiräge wo möglich abgezählt bereit halten, da bei der Kürze der Haltezeiten und den besonderen Verhälinissen in den ambulanlen Postbureaus ein Wechsel von Geld meistens nicht thunlich ist.

Aus Göttingen wird gemeldet, daß diese Stadt vor einigen Abenden die Freude hatte, zum ersten Male die neue Erfindung eines seiner Miltbürger, des Professors Dr. Klinkerfues, die yydrostatischen Selbstzünder, in Wirksamkeit zu sehen. Auf der längsten Straße Göl⸗ üngens, der Weender, waren bis weit vor dem Thore alle Straßenlaternen(etwa 40) während des Tages mit den neuen Zünd⸗Apparaten versehen worden. Es war in der That eln überraschender Anblick, als Punkt 5 Minuten vor halb 7 Uhr sich alle in unserem Gesichiskreise befind⸗ lichen Laternen mit einem Schlage entzündeten und fröh⸗ lich weiterbraunten. Noch effectvoller war es, als in der Nacht zur sestgesetzten Zeit in einem Augenblicke die Abend- laternen auslöschien, während die ebenfalls mit Apparaten versehenen Nachtlaternen lustig fortbrannten, ein Beweis, daß die verschiedene Dauer der Breunzeit kein Hinderniß ist.

Emmerich. Am Sonntag Abend verfehlte einer derfl.egenden Männer in Lent's schwimmendem Circus, als er einen Raum von 80 Fuß durchflog, sein Ziel und stürzte aus der Höhe auf das Netz und mit diesem zu Boden. Die Aufregung der Anwesenden war groß, als der kaum 22jährige Mensch als Leiche von der Stelle ge⸗ nagen wurde.