Ausgabe 
22.8.1872
 
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die des Art. 6 und auf Metalle, Korn, Mehl, trockene Gemüse, Flachs, Hanf, gewöhnliche Hölzer die des Art. 8.

Zum Prozeß Bazaine weiß derRappel zu melden, daß einer von den drei bereits er⸗ mittelten Courieren, welche Mac- Mahon am 23. Aug. mit der Anzeige, daß er gegen Norden marschire, an Bazaine expedirt hat, und welche den Letzteren glücklich erreicht haben, nämlich ein gewisser Flahaut, vor dem Kriege Polizei Agent in Longuyon, soeben dem Untersuchungsrichter General Revidre eine umfassende schriftliche Zeugen⸗ aussage habe zukommen lassen, in der er mit allen Einzelnheiten erzähle, wie er unter vielen Ge⸗ fahren die preußischen Linien passirt und den Marschall glücklich in Metz erreicht habe. Die Depesche, sagt er, sei auf ein kleines Stückchen Pergament geschrieben gewesen; dreimal habe er sie auf seiner gefährlichen Wanderung aus Furcht vor Entdeckung verschlingen und immer wieder mit Hülfe eines Brechmittels von sich geben müssen, ehe er sie endlich dem Marschall Bazaine über geben konnte. So erzählt derRappel, dessen Phantasie sehr lebhaft ist.

Dieser Tage wurde an dem wegen Deser- tion während des Kriegs zum Tode und zur mili⸗ tärischen Degradation verurtheilten, dann zu zehn⸗ jähriger Verbannung begnadigten Hauptmann der Mobilgarde Cerfbeer die Strafe der Degradation mit den vorschriftsmäßigen Förmlichkeiten vollzogen. Um 9 Uhr Morgens wurde Cerfbeer, in die Hauptmanns⸗Uniform gekleidet, aue dem Gefäng niß der Rue du Cherche- midi in geschlossenem Wagen unter Escorte nach dem großen Hofe der Ecole militaire geführt, wo mehrere Detachememts aller Waffen in einem weiten Vierecke Stellung genommen hatten. Vier Gendarmen geleiteten Cerfbeer in die Mitte dieses Quadrats; der Oberst, welcher die Truppen befehligte, trat vor ihn, ließ den Adjutanten das Uitheil verlesen und sprach dann die Worte:Im Namen des französischen Volkes, Cerfbeer, Sie sind nicht mehr würdig, die Waffen zu tragen und in den französischen Heeren zu dienen; wir degradiren Sie. Unter Trommelwirbel riß ein Unteroffizier dem Degra⸗ dirten die Tressen ab, worauf dieser längs der Front der Truppen vorübergehen mußte. Cerfbeer wurde von Gendarmen an die belgische Grenze gebracht.

DieKölnische Zeitung ist auf der Post zurückgehalten worden, wie derCourxier de France behauptet, wegen einesungezogenen Artikels gegen den Präsidenten der Republik.

Amerika. Newyork. Chicago, das vor neun und einem halben Monat fast gänzlich in Asche gelegt wurde, erhebt sich mit erstaunens⸗ werther Geschwindigkeit. Damals waren 98,500 Menschen ohne Wohnstätte. Von diesen hatten 74,500 in 13,300 Häusern gewohnt. Neuesten Berichten zufolge sind in jedem Theile der Stadt bereits neue Wohnungen für 70,000 Menschen hergestellt worden. In dem südlichen Stadttheile, wo die Hotels, Theater, Magazine und Läden sich befanden, und wo auf 460 Morgen 3,650 Häuser niederbrannten, sind nun sogar mehr Häuser auf gebaut, die die früheren an Schönheit, Werth und was das Wichtigste und Beste ist an Gediegenheit des Baues bei weitem übertreffen. Im Ganzen beträgt die wiederhergestellte Straßen- länge sechsundzwanzig Meilen. Trotzdem war in den ersten drei Monaten nach dem unglücklichen Brande nur wenig gethan worden, und auch im Winter konnte der Wiederaufbau nicht ganz so eifrig wie im Sommer betrieben werden. Die Chicago Times hofft, daß am 9. October, dem Jahrestage des Unglücks, der Welt das staunens- werthe Werk einer in einem Jahre aus ihren Ruinen erstandenen Stadt ein Denkmal ameri kanischer Energie und amerikanischen Unternehmungs- geistes werde gezeigt werden können. Das neue Chicago wird, wie das gewöhnlich bei wieder aufgebauten Städten der Fall ist, das alte Chi⸗ cago in mancher Beziehung übertreffen. Anzuer- kennen ist, daß, trotz der Arbeiterbewegungen überall in Amerika und Europa, die Arbeiter in Chicago

unter keinem Vorwande zu einer Arbeitseinstellung

geschritten sind. Im Uebrigen hat auch der Handel der Stadt keineswegs gelitten, und wie sehr sich die ärmeren Klassen des Wohlstandes mit erfreuen, gebt daraus hervor, daß die Sparkassen- einlagen seit dem letzten April 2,000,000 Doll. betragen. Der diesjährige Adreßkalender ent- hält 130,000 Namen, 20,000 mehr als im vorigen Jahre.

Aus Kreisen, welche der Regierung nahe stehen, verlautet, daß das Genfer Schiedsgericht, seit dem Ausschluß der indirecten Ansprüche, meist Entscheidungen getroffen habe, welche Amerika günstig sind. Mehrere Anspeüche sind bereits ziffer⸗ mäßig festgestelt. Die ganze Entschädigungesumme ergibt voraussichtlich einen hoben Betrag.

Frankfurt. Ueber dem dies maligen Wettrennen schwebte am ersten Tage ein gewisser Unstern; der Be such war nur ein mäßiger, die Damenwelt nur sparsam vertreten und dazu kamen schließlich noch verschiedene Un glücksfälle. Bei dem großen Frankfurter Steeple⸗Chase wurden nicht weniger als 5 abgeworfen, darunter auch ein Herr Baltarczy aus Ungarn, leider so unglücklich, er schwerverletzt und bewußtlos auf einer Bahre vom Rennplatz hinweggetragen werden mußte. Zwischen dem ersten und zweiten Renniage herrschte jedoch ein gewaltiger Unterschied. Was man am Samstag vermißte, war in hohem Maße vorhanden: Ein reicher Damenflor in schönster Toilette und ein äußerst zahlreiches Publikum. Auch die Rennen gingen ohne irgend einen nennenswerthen Un glücksfall von Statten, und unterschieden sich von den früberen durch die große Zahl der gestarteten Pferde. Ein gleich günstiger Verlauf wird in Bezug auf den dritten Tag gemeldet.

Frankfurt. Ueber die Entweichung des Raubmör⸗ ders Völker erfährt man, daß es demselben am Abend des 16., nachdem er sich für die Nacht Wasser im Hofe geholt hatte, gelungen ist, seinen Aufseher, welcher miuler weile auch in andern Slockwerken die Zellen der Ge⸗ fangenen nachgesehen und verschlossen hatte, zu läuschen, indem Völker sich mit seinem Wasserkrug zwar in seine Zelle begab, dort aber rasch sein Lein tuch und seine Kleidungs stücke an sich nahm, die Zelle verließ und die Zellenthüre ordnungsmäßig verschloß, was um so leichter war, als dieselbe von außen und zwar mittelst eines ftarken runden Riegels mit Fallschloß verschließbar ist. Nach Verschluß der Thüce versteckte er sich auf dem Dachboden, von welchem aus er über das Dach und über eine schmale Mauer, welche nach der Straße zu den engen Gang zwischen der hinteren Front der alten und der Hofmauer des Waisenhauses verbindet, auf letztere gelangte, sich da- rauf in den Hof des Waisenhauses herabließ und durch denselben entfernte. Der zurückkehrende Aufseher fand die Zelle Völkers bereits verschlossen, worauf er sich entfernte, weil er den Gefangenen in derselben wähnte, annehmend, ein anderer Aufseher habe denselben in die Zelle gebracht und diese verschlossen. Bei der Flucht kam Völker noch

besonders der Umstand zu siatten, daß die Dragoner kürz⸗

lich Frankfurt verlassen haben und deßhalb keine Wache im Hofe des Waisenhauses ihn aufhalten konnte. Gegen den Aufseher ist die Untersuchung wegen fayrlässigen Ent⸗ weichenlassen eines Gefangenen eingeleitet.

In Hofheim, Kr. Heppenheim, wurden während der letzten 14 Tage 150000 Stück Mäuse geliefert und werden deren täglich immer noch 15 20000 Stück eingebracht. Von der Bürgermeisterei wurde anfangs für das Sfück ½ kt. und jetzt ½ U kr. bezahlt. Hamster werden täglich 30 40 eingeliefert und dafür per Stück 3 kr. vergütet. Trotz dieser massenhaften Tödtung ist eine eigentliche Ab⸗ nahme dteses Ungeziefers fast nicht zu bemerken; die Cala⸗ mität ist aber um so größer, als sich die Mäuse von den geleerten Fruchtfeldern nunmehr in die Kartoffel- und Rübenäcker gezogen haben und daselbst ihr verderbliches Treiben fortsetzen.

Worms. In der Wormser Ztg. lesen wir: Am Donnerstag Abend bestiegen in Mannheim 3 Knaben einen Kahn der dortigen Schl ppgesellschafl, um im dortigen Hafen herumzufahren. Unvorsichtigerweise geriethen die⸗ selben in den Rhein, und des Ruderns nicht besonders mächtig, wurden sie durch die Strömung abwärts geführt. Hülflos auf dem Strome hin und hertreibend, kamen sie nach 24 Stunden in dem Altrhein oberhalb Worms an und gelangten von dort hierher, wo sie von Schiffern mit Speise und Trank eiquickt und ihren besorgten Ellern, welche die Vermißten schon Vormittags hier gesucht hatten, per Dampfboot wieder geschickt wurden.

Baden. DasBadeblatt bringt folgendes Pro gramm für das nächste Jahr:1873 Baden-Baden. Heil⸗ anstalten, Thermalbäder. Molkenanstalt, russische Dampf- äder. Trinkhalle für Mineralwasser aller bedeutenden Heilquellen. Die Säle des Konversalioushauses, Lesckabinet mit in- und ausländischen Zeitungen, Restaurationslok ali läten, während des ganzen Jahres geöffnet. Konzerte, Bälle, Reunions in den Räumen des Konversattonshauses. Konzerte des Kurorchesters während der Sommermonate Morgens, Mittags und Abends im Kiosk, im Winter Abends in den Sälen. Konzerte der Militärmusiken. Oper⸗ und Schauspielvorstellungen des großherzoglichen Hofthegters in Karlsruhe in den Sommer- und Winter⸗ monaten. Extraconzerte hervorragender Künstler und Extravorstellungen im Theater. Jagden und Fischerei. Vom 1. November 1872 an bleiben die Säle des Kon versationshauses, sowie die Restaurationslocalitäten geöff

net und finden Konzerte, Theaterrorstellungen ꝛc. in oben angegebener Weise statt. Baden-Baden, den 14. August 1872. Das Kur⸗Comits. 1 5 Taets von Amerongen k. k. Major a. D. Gaus, 5

Gemeinderath und Bankier.

7. September nach Schluß der Galla⸗Oper, ein großer Zapfenstreich der vereinigten Spielleute und Militär⸗ Musikchöre des Garde-Corps stattfinden soll. An biesem Monstrezapfenstreich werden 22 Musikcorps mit etwa 725 Musikern und ungefähr 350 Spielleute theilnehmen. Berlin. Ein früher Herbst steht, so welt das Wandern der Zugvögel als zuverlässiges Zeichen ange⸗ sehen werden kann, in diesem Jahre zu erwarten. Große Abflüge von Zugvögeln haben in der Umgebung von Berlin bereits am letzten Samstag und Sonntag stalige⸗ funden. Am 15. zwischen 4 und 5 Uhr Nachmittags

südwärts. Auf den Wiesen bei Trebbin und Herzberg haften sich Tausende von Störchen und bei Großbeeren eine Schaar unzähliger Staare eingefunden, welche sämmt⸗ lich am Samstag Nachmittag ihre Reise nach dem Süden antraten. Die ausnahmsweise kühle Witterung, welche nun schon seit 14 Tagen eingetreten ist, dürfte wohl mit dazu beigetragen haben, daß die gefiederten Wanderer so zeitig ihre Reise angetreten haben.

Paris. An der Pariser Akademie der Wissenschaften befindet sich ein Regenmesser. Er weist nach, daß das Jahr 1872 bis jetzt das regnerischeste des ganzen Jahr⸗ hunderts gewesen.

[I Zur Verschönerung Friedbergs

e das Eine und das Andere noch geschehen.

Um im Osten zu beginnen, wünschen wir, daß hier das bekannte Hinderniß nicht mehr ein solches sein möge für ebenso schöne Anlagen, wie sie auf der anderen Seite des Burgberges den Natur freund überraschen. Hier gelangen wir in einer prachtvollen Straßenallee, dort, amUserberg, aber zwischen Gestrüpp und Trümmerhaufen in die Stadt.

Die Ludwigsstraßeeine breite Gasse ist. Schon vor Jahren machte ein Sachverstäudiger den Vorschlag, die Bäumreihe längs der Fahr⸗ straße am Landgerichtsplatze nördlich bis an die Burg und südlich bis an's Rentamtsgebäude fort⸗ zusetzen. In Darmstadt wird für die dortigen breiten Straßen Aehnliches projectirt.

Bei dieser Ausstattung der schönen breiten Lud⸗ wigsstraße möchten wir freilich noch viel weniger als jetzt die Marktschweine darin ihr concertirendes, ver⸗ unreinigendes, den Verkehr störendes Wesen treiben sehen. Mit allen seinen Folgen bildet dieser Markt auf der breiten Straße eine sehr unberechtigte, weil unliebsame Eigenthümlichkeit Friedbergs. Es fallen indessen so viele, durch Verjährung wirklich berechtigte, minder häßliche aber unzeitgemäße Eigen- thümlichkeiten, daß auch die erwähnte zu über⸗ winden sein dürfte. Wir kennen in Oberhessen ein kleines Landstädtchen, welches sehr bedeutende Vieh- und namentlich renommirte Schweinemärkte abhält, aber außerhalb seiner Mauern, mindestens 10 Minuten entfernt, einen Marktplatz fürs Vieh hergerichtet und diesen mit schattigen Linden be pflanzt hat. Aehnlich möge es in Friedberg werden.

Wie wir hörten, beabsichtigen die Landwirthe hinsichtlich des Friedberger Schweinemarktes eine Agitation hervorzurufen, nicht nur für einen Platz außerhalb der Stadt, sondern auch für Aufhebung des Standgeldes. Auch in letzterer Beziehung stimmen wir den Landwirthen bei, weil die Markt- Abgaben, lästig und wenig Reinertrag gewährend, im Widerspruch steben mit unseren freien, schranken · losen, in allen Beziehungen erleichterten Verkehrs- verhältnissen. Aber die Communalsteuer! D'rauf in Gottes Namen! Der 100 fl. Standgeld wegen wird Friedberg nicht bei seinen alten Schweine markts- Eigenthümlichkeiten und Berechtigungen bleiben wollen. Allein wo finden wir einen passen⸗ den Platz für den Schweinemarkt? Diese Frage hat freilich ihre schwer wiegenden Bedenken. Viel⸗ leicht sind die Flächen an beiden Seiten des Neu- thors(der Ockstädter Gasse), nach einiger Her⸗ richtung, geeignet. Schattige Bäume sind daselbst vorhanden, Wasser und die Stadt ganz nahe.

Nachdem uns die vorstehenden, wohlgemeinten Vorschläge an den Seegraben geführt, möchten wir constatiren, daß dieser unserer Stadt auch keine Ehre macht; im Gegentheil! er bringt Fried berg in einen recht üblen Geruch, ja selbst in

ürgermeister. F. C. Jörger, Berlin. Kaiser Wilhelm hat den Befehl nach Berlin

gegeben, daß während der Anwesenheit der Kaiser von Rußland und von Oesterreich, und zwar am Abend des

flog eine große Schaar von Störchen über Berlin hinweg 5

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