Ausgabe 
21.11.1872
 
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nung tragen.

dem Referate der Oberbaudirection. Es ist bereits ein Ausschreiben in Bezug auf das Engagement einer Kur⸗ kapelle ergangen und werden die drei Restaurationen im linken Flügel des Kurhauses, dem alten Kurhaus und dem Teichhaus in Kürze verpachtet werden, während sich die Badedirection den großen und den oberen Saal und die Räume im rechten Flügel des Kurhauses reserviren wird, um daselbst Lese⸗, Conversations⸗, Spiel⸗ und Musiksäle einzurichten. Es ist ferner in Aussicht ge⸗ nommen, während der Saison vom 1. Mai bis 1. Oct. durch ein Theater, Concerte, Bälle, Rounions und Vor siellungen hervorragender Künstler für die Unterhaltung der Badegäste in ausgedehntester Weise zu sorgen. Für das Kurhaus muß ein geeigneter Wirth gefunden werden, so daß die Restaurationslocalitäten und Unterhaltungssäle auch im Winter geöffnet bleiben können. In Bezug auf die Unterhaltung der Anlagen ist noch keine Entscheidung getroffen, während für Neuanlagen, besonders der Jo⸗ bannisberg, Nauheimer Wald und der Teich vorgesehen sind. Unser Kurverein wird die Badedirection nach jeder Richtung hin unterstützen und wird diese den Vorschlägen des Rurvereins, welche direct vorgelegt werden, alle Rech Es möchte somit die Zukunft unserer Badestadt gesichert sein und Nauheim, das in seinem Soolsprudel ein Naturwunder besitzt, wie die ganze Welt kein zweites aufzuweisen hat, wird die hervorragende Stelle unter allen Bädern einnehmen, die ihm längst gebührt.

Aus Dornholzhausen bei Homburg, bekanntlich eine französische Colonie aus der Zeit der Hugenottenver- folgungen, wie Friedrichsdorf, wo man sich noch heute der französischen Sprache bedient, wird ein interessanter Vor⸗ gang gemeldet. Vor Kurzem wollte nämlich die Gemeinde ihren in dem letzten Kriege gefallenen Angehörigen einen Denksteln setzen lassen, aber der erst vor Kurzem aus Frankreich verschriebene Geistliche weigerte sich, die Fest rede zu halten. Die Gemeinde wußte jedoch sofort Rath, indem sie einen Geistlichen aus Frankfurt kommen ließ, und so hat denn die Einweihung des Denksteins kürzlich statlgefunden. Der bisherige französische Pfarrer wird nun wohl nach Frankteich zurückkehren.

Mainz. Anfang voriger Woche entwich aus der hie⸗ sigen Citadelle ein Sträfling unter ganz merkwürdigen Umständen. Derselbe ein Mainzer von Geburt, befand sich wegen eines Vergehens noch in Untersuchungshaft, die jedoch mit längerer Festungsstrase schließen mußte. Er beschloß dem Urtheil zu entgehen. Als er aufgenommen wurde, hatte er über Zahnweh geklagt und in einem hohlen Zahne hatte er Watte. Wie es sich jetzt heraus stellte, so war unter derselben eine feine Laubsäge ver borgen, mit deren Hülfe er nach und nach die eisernen Stangen seines Fensters durchsägte. Das erste Lokal, in dem er sich befunden hatte, schien ihm nicht günstig zur Flucht, er meldete sich deshalb krank und gab an, daß er mit einem Bruche behaftet sei, so daß er mit einem Bruch bande versehen ward und in ein anderes Gemach verbracht wurde. Aus dem Bruchbande nahm er die beiden Federn beraus und denutzte sie, um rings um die Eisenstangen den Mörtel loszukratzen, bis er den ganzen Rahmen herausnehmen konnte; nun hatte er aber noch ein dickes Drahtgitter zu zerbrechen, er that dies mit übermensch⸗ licher Anstrengung, denn das Gitter war über und über blutig von seinen Händen. Einen eisernen Griff hatte er schon an der Wand seiner Zelle herausgebrochen, diesen stemmte er nun zwischen zwei noch feste Eisenstangen und arbeitete sich nun durch die nur 7 Zoll große Oeffnung hindurch, dann besestigte er seinen in Streisen geschnittenen Teppich an dem Eisen und ließ sich daran herunter in den Krystallgraben. Dort muß er zu Boden gekommen sein. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, des Entflohenen habbaft zu werden.

Wien. Zu einem Hausherrn in Wien kam dieser Tage ein Herr, um eine Wohnung zu miethen.Haben Sie Kinder? fragte der Hausherr.Die sind draußen auf dem Friedhof! sagte der Herr mit einem schmerzlichen Seufzer. Nach dieser Auskunft wurde der Contract ge schlossen. Wie groß war aber das Erstaunen des Haus herrn, als der Miether mit nicht weniger als vier Kindern erschlen, um einzuziehen.Was soll das heißen, schrie ihm der Hauspascha zu,sagten Sie mir nicht, daß ihre Kinder todt seien?Da müssen Sie schlecht gehört haben, erwiederte der Miether, ich sagte, sie wären auf dem Friedhofe. Es war gerade Allerheiligen, und da besuchten ste das Grab ihres verstorbenen Onkels.

Köln. Nach derKöln. Zig. hat sich am 16. d. auf der Köln⸗Gießener Eisenbahn ein bedauerliches Unglück ereignet. Mehrere Wagen eines Güterzuges lösten sich bei Herdorf, an einer Stelle, wo die Steigung sehr be deutend ist, von dem Zuge ab und rollten mit wachsender Geschwindigkeit von der Höhe hinab auf einen zweiten, in derselben Richtung fahrenden Güterzug. Der Zusammen stoß war so heftig, daß die Wagen in Trümmer gingen. Von dem begleitenden Personal blieb der Hetzer des nach folgenden Zuges auf der Stelle todt. Fünf andere Leute er litten schwe re, die Uebrigen weniger bedenkliche Verletzungen.

Verloosung.

Ansbach, 15. Nov. Bei der heutigen Serienziehung des Ansbach-Gunzenhausener Eisenbahn-Anlehens sind die nachstebenden Nummern gezogen worden: 15, 33, 53, 148, 173, 276, 351, 415, 573, 634, 864, 868, 982, 1131, 1186, 1310, 162, 1646, 1668, 1681, 1968, 2205, 2357, 2487, 2872, 3152, 3181, 3305, 3330, 3378, 3442, 3496, 3621, 3839, 3862, 3891, 3967, 4065, 4072, 4216, 4359, 4515, 4525, 4615, 4632 4861.

Ungarische Prämienscheine. Ziebung am 15. Nov.

Haupfpreise: Serie 4347 Ne, 34 200,000 fl. Serie 3029 Nr. 44 20000 fl., Serie 3808 Nr. 94 5000 fl.

DieDachauer Banken in München.

Von der ganzen großen Gruppe der Schwindel⸗ Institute, welche unter dem TitelDachauer Banken durch das Versprechen hoher Zinsen den minder bemittelten Klassen ihr Geld abzulocken suchen, ist eigentlich nur diejenige interessant, welche als Musterinstitut der anderen anzusehen ist, die Bank des Fräuleins Adele Spitzeder. Dieses Fräulein Adele Spitzeder, früher eine mittelmäßige Schauspielerin, soll von jeher für Darlehnsge schäste eine besondere Fähigkeit bewiesen haben. Im Laufe dieser Geschäfte nun bildete sich nach und nach die Praxis aus, welche vorzugsweise den großen Zulauf, den ihre nachherige Bank hatte, verursachte. Sie gewährte ungeheuere Zinsen und zahlte diese Zinsen im Momente, wo bei ihr das Geld angelegt wurde, gleich baar aus. Zu einer Zeit, wo man in München zu pCt. jährlich überall Hypotheken haben konnte, wo jede Bank nur 5 pCt. p. a. rechnete, gab die Spitzeder 10 pCt. monatlich. Brachte ihr jemand 100 fl. auf 1 Jahr, so zahlte sie gleich von vorn herein 30 fl.= 10 pCt. Zinsen auf drei Monate im Voraus. Nach Verlauf von drei Monaten zahlte sie abermals 30 fl., nach einem Jahre hatte also der glückliche Darleiher an Zinsen schon 120 fl. zurückempfangen und war außerdem noch im Be- sitz eines Wechsels des Fräuleins Adele Spitzeder, welche Wechsel bisher noch immer prompt honorirt wurden. Der ganze Schwindel hätte nun wohl kaum jemals diese ungeheuere Ausdehnung ange nommen, welche ein Zusammenbrechen desselben geradezu als eine Landescalamität erscheinen läßt, wenn nicht Fräulein Spitzeder auf wahrhaft geniale Weise es verstanden hätte, für sich und ibr Ge⸗ schäst Reclame zu machen. Daß sie selbst eine Zeitung gründete, außerdem zwei andere Tages- blätter kaufte und sich in diesen auf wahrhaft un- anständige Weise beweihräuchern ließ fast jede Nummer dieser Schmutzblätter brachte erbärmliche Gedichte an diegütige Fee, an dieMutter der Armen u. s. w. ist wenig bemerkens⸗ werth, das haben auch schon andere vor ihr ge konnt; interessant ist aber in hohem Grade die Schlauheit, mit der ste es verstanden, sich die Sympathien des Ultramontanismus zu sichern. Die ultramontane Partei wurde von der schlauen Schauspielerin zuerst durch bedeutende Summen, die sie für Kirchenbauten, für Errichtung von katholischen Gesellenhäusern und wahrscheinlich auch für die Förderung ultramontaner Zeitungen aus- gab, gewonnen. Außerdem hatte sie einzelne Mit- glieder der Geistlichkeit an der Hand, welche den Ruf ihrer Frömmigkeit verbreiten mußten; sie selbst trug stets, selbst vor Gericht und im Theater, ein goldenes Kreuz auf der Brust, das einen halben Schuh groß ist, sie machte Wallfahrten nach Alt- Oetting und anderen heiligen Stellen, in jedem ihrer Zimmer war ein riesengroßes Crueifix kurzum alles das war brillant arrangirt. Die genialste Reclame war jedoch die Errichtung der erstenMünchener Volksküche. Fräulein Spitzeder kaufte eine altrenommirte Wirthschaft in der Nähe des Hofbrauhauses und richtete dieselbe zu einer Volksküche, d. h. zu einer offenen Wirthschaft ein, in welcher für jeden Tag feststehende Speisen zu fabelhaft billigen Preisen abgegeben wurden. Man hat ihr nachgerechnet, daß sie täglich 60 bis 100 Gulden bei ihrer Volksküche zusetzte, allein was that das, so lange sie täglich noch 15 bis 20,000 Gulden einnahm? Die längst erwartete Katastrophe ist eingetreten; die echte und eigent liche Dachauer Bank ist am 12. d. M. von der Polizeimannschaft und Militär besetzt, und die be reits begonnene straͤfrechtliche Untersuchung wird ohne Zweifel den Schleier von ihrem in vieler Hinsicht noch immer geheimnißvollen Geschäfts- betrieb nehmen. Trotz des dichten Schneegestöbers waren die Schönfeldstraße und ihre Umgebungen gefüllt von einer theils neugierigen, theils ver zwelfelnden Zuschauermenge, welche jedoch von der bewaffneten Macht in respectabler Ferne gehalten wurde. So sehr auch die bei dem herannahenden Winter doppelt fühlbare Bedrängniß der Tausende lͤichtgläubiger und unwissender Opfer zu bedauern sein mag, so wird doch die ganze so unrühmliche

Angelegenheit gewiß die eine gute Folge haben:

daß sie München hoffentlich von einem Theile der

ultramontanen Schmutzpresse befreit, deren Ge⸗

bahren in diesen Tagen alles erlaubte Maß über⸗ schritt und nur durch den Muth der Verzweiflung erklärt werden kann. Mit der Vernehmung der, wie man hört, sehr bestürzten Geschäftsinhaberin ging die Consignation der Kasse ꝛc. Hand in Hand, während auch dieAngestellten und Be⸗ diensteten der Dame consignirt wurden. Abends 7 Uhr wurde Letzteren, bei 40 an der Zahl, er öffnet, daß sie sich ungehindert bewegen könnten, was für die Ratten das Signal war, dasSchiff zu verlassen. Bald darauf war die summarische Inventarisation geschlossen, zugleich wurde aber auch die Sicherheitshaft über Fräulein Adele ver hängt. Selbstrerständlich nahmen alle diese Vor kehrungen viel Zeit in Anspruch, und so ist denn erst Nachte 1 Uhr die Ueberführung der Dame in das Gefängniß an der Badstraße erfolgt. Ueber den Stand des Geschäftes erfährt man, daß von einer Buchführung im kaufmännischen Sinne nicht die Rede war, und daß die geführten Einschreibungen sich nicht über das Niveau des Marktzettels der Köchin ergeben. Der Activstand an Baarem (etwa 70,000 Gulden), Obligationen aller Art, Juwelen und Immobilien(16 größere und kleinere Häuser) wird 900,000 Gulden nicht übersteigen, wogegen man jetzt schon von Passiven im Betrag von 8 9 Mill. fl. spricht. Umfang und Tragweite dieser Monstre-Untersuchung, von welcher das Per- sonal nicht unberührt bleiben wird, läßt sich noch gar nicht absehen. Daß viele schmutzige Wäsche hierbei zum Vorschein kommt, das ist sicher und es geht jetzt schon Allerhand von Mund zu Mund. Der mit dem Geschick der Dachauer Banken zu⸗ sammenhängende, unter eigenthümlichen Umständen erfolgte Rücktritt des Redacteurs desSüddeutschen Telegraphen von der Leitung dieses Blattes er regt auch außerhalb der journalistischen Kreise peinliches Aufsehen. Die Spitzeder, welche den Werth der Presse recht gut zu würdigen wußte, hat es verstanden, einen Theil derselben sich dienst⸗ bar zu machen; die Einen schwiegen consequent, die Andern vertheidigten und besangen sie. Das erste Opfer dieser feilen Käuflichkeit ist gefallen, die Schraube ist gelockert und Andere werden nachfolgen in der Reihe Derjenigen, welche der Münchener Journalistik das Brandmal der Käuf lichkeit aufdrückten. Es wird da eine Fäulniß ans Tageslicht gezogen werden, welche auswärts nicht geahnt, in eingeweihten Kreisen hier aber schon längst besprochen und deren schließlich un⸗ vermeidliche Bloslegung längst gefürchtet wurde.

Eingesandt.

Wie sehr die Wissenschaft fortschreitet, ersieht man wohl am deutlichsten aus der Sicherheit, mit welcher Herr Dr. Olschowsky in Breslau eine heute noch vielfach für unheilbar gehaltene Krankheit, die Epilepsie, heilt, so daß sehr Viele die überall vergeblich Hülfe gesucht, durch seine Behandlung in kurzer Zeit in den Vollbesitz ihrer Gesundheit gelangt sind. Da Herr Dr. Olschowoky außer⸗ dem für den Erfolg seiner sehr angenehm zu nehmenden Mittel garantirt, sogar das eingezahlte geringe Honorar zurückzahlt, wenn kein Ersolg zu erzielen ist was allerdings bis jetzt noch nie vorgekommen ist, so tritt hier der gewiß seltene Fall ein, daß Arzt und Patient gleiches Interesse an schneller Heilung haben. Und in der That sie tritt stets ein.

D. Frankfurt a. M., 19. Nov. Die Unsicherheit der Geldverhälinisse machen es der Speeculation nicht möglich ihre Haussedispositiou zu behaupten. Wien und Berlin sandten heute matte Course, letzteres hauptsächlich auf Grund des herannahenden Ultimo, der von weiteren größeren Engagements zurückhtelt und auf die Course abbröckelnd einwirkt. Auch von Paris wurden flaue Course gemeldet. Die Nachrichten aus der Nationalver⸗ sammlung, welche in Folge der Interpellation Changarniers in Betreff der Gambetta'schen Agitationsreden der Re⸗ gierung nur ein Vertrauensvotum mit schwacher Majorität ertheilte, lauten beunruhigend. Thiers will heute ein neues Vertrauensvotum fordern, was zu stürmischen Debatten zwischen den Parteien der Versammlung Veranlassung geben dürfte. Die Befürchtungen, welche man in Er⸗

wartung heftiger Parteskämpfe hegt, in Verbindung mit dem neuerdings wieder ungünstigeren Stand des Geld- marktles in Wien und Berlin mag auf die Tendenz der dortigen Börsen entmuthigend eingewirkt haben und be⸗ obachtete auch die hiesige Börse heute im Allgemeinen eine matle, schwankende Haltung, die indeß gegen Schluß sich etwas besestigte.

Staatsbahn und Creditactien be⸗