Ausgabe 
21.11.1872
 
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Arg und Base

1872.

Donnerstag den 21. November.

M 137.

Oberhessischer Anzeiger.

Enthält die amtlichen Erlasse für den Kreis Friedberg.

Friedberger Intelligenzblatt.

Erscheint jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag.

Deutsches Reich.

Darmstadt. In der am verflossenen Sonn- tag stattgefundenen Delegirten-Versammlung der vereinigten Arbeiterparteien waren Mainz, Worms, Offenbach, Isenburg, Erbach, Michelstadt und Heppenheim vertreten. Dieselbe war ziemlich stürmisch. Mainz(Leyendecker) beantragte Wahl- enthaltung. Dem trat jedoch insbesondere der Ver- treter von Worms(Schäfer) entgegen. Man be; schloß wo möglich Aufstellung geeigneter Candidaten, jedoch mit Protest gegen das indirecte Wahlrecht.

DemFr. J. wird von hier gemeldet: Die bevorstehende Landtagswahlbewegung scheint in unserer Stadt einen sehr ruhigen Verlauf nehmen zu wollen, nachdem Hofgerichts⸗Advocat Ohly eine Wahl im Voraus abgelehnt und die Candidatur des Hofgerichts⸗ Advocaten Karl Johann Hoff mann II. die Billigung von Mitgliedern der Re- gierung gefunden haben soll. Dafür hat die national ⸗liberale Partei den seitherigen conserva

tiven Abpeordneten Fink in ihren Wahlvorschlag

aufgenommen.

Der Landgerichts-Assessor bei dem Land- gericht Ortenberg und Richter bei dem Bezirks- strafgericht daselbst Carl Müller ist auf sein Nachsuchen in den Ruhestand versetzt worden.

S. K. H. der Großherzog hat dem Local gewerbverein zu Worms in Anerkennung der von demselben im September d. J. veranstalteten Local; Gewerbe- Ausstellung eine große filberne Medaille mit dem Biloniß S. K. H. und einer die Ver⸗ anlassung bezeichnenden Inschrift zustellen lassen und zugleich durch die Gr. Centralstelle für die Gewerbe dem Local-Gewerbverein zu Worms seine Anerkennung und Befriedigung wegen der durch die Ausstellungs-Commission getroffenen Veranstal⸗ tungen und wegen der Fortschritte und Leistungen der Wormser Industrie ausdrücken lassen.

Das hiesige Bezirksstrafgericht hat am 18. d. das inzwischen erlassene Urtheil in der Anklage gegen Alois Bauer, Redakteur des Starken⸗ burger Boten, wegen Herabwürdigung der israeli⸗ tischen Religion verkündigt. Der Gerichtshof er- achtete den Beschuldigten des angeklagten Ver⸗ gehens für überführt und verurtheilte denselben in eine Gefängnißstrafe von 8 Tagen. Zugleich wurde auf Vernichtung der betreffenden Nummer des Starkenburger Boten erkannt.

Berlin. Fürst Bismarck ist von seinem jüngsten Unwohlsein völlig wiederhergestellt und konnte be reits wieder das Zimmer verlassen.

DemD. Wochenbl. zufolge werden in Rio de Janeiro Verhandlungen über einen Post vertrag zwischen dem deutschen Reiche und Bra silien geführt. Desgleichen sind Verhandlungen im Gange wegen Herstellung einer direkten Pofl⸗ verbindung zwischen Deutschland einerseits und Australien und Ostindien andererseits. Die Ver- handlungen über die Ausführungen des zwischen dem Postverein und Oesterreich abgeschlossenen Vertrages mit den süddeutschen Staaten haben kürzlich zu dem gewünschten Resultate geführt. Die neue Vereinbarung wird nun am 1. Januar in Kraft treten. DasD. Wochenbl. bestätigt ferner, daß man im Generalpostamt sich mit einer Vereinfachung der Fahrposttaxen beschäftigt.

Eine Anzahl der bedeutendsten preußischen und sächsischen Kalender- Verleger hat dem Abge⸗ ordnetenhause eine Petition um sofortige Aufhebung des Kalenderstempels eingereicht. Derselben ist eine Denkschrift beigefügt, in welcher die Verwerflichkeit

dieser Abgabe vom wirtbschaftlichen, politischen und finanziellen Standpunkt nachgewiesen und an die wiederholten, in demselben Sinne sich aus⸗ sprechenden Beschlüsse des Abgeordnetenhauses er innert wird.

DasFr. J. bringt folgendes Telegramm vom 19. d.: Die neueste Wendung ist günstig. Ein Pairsschub von einigen 40 Mitgliedern ist definitiv beschlossen, ebenso eine Reform des Herren hauses. Die Abgeordneten erwarten bei der morgigen Kreisordnungsdebatte von dem Minister Eulenburg nähere Angaben über die allgemeine Situation.

DerSpener'schen Zeitung zufolge wird Mittwoch ein Gesetzentwurf betreffs der Grenzen

des Rechts zur Anwendung kirchlicher Straf- und

Zuchtmittel dem Abgeordnetenhause vorgelegt wer den. Das Civyilehegesetz sei jetzt erst zwischen den

Ministerien des Cultus, der Justiz und des Innern

redactionell festgestellt und werde nunmehr dem Staatsministerium vorgelegt werden.

DerK. Z. zufolge ist die Schleifung der Festung Graudenz nunmehr beschlossen, und es soll bereits im nächsten Jahre bei Gelegenheit einer großen Belagerungsübung mit der Demoli rung vorgegangen werden.

Breslau. Der Magistrat hat den Beschluß gefaßt, Herrn v. Forckenbeck als Herrenhausmit⸗ glied für Breslau zu präsentiren.

Köln. Größtes Aufsehen macht, wie das Fr. J. schreibt, das in die Oeffentlichkeit ge- tretene Gerücht, das hiesige Domcapitel sei nicht frei von dem Zweifel gegen das neue Dogma. Es wird nämlich behauptet, der Domprobst München und die Domherren Frenken(früher Regierungs- rath in Aachen) und Reinerz, wie auch der Reli- gionslehrer am Jesuitengymnasium, Dr. Brühl, befänden sich in diesem Fall.

Ausland.

Schweiz. Die außerordentliche Gemeindever⸗ sammlung von Olten hat die Anträge des Gemeinde rathe, betreffend das Verbot der Unfehlbarkeitslehre in Kirche und Schule, einstimmig genehmigt.

Die Lnzerner Regierung verweigert die Theilnahme an der Behufs Berathung der Vor⸗ gänge im Bisthum Basel nach Solothurn ausge- schriebenen Diöcesanconferenz.

Frankreich. Paris. In der Sitzung der Nationalversammlung vom 18. d. protestirte Chan- garnier gegen das wachsende Unsichgreifen des Radilalismus, bekämpfte lebhaft die Rede Gam- betta's zu Grenoble, welche darauf hinziele, die Versammlung in Mißachtung und das Land in Verwirrung zu bringen; er beschwor die gegen- wärtigeprovisorische Regierung, sich von dem Aufwicgler loszusagen; solcher besitze die Gewalt, den Ruin Frankreichs herbeizuführen.(Lebhafter Beifall zur Rechten.) Der Minister des Innern wies die der Regierung gemachten Vorwürfe der Unentschlossenheit und Schwäche zurück, die Re⸗ gierung erfülle nur ihre Pflicht. Der Minister protestirte gegen den Ausdruckprovisorische Re⸗ gierung und bestreitet auf's Lebhafteste, daß die Regierung gemeinschaftliche Sache mache mit dem Radikalismus, indem er an die von der Regie- rung getroffenen Maßregeln und die Erkärung Thiers in der Permanenzeommisston erinnerte. Herzog von Broglie beantragte, daß die Regierung sich von Neuem in förmlicher Weise von Gambetta lossage. Thiers betont, daß sobald wirkliche Ge⸗ fahr vorhanden sei, die Regierung immer den

Kampf gegen den Socialismus und die Demagogie aufnehmen könne, da Frankreich gegenwärtig von einer tapferen Armee beschützt werde; er bestreite die Befugniß seiner Ankläger, ihn auf die Anklage⸗ bank zu setzen, er entziehe sich aber nie dem Urtheilsspruche des Landes und sei immer bereit, als Deputirter oder Oberhaupt der Regierung, vor dem Tribunal des Landes zu erscheinen. Wolle man eine starke Regierung, so müsse man ihr tine würdige Stellung verschaffen, nicht sie in schuldvollen Verdacht bringen. Uebrigens sei die Rede von Grenoble nur ein Vorwand, man solle nur die Vertrauensfrage stellen. Thiers schloß: Verlieren wir keine Zeit, bedenken Sie, wie Sie stimmen wollen. Sie gaben mir das Recht, eine entscheidende Willenserklärung von Ihnen zu fordern. Sie beklagen sich, daß die Regierung nur eine provisorische sei, schaffen Sie also eine definitive. Der Augenblick ist günstig, Frankreich wird sie annehmen.(Lebhafter Beifall zur Linken.) Bei der Abstimmung wurde die einfache Tagesordnung, welche Thiers zurückgewiesen, mit 493 gegen 132 Stimmen, eine von Benoist-d'Azy beantragte Tagesordnung, welche die Regierung gleichfalls ablehnte, mit 372 gegen 327 Stimmen verworfen und eine von Mettetal vorgeschlagene Tagesord- nung, welche die Regierung acceptirt, mit 267 gegen 117 Stimmen angenommen.

In Folge der schwachen Majorität, welche die Regierung in der Changarnier'schen Inter- pellation erhalten hat, wird dieselbe möglicherweise von Neuem ein Vertrauens votum provociren. In der Abstimmung hat sich ein Theil der Linken ebenso wie die Rechte des Votums enthalten.

Der von der Regierung befürwortete und demnächst von der Nationalversammlung angenom- mene Antrag Mettetal lautet dahin: daß die Na- tionalversammlung, auf die Energie der Regierung vertrauend, und die von Gambetta in seiner Grenobler Rede aufgestellten Grundsätze zurück weisend, zur Tagesordnung übergebe. Die Rechte enthielt sich der Abstimmung über diesen Antrag, da er den Gegensatz der Regierung zu den Radi- calen nicht genug hervorhebe.

Die Sammlungen, welche die Ultramon- tanen für die elsässischen Emigranten veranstaltet und deren Ergebnisse derUnivers veröffentlichte, haben bis heute 84,381 Fres. eingebracht. Der Bischof von Nantes hat von seinem Clerus und seinen Gläubigen 25,800 Fres. aufgebracht. Diese Diöcese lieferte bekanntlich auch die meisten päpstlichen Zuaven Frankreichs.

Dänemark. Nachrichten aus den Provinzen schildern den durch die Ueberschwemmungen ange- richteten Schaden als einen außerordentlich er⸗ heblichen. Viele Hafendämme und Austrocknungs⸗ Anlagen sind zerstört, viele Verluste an Menschen⸗ leben zu beklagen. Der Schaden auf Falster wird über eine Million geschätzt. Der König sandte den beschädigten Städten sofort Unterstützungen, die Königin stellte sich an die Spitze eines Ver- eins zur Hülfeleistung der Nothleidenden. Der Marineminister ordnete an, daß für die Schiff⸗ brüchigen Sorge getragen werde.

* Bad Nauheim. Unsere Bade-Direction wird dem Vernehmen nach in Zukunft aus den Herren Salinen⸗ und Bade ⸗Inspector Weiß als Vorsitzendem, Geheimen Medicinalrath Dr. Bode als Badearzt, Bürgermeister Schutt, als Vertreter der Stadt Naubeim, und Bergmeister⸗ Tecklenburg, der Salinenbeamter werden wird, als Brunnen⸗ director definitiv bestehen. Bet Simmengleichbeit ente scheidet der Vorsitzende. Die Badedirection bleibt unte