Ausgabe 
15.8.1872
 
Einzelbild herunterladen

Rußland, der Großfürst Thronfolger, die Groß⸗ fürsten Nicolaus und Wladimir kommen in Berlin am 5. Sept. in Begleitung der Grafen Schuwaloff und Adlerberg an.

Schweiz. Bern. Der Bischof von Frei burg bat die von dem Genfer Staatsrath ver⸗ lanate Wiederbesetzung von zwei erledigten Pfarr stellen abgelehnt, indem er erklärte, es sei dies Sache Mermillod's.

Itrankreich. Parise. DasJournal offi⸗ ciel bestäligt, daß die Ziffer der Repartition der Zeichnungen auf 7.88 pCt. festgesetzt sei. Die Certificate sind noch nicht zur Ausgabe bereit.

Avenir National glaubt zu wissen, daß die Regierung beim Wiederzusammentritt dee Nationalversammlung offen die Rückkehr nach Paris vorschlagen wird.

Herrn Thiers selbst soll die Kaiser- Zu sammenkunft in Berlin sehr viel Kopfbrechens machen, er beklagte sich darüber, daß der franzö⸗ sische Botschafter in Petersburg ihm nichts darüber mitgetheilt habe. Als man ihm erwiderte, daß

die Zusammenkunst nicht in Petereburg statfinde,

sondern in Berlin, meinte er:Von Petersburg aus hätte ich unterrichtet werden müssen; was kann ich von Berlin erfahren? Der Besuch, welchen der Prinz von Wales in Berlin machen soll, gibt in Trouville ebenfalls zu vielen Com- mentaren Anlaß. Man weiß nämlich, daß der englische Thronerbe auf sehr vertrautem Fuße mit Napoleon steht, und befürchtet daber, daß es sich in Berlin um bonapartistische Restaurationspläne handeln könne.(2)

Spanien. Madrid. Der König hat mittelst eines veröffentlichten Decrets einer Anzahl von Individuen, welche wegen Theilnahme am Car- listen⸗Aufstande verurtheilt worden waren, voll ständige Straflosigkeit gewährt.

Donaufürstenthümer. Abermals kam es zwischen Kolaschiner Tirken und Montenegrinern auf montenegrinischem Boden zu einem Kampfe; zehn Türken fielen.

Amerika. Newyork. Der Präsident der Republik Peru, Oberst Balta, wurde von dem Obersten Gutierrez ermordet, welcher hierauf eine Revolution machte und sich zum Dictator erklärte, indessen bei der Bevölkerung keine Anerkennung fand und von einer Volksmenge an einem Laternen pfahl aufgehängt wurde.

»Friedberg, 14. Aug. Die in Butzbach liegenden zwei Escadronen des 2. hess. Drogoner-Reg menis find gestern auf dem Marsche zu den demnächst in der Gegend von Darmstadt staufindenden Uebungen durch unsere Stadt gekommen. Dieselben defilirten auf dem Paradeplatze in der Burg vor S. K. H. dem Großberzoge. Heute is. eine Ablheilung des 11. hess. Artillerie-Regiments, das von den bei Mainz abgehaltenen Schießübungen in seine Garnison Cassel zurückkebrt, dahier eingetroffen und wurde bei den Emwoynern einquartirt. Die vortreffliche Mufik dieses Regiments wird heute Abend im Garten von Müller& Hertlein concertiren.

Frankfurt. InIntelligenzbl. lesen wir eine Auf⸗ forderung an die Frankfurter Frauen, sich einige Mukttage lang des Einkaufs der Butter zu enthalten, damit der sheillose Wucher? bei einem so überreichen Futterjahre, wie das veurige es ist, zu Schanden gemacht werde.

Darmstadt. Der weithin bekannte Verfasser von Kraft uno Stoff, Dr. med. L. Büchner, begibt sich demnächst zeitweilig nach Amerika, um dort eine Reihe von Vorlesungen zu halten.

Darmstadt. Vor einiger Zeit kam eine Bäuerin aus dem Odenwalde nach Darmnadt, um ihren Sohn, der baselbst in Garnison lig, zu besuchen. Vor der Kaserne angekommen, wandte sie sich an den Posten:Lieber Herr Soldat, könne Se mer net sage, wo mei Bu is, er sull bie bei dem Milidär sei, wos do liegt.Hier sind keine Buben bei dem Milidär, lautete die Antwort, sondern lauter Männer.Ach, Herrje, rief die Bäuerin ausber Schlingel werd doch net gehei'ert hawe?

In Gotha ist es dieser Tage, wie vor einigen Wochen schon in Blauaschweig, ebenfalls zu einem Butterkrawall gekommen, indem einige Weiber, welche den für die Butter geforderten Preis zu hoch fanden, die Körbe zweier Ver käuferinnen geplündert, die Butter nebst Käse und Milch- köpfen zur Erde geworfen und mit Füßen getreten, auch die Verkäuferinnen selost so mißhandell haben, daß dieselben blutige Wunden davon trugen. Die Polizei sah sich, um eine größere Ausdehnung des Krawalles zu verhindern, zum Einschreiten genöthigt. Auch in Eisenach ist es am Samstag zu ähnlichen Auftritten gekommen.

Aus Berlin wiro nichstehendes Suückchen berichtet: Einer unserer ersten Aerzte wurde dieser Tage Abends in eine hiesige Familie gerufen, da das erstgeborne Kind heftig an Krämpfen erkrankt war. Bet seinem Erscheinen

fand er bereits ein Hausmittel,Baldrianthee, ange⸗ wendet, da er aber in der Tasse, worin der Thee enthalten war, ein Stückchen schwarzen Stoffes schwimmen sab, frug er, wir das sei? und erfuhr zu seinem Elstaunen, daß der schwarze Stoffder abgeschnuttene Z'pfel des Hochzeits frackes des Ehemannes wäre, der mu aufgekocht, da der Aberglaube in der Heimath der Frau dies als einziges Mittel gegen Krämpfe dei Erstgebornen bezeichnet.

Berlin. In Bezug auf die Betheiligung der Deutschen Turnerschaft an dem Deulsch Französischen Kriege 187071 gibt die nachstehende Uebersicht in eressanten Ausschluß. Die Anzahl der Deulschen Turnvereine betrug am 1. August 1869 1360(110,353 Mitglieder) von denen 1051 mu 81,737 Mitgliedern über ihre Tlätiskeit während des Feldzuges berichteten. Von diesen 81,737 Mann waren 14,909 einberusen worden und zwar aus den einzelnen Turnkleisen in folgender Anzahl: Aus Nordosten 413 Schlesten und Südposen 1101, Pommern 214, Mark Brandenburg 1015, Provinz Sachsen und Anhalt 521, Norden 660, Hannover 694, Niederrhein und Westphalen 1281. Mitielrhein 1122 Oberrhein 428, Schwaben 787, Bayern dicsseits des Rheins 2358, Thüringen 1436, Sachsen 2819. Von den 14,909 Einberufenen standen in Feindeslond 11,591 und von diesen wurden 1243 ver⸗ wundet, 617 aber blieben, beziehungsweise starben an den erbaltenen Wunden, 191 erlagen den Strapezzen und Krankheiten, 580 wurden mit dem Eisernen Kreuze decorir (auf ca. 20 Turner 1 Kreuz), 1119 standen als Kranken pflͤger in Feindesland. Von der Gesammtzahl gebörten 59,61 Procent dem Alter von 21 bis 30 Jahren an.

Mailand wurde am 1. August von einem schreck lichen Unwetter heimgesucht, das unerhörten Schaden an⸗ richtete. Der Sturm riß die stärkten Bäume um, aber die größten Verwüstungen erfuhr der öffentliche Garten, wo die hecrliche, vom Erzheczog Ferdinand vor drei Jahr⸗ bunderten gepflanzte und von Guiseppo Pavini besungene Ume umstürzte.

Produktenbörse in Friedberg.

In der auf den 11. August anberaumten, von vielen Mitgliedern aus nah' und fern' be suchten Versammlung wurde die Produktenbörse in Friedberg constituirt, die Statuten festgestellt und die Herren: 1) Kreisassessor Haase, zugleich Vorsitzender, 2) Fruchthändler Em. b, 3) Berg⸗ rentmeister D. Nebhuth, 4) Mehlhändler und Stadtrath A. Rausch, 5) Bierbrauer und Stadt- rath G. Philippi dahier, sowie 6) Mühlen⸗ besitzer H. Schudt zu Görbelheimer Mühle und 7) Ockonom Friedr. Keil in Melbach zu Mit- glievera des Börsenvotstandes gewählt.

Aus den festgestellten Statuten bringen wir hiermit nachstehende Hauptpunkte zur öffentlichen Kenntniß:

1) In der Regel soll in und bei der Börse nur gehandelt, nicht zugleich auch geliefert werden.

2) Es soll jedoch auch das An- und Auf- fahren von Früchten gestattet sein.

3) Die Börse errichtet ein Lager zum Ein⸗ stellen unverkauft gebliebener oder gekaufter Frucht. Darauf können bei dem Vorschuß⸗ und Credit: verein dahier, auf Anweisung und Conto der Börse, Vorschüsse bis zu/ des Werthes der eingestellten Frucht geleistet werden.

4) Die geringe Bezahlung dafür wird immer für je 14 Tage berechnet. Dieselbe soll z. B. für 50 fl. und 5 Säcke Weizen, ohne Wiegerlohn, 30 kr. betragen. Daraus bestreitet die Börse die Miethe für das Lager, den Lohn für dessen Ver⸗ walter, die Feuerversicherung und Zinsen an den Vorschußverein.

Prolongationen auf weitere 14 Tage genehmigt der Börsenvorstand.

5) Nur minderjährige, fallite und solche Per sonen, welche durch Urtheil die bürgerlichen Ehren⸗ rechte verloren haben, können nicht Mitglieder der Böcse werden.

6) Zulässige Personen, welche die Börse be⸗ suchen wollen, um daselbst Geschäfte abzuschließen, ohne dieses regelmäßig oder oft zu thun, zahlen dafür nichts, sind aber von einem Börsenmitgliede einzuführen. Im Firmenregister eingetragene Han⸗ delsleute genießen diese Begünstigung nicht, sind vielmehr gehalten, als Mitglieder beizutreten.

7) Die Börsenzeit ist für jeden Donnerstag von 81 Uhr festgesetzt.

8) Im Börsenlokal sind die für die hiesige Börse geltenden Handelsgrundsätze angeschlagen.

9) Während der Börsenzeit liegen in dem Börsenlokale Offertenbücher offen, eins für Ver⸗ kauf(Angebot) ein anderes für Kauf(Nachfrage).

den Verkehr zwischen der Wetterau und dem Vogels⸗

In beide Bücher können die Offeranten selbst. 1 oder durch den Börsensekretär ihre Einträge für bauschule, 4 Fabriken, viele Gerbereien alle f

feste und auf die Dauer des Marktes verbindlich Offerten machen. ö a

10) Streitigkeiten über Börsengeschäfte schlichtet- das Börsenschiedsgericht nach den Handelsgrund⸗. sätzen und nach kaufmännischem Ermessen.

Aus vorstehenden Mittheilungen wird jeder denkende Mann die Ueberzeugung gewinnen, daß die Produktenbörse zu Friedberg, inmitten der an landwirthschaftlichen Produkten aller Art so reichen Wetterau, eine nützliche, ja eine nothwendige Ver⸗ kehrsanstalt ist. An einer gewissenhaften, sorg⸗ samen Leitung werden die Vorstände der Börse es nicht fehlen lassen. Mögen nun auch die Verkäufer und Käufer das Ihrige zu einer ge⸗ sunden Entwickelung und Pflege der Anstalt bei⸗ tragen!

Die erste Börse soll Donnerstag den 29. August statifinden. Jedes Mi'glied erhält zu seiner Legitimation eine persönliche Eintrittskarie. Als Börsenlokal hat die Generalversammlung das Walz'sche auf der breiten Straße(zur goldenen Reichskrone) gewählt.

Wenn viele Veikäufer kommen, dann fehlt es ganz gewiß auch nicht an Käyfern.

Wir laden darum alle Landwirthe und Hind⸗ ler ein, unsere Böl se fleißig zu benutzen. Bei⸗ tritiserklärungen können zu jeder Zeit noch erfolgen. Wie aber bemerkt, haben alle ehrbare Landwirthe, auch wenn sie nicht Mitglieder sind. Zutritt, einerlei ob sie 5 oder 500 Morgen Landes bebauen.

Also, ihr Interessenten alle, kommet, bethätigt euere richtige Einsicht und beweiset wie nothwendig und wie segensreich unsere Verkehrsanstalt zu wirken im Stande ist.

Ueber die Verbindung det Oberhessischen Bahn mit der Main-Weserbahn brachte kürzlich dieFr. Pr. einen Artikel, in welchem die Vollziehung derselben in Nieder- Wöllstadt vorgeschlagen wurde, als demjenigen Orte, nach welchem der Harptverkehr aus der nördlichen Wetterau und dem Vogelsberge in kür zester Linie seinen Weg nehme. Hiermit wird sich Niemand einverstanden erklären wollen, sagt das⸗ selbe Blatt in einer späteren Erwiederung, der

berge zu beurtheilen im Stande ist. Offenbar handelt es sich bei der hier angeregten, sehr noth⸗ wendigen und darum schon vielbesprochenen Zweig⸗ bahn nicht allein darum, die Oberhessische Bahn mit der Main⸗Weser⸗Bahn in gerader Mittellinie zu verbinden und so rasch wie möglich nach Frank- fuct zu kommen, sondern es muß diese Verbindungs⸗ bahn, wenn sie ihren Zweck erfüllen und auf Ren- tabilität rechnen will, dem loralen Verkehr dienstbar sein. Der locale Verkehr des südlichen Vogels⸗ berges und der nördlichen Wetterau hatte und hat aber seine Richtung nach Friedberg. Große Massen Brennholzes kommen aus jenen Gegenden nach Friedberg und von hier geht viel, sehr viel Floß und anderes Brauchholz dorthin; in Colonial⸗ und Manufakturwaaren haben die Friedberger Kaufleute nach Norden hin einen lebhaften Absatz. Alles, was man in Friedberg beziehen kann, wird man nicht mit mehr Kosten in Frankfurt kaufen wollen. Vornehmlich ist aber der Verkehr mit landwirthschaftlichen Producten der ganzen nörd⸗ lichen Wetterau von Hungen bis Nidda ꝛc. in und bei Friedberg concentritt durch viele Frucht- handlungen und Handelsmühlen, welche großes Ansehen genießen und Bezugsquellen haben bis Grünberg, Alsfeld und weiterhin. Diesen sehr bedeutenden, der reichen Urproduction sich an- schließenden Handelszweig in Friedberg, als dem gelegensten Platze inmitten der Wetterau, zu orga- nisiren und zu vereinigen, soll daselbst eine Pro- ductenböise errichtet werden, wozu gegenwärtig die Vorbereitungen im Werke sind. Aus diesen Handelsbeziehungen entspringt zugleich auch ein lebhafter Personenverkehr, welcher durch die An⸗

bit m

90 Gl Oe. des

stalten und Aemter in Friedberg eine noch größere Bedeutung erlangt. Ein Kreisamt, ein Gericht und andere Aemker, ein Landwehrbataillon, ein Lehrer- und Prediger Seminar, eine Realschule, eine Taubstummen⸗ und Blindenanstalt, eine Acker.