Ausgabe 
14.9.1872
 
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Seilage.

L 108.

Oberhessischer Amzeiger.

Deutsches Reich. Friedberg, 13. Sept., Nachmittags 3 Uhr. Soeben erhalten wir aus Darm- stadt, 2 Uhr 49 Min., folgendes Tele- gramm: Geheimerath Hofmann wurde Minister des Hauses und Aeußern sowie Präsident

des Gesammtministeriums, Ministerialrath

v. Starck Direktor des Ministeriums des

Innern, Hofgerichtsrath Kempf Direktor

Linde⸗ sind

des Ministeriums der Justiz. v. lof, Franck, v. Rodenstein in Ruhestand versetzt.

Darmstadt. Wie man hört, wird von der Reichsregierung in Kürze dem Bundesrathe ein von dem preußischen Handelem'nisterium aus ge⸗ arbeitetes Gewerbesteuergesetz für das deutsche Reich zur Berathung vorgelegt werden. Mit Rücksicht auf die mit dem 1. October l. J. in Hessen in Wirksamkeit tretende Aenderung in der Territorial⸗ Organisation der Distriets ⸗Einnehmereien, sowie auf Grund gemachter Erfahrungen ist eine neue Organtsation des Steueraufsichtspersonals nunmehr erschienen. Djeselbe wird am 1. Oct. d. J. ins Leben treten und zunächst nur eine provisorische sein. DemFrankf. J. schreibt man von hier unterm 10. d.: Das jetzige Justizministerium hielt heute Morgen seine letzte Sitzung. Minister v. Lindelof und Geh. Staatsrath Franck waren zu derselben nicht in Unisorm, sondern im schwarzen Frack erschienen und verabschiedeten sich nach der Erledigung der dringendsten Geschäfte durch eine Ansprache von den Secretären und dem Kanzlei personal.

Sicherem Vernehmen nach soll nach der

neuen Artillerie-Organisation unser hessisches Ar-

tilleriecorps auf ein Feldartillerieregiment gebracht werden, während die reitende Batterie aufge⸗ löst würde.

* Aus Oberhessen. Die am 11. d. in Frankfurt stattgehabte Versammlung evangelischer Geistlichen aus dem Großberzogthum Hessen war von etwa 100 Geistlichen der drel Provinzen be sucht. Die Versammlung, geleitet von Professor Dr. Köhler aus Friedberg, beschloß eine Ein gabe an den Großherzog und eine zweite an die Landstände zu richten, in welchen ein Minimal- gehalt von 1000 fl. und Alterszulagen von je 5 Jahren zu 5 Jahren von 150 fl. bis zum Maximalgehalt von 2000 fl. für die evangelischen Geistlichen gefordert werden.

Berlin. DieKreuz⸗Zeitung meldet, daß Kaiser Wilhelm einige Tage nach der Rückkehr von Westpreußen sich nach Baden-Baden begeben wirb, wo die Kaiserin nächster Tage ihren Aufent- halt nimmt.

11. Sept. Der Kaiser von Oesterreich trat Abends um 8 Uhr die Abreise nach Wien vom Görlitzer Bahnhof an, wohin ihn Kaiser Wilbelm geleitete. Auf der Fahrt nach dem

Verabschiedung trug den herzlichsten Charakter. 12. Sept. Kaiser Wilhelm und Kaiser Alexander, die Großfürsten Nicolaus und Wladimir

reisten heute früh um 7 Uhr gemeinschaftlich ab. In der Begleitung des Kaisers Wilbelm auf seiner Reise nach Marienburg befanden sich der Kron⸗ prinz und Prinz Carl. Beide Kaiser fuhren ge meinschaftlich nach dem Bahnhof und wurden trotz des regnerischen Wetters und frühen Morgens

von zahlreichen Menschenmassen mit den wärmsten

Zurufen begrüßt. Der Großfürst-Thronfolger reiste bereits gestern Abend zu seiner Gemahlin nach

fopenhagen ab.

Die bier anwesenden fürstlichen Gäste sind am 12. b. fast sämmtlich abgerelst. Auch Fücst Gortschakoff kehrte nach Petersburg zurück.

Bahnhof wurden die Monarchen von dem sehr zahlreichen Publikum aufs Wärmste begrüßt Die

Wie derVoss. Ztg.ein Augenzeuge schreibt, ist Graf Moltke bei der Fahrt zu dem Feste in Potsdam(am Sonntag) beim Heraus- springen aus dem Eisenbahncoupé gefallen, und zwar ziemlich heftig auf den Kopf. Doch versicherte er den Umstehenden, daß er keinen Schmerz empfinde. DieSpener'sche Zeitung berichtet über die Ueberreichung der Ehrenbürgerdiplome an den Fürsten Bismarck und den Grafen Moltke Folgen⸗ des. Fürst Bismaick äußerte über die Drei Kaiser-Zusammenkunft: Die Thatsache derselben werde überall als ein den Frieden verbürgender Abschluß der bisherigen großen Ereignisse ange sehen werden. Der allgemeine Glaube an den Frieden sei für die emporblühende Gewerbthätigkeit ebenso wichtig als die Erhaltung des Friedens selbst. Diese Bedeutung der Drei- Kaiser-Zu sammenkunft scheine auch von der Bevölkerung ge⸗ fühlt und anerkannt zu werden. Die kaiserlichen Gäste seien von ihrer warmen Aufnahme in Berlin höchst befriedigt. Graf Moltke bezeichnete als Schwerpunkt der Entrevue ebenfalls die Befesti⸗ gung des Vertrauens auf den Frieden, worin die Nation mit Recht den Werth dieses Ereignisses finde.

Bei dem großen Zapfenstreich gelegent- lich der Drei-Kaiser-Zusammenkunft hat sich ein schweres Unglück ereignet, das bedeutender ist, als die ersten Nachrichten über dasselbe annehmen ließen. Nach der deutschen Reichscorrespondenz sind zwanzig Personen als todt und noch mehr als schwer verwundet gemeldet. Der amtliche Polizeirapport nennt bis jetzt die Namen von 8 Unglücklichen, welche todtgedrückt und von 10 Schwerverwundeten. In derStaatsbürger⸗ Zeitung wird der Sachverhalt in folgender Weise angegeben: Von Augenzeugen wird uns versichert, daß die beklagenswerthe Catastrophe hauptsächlich durch unzweckmäßige Anordnungen Seitens der FE herbeigeführt worden ist; denn bis zum Anmarsch der Musikcerps war dem Publikum die Besetzung der Schloßbrücke freigegeben, im Mo ment des Abmarsches aber deren Räumung ur plötzlich und mit rücksichtsloser Wucht bewirkt, daß die Menschenmasse von dort unter tausendfachem Hülfegeschrei als unentwirrbarer Knäuel gegen die vor der Schloßfreiheit aufgestellte Menge gedrängt, wurden. Bei dem ersten Anprall wurde ein un bespannter Arbeitswagen, der dort als Tribüne aufgestellt und von 16 Personen besetzt war, förm⸗ lich zusammengedrückt, so daß die auf demselben befindlich gewesenen Zuschauer zu Boden stürzten und von den sich nachwälzenden Menschenmassen zertreten wurden. Als nun noch gar berittene Schutzleute in diesen Knäuel hineinsprengten, stieg die Verwirrung auf das Höchste, das Aechzen und Stöhnen der am Boden liegenden Verwundeten wurde von grellem Angstgeschrei übertönt, während kaum, einige hundert Schritte von der Stätte des Schreckens entfernt, die Musik muntere Märsche aufspielte und das freudige Hurrah des ahnungs⸗ losen Publikums erscholl.

Breslau. DieBreslauer Zeitung meldet: Die Generalversammlung der Katholiken Deutsch lands nahm in ihrer Sitzung den Antrag an, die Katholiken Deutschlands aufzufordern, den An dachten häufig beizuwohnen, ferner den Antrag, eine Adresse an die in Fulda versammelt ge wesenen Bischöfe Deutschlands zu erlassen und denselben unbedingte Treue gegen die Kirche und ihre Hirten auszusprechen und sie um Unterstützung der Vereinsbestrebungen zu bitten. Außerdem wurde die Erweiterung, resp. die Einführung der Michaels Bruderschaft, sowie des Kaverius-Missionswesens dringend empfohlen

Von der Katholikenversammlung wurden weitere Anträge angenommen, betreffend die Grün dung eines Lokalcomites des Bonifaeiusvereins und die Bildung von Standes- und Familien Einigungen. Die Versammlung nahm darauf eine Reihe von Anträgen des Domherrn Moufang

(Mainz) über die sociale Frage an, welche sich

beziehen auf die Gründung von Einrichtungen, um die Arbeiter der Verarmung zu entziehen, Er⸗ richtung von Pfandleihanstalten und Sparkassen und Bildung von Vorschuß- und Consumvereinen auf christlicher Grundlage. Endlich wird die Be theiligung an dem Raphaelvereine zum Schutze der Auswanderer dringend empfohlen.

Fulda. Zur Bischofsconferenz sind ange⸗ meldet die Bischöfe von Limburg, Paderborn, Mainz, Eichstädt und der Erzbischof von Bamberg. Auch diesmal wird den Kirchenfürsten Seitens der Stadt kein Empfang bereitet.

München. Gasser soll folgende Ministerliste vorgelegt haben: Gasser Acußeres, Lipowski Inneres, Lobkowitz Finanzen, Lerchenfeld Cultus, Völdern⸗ dorff Justiz, Walther Krieg. Die Entscheidung des Königs ist noch nicht erfolgt.

Ausland.

Frankreich. Paris. Die Nachrichten über das Ergebniß der indirecten Steuern, auf welche die Regierung ihr Budget etablirt hat, fahren fort, ungünstig zu sein. Der Verkauf von feinen Cigarren z. B. hat seit der erhöhten Steuer um 40 Procent abgenommen. Das Erträgniß der Briefmarken hat sich gleichfalls bedeutend verringert. In der Versendung von Mustern ist eine enorme Abnahme eingetreten. Im ersten Quartal des Jahres 1870 liefen in die französischen Häfen 11266 fremde Schiffe mit einem Gehalte von 2,342,711 Tonnen ein. In dem entsprechenden Quartale dieses Jahres betrug die Anzahl der in die hiesigen Häfen eingelaufenen fremden Schiffe blos 9863 mit 2,182,405 Tonnengehalt. Das sind die Folgen der erhöhten Steuern.

Den Nachrichten aus Neu⸗Caledonien zu⸗ folge sind die ersten Deportirten bereits dort ein⸗ getroffen, und auf der Insel des Pius und Halb- insel Ducos, 7 Kilom. von der Hauptstadt Nouméa untergebracht worden. Die Regierung hat dem Gouverneur befohlen, die Deportirten nicht zu strenge zu behandeln, und es ihnen an Lebens- mitteln nicht fehlen zu lassen. Das Clima ist dort nicht so schlecht, als es manche Journale ge schildert haben. Man wird den Deportirten auch die benachbarte Insel Maré einräumen, welche sehr fruchtbar ist.

Am 7. Oktober wird das Monopol der Fabrikation von Zündhölzchen öffentlich an den Meistbietenden vergeben werden. Jeder Bewerber muß vorher eine Million Frances deponiren.

Die Verleger von Almanache für 1873 sind benachrichtigt worden, daß nur solche den Colportagestempel erhalten werden, welche weder etwas über die Commune und diePrussiens, noch Portraits von dem Kaiser Wilhelm, dem General von Moltke, dem Ex-Empereur, dem Grafen v. Chambord und den Orleans enthalten.

DieDöbats bringen einen Artikel über die Kaiserbegegnung, worin als Hauptresultat dieses politischen Ereignisses die Thatsache con statirt wird, daß der Schwerpunkt der continen- talen Politik fortan von Paris und London nach Berlin verlegt sei. Frankreich habe sich diese Wendung selbst zuzuschreiben.

Frankfurt. Wie verlautet, soll vou bier aus nochmals das Ersuchen an den Magistrat gerichtet werden, bei der k. Regierung Schritte zur einstweiligen Erbaltung der Stadilotterie zu thun. Die Frankfurter meinen, die Braunschweiger und Berliner Lotterien, welche auch ferner sortbestehen dürfen, seien beide nicht mehr und weniger unsüitlich, als die hiesige, und wäre deßhalb kein Grund vorbanden, die letztere allein aufzuheben.

In Breitenbrunn im Odenwald starb am 2. Sept. ein S6jähriger Invalide, Namens Johann Balthasar Lauten⸗ schläger, der seiner Zeit die Napoleonischen Kriege als hessischer Chevauxlegers mitmachte und am 22. Mai 1809 in der Schlacht bei Aspern in einem ußerst kritischen Momente Napoleon, als er von den Feinden umzingelt war, zu Hülfe kam und ihn aus seiner gefährlichen Lage befreite. Der Tapfere vorlor dabei einen Arm, bezog aber von Frankreich eine jährliche Reute von 1200 Fres.

Mainz. Ju dem Hause eines Metzgers auf der Augustinerstraße explodirte am 10. d. Nachmittags ein