von Sanitätswachen und deren Besetzung mit aus- reichendem, gut zu besoldendem ärztlichen Personal, welches mit Hand-Apotheken zu versehen wäre, und zwar unter zweckmäßiger Vertheilung in allen Stadtbezirken, anstreben will. Man sieht von sachkennerischer Seite darin das allerwirksamste Mittel gegen die drohende Gefahr.
— Die bei dem Kriegsministerium hier ein- gegangenen Rapporte über den Stand der Cholera- Epidemie in Königsberg sagen, daß vom Civil bis zum 15. d. M. 399 und vom 15. bis 20. d. M. 386 Personen erkrankt waren. Hiervon sind 377 Personen gestorben, 167 genesen und 241 verblieben in der Behandlung. Vom Militär waren bis zu 15. d. M. von der Krankheit be fallen 26 und vom 15. bis 20. d. M. 5 Mann. Von diesen starben 10 Mann, genesen 11 und blieben in der Behandlung 10 Mann.
— Der General-Post⸗Director Stephan hatte sich längere Zeit in Karlsruhe aufgehalten, um die badische Post in die Verbindung mit der nord— deutschen überzuführen. Zu diesem Behufe sind auch badische Postmeister nach Berlin berufen worden, um hier von den Einrichtungen und dem Gange der Post Kenntniß zu nehmen. Die Post in Baden wird ganz nach norddeutschem Muster eingerichtet werden.
— Nach einem Berichte der hiesigen Kauf— mannschaft hat die Fabrikation von künstlichen Blumen in Folge der Einschließung von Paris eine sehr ausgebreitete Kundschaft gewonnen. Die Hauptstadt Frankreichs war für England, Belgien, Holland, Italien und Amerika bisher die einzige Bezugsquelle, während Rußland das deutsche Fa— brikat schon früher schätzen gelernt hatte. Eng— länder und Amerikaner, die sonst kaum zu bewegen waren, unsere Arbeiten einer äußeren Prüfung zu unterwerfen, haben den Winter- und Frühjahrs- bedarf an künstlichen Blumen fast ausschließlich aus Berlin gedeckt und auf längere Zeit Be— stellungen gegeben. Das Vorurtheil gegen das deutsche Fabrikat ist geschwunden. Es werden von den hiesigen Fabrikanten alle Anstrengungen ge— macht, sich den neu gewonnenen Markt für ihre Erzeugnisse zu erhalten.
München. Der Bescheid des Cultusministe— riums auf den bischöflichen Antrag um Aufhebung des Placet ist gestern an den Eizbischof von München abgegangen. Gutem Vernehmen nach wird die Aufhebung des Placet abgelehnt und im Uebrigen in dem umfangreichen Actenstücke die Stellung der Staatsregierung gegenüber der kirch⸗ lichen Frage ausführlich entwickelt, insbesondere constatirt, daß in dem bisherigen Vorgehen der Bischöfe verfassungswidrige Handlungen enthalten sind, und ausgesprochen, daß die Regierung die auf dem Boden der Staatsverfassung stehenden Katholiken schützen werde.
— Verschiedene Blätter wollen wissen, Preußen habe der bayerischen Regierung auf 1. Januar 1873 den bestehenden Postvertrag gekündigt und unterschieben ersterem die Absicht, den bisher durch Bayern gegangenen Posttransit nach Italien und der Levante auf die Gotthardbahn zu lenken. Dieser Grund ist offenbar falsch, der wahre Grund wird in den betreffenden Bestimmungen der Reichs⸗ verfassung liegen.
— Ein Rescript des baherischen Kriegsmini— steriums verfügt, daß über die bayerischen Sol⸗ daten, welche in Verlustlisten als„vermißt“ aufge- führt werden, an Ort und Stelle Erkundigung eingezogen werde. Zu diesem Zwecke werden orts- und sprachkundige Offiziere nach Frankreich entsendet.
Stuttgart. Zum 9. deutschen Juristentag hatten sich bis zum Abend des 27. d. 600 Theil⸗ nehmer eingefunden und wurde die Versammlung durch v. Sternenfels(Stuttgart) im Namen des Localcomites begrüßt. In der ersten Plenarsitzung am 28. d. wurde Gneist durch Acelamation zum Präsidenten gewählt. Justizminister Mittnacht über⸗ brachte der Versammlung die Grüße des Königs Karl. Bis zum 29. war die Zahl der Mitglieder des Juristentages bis auf 685 gestiegen.
Aus dem Elsaß wird der„Karlsr. Ztg.“ geschrieben: Die Agitation zur Herbeiführung ciner die Wünsche der Protestanten befriedigenden Kirchen-
verfassung und darauf zu begründender kirchlicher Zustände nimmt ihren stetigen Fortgang. Gegen- wärtig eirculirt eine Adresse an den Fürsten⸗ Reichskanzler, worin folgende Wünsche ausgesprochen werden: 1) daß das Dekret vom 26. März 1852, welches die Autonomie der Kirche durchaus be— schränkt, aufgehoben werde; 2) daß eine consti⸗ tuirende Landessynode zusammenberufen werde, um — auf Grund der organischen Artikel vom Jahr 1802 und mit Benutzung aller seitdem gesammel⸗ ten Erfahrungen— eine neue Kirchenverfassung vorzubereiten; 3) daß bis zu dem Zeitpunkt, wo eine neue Kirchenverfassung ins Leben treten wird, die bestehende Behörde ermächtigt werden möchte, ihre verfassungsmäßige Wirksamkeit vollständig und ohne Veränderung in ihrem Personale fortzusetzen.
Ausland.
Oesterteich. Wien. Ueber die zwischen den beiden Reichskanzlern in Gastein gepflogenen Berathungen bringt ein Wiener Blatt folgende Mittheilungen: Was Graf Beust, so schreibt das Wiener Blatt, in der Delegation, und zwar unter allgemeiner Zustimmung, erklärte, daß nämlich die Interessen Deutschlands und Oesterreich-Ungarns identisch seien, nachdem die Rivalität der Monarchen bezüglich der Hegemonie in Deutschland aufgehört, hat sich jetzt vollkommen erfüllt. Diese Erklärung des Grafen Beust machte am Berliner Hofe einen so guten Eindruck, daß Kaiser Wilhelm nun glaubte, es liege nichts vor, was ihn abhalten sollte, die seiner Gesundheit so förderliche Gasteiner Heil- quelle zu gebrauchen. Eine diesbezügliche Mitthei— lung nach Wien wurde mit einer warmen Ein— ladung beantwortet. Nachdem sich die Monarchen herzlich begrüßt, wünschte auch Fürst Bismarck; die Gasteiner Heilquelle für seinen kranken Körper zu suchen, und Graf Beust zeigte sich alsbald be— reit, seine Abreise von Gastein um einige Tage zu verschieben, um den Fürsten Bismarck zu sprechen. Hierbei kam es zu keinen bündigen Ver— trägen, sondern weit mehr als alle geschriebenen Dokumente gilt die aus den Besprechungen der beiden Staatsmänner hervortretende Erkenntniß, daß auf dem ganzen Gebiete der europäischen Politik auch nicht eine Frage bestehe, worin die Inte— ressen und die Auffassung der beiden Staaten nicht vollkommen zusammenträfen. Aber nicht bloß zwischen Oesterreich- Ungarn und Deutschland be— steht eine solche Uebereinstimmung, sondern auch das— Königreich Italien tritt vollständig in diese Gemeinsamkeit der Ansichten und Interessen, so daß für die betreffende Politik nicht bloß das sogenannte 70⸗Millionenreich, sondern ein Complex von 90 Millionen Seelen einsteht, womit sowohl die Durchführung dieser Ansichten und der Schutz dieser Interessen gegeben, als auch der eurrpäische Friede gesichert ist. Von einer Einmischung Deutsch⸗ lands in die inneren Angelegenheiten Oesterreich- Ungarns kann um so weniger die Rede sein, als diese Angelegenheiten auch nicht mit Einem Worte in den Besprechungen der Monarchen und ihrer Minister berührt wurden. Allerdings versteht es sich von selbst, daß Deutschland ein in sich ge— kräftigtes Oesterreich wünscht, da es in seinem eigensten Interesse liegen muß, daß der Staat, der in allen Fragen sein natürlicher Allüirter ist, auch eine große Kraft besitze, um die betreffenden Angelegenheiten kräftig vertreten zu können. Der zersetzende Föderalismus in Oesterreich kann darum so wenig von der Regierung Deutschlands ge— wünscht werden, als die österreichisch- ungarische Regierung darin ihr Heil zu erblicken vermag. Was die konfessionelle Frage betrifft, so hat doch die österreichisch ungarische Regierung mit der Aufhebung des Concordats längst in der Emanci- pation von Rom die Initiative ergriffen, die Re— gierung Deutschlands folgt jetzt in ihrem Kampfe gegen die Consequensen des Unfehlbarkeits-Dog⸗ inas dieser Richtung; es läßt sich also unmöglich sagen, Kaiser Wilhelm habe jetzt bestimmend auf Oesterreichs Kaiser gewirkt; daß aber Oesterreich seiner Initiative treu geblieben, beweist schon der Umstand, daß Italien als Verbündeter, oder viel- mehr übercinstimmend mit Deutschland und Oester—
reich erscheint.—
5. und 6. Sepiember in Salzburg statt.
— Die„Medizinische Wochenschrift“ schreibt: „Die vereinzelt vorkommenden Cholera⸗Erkran⸗ kungen in Wien und Umgegend geben noch durch⸗ aus keinen Anlaß zur Besorgniß einer etwa auf⸗ tretenden Epidemie. Alljährlich in dieser Jahres- zeit erscheinen solche sporadische Fälle, ohne daß sie auch nur zur Kenntniß des Publicums gelangen.“
Frankreich. Paris. Der von der repu⸗ blikanischen Linken in ihrer letzten Sitzung gefaßte Beschluß lautet(entgegen einer früheren Mit- theilung) dahin, es sei noch nicht an der Zeit, die Auflösung der Nationalversammlung zu bean⸗ tragen.
— Die Commiision zur Prüfung des An- trages Rivet ist zusammengetreten, um einige Schwierigkeiten in der Redaktion, welche noch zu erledigen sind, auszugleichen. Man hofft, daß eine vollständige Uebereinstimmung erzielt werden wird und Rivet am 28. d. seinen Bericht in der Commission niederlegen kann. Man glaubt all⸗ gemein, die Nationalversammlung werde trotz der Opposition der Rechten dem modifieirten Antrage Rivet's zustimmen. Man versichert, die Rechte würde versuchen, die Berathung des Antrags Ravinel vor der Berathung des Antrags Rivet auf die Tagesordnung zu setzen.
— Versailler Briefe constatiren die allgemeine Verwirrung unter den Parteien, welche alle mit dem Berichte Vitet's unzufrieden seien. Man ver⸗ sichebt, die republikanische Linke sei entschlossen, die Anträge des Berichtes zu verwerfen. Eine am 28. d. Abends stattgehabte, von ungefähr 250 Mit- gliedern besuchte Versammlung der verschiedenen Fractionen der Majorität berieth über einen An- trag, durch welchen Thiers die Präsidentschaft der Republik unter den in der Verfassung von 1848 festgesetzten Bedingungen verliehen würde. Es heißt, daß Thiers selbst sehr unzufrieden mit dem Berichte Vitet's sei. Lebhafte Unterhandlungen werden heute stattfinden. Man hofft eine Ver⸗ ständigung zu erzielen,
— Was die Sparcassen in Elsaß-Lothringen anbetrifft, so besteht die deutsche Regierung einfach auf der Herauszahlung der diesen Instituten ge— börigen Rententitel, welche sich noch im Besitze des französischen Gouvernements befinden. Es ist nicht vorauszusehen, daß über diesen Punct sich ernstliche Schwierigkeiten erheben werden.
Versailles, 28. August. Sitzung der Nationalversammlung. Vitet verliest den Com- missionsbericht über den Antrag auf Verlängerung der Vollmachten Thiers. Der Bericht spricht der Nationalversammlung das Recht, die constituirende Gewalt auszuüben, zu, als ein wesentliches Attri⸗ but ihrer Souveränetät. Der Antrag gibt dem Chef der Executivgewalt den Titel eines Präsiden⸗ ten der Republik, welcher fortfahren wird, unter der Autorität der Nationalversammlung seine Voll⸗ machten auszuüben. Der Präsident veröffentlicht die Gesetze und läßt dieselben vollstrecken; er kann nach vorhergegangener Anzeige den Sitzungen der Nationalversammlung beiwohnen. Der Präsident sowie die Minister sind verantwortlich. Der Justizminister Dufaure beantragt im Namen des Ministerraths, noch einen Paragraphen zu den in Betracht zu ziehenden hinzuzufügen, einen Para⸗ graphen, welcher die Dienste Thiers anerkennt und die Garantien darlegt, welche derselbe für die Sicherheit des Landes bietet. Die Versamm⸗ lung beschließt, die Berathung auf Mittwoch zu verschieben. Der Bericht sagt weiter, die Com- mission habe keine Dauer der Vollmachten fest⸗ setzen wollen, dieselben würden eben währen als die Nationalversammlung.
— 29. Aug.
— Die„N. Fr. Pr.“ schreibt: Nach eine.! an die Hofämter ergangenen officiellen Mittheilung findet die Zusammenkunft der beiden Kaiser am
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so laug
Die verschiedenen parlamen⸗
tarischen Fractionen hatten gestern Abend nach f
der Sitzung Zusammenkünfte. lebhafte Erregung. Die Rechte ist wenig erbaut vom Amendement Dufaure, man glaubt jedoch, daß sie es dennoch votiren werde. sehr unzufrieden über den Passus, in welchem sich
Es herrscht eine 3
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die Versammlung constituirende Gewalt beilegt.
Die Linke ist
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